Loading color scheme

Idyll

Morgen

Herrlich. Der Morgen, nachdem Markus Lanz sich mit brüchiger Stimme von seinen Zuschauern verabschiedet. Der Mangel an kontroversen Themen lässt die Quoten in den Keller sinken und bevor niemand mehr seine Sendung sehen mag bricht er lieber zu einer ausgedehnten Russlandreise auf. 

Ein angenehm frischer Julitag. Das Wohnzimmer zu einer Hauptverkehrsstraße hin geöffnet, dennoch ist nur ein leises Schnurren von den H-Mobilen zu hören und die Luft ist so rein wie das Gewissen eines Radprofis. Stünde nicht jedem seine eigene geriatrische Apokalypse bevor wäre das Leben makellos schön.   

In entlegenen Ecken der dank digitaler Vernetzung, globalen Lieferketten und weltweitem Transfer von Personen und Zoonosen geschrumpften Welt herrschen Hitze und Dürre. In Mitteleuropa dagegen gedeihen Pinienwälder und Cannabisplantagen im mediterranem Klima. Selbstgespräche führende Obdachlose können in Müllcontainer wühlen ohne dass ein Klappe zu Affe tot aufgrund eines Hitzschlags droht und auch ohne eine Ordnungswidrigkeit zu begehen. Kinder unter 12 Jahren müssen in Eisdielen nicht bezahlen. Italienisch avanciert zur deutsch-französischen Weltsprache. Wenn dennoch jeder einzelne Mensch vom Aussterben bedroht ist liegt dies daran, dass jeder der letzte seiner Art ist. Bis der Abschaffung der Personalpronomen zwecks Förderung des Gemeinsinns die Abschaffung von Verschiedenheit im Doppelsinn folgt werden noch einige Gletscher komplett abtauen.   

Die Beitrittsgespräche der Westukraine mit der EU machen Fortschritte. Das Ergebnis des Referendums im Dombass war eindeutig. Der Dombass gehört nun zu Russland. Der Gesundheitszustands Putins ist nach seinem Schlaganfall weiter ungewiss. Donald Trump sitzt in Haft. Joe Biden erhielt einen Zellaktivator. China ist aufgrund einer in den Reihen der Funktionäre grassierenden Gelbfieberepidemie mit sich selbst beschäftigt. Anscheinend erleiden nur Mitglieder des Politbüros eine Infektion mit schwerem Verlauf. Die Mediziner stehen vor einem Rätsel. Borat behauptet, kasachische Bioingenieure stecken hinter der Seuche. Diese Hypothese ist zwar nicht glaubwürdig, gleichwohl stoppen die Chinesen die Ausfuhr von Skorpionen nach Kasachstan, die dort als Delikatesse gelten. 

Um dem unstillbaren Bedürfnis der Medienkonsumenten nach gleichzeitig großspuriger und kleinkarierter Nörgelei zu entsprechen baut Netflix vorsätzlich dramaturgische Mängel und narrative Längen in die Serien ein. Für die ewig Gestrigen integriert man Erzählstränge, in denen nichts wichtiger ist als Familie. Sozusagen das Surrogat des Goldenen Blattes in den Frisiersalons des vergangenen Jahrhunderts.

Elon Musk fand - inspiriert von einer koreanischen Fernsehserie - Süßwasser im Inneren des Mondes. Damit füllte man Stau- und Binnenseen, auf denen zahlreiche Stand-up-Paddler zum Vergnügen der Spaziergänger an den Uferpromenaden Stand-up-comedies aufführen. Die Stimmung in der Bevölkerung ist überwiegend heiter bis high, dank üppigem Mindestlohn und selbstfahrenden Automobilen, die man auch sturzbetrunken nutzen darf. Alles ist ganz wunderbar, gleichwohl oder übel...

...hofft man, da man nur noch die Lebenserwartung eines Hundes hat, auf die NSA. Hofft, die NSA möge so viele personenbezogenen Daten über einen speichern, dass es einem Leben nah dem eigenen Tod gleichkommt, einer Sicherungskopie, die den Rand des Schwarzen Lochs am Ende der eigenen Existenz als Speicherfläche nutzt. Wie sonst der Ungerechtigkeit begegnen, dass es ein Leben nach dem Tod nur für die anderen gibt? 

Während sich junge Emporkömmlinge an den Segnungen des mitfühlenden Kapitalismus erfreuen fragt man sich, womit man die Wartezeit bis zur Agonie überbrückt. Wie wäre es mit dem Versuch, die eigenen Bücher besser zu verstehen? Dazu müsste man nur welche verfasst haben. Zumindest in Gedanken. Invece di questo vogliamo stare a casa, während draußen halbwüchsige Pärchen entgegen der Fahrtrichtung auf E-Scootern die Radwege entlanggleiten, arrogant wie vermählte Schwäne, und die Sonne, da sie keine andere Wahl hat, auf diese schöne, brandeinsneue Welt herabscheint. Man zieht die Rollläden herunter als präpariere man sich für einen Selbstmord und schaut tage- und nächtelang Serien, in denen Pandämonen,  Nuklearkrieger und Dürren biblischen Ausmaßes die Menschheit heimsuchen. Es erscheint einem ein logisches Unterfangen. Psychologische Prophylaxe, denn jeder erleidet seine eigene Apokalypse und ist der Letzte seiner Art.  

Vor die Tür wagt man sich kaum noch - aus Angst vor den Scooter- und Radfahrern, die den Bürgersteig als Rennstrecke nutzen, aus Furcht vor Wespen, die einem ins Auge stechen, aus Respekt vor dem Zorn von HHarley-Fahrern, die genötigt wurden lautlos ihre Bräute spazieren zu fahren. So viele neue Todesgefahren lauern in den leisen Städten. So viele Zumutungen. Die Rolltreppen sind entweder defekt oder okkupiert von rücksichtslosen Personen, die abwärts fahren. 

Allenthalben gute Nachrichten. Die Bekämpfung des Schnupfens steht vor einem Durchbruch. Ein Retrovirus namens Omikron beugt ihm wirkungsvoll vor und therapiert effektiv. Das COVID-Nasenspray duftet nach Lavendel und vertreibt als willkommener Nebeneffekt Lebensmittelmotten und Fruchtfliegen. Es leistet nichts gegen die Dreistigkeit von Menschen, die ohne Not Rolltreppen abwärts benutzen während eine Etage tiefer Gichtgeplagte darauf warten, dass es aufwärts geht. 

Das elektromagnetische Kraftfeld, das Europa von Afrika trennt sorgt für kontrollierte Flüchtlingsströme. Rechtsradikale Parteien trocknen aus wie die Flüsse in Osteuropa. Zugegeben, die Sommer sind ungewöhnlich heiß und die Alpengletscher sind verschwunden. Intelligente Baustoffe und Farben sorgen für optimale Lichtreflektion. Industrieparks, Einkaufzentren und Wohnsilos ersetzen das Eis, essen Ewigkeit am Ende ist.