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Das Jahr des Ochsen

 Ieri

 

"Sich die Hände in Unschuld waschen schützt nicht vor Ansteckung."

  

31.03.2021

Nicht mal auf das Virus ist Verlass. Es erlaubt sich den Spaß entgegen den düsteren Prognosen der Auguren zu agieren, jedenfalls heute. Die 7-Tage-Inzidenz ging leicht zurück, der R-Wert auch. Das könnte einen freuen, trägt jedoch eher zur Verunsicherung bei. Grade wappnete man sich doch für den unvermeidlichen lockdown, da lockt das Virus kurz vor Ostern mit stagnierender Inzidenz zu mehr Kontaktintensität. Ein vorweggenommener Aprilscherz? Man traut dem Braten nicht und fühlt sich wie Charly Braun, dem Lucy einen Ball hinhält. Zum allgemeinen Gefühl der Beklemmung trägt ein Sommertag im März bei, Vorgeschmack auf eine Hitzewelle die sich in Folge des von ihr erzeugten Wassermangels nicht gewaschen hat. Die pandemische Naturkatastrophe ereignet sich inmitten einer Naturkatastrophe. 

Laschet demonstriert bei Lanz seine größte Kunst: das Relati-Viren und Kleinreden. Die deutliche Kritik Angela Merkels an der gebremsten Notbremse in NRW reduziert er zu einer nichtigen Meinungsverschiedenheit und redet sie schön zum Symptom einer lebendigen Demokratie. Gegen Markus Söder stichelt er indem er unablässig wiederholt er verzichte auf Sticheleien. Diese Maulfaultierhafte Gemütlichkeit betäubt sogar die Hitzköpfe Boris Palme, Markus Lanz und Carola Holzner. Boris Palmes provokanteste Bemerkung an diesem Abend besteht in herablassendem Zweifel an der Unfehlbarkeit Karl Lauterbachs. 

Die Verwaltung des Bundestags schlägt Alarm. Bundestagsabgeordnete sind besonders coronagefährdet. Woran liegts? Der Spiegel weiß Antwort: `Immer mehr Abgeordnete verlieren ihre Immunität` (SPON, 31.03.2021). Zwar behauptet der Bericht der Bundestagsverwaltung treuherzig, man könne sich diese Entwicklung nicht erklären. Dabei legen Maskenaffäre Und Aserbaidschan-Faible eine Vermutung nahe: gegen kriminelle Energie hilft keine Impfung. 

Der Bayrische Gesundheitsminister Klaus Holetschek ist kein Österreicher, aber gleichwohl ein Schla-Wiener Würstchen. Er verfügt über die Chuzpe die Pressekonferenz der Landesregierung zum Themas Impfstoff für Astra/Zeneca für ein subtiles und hinterhältiges Impf-Phishing zu nutzen: Politiker sollten als Vorbild für die Bevölkerung fungieren und sich öffentlichkeitswirksam im Netanyahoo-Stil mit dm A/Z-Serum impfen lassen. Er trüge - im Gegensatz zu Frau Giffey oder Frau Schwesig - geschlechts- und altersbedingt ein geringes Thrombose-Risiko, zudem sind bayrische Politiker (mangels Durchblutung) nicht anfällig für Hirnblutungen, gleichwohl ist er mit seinen 56 Jahren noch nicht dran. Wenn denn Politiker sich bei Maybrit Illner von Herrn Hirschhausen fixen lassen kann man ja vorsichtshalber Biontech-Serum in Astra/Zeneca-Dosen abfüllen damit auch wirklich nichts passiert. Passend zu Holetscheks bestenfalls ungeschicktem Auftritt empfiehlt der Ministerpräsident, die Impfung als Mutprobe zu betrachten. Man sieht schon Werbeplakate an Alpenstraßen vor sich auf denen geschrieben steht: wer sich nicht stichelt ist feige. So wirbt auch die Zigarettenindustrie für ihr gefährliches Produkt. Wer nicht raucht ist ein Weich(oster)ei. 

 

30.03.2021

So verunsichert wie gerne behauptet wird ist die Bevölkerung nicht. Sie ist deutlich weniger verunsichert als diejenigen die qua Amt oder Selbsteinschätzung den Anspruch stellen zu regieren. Die Zahl derer, die härtere Maßnahmen befürworten steigt deutlich. Dahinter steckt nicht nur die plausible Befürchtung, dass ohne harten lockdown jetzt der harte und längere lockdown im Sommer folgt, sondern auch die begründete Angst in der Mehrheit der Bevölkerung, diesmal nicht nur von einer Infektion, sondern auch einer schweren Erkrankung betroffen zu sein. Es gibt besteht jedoch noch ein dritter Grund dafür einen harten lockdown zu fordern, der dann gefälligst für alle gelten soll. Wenn schon Zumutungen, dann sollen die nicht nur das Privat- und Freizeitleben der Menschen betreffen, wenn schon Schließungen, dann sollen nicht nur Einzelhandel, Gastronomie und Kulturbetriebe die Lasten tragen, sondern alle Betriebe, insbesondere die die sich an der Pandemie noch dümmer und dämlicher verdienen. In der Forderung nach einem harten lockdown verbirgt sich die Forderung nach einer gerechten Lastenverteilung. Den Restriktionen soll sich niemand entziehen, jeder soll seinen Beitrag in Form von Entsagung dafür leisten, dass der Spuk vor dem Sommer vielleicht nicht vorbei ist, aber etwas verblasst.  

Keiner weiß mehr was nun gilt. Spielt es es eine Rolle was gilt? Nicht was gilt zählt, sondern was zu tun ist.

Bei `Hart aber Fair` präsentierte sich nach Angela Merkel mit Norbert Röttgen der nächste CDU-Politiker, der meinte, es ginge darum dem Publikum den deutschen Politikbetrieb zu erklären und nicht um ein wirkungsvolles Vorgehen zur Vermeidung einer Katastrophe. So kann man auch Wahlkampf für die Grünen machen. Wie ein Zuschauer twitterte: `Politiker: Wir sollten mal...das Virus: dann wollen wir mal.` 

Ein Beitrag bei der ARD ("Abgeklatscht und abserviert - die vergessenen Corona-Helden") stellt die Abschlussfrage, ob nach der Krise die Leistungen der Menschen in den systemrelevanten wieder vergessen werden. Was für eine Frage! Die sind doch jetzt schon längst vergessen. 

Carsten Linnemann von der CDU behauptet zu wissen wofür sich die Menschen derzeit interessieren. Eine Behauptung die sofort Misstrauen und Argwohn weckt. 

Ziel des Krisenmanagements: Bilder wie in Bergamo vermeiden (notfalls durch Zensur...).

 

29.03.2021

Wenn Angela Merkel zur Prime Time in einem Talk Show-Format als soloselbständiger Gast auftritt um Stellung zu beziehen dann handelt es sich um einen Akt der politischen Notwehr. Indem sie die breite Öffentlichkeit in dieser Weise sucht reiht sie sich ein in die Schar der Unverstandenen, ungerecht Behandelten und Empörten, die in Talk Shows ihr Schicksal beklagen. Die Bundeserziehungsbeauftragte wendet sich direkt an die höchste Instanz unterhalb des Bundesverfassungsgerichtes - das Umfragemonster, das man den Souverän nennt - um sich über die föderale Rasselbande und die kleinen Strolche in den Landesregierungen zu beschweren, die fröhlich vor sich hin impfprovisieren. Das Parlament degradiert ihr medialer Alleingang zu Fernsehzuschauern, die zeitgleich mit der gesamten Bevölkerung über ihre Haltung und ihre Absichten informiert werden: direkte Mediendemokratie als Affront gegenüber den Institutionen der repräsentativen Demokratie und eine Brüskierung, die Christian Lindner sicher zu einem weiteren oberlehrerhaft-naseweisen Auftritt inspirieren wird. Angela Merkels Flucht nach vorne mag ein wenig dem Versuch gleichen, mit einem winzigen Bagger ein Container-Schiff im Suez-Kanal flott zu machen, doch trotz der prinzipiellen Ambivalenz ihres Vorgehens war das Interview insgesamt gelungen und auch inhaltlich aufschlussreich. Zudem war es wohltuend mitzuerleben, dass selbst eine Regierungschefin derzeit wie wir alle Mühe hat, gehört zu werden: sie wird mit ihrem zwar beherrschten, aber durch die Positionierung zur besten Sendezeit hinreichend dramatischen Auftritt bei der Bevölkerung Empathie(und Umfrage)punkte gesammelt haben - zumal ihre Situationseinschätzung und ihre Kritik am Vorgehen der Landesgraden nachvollziehbar, zutreffend und angemessen war. Wenn sich einige Ministerpräsidenten in ihrem Beharren auf Öffnungen auf derzeit `beherrschbare` Inzidenzwerte berufen, dann ignorieren sie sträflich den unverkennbaren exponentiellen Trend und agieren wie unverbesserliche Optimisten, die aus dem Obergeschoss eines Wolkenkratzers stürzen und nach den ersten Stockwerken denken: Ist doch noch gar nichts passiert, oder nach einem gewaltigen Seebeben am Meeresufer stehen, auf das sich zurückziehende Wasser blicken und deklamieren: Tsunami? Ich sehe keinen Tsunami. Auch die Ankündigung entgegen der Interessenlage in der eigenen Fraktion von der freiwilligen Selbstverpflichtung der Arbeitgeber zu Homeoffice und Tests abzurücken war überfällig. Nicht alle, aber hinreichend viele Unternehmen werden versuchen, Aufwand und Kosten, die mit Schutzmaßnahmen verbunden sind aufzuschieben, bis die Belegschaften geimpft sind. Dazu kommt die Tendenz der Landesregierungen, Tests nicht als Mittel der Senkung von Infektionsraten zu verwenden, sondern als Eintrittskarten für Geschäfte, was angesichts der Gefahrenlage geradezu absurd blauäugig ist. Man wird wohl noch im Laufe dieser Woche sehen, ob Angela Merkels Solo bei Will genügt, damit diejenigen in den Ländern umschwenken, die Macht genug haben, um Vernunft durch Wunschdenken zu ersetzen und entsprechend vorgehen. Immerhin: das Schiff im Suez-Kanal hat sich freigeschwommen. 

Unbeliebteste Frisur des Jahres: die Dauerwelle. 

Was bleibt einem übrig als zu lustwandeln? Die Reize der zu Grünanlagen umfunktionierten Industriebrachen zu entdecken. Beizuwohnen wie von zu Naturschutzgebieten avancierten ehemaligen Müllhalden aus Gänse die Weltherrschaft ergreifen. Sich betören zu lassen von Plastikplanen, die in kahlen Baumwipfeln flattern wie die Haut von Seepferdchen oder die Fallschirme abgeschossener Soldaten. Im Vorübergehen den Dialogen von Nachbarn beim Autowaschen zu lauschen, die sich über die Qualität von Fahrradstrecken in Waldgebieten austauschen, die sie neulich erst ganz in der Nähe entdeckt haben. Auch halluzinieren sorgt für Abwechslung. An Haustüren wird man Schildern war, auf denen eine traurige Familie abgebildet ist. Darunter steht geschrieben: Wir müssen leider draußen bleiben. Das Gebot der Stunde wäre keine Ausgangs- sondern eine Eingangssperre. 

 

28.03.2021

"Dafür dass Dir 5 Tage pro Woche fehlen bist Du erstaunlich desinteressiert an der Rekonstruktion Deiner allwöchentlichen Vergangenheit. Auch die Umgebung außerhalb der Wohnung in der Du dich aufhältst würdigst Du kaum eines Blickes. Nicht nur, weil es Dir absurd erscheint zu Frühlingsbeginn den Holmenkollen zu besuchen und Dich dafür mit mit einer Sonnencreme einzureiben, die den Schutzfaktor von Erdöl hat. Ein wenig neugierig wärst Du lediglich auf das unterirdische Skispringen, aber das kannst Du auch im Fernsehen verfolgen. Es ist nicht so, dass Du ausgesprochen gerne alleine in dieser Bude herum hockst, die Dir vertraut ist ohne dass sich die Erinnerungen an das Leben, dass Du hier geführt haben sollst, echt anfühlen - aber Du weißt wo alles ist und bewegst Dich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Wohnung auch wenn es dunkel ist. Die Selbstisolation beruht auf einer mangelnden Akzeptanz der Realität. Du kannst Dir nicht vorstellen, dass Du in Norwegen lebst und gelebt hast. Diese Wohnung indes könnte sich irgendwo befinden - zum Beispiel in Stockholm oder in...Bochum (...wie kommst Du ausgerechnet auf Bochum?). Die Zeit vertreibst Du Dir mit der Lektüre von `Welt ohne Kontakt`. Du liest es wieder und wieder, obwohl Du es mittlerweile auswendig kennst, so als sei in diesem Buch das Tor zu der Welt verborgen aus der Du wirklich kommst. Dabei handelt es sich mitnichten um eine Welt, die dir besonders lebenswelt erscheint. Eine jahrzehntelange Pandemie rafft 2 Prozent der Weltbevölkerung dahin. Die Impfstoffe haben verheerende Nebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten.  Milliarden Menschen leiden an Encephalitis Lethargica, am Fatigue-Syndrom, am Lesch-Nyhan-Syndrom oder sogar an kombinierten Syndromen. Nicht viel besser geht es vielen Überlebenden der akuten Krankheit, die ohne noch infiziert zu sein lebenslang die Krankheitssymptome nicht mehr loswerden. Selbstmordraten steigen ins Unermessliche, wer noch Elan genug hat neigt zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, eine Entwicklung, die von den Sozialpsychologen das hübsche Wort `Pandämonisierung` verpasst bekommt. Der Rest der Welt leidet unter einer hartnäckigen Kontaktphobie, die zu einer allgemeinen Verwahrlosung durch den Niedergang körpernaher Dienstleistungen führt. Der Mangel an Klinik- und Pflegepersonal führt zu dramatisch sinkenden Lebenserwartungen. In den Städten kommt es zu blutigen Aufständen des Prekariats, das zusammengepfercht in engen Wohnungen wahnsinnig wir vor Angst und Klaustrophobie. Demokratien verhängen den unbefristeten Notstand und sind von Diktaturen nur durch manipulierte Wahlen zu unterscheiden, die abgehalten werden um scheinheilig die Form zu wahren. In Afrika tobt ein erbitterter Krieg zwischen Moslems und der chinesischen Volksarmee. Die USA privatisiert das Weiße Haus und wird von Elon Musk regiert. Dein Psychotherapeut zuckt mit den Achseln: `Mag ja sein. Aber immerhin ist die Seuche Initialzündung für soziale und technologischer Umbrüche, die dringend erforderlich waren. Innenstädte werden zu Grünanlagen. Hotelketten werden umfunktioniert zu Insektenhotels und gewaltigen Bienenstöcken. Die Wirtschaft wird dekarbonisiert, statt Auspuffgasen produzieren die Motoren Wasserdampf.` `Schon`, entgegnest Du`, aber davon profitiert nur ein relativ kleiner Teil der Weltbevölkerung. Hier schützt die hohe Radioaktivität immerhin die gesamte Weltbevölkerung vor Virusinfektionen. Die Sonne scheint eben für alle.` Der Psycho blickt mich an mit einer Mixtur von Ekel und Zorn. `Ja...und die zahlreichen ästhetischen Hautkrankheiten machen das Zusammenleben viel bunter...Das wars für heute. Wir sehen uns nächsten Montag.` Montag? Wovon redet der Mann?"  

 

27.03.2021

Das Bundesverfassungsgericht stoppt die Ratifizierung der EU-Corona-Vorhaben. Das Saarland erklärt sich qua Hans im Glück zum Corona-Modelland und beschließt entgegen den Absprachen des MPK Öffnungen nach Ostern. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Es handelt sich um zwei Beispiele für den tragikomischen Trend von Macht, sich unter billigender Inkaufnahme katastrophaler Konsequenzen (für andere...) über bessere Argumente hinwegzusetzen. Der Ministerpräsident des Saarland gibt den Startschuss für einen verhängnisvollen Wettbewerb der Länder um Öffnungen trotz exponentiellem Wachstum von Inzidenz und R-Wert einer ungleich gefährlicheren und ansteckenderen Infektion, das EU-Hilfspaket, das europaweit ökonomische und soziale Folgen der Pandemie abmildern soll wir ausgerechnet durch den Afd-Gründer Bernd Lucke ausgebremst, dessen Klage das Bundesverfassungsgericht dazu veranlasste, die Ratifizierung zu stoppen. Zwei Querlenker werfen lustig der Bekämpfung von Corona und den Folgen Stolpersteine in den Weg - Hans im Glück guckt gespannt auf Monitore und schaut neugierig wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Herrlich: spannend wie ein endloser Wahlabend. Bernd Lucke ist es gelungen, die größte Naturkatastrophe der europäischen Geschichte zu nutzen, um die Handlungsfähigkeit der EU bei der Krisenbewältigung zu schwächen - zu Lasten vieler Millionen Menschen, die dringend auf Hilfe warten. Gratuliere.

Ausgedient hat gemäß einer Gesetzesänderung der Inzidenzwert als alleiniger Maßstab für die Vorgehensweise bei der Pandemiebekämpfung. So sinnvoll es auf den ersten Blick scheint weitere Faktoren (wie z.B. den R-Wert) mit einzubeziehen riecht der Beschluss von Bundestag und Bundesrat nach Wunschdenken. Passen einem die Richtwerte für die Risikobewertung nicht mehr, verändert und erweitert man die Richtwerte - so kann man sich legaslativ die Welt schöner regeln. Das also ist die neue deutsche Flexibilität: bekommt man ein Risiko nicht in den Griff, verändert man einfach die Richtwerte. Dass einen Tag, nachdem Angela Merkel ihr Haupt senkte, Jens Spahn und Lothar Wieler eilends eine Pressekonferenz einberaumten, um ein Hieronymus-Bosch-Szenario der kurzfristigen Entwicklung an die Wand zu malen sollte ein Signal für die Ernsthaftigkeit der Lage und ein  dringender Appell für eine Rückkehr (mindestens) zum Vorgehen im letzten Frühjahr sein. Anscheinend jedoch stehen mittlerweile trotz der warnenden Beispiele Tschechien, Portugal, Irland, Großbritannien etc. die Mahner und Warner grade wegen des Ausmaßes des drohenden Infektionsexzesses auf verlorenem Posten. Dass nahezu umgehend nicht etwa mit einem dringend eingeforderten harten lockdown reagiert wird, sondern postwendend die Interpretation- und Handlungsspielräume für Länder und Kommunen erweitert werden spricht dafür, dass man sehenden Auges, aber mit frühlingshaft bekifftem Blick stramm auf ein Massensterben und 4-stellige-Inzidenz zugeht. Da mögen die Modellierer sagen was sie wollen. Dirk Brockmann, bei Zeit-Online gefragt wie er selbst im Alltag mit der Bedrohung durch Corona umgehe antwortet: `Ich bin einfach immer nur müde. Und ich bin frustriert als Wissenschaftler.` (Zeit-Online, 25.03.2021, Interview mit Theresa Palm).

Wie ernst es um uns steht zeigt, dass Karl Lauterbach eilends noch beim Friseur war. Allerdings irrte er was die Bereitschaft betraf seine Argumenten zu folgen. Frisiersalons und andere körpernahe Dienstleistungen dürfen unabhängig von der Inzidenz weiter angeboten werden. Es wird weiter reger Verkehr auf den Straßen herrschen, die Argumente der Arbeitgeber gegen eine Test- und Maskenpflicht in Büros werden weiter mehr Gewicht haben als die Einwände der Wissenschaftler und Intensivmediziner, Ergo Online wird weiter fröhlich für den Abschluss von Sterbeversicherungen werben und die Länder werden weiter die Einhaltung der Präsenzpflicht in Schulen einfordern. Der überwiegend vorsichtigen Bevölkerung wird es damit unmöglich gemacht, sich in den Bereichen mit den höchsten Infektionsrisiken (Schuklen, Kitas und Betriebe) wirkungsvoll zu schützen. 

 

26.03.2021

Das ist mal wahre Kunst: In Kopenhagen starb ein Künstler tragikomisch bei Reparaturarbeiten im Inneren seiner eigenen Stahlskulptur. Wenn das nicht eindrucksvoll demonstriert, was ein harter lockdown anrichtet. Demnächst ist die Skulptur angeblich in den `Körperwelten` zu besichtigen.

Nimmt das Misstrauen in den Staat zu, muss Staatsphilosoph Richard David Precht dem Deutschen Publikum erklären in welchem Verhältnis man zum Staat stehen soll. Das Forum bietet ihm Markus Lanz in seiner großen nächtlichen Werbekampagne für die Bücher seiner Gäste (`tolles Buch`). Der Regierung attestiert er, im Bemühen es allen Recht zu machen müssen der Staat und seine Handelsvertreter angesichts unauflöslicher Interessenkonflikte zwangsläufig scheitern. Michael Müller, dem großen Berliner Erklärer exekutiver Spagate, die er gestern bei Maybrit Illner beschrieb, würde von einer schwierigen Gratwanderung sprechen und damit ein schiefes Bild zeichnen. Das Bild der Gratwanderung würde zutreffen gäbe es einen schwierigen, schwindelerregenden und gefährlichen, aber gangbaren und zielführenden Weg, auf dem man einem Seiltänzer vergleichbar vorankomme. Tatsächlich wandelt die Regierung zwischen verschiedenen Graten (Interessen) und vollzieht mit dem Taumeln zwischen Schleudersitzen eine comicartige Luftnummer. Dies sei, in den Worten Prechts, jedoch nicht Staats-, sondern Bürgerversagen -  für die zu berücksichtigenden Interessenkonflikte sei nämlich die Vollkaskomentalität der Bürger zum Staat verantwortlich, die von der begrüßenswerten Zunahme von Rechten und Freiheiten in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Nachkriegsstaates profitieren, dabei aber zunehmend außer Acht lassen, dass Staatsbürgerschaft nicht nur Freiheiten garantiert, sondern auch mit Pflichten verbunden sei. Statt dessen verstehen sich Bürger zunehmend als Kunden des Dienstleistungsunternehmens Staat, der seinerseits aufgrund des notorischen Buhlens seiner Vertreter um die Wählergunst diese Haltung lange befördert habe. Als in der Tat drolliges Beispiel dafür, wie der Staat höchstselbst den Gemeinschaftssinn und die gesellschaftliche Verantwortung des Bürgers erodiert führt Precht Webekampagnen von Staatsunternehmen wie der Deutschen Bahn an, die den Bürger als selbstsüchtigen Hedonisten adressiere, der an seinen Vorteil denken soll. Dass der Staat nicht Gemeinsinn, sondern Cleverness, Chuzpe und gesunde Ellbogenmentalität fördere zeige sich auch daran, dass er den Schwächsten die er schützen will (den Ältesten) in Sachen Impfung ausgerechnet Testcenter und Onlinebuchungen zumute. Für Precht ist die Rücksichtnahme der Regierung auf die verwöhntesten Bürger offenbar Kern des Problems, denn grade die antiautoritäre Wattebäuschchenmentalität, die Autorität behaupte aber die Einhaltung von Regeln nicht entschieden einfordere, infantilisiere die Bürger und entmündige sie durch Reduzierung auf den Status verwöhnter Kinder ohne Gemeinsinn, deren Plärren man sich jedoch dennoch beuge, weil man das kakophone Plärren nicht mehr ertrage - ein verbrämtes Plädoyer für einen harten und restriktiv durchgesetzten lockdown. Karl Lauterbach, verkleidet als konservativer Dandy-Philosoph. In dieser Interpretation der wohlstandsbedingten Dekadenz im Verhältnis von Bürger und Staat handelt es sich bei der Verweichlichung des Staates und dem Narzissmus der Bürger, mit dem auf Dauer kein Staat zu machen sei, lediglich um Fehlentwicklungen, nicht etwa um strukturelle, das Verhältnis von Staatsmacht, Kapitalinteressen und Gesellschaft konstituierende Faktoren, die grundlegend für die Toleranz und Duldung des Mehrheitsprinzips in vielen Staaten der Welt sind. Solange soziale Ungerechtigkeiten und Unwuchten kein mehrheitsfähiges Thema sind und politische Mehrheiten sich bequem durch die Aufsummierung berücksichtigter Partikularinteressen organisieren lassen ist in der Kooperation von Marktwirtschaft, Staat und Ichbezogenheit alles in Butter - wenn Precht beobachtet, dass die Querdenker-Demonstrationen eben grade nicht von Menschen getragen werden, die auf Intensivstationen und in Ehrenämtern Gemeinsinn zeigen und gesellschaftliche Verantwortung tragen und deren Mentalität als nicht repräsentativ für die Mehrheitshaltung in der Gesellschaft ansieht, dann trifft die Beobachtung zu, aber die Schlussfolgerung ist zweifelhaft. Querdenker und Mehrheiten unterscheiden sich nicht in ihren Interessen, sondern lediglich im Kalkül: während die Querdenker blauäugig objektive Gefahrenlagen leugnen und ihre Freiheiten zum Nulltarif unter Berücksichtigung ihrer Impfphobie zurückfordern, will die Mehrheit auf dem Weg der Pandemieüberwindung zurück zum Shoppen und unbeschwertem Urlaub finden. Mit Gemeinsinn hat das eine so wenig zu tun wie das andere.  

 

25.03.2021 

Einige Wörter die mit Ä beginnen: Ärgernis, Ärotik, Ärgebnis, Ärport, ÄstraZänäca, Ämpfung. Rämelows äääää stäht für `noch ärger`. 

ÄÄÄngela MÄÄÄrkel wäre durchaus bereit gewesen, Probleme bei der Aufrechterhaltung der Produktions- und Lieferketten für Babynahrung in Kauf genommen, die laut Achim Läschet die Ruhefestspiele zu Ostern mit sich gebracht hätten. Die plötzliche Kehrtwendung liegt am plombierten Suezkanal, der die weltweiten Lieferketten noch zusätzlich stört. Die Osterkrise ist also in Wirklichkeit eine Suezkrise, erzeugt durch einen Frachter, der quer im Geburtskanal des internationalen Warenhandfels liegt. Angeblich will man Angela Merkel mit der Beseitigung der Verstopfung beauftragen, da sie grade gezeigt hat wie man eine Halse auf engstem Raum hinkriegt. 

Wer ist Stella Kyriakides? a) Ein Stern im Sternbild des Orion  b) eine Mineralwassermarke c) eine Orchidee d) die EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Wenn das Beste, was das Krisenmanagement zu Stande bringt die Entschuldigung einer Regierungschefin ist für einen Fehler ist, dann Gute Nacht. Wird es schon als Erfolg verzeichnet, Maßnahmen zurück zu nehmen, die die Misere noch verschlimmert hätten, dann bietet sich an statt einer Null-Covid-Strategie - frei nach dem Motto: Politiker! Finger weg von Entscheidungen! - mal eine No-Government-Strategie auszuprobieren. Man könnte auch (wie bei einem legendären Experiment mit an der Börse spekulierenden Affen) Schimpansen im Zoo damit beschäftigen, die Entscheidungen für die Ministerpräsidentenkonferenz treffen. Wie im Falle der Affen an der Börse wären die Entscheidungen der Schimpansen mutmaßlich weniger desaströs als diejenigen der exekutiven Vergleichsgruppe, die auf Gipfeln der Ratlosigkeit getroffen werden.

Konsequenz der allgemeinen Fassungslosigkeit ist die zunehmende Zurückhaltung der einschlägigen virologischen und epidemiologischen Kultfiguren bei Maischberger, Illner, Lanz und Co. Sie verzichten auf Einschätzungen und Appelle und beschränken sich (so wie gestern Viola Priesemann bei Sandra Maischberger und Karl Lauterbach bei Markus Lanz) auf die nüchterne und ernüchternde Präsentation von zahlenbasierten Prognosen. Offenbar haben sie die Hoffnung und Zuversicht verloren, etwas zu bewirken wenn sie ihre Annahmen mit Handlungsempfehlungen versehen oder befürchten gar, mit dem Aussprechen von Handlungsempfehlungen das exakte Gegenteil zu erreichen. Es herrscht die nüchterne Stimmung der Piraten bei Asterix, die bei Gewahrwerden eines Bootes mit Galliern am Horizont beschließen ihr Schiff selbst zu versenken. Kehraus der Wissenschaftler, der Untergang der Titanic als Strategie.

Legt sich das Pathos des Respektes bleibt der Blick auf eine sich auftürmende Welle, der man nichts entgegenzusetzen hat - wie in der Schlussszene des Films `Die letzte Flut` von Peter Weir(us) (nur dass es wohl nicht die letzte Flut bleiben wird). Was bleibt ist nicht Groll bei der Bevölkerung, wie Sascha Lobo meinte, sondern nur noch Unbehagen das parallel zur Infektionswelle wächst. 

 

24.03.2021

Putzig sind wissenschaftliche Untersuchungen, die zu Tage fördern, was längst offensichtlich ist (Honig schmeckt für die überwältigende Mehrheit von Probanden süß, oder - wie es in einem Handbuch der Bundeswehr heißt - bei Anbruch der Dämmerung hat der Soldat mit Dunkelheit zu rechnen). Der Erker I hat festgestellt, dass das Infektionsgeschehen sich von Hotspots weg entwickelt hat und mittlerweile diffus ist. Dieses überraschende Phänomen der zunehmend gleichmäßigen Verteilung ist unter Physikern wohlbekannt und nennt sich Entropie. 

Auch das Beschlussvakuum das Corona-Kabinetts entspricht einen wohlbekannten physikalischen Phänomen: der destruktiven Interferenz. Dieses Phänomen bezeichnet die gegenseitige Auslöschung von Wellen, die sich überlagern. Treffen sich 16 Ministerpräsidenten, so erzeugt deren Überlagerung eine Nulllinie. Resultat sind folgerichtig `Ruhetage`, schon begrifflich Entsprechung eines Totstellreflexes der Entscheider.

Wenn schon nicht so geplant uns beabsichtigt, so bietet das exekutive Niemandsland bis Gründonnerstag der Gesellschaft einen gewissen Spielraum. Die Notwendigkeiten der Abstandswahrung und Kontaktvermeidung sind bekannt, ebenso wie eine veränderte und bedrohlichere Gefahrenlage. Bis Gründonnerstag gar nichts zu unternehmen und auch fürderhin weitgehend weiter auf Appelle zu setzen folgt erneut dem Prinzip Hoffnung - es entwickele sich aufgrund von Verhaltensanpassungen in allen gesellschaftlichen Bereichen vielleicht nicht so schlimm wie in den Modellrechnungen der Epidemiologen. Es interferien, äääää (Zitat Haseloff/Ramelow) interferieren jaPriese nicht nur die BETA-Wellen der MPs, sondern auch deren Auslenkungen: den Öffnern stehen die Schließer gegenüber, den Befürwortern restriktiver Maßnahmen stehen diejenigen gegenüber, die vor allem auf Eigenverantwortung der Menschen setzen. Dabei schwanken auch die Haltungen der handelnden Personen im Einzelnen zwischen den Polen dieses Spektrums hin und her - so kommen denn Beschlüsse dabei heraus, die sich zwischen dem `schwedischen Weg` und dem `autoritären Weg` weder entscheiden können noch wollen. Folge sind dringende Appelle, die man befolgen kann oder nicht. Diese Kombination von Beliebigkeit und apokalyptischer Botschaft verrät Ohnmacht, die krampfhaft weiter ihren Machtanspruch erhebt. 

Eine Pandemielage wie eine erratische elektrische Gleittür zwischen Zugwaggons: Aufzuaufzuaufzu...

Auf Fragen zur Weltlage antworten die MPs mit der Listung der Erfolge in ihren Bundesländern. Notizen aus der Provinz als Globuli der Pandemiebekämpfung. Der Weltuntergang als erfolgreiche Bekämpfung des Klimawandels avanciert zur realen Perspektive.  

Der Bundesinnenminister beschwert sich vor allem über den Appell Gottesdienste auf das Abhalten von Gottesdiensten an Ostern zu verzichten. Bei dieser Prioritätensetzung ist es nicht verwunderlich, wie robust die Ignoranz der Empfehlungen aus Kreisen der Wissenschaft ist.

Lanz gestern: Streeck lass nach...

Was sind zurückgenommen Ruhetage? Nachträglicher Karneval? 

 

23.03.2021

Was immer man `restriktiven nicht-pharmazeutischen Interventionen` hält: das, was heute Nacht von Frau Merkel verkündet wurde, soll ein lockdown sein`? Hart wie ein Q-Tipp. Der Verfasser freut sich diebisch für diese MPK nicht wachgeblieben zu sein. 

Hellhörig macht einen das lärmende Schweigen Karl Virals. Es ist schon fast 8 Uhr morgens und Karl Lagerfeld hat seinen Zinken noch in keine Kamera gehalten. Stille als Ausdruck von Entsetzen und Sprachlosigkeit ob der Beschlusslosigkeit, der sich Beschluss nennt. Der Gipfel als nächste Talsohle. Man könnte meinen das Krisenmanagement werde von Schalke 04 betrieben.

Dann war da noch `Hart aber fair` und die infantile Gerechtigkeitsdebatte über Mallorca. Was soll da ungerecht sein? Es steht jedem frei nach Mallorca zu fliegen - außer den Spaniern. Umgekehrt trifft das innerdeutsche Reiseverbot jeden - zu Recht. Während man nach Mallorca nur auf dem Flugweg gelangt - registriert und getestet, so dass etwaige Infektionsketten nachzuvollziehen sind - könnte man innerhalb Deutschlands kreuz und quer durch die Gegend cruisen - ohne Test und ohne nachvollziehbare Infektionsketten. Merkwürdig genug, dass niemand dem Publikum erklärt, dass der innerdeutsche Reiseverkehr schlicht und ergreifend deutlich riskanter weil unüberschaubarer ist als Mallorca-Pauschalurlaub. Die `Gerechtigkeitsdebatte` wird vor allem von der Reisebranche und den Besitzern von Zweitwohnsitzen im Grünen geführt. Ein Entzug von Privilegien ist kein schreiendes Unrecht, auch wenn man noch so laut plärrt. 

Das Fazit: man will eine Welle mit ein Staudamm aus Sand aufhalten, der dann noch an den falschen Stellen errichtet wird. Letzteres ist logisch, wenn man lediglich will dass der Damm hält.  

Ein Scherzkeks brachte den Untertitel `Gesichter der Pandemie` in einem Beitrag des ZDF unter. Man denkt sofort an `Gesichter des Todes`. 

 

22.03.2021

Heute. Ein entscheidender Tag. Wie immer. Entscheidungen sind kein Drama. Wirst wach in einem Alptraum, geträumt in dem Leben, das Du wirklich lebst. Wiederholung des Weltspiegels vom Vortag. Unbeteiligt und verspätet lebst Du Dein indirektes Leben, das Dich kaum noch interessiert als seist Du eine Figur in einer langweiligen Schwarte, die aber das einzige Buch ist, das Du in der Isolationshaft zu lesen bekommst.  

 

21.03.2021

"Kälteeinbruch zum Frühlingsbeginn. Als ich vom kläglichen Maunzen der Katzen wach werde schlottere ich vor Kälte. In das Bettlaken gehüllt stolpere ich wie ein tölpelhaftes Halloween-Gespenst durch die Wohnküche, öffne die Läden und reiße die Flügeltüren auf. Ein Schwall aus eisiger Luft und zitterndem Fell kommt mir entgegen mit der Wucht eines Luftzugs von einem ICE, der an einem Vorortbahnhof Durchfahrt hat. Der Strand und die Berggipfel sind schneebedeckt. Die Kälte schmerzt an meinen Zähnen. Ein Geschmack von Bohrern und Pinzetten liegt mir auf der Zunge. Der Wetterbericht spricht von einer Kältewelle, die von Norwegen bis nach Nordafrika rollt. Nachts fielen die Temperaturen auf unter 15 Grad minus, ein beunruhigender Rekord für diese Region. Gedankenlos starre ich auf das noch makellose Weiß, ich beeile mich, die Erste zu sein, die - abgesehen von den Möwen - Spuren im Schnee hinterlässt. Während Frost in der Luft liegt ist das Wasser für diese Jahreszeit viel zu warm. Von der Wasseroberfläche steigt Dampf auf als sei das ganze Meer eine einzige heiße Quelle. Ich streife meine Kleidung ab wie eine zu schwere Haut und gleite zwischen verbrühten Fischen ins Wasser. Auf dem Rücken treibend blicke ich auf schneebedeckte Gipfel. Tatsächlich tue ich nichts von alledem. Schließe achselzuckend die Flügeltüren, koche Kaffee, rauche ein paar Zigaretten und sehe den Katzen zu, die den Müllbeutel zerreißen und sich um Hähnchenknochen zanken. Das Leben der Anderen interessiert mich mehr als das eigene, in diesem Fell das Leben der Pelztiere. Ich checke die Nachrichten. Die Wetterphänomene - inklusive Nordlichtern im Süden - könnte mit einer rätselhaften Serie unterirdischer Vulkanausbrüche vor der japanischen Küste zusammenhängen. Seltsamerweise blieben Tsunamis aus, was die Wissenschaftler erst recht nervös macht, denn Tsunamis wären zu erwarten gewesen. Grade das Ausbleiben der Katastrophe wird als bedrohlich empfunden, als Ruhe vor dem Sturm. Wie beim Schach: die Drohung ist stärker als die Ausführung. Bis das Ende der Welt kommt werde ich die Katzen streicheln."   

" `Sie werden es mir natürlich nicht glauben´. Dein Psychologe verdreht amüsiert und ein wenig resigniert die Augen deckenwärts. Aber laut Kalender ist es Mittwoch. Nicht Samstag. Nicht Sonntag. Nicht einmal Freitag Abend.` Du erinnerst Dich an seine Worte. Er mag recht gehabt haben. Aber Du erinnerst Dich jetzt. Jetzt ist es Sonntag. Er hat Dich auch gefragt, ob Du mal in eins von den Büchern `- wie er es ausdrückte - `reingeschnuppert` hast die in Deinem Namen verfasst wurden. Reingeschnuppert. Ein anrüchiger Begriff. Tatsächlich hast Du mit einem Gefühl des Widerwillens und der Neugier eins aus dem Regal genommen und es aufgeschlagen. `Der Untergang von Atlantis`. Es beginnt mit den Worten: `Das einzige reale Ereignis, das je stattgefunden hat, war der Untergang von Atlantis.` Dann hast Du es verärgert wieder zugeklappt. Trotzig dachtest Du: das einzige reale Ereignis ist der Untergang der Titanic, das war schon Enzensberger klar. Wieso dieser Groll, ausgelöst durch einen ersten Satz? Weil Du es hirnrissig findest wenn ein Buch mit einem Satz anfängt nachdem nichts mehr kommen kann. Unser Leben ist eine Abfolge untergegangener Welten von Tag zu Tag. Nanosekunde für Nanosekunde verschlucken eisige Tiefen unsere Welt. Tag für Tag suchen wir untergegangene Welten. Genau das ist unser Untergang. Wusste Proust. Wusste Dali. Wusste Donovan. Während wir nach der versunkenen Welt suchen geht das Leben in Atlantis seinen gewohnten Gang. Ein bisschen Klimawandel, ein paar Handelskriege, Flüchtlingskriege und Bestechungsskandale in den Regierungen. Eine friedliche Welt ohne nennenswerte Erschütterungen, um die herum alle anderen Welten von Katastrophen heimgesucht versinken. Pandemien, Hitzewellen,  Fjorde verwandeln sich in Trockendocks. Dem Psychologen entgegengeschleuderte Erwiderung: `Was spielt es für eine Rolle, dass es in ihrer Welt Mittwoch ist?` Darauf entgegnet er nichts, außer: `Schauen Sie mal rein in ihre Bücher. Könnte Ihnen helfen sich wiederzufinden.` Danke für die Warnung."   

Warnung: Schützen Sie sich vor Infektion. Verlassen Sie Deutschland. Machen Sie sich davon in Gebiete mit einer niedrigen Inzidenz. Auf nach Malle.

Es sei ungerecht wenn man nach Mallorca reisen dürfe, während innerhalb Deutschlands touristisches Reisen verboten sei. Das ist nicht ungerecht, sondern folgerichtig. Reisen sollten nur in Gebiete mit geringem Infektionsrisiko möglich sein, völlig unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit des Zielortes. Eigentlich sollten sie sogar nur zwischen Gebieten mit geringem Infektionsrisiko möglich sein. Achse Meck-Pomm/Las Palmas. Wer sich über Ungerechtigkeit empören will der empöre sich darüber, das Spanier nicht nach Mallorca reisen dürfen, die Teutonen schon - obwohl sie aus Seuchenpfuhlen anreisen.  

Bei Anke Will tritt eine Journalistin auf, die aussieht wie Paolo Maldini. Aber obwohl heterosexuell finde ich sie nicht so hübsch wie Paolo Maldini. Restlos verwirrt verkrieche ich mich ins Bett. 

 

20.03.2021

"This is the end. Weekend. Wenn das nun Dein Leben ist dann schmeckt es Dir nicht, denn es schmeckt unablässig nach gezogenen Weisheitszähnen. Gegen die hohe Strahlenbelastung bringen Regierungen Jod in allen Varianten in Anschlag. In Form von Arerosolen, als Salz in den eingebrockten Suppen, selbst Tabak wird Jod beigemischt und die Alkis lassen sich volllaufen mit Jod S11-Körnchen. Auch wenn angeblich Jod längst geschmacksneutral verabreicht wird kann es jeder in der Luft schmecken. Die Allgegenwart von Jod bringt die Menschen auf üblen Geschmack unabhängig davon ob es beigemischt ist oder nicht. Du wirst wach von Zahnbehandlungsangst, obwohl an Wochenenden die Praxen geschlossen sind und Du Dich nicht über Zahnschmerzen beklagen kannst, jedenfalls nicht glaubhaft. Du hättest Grund genug, Dich mit allen möglichen Fragen zu beschäftigen - wieso bist Du in Oslo, warum verstehst Du norwegisch, warum erlebst Du keine Werktage? - stattdessen arbeitest Du Dich an diesem nebensächliche Detail ab, das Dich reizt wie ein Steinchen in einem Laufschuh und das Dir nasenscheinlich bedeutsamer ist, als all die großen Fragen, die sich Dir aufdrängen sollten. Du kannst Dich nicht an dieses allgegenwärtige, konstante Jodaroma gewöhnen. Es steht metonymisch für eine Existenz, die einer umfassenden, zeitlosen Behandlung unterzogen wird, der sich nichts und niemand jemals entziehen kann, eine Therapie deren Zweck nur darin besteht sie fortzusetzen. Muße und Zeit genug, Dir über dieses Detail Gedanken zu machen hast Du: Du hast ausgesorgt, was nichts anderes bedeutet, als das Du Dein Leben hinter Dir hast. Du könntest Dich fragen, um Himmels Willen, wie geriet ich in diese verrutschte Welt, stattdessen keimt ein Verdacht in Dir auf: dass Du zuvor von Geburt an auf einer verrutschten Welt gelustwandelt bist, die eben gradegerückt wurde und deren Kulissenhaftigkeit Dir so schlagartig bewusst wurde wie Truman in der Truman Show, als seine Mitternachtssonne ihm in Form eines Deckenscheinwerfers vor die Füße fällt." 

Verfasser durch den Wind. Eine Werbung poppt auf und er liest `Bestelle Deine Tote online`. Er blinzelt. Kein Werbespot für Gummipuppen, sondern für eine Internet-Konditorei: Bestelle Deine Torte online. Inspiriert vom nahenden Irrsinn setze ich bei einer obskuren Onlinewettbude auf sinkende Löhne für die Helden des Alltags.

An Wochenenden steht das Leben nach der Dämmerung noch stiller. Biathlon bringt einen durch den Tag - es folgt die dröhnende Stille nach den Schüssen, moderiert von Kai Pflaume. Es kommt noch arger. Der Beginn des Frühlings ist das Ende der Wintersportübertragungen. Was dann an den Wochenenden? 

Beende den Tag nach den 20 Uhr-Nachrichten, voller seliger Bewunderung dafür, dass die Nachrichtensprecherin den Namen eines isländischen Vulkans fehlerfrei ausspricht, der im Gegensatz zu grossén Teilen der Weltbevölkerung und der Pandemie ausbrechen konnte. Das Aussprechen des Namens führt zum Überziehen der Sendezeit. Flach auf dem Rücken liegend träumt man davon einzuschlafen. 

 

19.03.2021

Die Pandemie ist einfach zu bekämpfen. Man muss nur beschließen den Rostocker Oberbürgermeister Madsen zum bundesweiten Sonderbeauftragten für zuschauerbegleitete Spiele erklären, schon sind die Stadien wieder voll und die Intensivbetten leer (...träumt Karl-Heinz Rummenigge).

Ich mag Professor Dirk Brockmann. Dennoch sehne ich den Tag herbei, an dem ich die Gesichter von Lauterbach, Streeck, Kekule, `Cthulhu` Cichutek, Wieler on fire, Brinkmann, Müller, Palme etc. nicht mehr sehen muss, deren Konterfeis auf den Hälsen von Hieronymus-Bosch-Figuren durch meine Traumwelt spuken. Wo ist eigentlich Drosten geblieben?

Markus Lanz gönnerhaft. Der Tod sei eine `durchaus ernstzunehmende Nebenwirkung` der Impfung. Da möchte man nicht wissen was er unter einer nicht nur durchaus, sondern so richtig ernsthaften Nebenwirkung versteht: Maskenintoleranz? 

Unter Welpenschutz nahm die gestrige Gesprächsrunde bei Lanz den Vorsitzenden der Jungen Union Tilman Kuban, der treuherzig Phillip Amthor verteidigte, der einfach nur auf Hochstapler reingefallen sei, der Arme. Man sparte sich Attacken und ließ Kuban sich selbst demontieren. Subtil.  

Bald ist es Frühling. Lanz wird zu Lenz.  Markus Blume blüht auf und wird von Talkmastern bestäubt. Das Eichhörnchen aus Ice Age knackt Nüßlein und wird stinkreich. Familienminister Stamp NRW erfüllt die Forderung Armin Laschets bei Schließungen kreativ zu sein und nicht immer die Schulen zuerst zuerst dichtzumachen und empfiehlt lieber ein Alkoholverbot. Dann kommen die kleinen Racker wenigstens mal nüchtern zum Diktat. 

Fridays for Future nehmen die Demonstrationen wieder auf. Schüler verweigern das Homeschooling und sehen sich im Internet 6 Stunden lang Bilder von Bäumen an. Unterdessen hat Karl Lauterbach sich bis zum Side-kick von Jens Spahn bei der Bundespressekonferenz hochgeredet. Das erinnert an Bundesligavereine, die einem umstrittenen Trainer einen Co-Trainer vor die Nase setzen. 

Ein phoenix-Moderator findet einen chicen Spitznamen für Karl Lauterbach: Karl Viral. Das passt doppelt und dreifach zum Karl Valentin der Pandemie.

Eben kam mir beim Spazierengehen ein Frau (nehme ich an) mit Burka entgegen. Wenn Ordnungskräfte die Einhaltung der Maskenpflicht überprüfen, wie gehen sie da vor? Oder sollte es gar einen Markt für FFP2-Burkas geben? 

 

 

18.03.2021

Wie schlimm es um Brasilien steht wird bei Markus Lanz deutlich - in Brauereien wird statt Bier Impfstoff geb(r)aut. Nach dem Deutschen Reinheitsgebot? 

Armin Laschet ließ die Kritiken Sandra Maischbergers abtropfen. Nicht das war erstaunlich, sondern die an Selbstzufriedenheit und Gelassenheit grenzende Selbstsicherheit die Armin Laschet verströmte. Das erinnerte an Jeff Bridges in `Fearless`, der sich nach einem überlebten Flugzeugabsturz für unverwundbar hält. Im Gegensatz zu frühen, erratischen Pandemieauftritten wirkte Laschet gesammelt, sortiert und mit sich im Reinen, so als genieße er im Moment sein politisches Leben und wisse etwas über Markus Söder, Olaf Scholz und die grüne Doppelspitze, was deren Kanzlerkandidatur verhindere (...sich dumm und dämlich verdienende Apotheker in der Familie? Befreundet mit Kremlins? Beteiligt an Schneekanonenherstellern, die künstliche Seen für die Schneeproduktion anlegen?...). Schon diese `Ihr-könnt-mir-nix`- Haltung wirkt befremdlich, die Spucke weg bleibt einem, wenn der Ministerpräsident - frei nach dem Motto des Artikels `Mehr Diktatur wagen` von Thomas Brussig - als Krisenstrategie empfiehlt: brecht Regeln, aber nur dann wenn ich es erlaube. Selbst die Helmut-Schmidt-geräucherte Moderatorin ist verblüfft über die ungewohnte Souveränität und Bierruhe Laschets in Kombination mit seinem Aufruf zur Anarchie im Rahmen des Gehorsams. Hunde beißt, aber nur auf mein Kommando. Wie man überhaupt zumal als CDU-Politiker und bekennender Katholik derzeit selbstzufrieden sein kann bleibt schleierhaft, die Gründe können kaum in Erfolgen beim Krisenmanagement oder der Aufklärungsarbeit des Kölner Erzbistums liegen. So feixend unbeeindruckt von den Katastrophen um einen herum kann man eigentlich nur sein wenn man vor Vorfreude oder vorweggenommener Genugtuung beinahe platzt: Spieler mit einem As im Ärmel, Anwälte mit Erpressungspotenzial, Monopolisten und Finanzminister schlumpfen derart auf: das jedoch erzeugt zwar den Eindruck von Handlungssicherheit, jedoch nur in eigener Sache und erzeugt (bei mir) Abscheu. Gleichwohl zeugt die Methode Laschet von politischem Kalkül, das aufgehen könnte: er bedient sich der typischen Methode von Populisten, den Regelbruch im Einklang mit Linientreue als Rezept des politischen Erfolgs zu begreifen. Jörg Meuthen hätte statt sich ablanzeln zu lassen lieber zu Gast bei Frau Maischberger sein sollen - da hätte er in Sachen Populismus etwas lernen können. Laschet wird nicht nur unterschätzt, was seine Fähigkeiten betrifft, sondern auch was seine Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel zur Macht betrifft. 

Die derzeit hohen Sympathiewerte Karl Lauterbachs schlagen sich nieder in einer Internetkampagne, die Lauterbach zum Gesundheitsminister küren wird. Das entspricht dem Werdegang einer Cassandra mit Langmut. Während zunächst niemand unbequeme Wahrheiten hören möchte heben sich die Mahner im Laufe der Zeit angenehm von den Lügnern, Beschwichtigern und Verharmlosern ab. Das führt zur Rehabilitierung der Cassandras und zum Aufstand gegen die Schlechtschaffenden. Dabei ist auch Lauterbach nicht frei von strategischen Hintergedanken - mit der besonderen Betonung der Gefährdung der 50-80jährigen, die `zu gesund für einen raschen Krankheitsverlauf sind und daher länger Intensivbetten belegen und später sterben` erweitert er den Kreis derer, die an Impfungen und lockdowns ein verstärktes Interesse haben müssen und reduziert den Kreis derer, die sich darüber empören ihre Freiheiten zum Schutze einiger Tattergreise aufgeben zu sollen. Nur weil jemand die Wahrheit sagt, verfolgt er damit keine Absichten. 

Wer als Repräsentant von Organisationen, die der Aufklärung von Missbrauch Hindernisse in den Weg legt, behauptet, Verfehlungen seien Einzelfälle und nicht systemisch, bestätigt dass Missbrauch und Korruption systemisch sind, da er davon ablenkt, dass die Organisation für die er spricht durch Intransparenz und Verschleierung Missbrauch begünstigt.

Wäre das Virus ein Dramaturg, dann wäre seine Performance oskarreif, da er virtuos für überraschende dramatische Wendungen sorgt. Neueste Volte sind Mutationen, die sich der Feststellung durch PCR-Tests entziehen. 

Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz der EMA bietet keine neuen Informationen. Ein Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen konnte weder bestätigt noch geleugnet werden. Auf Basis eines unveränderten Kenntnisstandes spricht die EMA die Empfehlung aus weiter mit Astra Zeneca zu impfen - eine Pressekonferenz als europaweites Beruhigungsmittel, deren einziger Zweck darin besteht, den Impfstop aufzuheben. Eine Klärung in Bezug auf die Sachlage erfolgte nicht - in Anbetracht des kurzen Untersuchungszeitraums und der dürftigen Datenlage war das nicht anders zu erwarten. Ob dieses Expertenplacebo geeignet war verloren gegangenes Vertrauen in den Stoff aus dem die Reiseträume sind wieder herzustellen sei dahingestellt. 

 

17.03.2021

Impfstoff als alles dominierender Gesprächsstoff: gestern ein Tag der Kettenkonferenzen. Laschet, Bartsch, Göring-Eckart, Lindner, alle geben ihren Ehrensenf dazu. Ein zu AstraZeneca befragter Passant liefert den Spruch des Tages: `Ich habe so viel Vertrauen in Astra Zeneca wie in Sushi von der Tankstelle.`    

Markus Lanz war gestern so fasziniert von den Einlassungen Winfried Kretschmanns und des CSU-Generalsekretärs Markus Blume, dass seine anderen Gäste...ja...eben nur Gäste, aber keine Gesprächspartner waren. 

Markus Blume har kein Problem mit Beteiligungsgesellschaften der Unionsabgeordneten. Das Problem ist: auch die Abgeordneten haben damit kein Problem. 

Die Öffentlich-Rechtlichen Sender agierten im ersten Frühling der Pandemie staatstragend, im zweiten Frühling aufmüpfig, da ihnen die fehlende Bereitschaft zur Durchsetzung der nationalen Impfinteressen nicht passt. Heute Morgen im ZDF/ARD-MoMa huldigt einem Beitrag lang und breit den Fortschritten der britischen Impfkampagne mit dem AstraZeneca-Impfstoff. Ein britischer Experte darf dem deutschen Publikum erklären, das - entgegen den Erläuterungen des Paul-Ehrlich-Institutes und der EMA - bestehe kein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und Thrombosen bestehe. Geht das so weiter starten die Öffis demnächst eine Kampagne für den Austritt Deutschlands aus der EU, subtil eingeleitet durch eine Forsa-Umfrage zu folgendem Thema: wären Sie für den Austritt Deutschlands aus der EU, wenn sie dann mit BionTech geimpft werden?

Laschet greift durch gegen EX-Juso-Chefs, die es als trojanisches Pferd des übertriebenen Gesundheitsschutzes ins Oberbürgermeisteramt geschafft haben. Also untersagt er Thomas Westphal, die Schüler schon einem Inzidenzwert unter 100 gleichwohl im Distanzunterricht zu belassen. Zu Recht fragt er, wieso man bei absehbar steigender Inzidenz, nur noch zwei Wochen bis zu den Osterferien und in Anbetracht der offenbar höheren Empfänglichkeit von Kindern für die Infektion durch die britische Mutante auf den Präsenzunterricht bestehen soll. Armin Laschet belehrt: die Notbremse greift ab 100. Soll heißen: sie greift erst ab 100, keineswegs darf man darunter schon vorsichtig sein. Das ist etwa so als ordne man `Tempo 100` an und untersage langsameres Fahren. Grotesk. 

In den USA sei jetzt erstmals eine `Ureinwohnerin` Ministerin. Also so alt sieht die Frau gar nicht aus. 

Höchst aufschlussreich war die Pressekonferenz des Bundesinnenministeriums, auf der sich Armin Schuster als neuer Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe selbst darstellte. Aufschlussreich, weil so gut wie niemand bisher diese Behörde zur Kenntnis genommen hat (oder gar die Nina-`Notfall-Informations-und Nachrichten-App herunter geladen hat), deren Aufgabe vor allem die Prävention von Krisen und Katastrophen ist - also exakt das was an allen Ecken und Kanten fehlte. Genau das - das Fehlen des Notwendigen - ist aufschlussreich, aber auch, woran es dieser Behörde mangelt: an Vernetzung. Schuster brüstet sich, diesen Mangel zu beheben - der aber ist nicht nur bei seiner Behörde strukturell bedingt. Hierarchiefixierten Organisationen und obrigkeitsgewohnten Bevölkerungen ist Vernetzung mit ihren feedback-Schleifen und ihrer Dezentralisierung wesensfremd. Wer das nicht glaubt, der frage mal einen Staatsekretär, Beamten oder einfach Armin Schuster was ein Rhizom ist oder einfach nur wie man das Wort buchstabiert.  

 

16.03.2021

In der Abwägungsdebatte um den Impfstopp diskutierten gestern bei Frank Plasberg, Herr Gassner, Herr Lauterbach, Herr Yogeshwar und Herr Alexander. Das Quartett - inklusive Karl Lauterbach - war sich auf angenehme Art und Weise hinsichtlich der Bewertung unsicher. Allerdings drehte sich im Kern die Debatte darum, den kollektiven Nutzen der Impfung gegen die das individuelle Risiko abzuwägen. Gemessen an dem Nutzen der Impfung sei das Risiko gering, wenn auch nicht zu vernachlässigen. So sei das Risiko, an COVID-19 zu versterben ungleich höher, als das Risiko, an der Impfung Schaden zu nehmen. Doch schon dieser Vergleich hinkt wie Goebbels: denn verglichen wird das Risiko an COVID-19 zu versterben, wenn man sich infiziert mit dem Risiko eines gesunden, nicht infizierten Menschen im Falle einer Impfung Schaden zu nehmen. Es handelt sich um zwei grundsätzlich verschiedene Risiken und auch Folgenabschätzungen. Es ist eben nicht das Gleiche, ob ein gesunder Mensch mit einem geringen Risiko an COVID-19 zu erkranken oder sich überhaupt zu infizieren einen fatalen Schaden durch eine Impfung riskiert, oder ob ein vorerkrankter Mensch mit erheblichem Risiko sich zu infizieren (weil auf Hilfe Dritter angewiesen) und schwer zu erkranken sich für eine Impfung entschließt. Der Nutzen, von dem die Gäste Frank Plasbergs reden ist vor allem ein epidemiologischer Nutzen, zu dem der gesunde Mensch beiträgt, indem er sich impfen lässt. Für den Einzelnen jedoch - zumal wenn er sich (und andere) durch sozialen Abstand schützen kann - ist der Nutzen (abgesehen vom Rückgewinn von Freiheiten) nicht hoch, dafür jedoch ist das Risiko nicht quantitativ, aber qualitativ immens. Ein Risiko für Leib und Leben kann nicht einfach quantitativ bewertet werden, wenn das quantitativ geringe Risiko gleichzeitig für den höchst möglichen Schaden besteht - schließlich geht es nicht um die Inkaufnahme von ein paar Tagen Migräne. Dass diese individuellen, qualitativen Risiken hoch bewertet werden und zu einer Konsequenz mit Folgen für das Kollektiv führen entspricht dem Geist des Grundgesetzes, das eben nicht das Primat der Interessen des Kollektivs über das Wohlergehern des Individuums stellt, sondern umgekehrt von der Gemeinschaft fordert, Schaden vom Einzelnen abzuwenden. Das eben ist der Unterschied zu politischen Systemen, in denen der Einzelne gemessen am Kollektiv weniger wert ist, was Einschränkungen von Freiheitsrechten Tür und Tor öffnet und auch die Schutzrechte des Einzelnen in den Hintergrund drängt. Wie es dem Zeitgeist entspricht wird - zum Beispiel in Alexander Marinos Kommentar zum Impfstopp in der WAZ von heute -  verdeckt bis unverhohlen gefordert, dass (wohl weniger aus Gründen der Volksgesundheit, als aus Reisefieber) der Einzelne gefälligst zugunsten des kollektiven Schutzes das Impfrisiko einzugehen habe, nicht etwa um sich selbst zu schützen, sondern als Dienst für die Gesellschaft. Es ist eben genau nicht Wasser auf den Mühlen von Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern, wenn jetzt die Verimpfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca ausgesetzt wird. Im Gegenteil hätte man diesen Gruppen Recht gegeben, hätte man sich über die Empfehlung des Paul-Ehrlich-Institutes hinweggesetzt und die individuellen Risiken bagatellisiert, die zwar quantitativ gering, aber qualitativ hoch sind. Es wäre daher wünschenswert, hätten Robin Alexander und auch Armin Laschet Recht, wenn sie behaupten kein Gesundheitsminister in Europa hätte gegen den Domino-Effekt der Aussetzungen und gegen die Empfehlungen des Institutes anders handeln können. Bleibt abzuwarten, ob dies auch noch gilt, wenn Inzidenzen weiter steigen und der gesellschaftliche Druck mit höheren Temperaturen, steigendem Reisefieber und steigenden Pleiten- und Suizidraten weiter zunimmt. Dann bekommt das Thema Impfpflicht, das grade angesichts des AstraZeneca-Debakels schamhaft in den Hintergrund tritt, eine ganz andere Dynamik, da sie die Verpflichtung zur individuellen Inkaufnahme eines tödlichen Risikos implizieren könnte.

Verschwörungstheoretiker aufgemerkt: Svenja Schulze merkt bei der Vorstellung der deutschen Klimabilanz 2020 an jeder Minister sei mittlerweile Klimaminister. Deutschland brüstet sich, dass die Klimaziele 2020 auch dank Corona-Effekt übererfüllt wurde. Großen Anteil daran hat der Gesundheitsminister, der durch Verzögerung bei der Impfung und gelungener Entwicklungshilfe für weitere lockdowns Sorge dafür trägt, dass der klimafreundliche Corona-Effekt sich noch lange positiv auswirkt. Man wartet noch auf Vorschläge zur klimafreundlichen Entsorgung der Corona-Toten. Lediglich Heiko Maas kann sich noch nicht recht mit seiner Rolle als Klimaminister bis zum Äußeren anfreunden: Er stellt heute bei einer Pressekonferenz fest, es mehren sich weltweit die Stimmen für den Klimawandel. Er ist ja noch klein, das wächst sich noch aus.   

 

15.03.2021

Wer die Pandemie übersteht geht vor die Hunde. Hundeschulen schlagen Alarm: `Wir können einen Hund nicht online erziehen. Woran soll der schnüffeln? Am Bildschirm?`(...) `Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, welche Folgen es haben wird, wenn in einigen Monaten unerzogene, schlecht sozialisierte, an der Leine pöbelnde und freilaufende, jagende, nicht abrufbare Hunde mit überforderten Besitzern draußen unterwegs sind?` fragt Hundetrainerin Kerstin Lambert in der heutigen WAZ (`Annika Fischer, `Angst vor überdrehten Hunden`). Was sich liest wie das Persönlichkeitsprofil der AfD-Vertreter bei den gestrigen postelektoralen Wahldebatten oder wie eine Szene auf einem Kinderspielplatz ist die Warnung vor einem Krieg der Welpen. Man kann dem durchaus positives abgewinnen: die Tölen werden eine unerbittliche Hatzkampagne gegen Radfahrer auf Bürgersteigen starten. 

Schon bald ist Deutschland das neue Tschechien.  

Was war noch? Ach ja. Landtagswahlen mit den üblichen verkürzten Begründungen für den Ausgang je nach Coleur. Nachdem die Wahlsieger gebetsmühlenartig nicht näher spezifizierte Inhalte als Grund genannt haben und die Wahlverliere betonen, es müsse in Zukunft um nicht näher spezifizierte Inhalte gehen wird auf den Pressekonferenzen nahezu ausschließlich die K-Frage gestellt, so als wolle die gesamte Presse daran arbeiten, das Publikum von der Notwendigkeit einer Führung durch eine Person zu überzeugen. Angst fördert den Personenkult, das ist der Grund warum so gerne mit ihr Politik gemacht wird.

Der Erfolg der Grünen und der Misserfolg der ehemaligen Volksparteien hat zwar auch mit deren Repräsentanten (und deren Verhalten zu tun), sind jedoch kein Vertrauensbeweis für die Wahlgewinner. Wohl kaum jemand glaubt, dass aus der Ampel auch ein funktionierendes Corona-Ampelsystem hervorgeht. Grüne und FDP werden nicht gewählt, weil man ihnen und ihren KandidatInnen unbedingt ein besseres Krisenmanagement zutraut, sondern weil man überzeugt ist, dass es mit der CDU nur schlimmer kommen kann. Grün ist die Hoffnung. Nicht Vertrauen, sondern die Hoffnung, mit den Grünen komme es gehe es vielleicht nicht ganz so beScheuert weiter begründet den Stimmenzuwachs. Zudem wurde den Menschen vor Augen geführt, welche Konsequenzen und Dimensionen eine Krise (vulgo: Bedrohung) von globalen Ausmaßen und deren Missmanagement hat, was sie empfänglicher für den Themenschwerpunkt Klimawandel macht  - Lockdowns produzieren eine wachsende Zahl Spaziergänger und Wanderer, die staunend und perplex die Ground Zeros begaffen wo früher einmal Wälder waren. Die Älteren mögen hoffen, dass die Grünen noch rechtzeitig wirksame Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels ergreifen, bevor sie in Pflegeheimen im Sommer den Hitzetod sterben. All das zusammen gefasst wäre eine ehemalige Trampolinspringer ohne Regierungspatina keine Überraschung: Nicht regiert zu haben bedeutet nicht verbrannt, verbraucht und/oder korrumpiert zu sein. Außerdem passt Frau Baerböcks Sport perfekt zum JoJo zwischen lockdowns und Öffnungen. 

Die Impfung mit dem Astra Zeneca-Impfstoff wird ausgesetzt. Wie praktisch - Impfstopp trifft auf verzögerte Lieferungen. 

Die Hiobsbotschaft wird vom Sender Phönix in den Kontext der Auswirkungen auf das politische Standing Jens Spahns gerückt. Das ist ja nun eindeutig das Wichtigste an dieser Botschaft. Ein Teil der sich in geringer Wahlbeteiligung und dem wachsenden Anteil an Wählern von Splitterparteien mag auch in der fassungslos weit von den Ängsten und Interessen des Publikums entfernten politischen Berichterstattung liegen. Schon das gestrige Gezänk der Parteigranden, denen das Bashing des politischen Gegners und somit ihre eigene Rechthaberei bei bester Sendezeit wichtiger war, als der Umgang mit der verniedlichend `Krise` genannten Corona-Katastrophe lässt das Publikum sich mit Grausen abwenden. 

Ein Beitrag von Nadja Podbregar auf der Wissenschaftsplattform `Scinexx`(`Leben wir in  einer Simulation?`8.März) befasst sich mit der Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass wir in einer Simulation leben. Alexandre Bibeau-Deslisle und Gilles Brassard haben sich mit Elon Musks Annahme befasst, die Chance, das wir real seien läge bei eins zu einer Milliarde. Angesehen davon, dass schon Boltzmann zu dem Schluss gelangte, dass die Existenz eines Universums an sich statistisch schon wesentlich unwahrscheinlicher sei als unsere eigene Existenz sind sie der Auffassung, dass die Rechenkapazität, die insbesondere zur Simulation von Wesen, die ihrerseits Simulationen erzeugen (...die ihrerseits Simulationen erzeugen..) so hoch wäre, dass die Wahrscheinlichkeit wir seien simuliert bei unter 50% liegt. Wow! Das ist ja mal ein Unterschied. Für unser simuliertes Dasein spräche allerdings, dass wir gemäß der Drake-Gleichung längst Spuren von außerirdischem Leben hätten entdecken müssen und dies nicht erfolgt sei. Ob der Aufwand zur Erzeugung unseres Daseins als Simulation möglich wäre, müsste sich eigentlich einfach errechnen lassen. Unterschreitet der Energieaufwand die im Universum vorhandene Energiemenge und die Menge der notwendigen Bits die Speicherkapazität des Universums ist eine Simulation möglich - erst recht, wenn das Universum als solches in höheren Dimensionen (etwa im BULK) erzeugt wird. Einmal angenommen, die Energie- und BIT-Menge des Universums lasse eine Simulation stellt sich aus Bibeau-Deslisles und Brassards Sicht das Problem der intellektuellen und technischen Voraussetzungen zur Erzeugung der Simulation. Allerdings gehen beide davon aus, dass die Erzeuger der Simulation unsere simulierte Welt jederzeit bewusst und gezielt erzeugen und kontrollieren. Das ist eine naive Annahme, gerade wenn man davon ausgeht, dass die `Gamer` mit uns ihren Spaß haben wollen. Geringer wäre der Kontroll- und Steuerungsaufwand, wenn man ähnlich wie bei der Protosynthese künstlicher Zellen auf autopoietische Entwicklung setzt. Man erzeugt eine simple Urstruktur, versieht sie mit einigen Algorithmen und überlässt alles weitere fraktaler Selbstorganisation - an Computer lässt sich so schon jetzt die Entstehung von Organismen aus ein paar wenigen virtuellen Zellen - exakt - simulieren, die sich zu immer komplexeren Strukturen `assemblen`. Der beste Beweis, dass keine ausgefuchste Intelligenz, sondern eher grenzdeble Spaßvögel vom Schlage Beavis and Butt-Heads hinter unserer simulierten stecken, ist die Mask-Force aus Spahn und Scheuer. Keine Superintelligenz käme auf eine so dämliche Idee.  

 

14.03.2021

"Es ist als hätte es den `Schwarzen Himmel` nicht gegeben. Erleichtert nehme ich zur Kenntnis, dass die durch das Naturereignis inspirierten Verhaltensänderungen nicht so nachhaltig waren wie ich befürchtet hatte - abgesehen von den Apiphobikern, die nur noch in Imkermontur am öffentlichen Leben teilnehmen. Ansonsten tobt bei Guiseppe das Leben, die Halbstarken schnattern, die Greise zocken, die Sonne scheint, ich rauche Kette, bestelle Cappuccini und Granite und lese einen faszinierenden Artikel über Cantor-Mengen und Kardinalzahlen. Mächtigkeit uns Unendlichkeit. Über die Unendlichkeit zwischen natürlichen Zahlen, die mächtiger ist, als die Unendlichkeit der natürlichen Zahlen. Genieße die Freiheit eines nicht mehr durch schwarzes Rauschen opakifizierten Geistes zu Gedankenexperimenten und wirren Theorien: angenommen, die Unendlichkeit zwischen zwei Zahlen wächst proportional zur Reduzierung des Abstandes zwischen diesen Zahlen, dann wächst die Zahl der Paralleluniversen proportional zur Reduzierung der Differenz zwischen zwei Weltlinien. Je geringer die Abweichung, desto größer die Auswirkungen. Oder auch: je kleiner die Hütte, desto mehr Platz. `Ist der Platz noch frei?´ Ich muss erschreckt ausgesehen haben. Habe nicht erwartet, dass man mich auf Deutsch anspricht. `Sie müssen nicht gleich ihr Getränk verschütten. Ich bin nicht vom Geheimdienst. Habe die Überschrift des Artikels gesehen, den sie lesen.` Das sieht ihm mal wieder ähnlich, deswegen erschrecke ich. Spricht wie er. Sieht aus wie er. Ich antworte `Si. Certo.` ohne aufzublicken. Er zögert kurz, überlegt ob er sich zu mir setzen darf. Dann tut er es, schon ist er ein Fremder. Während ich ihn weder dazu ermuntere, noch ihn davon abhalte mich anzusprechen, wechsele ich Thema und Medium. Die Nachrichten berichten über eine extreme Hitzewelle in Nordeuropa. Begriffe fallen, die mich an meine frühe Kindheit erinnern. Becquerel. Hm. War das von Dante oder Genet? `Ich habe einen Flugzeugabsturz in Schweden überlebt, aber man hat mich in Norwegen gefunden`. `Wie bitte?´ `Nichts. Ich wollte nur ihre Aufmerksamkeit erregen.` Das ist es, was ich auf die Papierserviette kritzele, die vor mir ausgebreitet liegt. Keine Spur von einem Gegenüber. Wieso bleibt die Serviette liegen? Es ist doch nie windstill um diese Uhrzeit." 

Kopfschmerzen, als sei ich mit Astra Zeneca geimpft worden. Das ist ungerecht. Seit Wochen kein Alkohol, weil ich mich langwellte. Hoffte auf Abwechslung durch Entzugserscheinungen. Fehlanzeige. Stattdessen Schädelweh wie bei einem schweren Kater nach dem Genuss von Astra-Pils.

Einfache Rechnung: höhere Mutationsrate + höhere Letalität x höhere Inzidenz = Öffnung. Todesfälle nach Astra Zeneca-Impfung nicht beunruhigend. Soso. Einige Länder sehen das anders. Ich auch. Es fällt auf, dass diese Fälle beinahe ausschließlich nach Aastra Zeneca auftreten. Der kurze Abstand zwischen den Todesfällen auf Sizilien, der Umstand, dass die selbe Charge verimpft wurde, die Opfer keine Vorerkrankungen hatten sprechen gegen eine zufällige Ko-Inzidenz. Dass so viele Länder den Impfstoff aus dem Verkehr ziehen auch. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft verweisen auf Risiken, die nicht unmittelbar mit der korrekten Zusammensetzung des Impfstoffes zu tun haben. Massenproduktionen ist generell das Risiko zu eigen, dass das Produkt Mängel aufweist, die massenhafte Impfung erhöht wiederum das Risiko von Fahrlässigkeit bei der Verabreichung. Selbst wenn der Impfstoff selbst bei richtiger Zusammensetzung wenig Risiken birgt - die Impfung bleibt schon aufgrund möglichen menschlichen Versagens nicht ohne jedes Risiko.  

 

13.03.2021

"Warum zur Hölle wohnst Du in Oslo? Im Gegensatz zu Dir war sich das Ärzteteam Deiner Identität sicher. Dein Personalausweis war der einer vermissten Person. Ein Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher namens David Landau. Du hast Dir einen Namen gemacht mit einen Buch namens `Welt ohne Kontakt`, dass die sozialen und politischen Auswirkungen einer Pandemie beschreibt. Einer der Chirurgen hatte ein Exemplar dabei und wollte dass Du es signierst. Du hast - außerstande Deinen Namen zu schreiben - irgendetwas dahin gekritzelt. `Ehrlich gesagt`, gestand der Chirurg, `ich würde die Klimaveränderungen und ihre Auswirkungen gerne gegen die Pandemie eintauschen. Merkwürdig, dass die Menschen mehr Angst vor einer besseren Grippe als vor Strahlentod und Hitze haben.` Muss am Wetter liegen. Es ist März in Norwegen, angenehme 20 Grad in der Sonne, Frühlingsgefühle vertreiben das Entsetzen vor Hitzeperioden im Winter knapp unter dem Polarkreis. Du kannst mit Deinem Namen wenig anfangen, ganz fremd ist er Dir auch nicht. Die Bücher, die Du angeblich verfasst hast stehen im leeren Regal Deines Appartements. `Was ist ihre letzte Erinnerung vor dem Aufwachen`? fragte Dich der Psychologe, der aussah wie Bud Spencer. `Ein Flieger nach Stockholm. Ein hustender Sitznachbar mit Flugangst. Seine Finger kneteten die Armlehne. Dann Finsternis.` Der Psychoklempner kraulte sich den Bart und schien einverstanden. `Gut. Gar nicht so weit weg von der Wirklichkeit. Gehen sie ruhig nach Hause.` Nach Hause? Eine Adresse auf dem Ausweis. Dein ständiger Wohnsitz ist Oslo. Wenn das nicht weit von der Wirklichkeit entfernt ist, dann weißt Du auch nicht."  

 

12.03.2021

Landtagswahlen als Ablenkung. Das Superwahljahr als zum Superbowl hochgejazztes Medienereignis. Der AfD-Spitzenkandidat für Rheinland-Pfalz frohlockt: `Vielleicht erleben wir am Wahlabend eine Überraschung.` Hoffentlich eine böse. Für die AfD.

`Schweden ungeschminkt`. Markus Lanz Reportage über den schwedischen Umgang mit der Pandemie beginnt mit einer die Tendenz des Beitrags bestimmenden Frage: Warum gewährt Schweden seinen Bürgern mehr Freiheiten? Freiheit als wunderlicher Sonderweg. Dabei ist es der Entzug von Freiheiten, der gut begründet werden müssen, nicht deren Gewährung. 

Heute Abend läuft die Frist für die Ehrenerklärung der CDU-Abgeordneten in Sachen `Maskengold` aus. Ob das Zeit genug war Akten zu vernichten, Dokumente zu schreddern und Spuren zu verwischen? 

Bei Phönix beschwert sich der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz Dario Schramm darüber, permanent werde hervorgehoben wie wichtig Schulen und Bildung seien, davon sei aber in den Schulen nichts zu spüren. Da unterstellt er einen politischen Automatismus, der nicht existiert: das Wichtigkeit Handeln bedingt. Nur weil etwas wichtig ist heißt das noch lange nicht dass man sich darum kümmert. 

 

11.03.2021

Ist der Ruf erst ruiniert...seit Tagen macht Jens Spahn bei Interviews und Befragungen einen gesammelten und konzentrierten Eindruck. Zudem verzichtet er auf vorzeitige Ankündigungsergüsse. Wer gestern den tiefenentspannten Auftritt von Michael Müller bei Markus Lanz in einer erstaunlich meditativen, man könnte auch sagen blutarmen Sendung erlebt hat könnte meinen beide Politiker seien frisch gegen Kritik geimpft. Müller gab sogar Milch in Form des glaubhaften Eingeständnisses eigener Fehleinschätzungen. Man habe vielleicht gedacht das habe beim ersten Mal mit dem lockdown gut geklappt, da machen wir es doch einfach nochmal und dabei das Ausmaß der Belastungen für die Bevölkerung unterschätzt. Man hört förmlich das Aufatmen in jeder Äußerung, als genössen die Politclowns den ersten Tag ihrer Sommerpause - dabei stehen sie mittlerweile auch in Kritiken, die jeder Grundlage entbehren. Zugleich (wie im ARD/ZDF) neidisch auf Länder zu blicken, die IKEA Sägemehl verimpfen lassen und Jens Holzspahn vorzuwerfen, dass Unternehmen schneller bei der Impfung seien als sein Ministerium ist bigott. Dass gleichwohl die im Fadenkreuz der Kritik stehenden Corona-Ampelmännchen vergleichsweise legerer (man könnte auch sagen Leck-mich-) Stimmung sind, mag am Konsum guter Tranquilizer liegen, aber wahrscheinlicher ist, dass der Erwartungsdruck nachgelassen hat. Jetzt setzt niemand mehr Hoffnung auf sie. Erwartungen die nicht mehr gestellt werden können sie nicht enttäuschen. So weicht denn der Druck aus ihren Anzügen, wie Luft aus einer aufgeblasenen Plastiktüte. 

Folgt man den medialen Aufarbeitungen des Themas Impfen so erscheint als eigentliche Katastrophe nicht der body count, sondern dass man im Wettbewerb mit anderen Ländern um die schnellste Durchimpfung im olympischen Jahr der Bachstelze den Kürzeren zieht - die Pandemie als Vehikel, das die Botschaft vom Primat der Wettbewerbsfähigkeit transportiert. Das kommt an. Die Zahl der Menschen wächst, die der Wirtschaft eher zutrauen, das Pandemiemanagement effizient zu übernehmen als ihrer Regierung. Diese beeilen sich selbstverständlich zu betonen, dass es ja zu den Eigenschaften von Unternehmen gehört, täglich Lösungen für Probleme zu suchen und zu finden. Sicher mögen sie darin rascher sein als die Politik. Als weitgehend demokratiebefreite Zonen sind die Unternehmen das China-Syndrom inmitten der Demokratie - sie sind allerdings ebenso rasch und konsequent dabei Profitinteressen über humanitäre Erwägungen zu erstellen. Ein Lehrstück hierzu präsentierte gestern das ARD-Magazin Plusminus, das den CONTINENTALE-Aufsichtsratschef mit den Worten zitiert, er kenne kein größeres Unternehmen, das nicht die Pandemie zum `Rightsizing` nutze. Mit `Rightsizing` sind nicht etwa Korrekturen der Felgenform gemeint, sondern der Abbau von lästigem Personal unter dem Vorwand pandemiebedingter Umstände. 

Millionen meiner mir treu wie die White Boys Donald Trump ergebenen Leser wird es brennend interessieren, dass mir heute Nacht Greta Thunberg erschien. Sie segelte auf einem Katamaran mit Kufen, die an die Prothesen von Oscar Pistorius erinnern, durch den Traum des Verfassers. Sie trägt einen rostfarbenen Irokesenschnitt im Stile von Sascha Lobo. Und was lernen wir jetzt daraus? Nichts. 

 

10.03.2021

Wer behauptet Vertrauen und Glaubwürdigkeit sei die Währung, deren Wert über den Ausgang von Wahlen entscheide geht von der Naivität der Wähler aus. Mit Vertrauenswürdigkeit ist weder zu erklären, wie Berlusconi, noch Johnson, noch Trump an die Macht gelangen konnten oder auch nur, dass die notorisch wirtschaftszugeneigte CDU seit 16 Jahren regiert. In einer repräsentatiefen Demokratie, in der die Macht des Souveräns vor allem auf der Abgabe seiner Stimme (und somit dem Verstummen) besteht ist die Korrumpierbarkeit der Politiker der Garant dafür, sie stürzen zu können. Man wählt nicht Vertrauenswürdigkeit, sondern Fehlbarkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass auch innerhalb einer Legislaturperiode die politischen Entscheidungsträger angreifbar bleiben. So wird der Machtmissbrauch selbst zur Basis dafür, dass die Position von Politikern fragil genug bleibt, um die Stimmung (wenn schon nicht die Stimme) des Souveräns fürchten zu müssen. Ob der mehrheitlich tatsächlich regiert werden möchte von Personen mit einwandfreier Moral ist mindestens fraglich: die Korrumpierbarkeit gewählter Volksvertreter ist bequeme Rechtfertigung für eigenen Egoismus und die Beugung von Prinzipien zugunsten des Eigennutzes. Wird die CDU bei kommenden Wahlen abgestraft, dann wohl weniger wegen der Raffgier ihrer Abgeordneten, die wie Amazon und die Deutsche Post die Krise als Gelegenheit nutzen, sondern eher wegen der Arroganz, mit der sie sich nicht einmal die Mühe gaben ihre Korrumpierbarkeit zu verbergen. Nicht die Korrumpierbarkeit ist für die Wähler unverzeihlich, sondern Nachlässigkeit und mangelnde Sorgfalt bei ihrer Verschleierung. Dieser Mangel - nicht die Korrumpierbarkeit selbst - wird als Geringschätzung und Borniertheit gegenüber dem Souverän ausgelegt. Da versteht das Volk keinen Spaß: wer so schluderig, bräsig und fahrlässig mit der empfindlichen Maschine Bestechlichkeit umgeht, ist auch damit überfordert rasche Impfungen zu organisieren. Zwar gehört Skrupellosigkeit und moralische Flexibilität zum machiavellistischen Anforderungsprofil an Volksvertreter, diese Eigenschaften sollen aber eben auch dazu dienen, dass ihre Wähler möglichst unbeeinträchtigt von moralischen Erwägungen wie globaler Impfgerechtigkeit, der Bekämpfung von Armut, Rassismus, Hunger, Gewalt gegen Frauen etc. ihre Interessen verfolgen können. Gelogen und bestochen werden darf, aber doch bitte effizient, geräuschlos und gut organisiert. Ja, Vertrauen in die Politik ist eine Währung, aber eben nicht das Vertrauen in die Integrität der Politiker, sondern Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit bei der Durchsetzung von mehrheitsrelevanten Partikularinteressen. 

So richtet sich der Furor von Sascha Lobo, mit dem er bei Markus Lanz Ralph Brinkhaus frontal attackiert auch weniger gegen die strukturelle moralische Verkommenheit der CDU, sondern vielmehr gegen das Gemisch aus Dreistigkeit und Ungeschicklichkeit bei der Handhabung des Korruptionswesens. In der Tat brüskiert die Krönung von Phillip Amthor zum Spitzenkandidat der CDU in Mecklenburg-Vorpommern die Wählerschaft der CDU, weil damit die Schlampigkeit eines Emporkömmlings bei der diskreten Organisation der eigenen Vorteilsnahme belohnt wird, während jeder normale Wähler sich bei der Steuerklärung diskret und in mühevoller Kleinarbeit arm rechnen muss, nur um seinen Beitrag zur Solidargemeinschaft ein bisschen zu senken. Wer schon die eigene Günstlingswirtschaft so miserabel organisiert weil er meint mehr Mühe sei gegenüber der dummen Wählerschaft überhaupt nicht nötig, ist auch zu bequem und zu unfähig für das Management dringender Gegenwartsprobleme wie die Digitalisierung, die Bekämpfung des Klimawandels und die Beschleunigung von Impfungen und Schnelltests. 

Die Versäumnisse bei der diskreten Organisation der eigenen Korrumpierbarkeit interpretiert Sascha Lobo als Spiegelbild der Trägheit und Gleichgültigkeit bei der Arbeit an wesentlichen neuralgischen Zukunfts- und Gegenwartsthemen. Ralph Brinkhaus zieht den Groll des Talkshow-Irokesen Sascha Lobo denn auch nicht als Repräsentant der moralischen Verkommenheit seiner Fraktion auf sich, sondern weil er statt von `Versagen` von `Fehlern` spricht und sich über eine mangelnde Fehlerkultur in Deutschland mokiert, die er als Grund für zaghaftes und ängstliches politisches Handeln heranführt, das seine paralytische Mutlosigkeit hinter einer ausufernden, in Krisenzeiten zu kollektiver Prokrastination erstarrenden Bürokratie verbirgt. Brinkhaus variiert den Satz von Jens Spahn man müsse sich hinterher viel verzeihen und formuliert ihn zu einem bedrohlichen Imperativ um: wenn die Bevölkerung nicht von vornherein ihre Politiker von Verantwortung für Fehleinschätzungen freispreche, sei ihre Intoleranz Ursache des durchwachsenen Krisenmanagements der Regierung. Diese Rückgabe des `Schwarzen Peters` an die Bevölkerung an sich ist angesichts von 70000 Corona-Toten bislang schon Grund genug für bis zum Mars gehobene Augenbrauen. `Unverschämt` wird das jovial vorgetragene Nörgeln über die mangelnde Toleranz der Öffentlichkeit angesichts der Dimension der Konsequenzen der politischen Versäumnisse. In Wortwahl und Tonfall bagatellisiert Ralph Brinkhaus Verzögerungen und gebrochene Versprechen, in deren Folge Existenzen vernichtet und Leben beendet wurden zu lässlichen Kavaliersdelikten, als handele es sich um Falschparken und versäumtes unterlassenes Gendern. Nicht nur das: er verbucht unter der Kategorie `zu verzeihende Fehler` auch die Raffgier eines Phillipp Anthor und die woelkihafte Verzögerungstaktik bei der Debatte um ein Lobbyregister, so als handele es sich dabei nicht um bewussten Macht- und Mandatsmissbrauch und dessen Verschleierung, sondern um Irrtümer und Fehleinschätzungen wie den Verzicht Jogi Löws auf Mats Hummels oder die Verwechslung einer Hausnummer bei der Postzustellung. Es besteht jedoch ein gähnend weiter Unterschied zwischen einer `Verfehlung`, die gezielt und absichtsvoll erfolgt und einem rein mechanischen, unter Zeitdruck zustande gekommenen `forced error`, der nicht absichtsvoll stattfindet. Wäre Sascha Lobo nicht so sehr verliebt in die Inszenierung seiner rhetorischen Fertigkeiten und seine Rolle als Zwitter aus Inquisitor und medialem Hofnarr, hätte er den Unterschied zwischen `Fehlerchen` und `Versagen` heraus gearbeitet. Nicht nur die an Euphemismus grenzende Maßstabsverschiebung, die Brinkhaus vornimmt, wenn er Versäumnisse in der Pandemiebekämpfung als kleine handwerkliche Fehlleistungen in einem insgesamt gelungenen Krisenmanagement darstellt, demaskiert seine pseudooppositionelle Forderung nach einer  `Revolution` bei der Organisation der föderalen Strukturen als großspurige Ankündigung von Änderungen ohne wirkliche Absicht (nach dem Motto: `größtmögliche Aufklärung` als Formulierung, die ihr Gegenteil insinuiert), sondern auch die hartnäckige Zurückweisung des Begriffes `Versagen`. `Versagen` besteht eben nicht in dem Begehen von Fehlern, die unter Druck zustande kommen, ohne Ausdruck von `Verfehlung` zu sein, sondern Versagen besteht in der Verweigerung das Richtige und Angemessene zu tun obwohl man die Möglichkeit dazu hat - das gehört selbst in weniger kritischen Lagen eindeutig nicht in die Kategorie des Entschuldbaren. 

Das Peinliche an der peinlichen Befragung der Sprecher der Bundesregierung bei der Bundespressekonferenz ist, dass den Befragten weder die Befragung, noch ihre Worthülsen peinlich sind. Wenn die Sprecher der Regierung die demokratische Institution Bundesregierung repräsentieren, dann ist erweist sich die Demokratie als ein entkerntes Gebäude ohne Inneneinrichtung. Eine Fassade, die den Westernstädten Hollywoods gleicht oder den von Termiten ausgehöhlten Menschen in Günter Eichs Hörspiel `Träume`. Das passt zum derzeitigen Rückzug der Bundesregierung und der Landesregierungen aus dem Corona-Management - es bleibt den Kommunen überlassen, das Infektionsgeschehen vor Ort zu managen. Dies mag - je nach Qualität der Rathäuser - auch besser so sein. Erschöpft von der eigenen Rat- und Motivationslosigkeit schließt das Corona-Kabinett unter der Führung von Queen-Mum seine Münder wie- sich die Wunde des Prometheus in einer Parabel von Kafka schließt. Unbeabsichtigt und schmollend tun sie das Richtige und lassen das Subsidiaritätsprinzip walten. Bei einem dynamischen und volatilen Geschehen gar keine so schlechte Idee. Auch der damit verbundene Autoritätsverlust ist nach Monaten der Durchhalteparolen und vorwurfsvoll-bedrohlichen Appellen an die Disziplin sehr kommod. 

Zunehmend entpuppen sich Impfstoffe als Vehikel politischer Einflussnahme. Chinesischer und russischer Impfstoff erobert Europa, da kann die EMA meckern wie sie will. Der konkrete Kampf der Systeme nimmt mit der immer weiter auseinander gehenden sozialen Schere in den freiheitlichen Gesellschaften an Schärfe zu: totalitäre Systeme als Versprechen auf einen besseren Schutz der Bevölkerung und eine bessere Absicherung gegen Armutsrisiken werden an Attraktivität gewinnen, wenn sie auch aus dem Wettlauf um Wirtschaftswachstum, Impfschutz und eine Rückkehr zur Normalität als Sieger hervorgehen.  

Was widert mich mehr an: dass meine Waschmaschine Coronavision heißt oder dass Mainzelmännchen mir befehlen zu Hause zu bleiben auch wenn die Sonne scheint? 

`Am östlichen Fenster/erscheint Dir zur Nachtzeit/die schmale Wandergestalt des Gefühls`(Paul Celan). Für die frühe Uhrzeit, nach den Tagesthemen und vor der Tagesschau, sind in der Häuserzeile gegenüber des Küchenfensters zu wenige Lichter an. Draußen ist es still bis auf den Wind, der die Melodie von verlassenen Eisstationen pfeift und Schindeln auf Dächern bewegt. Es klingt als höre man Geräusche aus dem Maschinenraum eines Tankers, der nicht für den Transport der blinden Passagiere gebaut wurde, die sich Menschen nennen. In der Ferne, weit hinter den Dächern, Glühwürmchen der Hoffnung. Positionslichter eines Flugzeugs, unterwegs zu Flughäfen einer untergegangenen Welt. 

 

09.03.2022

Kopf ohne Geburt. Aufwachen ohne Idee nach einem Schlaf, der vollgestopft war mit banalen Träumen wie eine Wäschesack mit Socken und Unterhosen. Im Morgenmagazin unkt jemand mit ernster Stimme, mit Abstrichen in der Bildung sei zu rechnen. Ich dachte, Abstriche seien derzeit hoch grade in den Schulen erwünscht. 

 

08.03.2021

Die Gäste bei Anne Will: Klabauterbach, Hasselove, Lisa Federlesens, Markus Fäll die Kirchen und Angela Inselkammer. Ich könnte schwören die selbe Besetzung wie vor einem Jahr. Erwähnenswert: Reiner Haseloffs Neologismus `Pandemiologe`, und Karl Lauterbachs Erklärung, warum Selbsttests trotz einer Fehlerquote von 40% sinnvoll sind und, nein, nicht wegen der Provisionen, die Politiker für ihre Beschaffung einstreichen. 

Schon jetzt freue ich mich wie ein Lachhyäne auf die zweite Welle der Skandale rund um die Schnelltestbeschaffung. Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche - mal sehen wer von denen, die sich lautstark wegen der Schamlosigkeit von Nüsslein und Löbel ereifern, selbst in das Geschäft mit der Krise verstrickt sind. Für die CDU ist der eigentliche Skandal, dass die Sache aufflog. Beide Mandatsüberträger haben gegen den ersten Direktive der Amigo-Partei verstoßen: sich nicht erwischen zu lassen. Nun hat man das Problem, dass beide Abgeordneten sich ihrer raschen Entsorgung verweigern und aus offenkundig finanziellen Gründen ihr Mandat nicht niederlegen - in ihrer Welt ist jedes Handeln moralisch vertretbar, solange man dafür nicht rechtskräftig verurteilt wurde. Das erschwert der Fraktion, die Angelegenheit möglichst rasch unter den Teppich zu kehren. Man sieht ja bei den Freunden von der katholischen Kirche was droht, wenn Vertuschungen misslingen und ein Schwelbrand nicht gelöscht werden kann - der Verlust unverdienten Vertrauens. Die Kirchen verlieren indes nur einige Mitglieder, Parteien gegebenenfalls Wahlen und Mandate, deswegen die Bemühungen die raffgierigen Angeordneten als `schwarze Schafe` zu deklarieren. Eine Angelegenheit für die innere Sicherheit der Unionsparteien, den Seehofer Greis. Ihm ist es immerhin gelungen die Erstellung einer Studie zu vermeiden, die untersucht, ob Rassismus bei der Polizei systemisch ist. 

Weltfrauentag: dass Frauen in vielen Lebensbereichen nach wie vor schlechter wegkommen als die Männer kann man derzeit gut beim Thema Korruption und Bestechlichkeit sehen. Inklusive der jüngsten Auswüchse der schamlosen Bereicherung von Mandatsträgern liegt die Frauenquote bei beklagenswerten 0 %!. Da ist viel Luft nach oben. 

Die Überschrift des Zettels mit den Nebenwirkungen eines Abführmittels: `Beikackzettel`. Was stimmt das stinkt. 

Bei Nüsslein und bei Löbel/schwillt mir vor Wut der Dödel/doch auch Spahn und Scheuer/sind mir nicht geheuer

 

07.03.2021

Es gab Fußballfans, die in Schlafsäcken vor Ticket-Shops übernachteten um Karten für Derbies zu ergattern. Nun nächtigen sie vor ALDI-Filialen um Schnelltests abzustauben, für sich und ihre tausenden von Verwandten, die sie gerne wieder besuchen wollen. Bilder, die Kindheitserinnerungen heraufbeschwören, an Streber in der Klasse, die unbedingt mehr Tests wollten. Sie fühlten sich nur dann gut, wenn eine bestandene Prüfung ihnen die Existenzberechtigung bestätigte. 

Während man in der Schlange um Selbsttests ansteht denkt man darüber nach wer wohl im Deutschen Bundestag von ihrer Beschaffung profitiert. Jeder? 

Riesenerfolg für Maskengegner in der Schweiz. Bei einer Volksabstimmung votieren 51% der Befragten für ein Verhüllungsgebot. Christo dreht sich im Grab rum. 

 

06.03.2021

"Neben dem Wort für die erste Person Singular fehlen Dir die Werktage außer Samstag. Du erwachst Samstags morgens und schläfst Sonntag Nacht ein, immer kurz vor der Schlussrunde bei Anne Will. Nie bekommst Du die letzten Worte noch mit. Du kannst Dich nicht daran erinnern, was in der Zwischenzeit passierte. Du kannst Dich weder dem Zwang widersetzen, Sonntags den Fernseher anzuschalten noch kannst Du Dich am Einschlafen hindern. Wenn Du wach wirst ist der Fernseher ausgeschaltet, obwohl Du vor dem laufenden Fernseher eingenickt bist. Du hast weder Hunger noch Durst, wenn Du aufwachst. Der Kühlschrank ist gut gefüllt, weist jedoch Lücken auf, die Du - von einem rituellen Impuls getrieben - umgehend füllst, indem Du wie jeden Samstagmorgen frühmorgens, wenn die Temperaturen noch niedrig sind, einen Supermarkt aufsuchst, auf dessen Rückseite sich ein Bordell befindet." 

"Wenn Menschen OP-Masken tragen fällt es leichter ihre Maskerade zu durchschauen. Die Masken betonen die Augenpartie, so dass der Mikroausdruck um ihre Augen herum, und die Peristaltik der Weitung und Verengung ihrer Pupillen betont wird. Aufregung erkennt man daran, wie heftig und rausch sich die Schnutenpullis im Rhythmus ihrer Atmung heben und senken. Die Lückenhaftigkeit meiner Existenz wurde Dir schon zu Beginn Deiner Hospitalisierung bewusst. Du erkundigtest Dich nach Dir: `Wer ist das? Warum zeigt der Kalender immer Samstag oder Sonntag an?` Bei der Visite blicktest Du, tiefergelegt in Deinem Spezialbett, herauf zu einem wogenden Kornfeld aus Sorgenfalten und zu einem Ozean geweiteter Pupillen. Die Unwahrheit, die behutsame Antworten verbergen, stand Ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Lüge bestand nicht in einer Verdrehung von Fakten sondern darin, die Dramatik zu unterschlagen der Entwicklung zu unterschlagen - etwa so als bezeichne der Arzt eine tödliche Diagnose als ein klitzekleines Problem, dem man sich widmen müsse."  

  

05.03.2021

Die öffentlich-rechtlichen Medien sind von China unterwandert. Wie anders (außer als geistloses Geplapper) ist folgende Überleitung der Moderatorin des ARD/ZD-Morgenmagazins zu den Nachrichten zu erklären: `Gute Nachrichten hat auch Judith Rakers.``Guten Morgen meine Damen und Herren. China kündigt an Militärausgaben deutlich zu erhöhen.` 

Wenn die Inzidenzwerte demnächst wieder deutlich steigen, so liegt dies nicht an den Virusmutationen, sondern an den Schlangen, die sich vor Testzentren, Apotheken, Drogerien, Hygienemärkten, vor DM und ALDI bilden. 

Bei Maybrit Illner und Markus Lanz ging es erwartungsgemäß um den Skandal, Öffnungen zu erlauben, bevor überhaupt die Voraussetzungen dafür in Form einer praxistauglichen Testlogistik geschaffen sind. Kritisiert wird, dass die Entscheidung für die Öffnungen nicht auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen wurde, sondern als Reaktion auf politischen Druck. Diese Kritik ist nicht berechtigt, denn natürlich müssen Politiker auf politischen Druck reagieren. Ginge es nur darum Empfehlungen der Wissenschaftler zu folgen so könnte man gleich dem RKI die Regierungsgewalt überlassen. Was immer man von den Öffnungsschritten im Detail hält: Öffnungen waren notwendig eben um den gesellschaftlichen Druck zu ventilieren, bevor er zu einer totalen Ignoranz der altbekannten Vorsichtsmaßnahmen (Abstand, Hygiene, Mund-Nase-Schutz) kommt. Öffnungen sind auch deswegen zu vertreten, weil die Bevölkerung Kontaktvermeidung und Abstand längst verinnerlicht haben. Wäre dem nicht so, befände man sich bei übrigens deutlich steigender Mobilität wieder im exponentiellen Wachstum. Zwar verbreitet sich die deutlich infektiösere britische Virus-Variante rasend schnell, dennoch stagnieren die Infektionszahlen oder steigen lediglich leicht - hätte man nicht Öffnungsschritte eingeleitet, hätte sich das Gefühl der Vergeblichkeit aller Bemühungen verstärkt. Die Folge wäre Resignation gewesen und die Disziplin, mit der die Menschen gebotene Verhaltensregeln einhalten wäre gebröckelt und rasch komplett kollabiert. Wenn Epidemiologen warnen, sei in Folge der Öffnungen unvermeidbar, dass bis Ende April die Inzidenz auf bis zu 200 steigen, dann gehen sie von einem gleich bleibenden Verhalten der Bevölkerung aus. Die politische Einschätzung der Entwicklung ist eine andere - dass die Aussicht auf weitere Öffnungsschritte, deren Realisierung an die Entwicklung der Inzidenz gebunden ist, den Trend zur Nichtbefolgung der Hygieneregeln umkehrt. Dies mag sich als Fehleinschätzung herausstellen, dass aber ohne Öffnungen der gesellschaftliche Rückhalt zerbröselt wie eine Sandburg im Sturm ist zwar nicht bewiesen, aber so wahrscheinlich wie die nächste Hitzewelle im Sommer. Zusammengefasst: letztes Jahr im Frühling war die Regierung schlechter als ihr Ruf, jetzt ist sie besser als ihr Ruf aber immer noch schlecht. 

Erneut dieses Lob Markus Söders für das Mitmachen der Bevölkerung. Mitmachen bedeutet, das andere agieren (er) und die Bevölkerung lediglich folgt. Das entspricht der Sicht von Chefetagen auf Beschäftigte, die nicht arbeiten sondern nur mit-arbeiten. Von Mit-Arbeitern und Mit-machern wird erwartet, dass sie sich darauf beschränken Vorgaben zu befolgen und sich gefälligst unterstehen, aktiv zu sein und selbständig zu handeln. Sie sollen funktionieren, wer abweicht steht im Weg.  

 

04.03.2021

Erwache aus einem bizarren Traum, in dem ich Frontmann einer Band namens, Amazon Lake and Palmer bin, die Coverversionen von Schlagern spielen. Meine Bandmitglieder sind Thea Dorn und Peter Müller. Unter anderem covern wir `Hier ist kein Mensch` von Peter Alexander. Ich kann das erklären: Nachts bei Lanz war der Journalist Robin Alexander zu Gast, Thea Dorn durfte ihrem Geltungsdrang in der Phönix-Runde nachgehen und Peter Müller, naja, ist Peter Müller. Im Publikum hält jemand ein Transparent mit einem abgekürzten Chaplin-Zitat hoch: Jeder Tag ist ein verlorener Tag. Das gilt sicher auch für diesen Tag, an dem die Sonne, da sie keine andere Wahl hat, auf nichts Neues scheint.

Etwas ratlos kramt man im Gedächtnis nach erwähnenswerten Ereignissen am vorherigen Tag, während man in der Tageszeit eine Äußerung des NRW-Innenministers Herbert Reul liest. Das Feierbiest deutet zwar Reue für die Beförderungssausen an, die er zelebriert hat: `Vielleicht hätten wir, aber auch ich, an der einen oder anderen Stelle noch etwas vorsichtiger sein müssen.` So wie er das formuliert räumt er lediglich ein, dass die Kritik an seinem Verhalten vielleicht, aber auch nur möglicher Weise nicht komplett absurd sein könnte. Reuls Formulierung zeugt vom Gegenteil von Einsicht, reduziert seinen eindeutigen Affront zu einer Bagatelle, die er eigentlich nicht der Rede für wert hält. Er sieht weder ein eigenes Fehlverhalten, noch ein Versäumnis, sondern allerhöchstens eine politische Ungeschicklichkeit.

Ach ja, da war da noch die MPK. Hinreichend komplizierte Lockerungsregeln und steigende Inzidenzen aufgrund verstärkter Testungen werden dafür sorgen, dass sich am Status Quo wenig ändert. Einzelhandel, Selbständige und Kulturschaffende werden weiter darben. Parteiapparate und Administrationen bevorzugen Großorganisationen. Selbständige, gar Kulturschaffende erzeugen Unübersichtlichkeit, Diffusion und schlimmstenfalls Nonkonformismus. Diese wuseligen Unorganisierten sind potenzielle Störfälle und Systemsprenger, also sollen sie ruhig weiter Füße und Mundwerk stillhalten. 

Dieser Frühling werde anders als der letzte Frühling. Wir seien jetzt viel weiter frohlockdowned Frau Merkel. Mehr Mutationen, längerer Lockdown, höhere Infektionsraten als beim Peak der ersten Welle. 

Söder wie Söder: wenn es schief geht ist es die Bevölkerung, die es vermasselt. `Wir geben den Menschen Vertrauen zurück.` Das scheint etwas Besonderes zu sein. Der Normalzustand der politischen Klasse ist demnach Misstrauen gegenüber der Bevölkerung, Vertrauen ist ein außerordentliches Zugeständnis der Herrschenden an ihre als Souverän bezeichneten Untergebenen. 

Nicht mehr hören mag man das Wort `Game Changer`. Weder ist das ein Spiel, noch bedeutet ein Sortiment von Selbsttests in Drogerien und Supermärkten einen Durch- gar einen Umbruch. 

Der Bundestag debattiert über die Fortsetzung der Feststellung der epidemiologischen Notlage. Diese besteht mittlerweile unabhängig von dem Grad der unmittelbaren Gesundheitsgefahren durch die Pandemie. Die Fortsetzung des lockdowns erzeugt sie in jedem Fall - als soziale, ökonomische, psychologische, kulturelle, gesundheitliche, demokratische Notlage. Man erlebt eine zunehmende Loslösung der Notlagen von ihrer epidemiologischen Basis. 

Donnerwetter! Nach Abschluss der Pandemie möchte man die Wirksamkeit der Methoden zu ihrer Eindämmung auswerten. Was für eine charmante bürokratische Idee: Erst nach der Katastrophe beginnt man mit der Evaluation der Maßnahmen ihrer Bekämpfung, nicht etwa während der Katastrophe, denn dann ist ja die Datenlage noch nicht komplett. Man muss also Desaster erst vollständig geschehen lassen, um ein genaues Bild davon zu erhalten, was zu deren Vermeidung hätte unternommen werden sollen. Bis dahin kann man im Brustton der Überzeugung und in Ermangelung eines Gegenbeweises behaupten: der lockdown wirkt! Das tut er. Zweifelhaft ist lediglich, ob seine Wirkung in der Eindämmung der Pandemie oder vor allem in der Vertiefung von Verzweiflung und Vergrößerung von Not und Elend besteht. Aufschlussreich ist erneut ein Blick nach Schweden: `Schweden verzeichnet zwar auch einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen in der zweiten Welle, aber gerade die Entwicklung zu Beginn von 2021 zeigt, dass das skandinavische Land seit Anfang Februar kontinuierlich unter den deutschen Todeszahlen liegt. Trotz des harten lockdowns, der bei uns herrscht, verlaufen die Kurven sehr ähnlich.` (FOCUS Online, 03.03.2021). Gleichwohl - ähnlich wie in Deutschland - schlägt auch in Schweden die Stimmung um. Dort sprechen sich immer mehr Menschen für einen harten lockdown aus, obwohl dessen epidemiologische Wirksamkeit fraglich ist: Offenbar führt die Permanenz der Ausnahmesituation und die Konstanz der Bedrohung unabhängig von der jeweiligen Strategie im Land dazu, dass das Gras auf dem Rasen der Nachbarn grüner wirkt.  

Bei Twitter kommentiert Karl Lauterbach die Minimalöffnungsorgie wie folgt: `spätestens Anfang April liegt die Inzidenz über 100 und das Intermezzo ist beendet.` Der Tagesspiegel bezeichnet das als Warnung, dabei schwingt in dieser Prognose die Hoffnung mit, der Öffnungsspuk habe sich rasch wieder erledigt. Dies mag nicht so weit weg sein von der Hoffnung des Corona-Kabinetts, wenn man die Schleusen ein wenig öffne und die Inzidenz steige wieder an, werde die Bevölkerung sich anschließend mit Öffnungsforderungen zurückhalten, sich folgsam den Regeln des Corona-Klosters beugen und die Sündigkeit ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Kontakt einsehen.

Haha. Andreas Scheuer soll die Teststrategie ausrollen. Wahrscheinlich wird ein praktikables Mautsystem dabei herauskommen. 

Deine Zukunft ist eine Apotheke. Schnelltests, Spritzen, Masken. Das Licht am Ende des Tunnels ist kein Sonnenlicht. 

 

03.03.2021

Die Feststellung von Volker Bouffier, die Menschen hätten die Schnauze voll identinfiziert prägnant die Quelle der Infektionen.

Zur besten Sendezeit beklagte sich der Chef der Buchhandelskette Thalia bei Frank Plasberg darüber, das Schlimme sei, dass man derzeit an Entscheidungen nicht beteiligt werde. Eine bisher wenig bedachte Gruppe von Opfern: Alphatiere, denen man so wenig Beachtung widmet, dass sie sich bei Frank Plasberg beschweren müssen. 

Ein Jahr Pandemie der Talk-Shows, Kluges und Interessantes findet man so selten wie das Higgs-Boson am CERN. Die `Phönix-Runde` mit Diana Kinnert und Wolfgang Merkel war eines dieser Fundstücke. Wolfgang Merkel, dessen Forschungsschwerpunkte Demokratisierungsprozesse, Systemwechsel und Systemzusammenbrüche sind, äußert sich zu der leidigen Debatte um die korrekte Bezeichnung von Befugnissen für Geimpfte in einer Weise, die diese Debatte zu einem Ergebnis bringen könnte: solange noch der Staat und nicht die Bürger selbst darüber entscheiden können, ob sie geimpft werden oder nicht, handelt es sich bei der Wiedereinsetzung von Freiheitsrechten staatliche Willkür und somit erteiltes Privileg. Ein Verfassungsrechtler würde anders argumentieren, aber die Frage ob ein Grundrecht ein Privileg ist, wenn nur die Obrigkeit darüber entscheidet, wer es ausübt ist eben nicht nur eine verfassungsrechtliche Frage, sondern eignet sich als Lackmustest für die Qualität der demokratischen Substanz einer Gesellschaft. Je gewöhnlicher die willkürliche Zuteilung respektive Aussetzung von Grundrechten für bestimmte Bevölkerungsgruppen erfolgt, desto weniger erweist sich das Grundrecht als unteilbar, und desto deutlicher als Privileg, desto weniger dominiert in einer formalen Demokratie die demokratische Kultur, und desto mehr dominiert der Obrigkeitsstaat. Von daher befürwortet Merkel im Gegensatz zum mainstream die Vielstimmigkeit des Föderalismus als Ausdruck einer lebendigen Demokratie, zu der auch gehört, Meinungen zu tolerieren, die sachlicher Unfug sind. Diana Kinnert, Unternehmerin und Publizistin mit ausgeprägter Vorliebe für auffälligen Kopfputz, sieht vor allem in der Unterbindung von kultureller Aktivität und sozialem Kontakt den gefährlichsten Irrweg in einer `hybriden Situation`, weil grade in Krisensituationen mit ungewissen Perspektiven und Entwicklungen die Menschen dringend auf Kultur und sozialen Austausch als Techniken der Selbstvergewisserung, Verortung und Orientierung angewiesen seien. Das Ausmaß der Folgen der sozialen, psychologischen und ökonomischen Verwerfungen und die Komplexität der Situation werde von politischen Entscheidern, die von der Familie mit Einfamilienhaus, vier Zimmern und einem geregelten Einkommen als Standardmodell ausgehen, völlig unterschätzt. Der Hang, die eigene Bevölkerung als kollektive Entsprechung einer Normfamilie zu betrachten, die überall gleich gehandhabt werden kann und ähnlich leicht zu bedienen ist wie eine Glühbirne, die man an- und ausschaltet, erleichtert den Umgang mit dieser Krise durch Verharmlosung ihrer Konsequenzen. Widersprüche, wie zum Beispiel der Kontrast zwischen der Begründung von Maßnahmen zum Schutz vulnerabler Gruppen und dem tatsächlichen Status Quo seien Ausdruck dieser Unterschätzung. Da merkt man dann doch die CDU-Nähe von Frau Kinnert: als hätte sich die CDU von jeher für den Schutz `vulnerabler Gruppen` interessiert; wäre dem so, wäre das Ausmaß sozialer Gegensätze schon vor der Pandemie deutlich geringer gewesen, es gäbe weder HartzIV, noch Obdachlose, die in Mülleimern wühlen müssen. `Vulnerabilität` ist ein technischer Begriff den man einführte, um den Begriff der `Verletzlichkeit` nicht verwenden zu müssen, der eben weit mehr beinhaltet als den Grad einer akuten medizinischen Bedrohung. Überspitzt gesagt reduzierte das Besuchs- und Kontaktverbot in Alten- und Pflegeheimen nicht nur nicht das Infektionsrisiko, sondern raubte auch den überlebenden älteren Bürgern statistisch betrachtet Jahre ihres Lebens durch das Verbot von Berührungen: `Eine auf Dauer erhöhte Oxytocin-Ausschüttung- so zeigte eine Untersuchung bei langjährigen Paaren - verlängert das Leben.`(siehe hierzu die Wissenschaftsdokumentation `Die Macht der sanften Berührung` auf ARTE). Diana Kinnert und auch Wolfgang Merkel  sehen die exekutive Kaste zu optimistisch: die Herausforderungen der hybriden Situation werden keineswegs unterschätzt, sondern verharmlost - und das ist etwas ganz anderes. 

Bei diesem medialen Fundstück inmitten der Eintönigkeit der wiederverwendeten Talk-Teebeutel handelt es sich insbesondere deswegen um ein Juwel, weil man Lust bekommt, sich mit den Argumenten kritisch auseinander zu setzen. Um ein Themengebiet des Bruders von Wolfgang Merkel, Professor Reinhard Merkel, zu berühren: das ist Fernsehen als brain-enhancement. Jogging fürs Gehirn inmitten der Wiederholungsarien der immer gleichen Meinungen der immer gleichen Gäste, deren Liste so fest betoniert ist wie die Frisur von Markus Lanz und die Besetzung des Corona-Kabinetts. 

 

02.03.2022

Warten. Auf die Kleingeisterstunde der Exekutive am Mittwoch. Bis dahin: keine Wortspiele mit Haaren. Haargenau. Haargebuttentee. Haarakiri. Virus-Haariante. 

3 Uhr morgens. Auf meinem Handy-Display wackeln Leichenteile.

 

01.03.2022

Die neue Corona-Strategie orientiert sich an folgendem Prinzip: sämtliche menschliche Nähe rigoros unterbinden, sofern sie nicht einem ökonomischen Zweck dient. Während es in Baumärkten, Schulen, Betrieben und ÖPNV vor Menschen wimmelt, erklärt man Sitzen und Stehen an Flussufern zu Vergehen. Strengere Überwachung von Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum sollen den Schaden kompensieren, den Lockerungen im ökonomischen Bereich und auf dem Bildungssektor anrichten. Das führt zu absurden Szenen im Alltag: `Ob sie denn überhaupt öffnen dürfe, schließlich könnten sich Warteschlangen bilden? Ein Beamter kann sie beruhigen: `Warteschlangen sind vom Verweilverbot ausgenommen`.`(Christian Path, "Innehalten ist nicht erlaubt", SPON, 28.02.2021). Während man beim kollektiven Beine-in-den-Bauch-Stehen ruhig sich und andere infizieren darf, vertreiben Ordnungskräfte Rentner, die einsam und allein auf einer Parkbank sitzen. Leichtsinn und Gängelei gehen Hand in Hand. 

Wenn demnächst bei IKEA geimpft und getestet wird, wie Frau Hennig-Wussow vorschlägt, müssen pfiffige Produktnamen für Serum und Schnelltest her: Schnelltest `Hurtig` und Impfdosis `Kenül`. Nach dem Piks wird man mit einem Aperol Spritz belohnt.  

Gerappelt volle Frisiersalons. Ich schüttele das haarlose Haut und trete vor einen Stromkasten auf dem steht: Bei Beschädigung anrufen. Mach ich, aber es geht keiner dran. Kein Wunder wenn einem die Energie fehlt, dem Tag irgendetwas Sinnvolles abzuwringen. 

"Man hatte Dich an einem vertrockneten Flussufer gefunden. Man kann sich immer noch nicht erklären wieso Du klatschnass warst. Anscheinend warst Du bin schwerem Wasser abgesoffen. Du strahltest wie ein radioaktives Brennelement. Sanitäter mit Bleiwesten wuchteten Dich schleunigst in den Spezialnotarztwagen für Verstrahlte. Die Überdosis Radioaktivität, die Dich längst hätte umbringen müssen  war nicht der einzige Grund, warum Du längst tot sein müsstest. Kein Knochen im Leib war heile geblieben. Die Chirurgen gaben freimütig zu man hätte Dich eher aus Trainingsgründen wieder und wieder operiert. Bei jemandem weniger Prominenten hätte man diesen Aufwand aufgrund der Sparmaßnahmen kaum betrieben. Du hast keine Ahnung wen Sie meinen, wenn Sie von Dir reden." 

"Wer immer Du bist, Dein Hirn haben sie anscheinend nicht richtig zusammengeflickt. Beunruhigender als die Amnesie ist, dass es Dir nicht möglich ist die erste Person Singular zu denken. Du bleibst Du, selbst wenn Du an das Gadamer-Buch über Paul Celans Lyrik denkst."

 

29.02.2021

" `Unglaublich` war das erste Wort dass Du hörtest als Du wach wurdest. `Schall vor Licht`, dachtest Du bevor Du die Augen aufschlugst. Zu Beginn war das Universum zu dicht für die Durchlässigkeit von Strahlen, jedoch das optimale Medium für den selbstreferenziellen Transport von Schallwellen, ein blinder Kosmos im unreflektierten Selbstgespräch."

"Ein Mann mit OP-Maske, durch die ich die strenge Duftnote des magenkranken Kettenrauchers schnupperte, teilte Dir mir - während er Dir den Tubus aus dem schmerzenden Rachen zog - dass man nicht mit Deinem Überleben gerechnet hatte, schon gar nicht aber mit Deinem Erwachen aus dem Koma. Du versuchtest erst gar nicht zu sprechen, nahmst eine sprachliche Schonhaltung ein die Du bis heute nicht aufgegeben hast. Du überlässt das Sprechen dem unablässig laufenden Fernseher, der aus dem Winkel zwischen der Decke und Wand des Krankenzimmers stoisch auf Dich herabstarrt wie die Überwachungskamera über einem Gefängnistor. Ein Ministerpräsident beschwert sich über die Programmgestaltung des Senders der ihn zu Wort kommen lässt. Statt zur besten Sendezeit über die Medikamente gegen die Auswirkungen der radioaktiven Strahlung zu berichten, muss er sich in Talkshows zu nachtschlafender Zeit für Versorgungsengpässe und Nebenwirkungen rechtfertigen. Der Moderator, ein buckeliger Sunnyboy, dem die gekrümmte Sitzhaltung einen greisen Anstrich verleiht, weist die Vorwürfe entschieden zurück. Die Medien seien nicht schuld an den Missständen die sie berichten. Zuschauer hätte man auch genug, schließlich raube die Angst vor der Strahlenkrankheit den Menschen ohnehin den Schlaf. Milliarden Zuschauer hängen nachts vor dem Fernseher, Quoten die um diese Uhrzeit nur bei der Übertragung der ersten Mondlandung und den Kämpfen Muhammed Alis erreicht wurden. "

Stiller Protest der Öffentlich-Rechtlichen Sender gegen die Ermordung Kashoggis: die Werbespots für ´Neom`, die Planstadt mit der der saudiarabische Kronprinz die Welt verbessern will, wird nicht mehr geschaltet. Das ist doch mal eine Ohrfeige, die dem Prinzen so schlaflose Nächte bereiten wird wie Vladimir Putin eine Beschwerde von Heiko Maas. 

Verweilverbot in der Düsseldorfer Altstadt und am Rheinufer, man darf dort weder stehen noch sitzen, Masken sollen auch beim Spazierengehen und Joggen im Grünen getragen werden, die Polizei verfolgt mit Blaulicht Jogger ohne Nasen-Mundschutz, Zocker setzen schleunigst Beträge auf die Einführung einer Impfpflicht, bevor die Quoten in den Keller fallen. Ist es lediglich eine Koinzidenz, dass die Kritiken an dem Vorgehen von Diktaturen gegen die Pandemie verstummen? Die Unterschiede jedenfalls zwischen dem Umgang staatlicher Autorität mit den Menschen, die in einer Demokratie leben und den Menschen, die in einer Diktatur leben verschwimmen. Und worüber regt der Verfasser sich auf? Über Flegel, die städtische Mülleimer mit Pizzakartons verstopfen. 

Jens Spahn gibt den COVID-Clinton. Statt `ich habe geraucht, aber nicht inhaliert` `ìch war infiziert, habe aber niemanden angesteckt.` 

Pandemiemüdigkeit führt zu Konzentrationsschwächen, Konzentrationsschwächen führen dazu, dass Politiker sagen was sie denken. So gelangt Armin Laschet bei `Berlin direkt` zu der historischen Einschätzung: `Wir befinden uns seit 70 Jahren in einer schlimmen Krise`. Die neue Nachsitzende der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, will mit ihrer Partei `die CDU/CSU aus Deutschland vertreiben`. 

  

27.02.2022

Das Wording ändert sich. Statt `werden Corona überwinden` `Corona wird nicht verschwinden.` So wie die `Stunde der Exekutive` Synonym für die Ewigkeit wird, entwickelt sich der Marathon zu einem Lauf ohne Ziellinie und ohne Gewinner.

Glücklich und zufrieden. Endlich erscheinen Antriebslosigkeit und Lethargie sinnvoll. Inmitten des grassierenden Prokrastinationalismus fühlt man sich als unbewegter Unbeweger geradezu göttlich. Aus lauter ungepflegter Langeweile ließ man das Saufen bleiben, hoffte auf Unterhaltung durch Entzugserscheinungen. Die blieben aus. Grund genug eine Flasche Wein zu köpfen und sich gediegen einen hinter die Binde zu kippen. Prostkastrination. 

 

26.02.2021

Stell Dir vor es ist Lockdown - und keiner macht mit. Nach diesem Motto agieren derzeit europaweit die Bevölkerungen trotz steigender Infektionszahlen. Mit steigender Inzidenz sinkt der Glaube in die Zahlen. Neulich beim Bierchen im Haarstudio: `Glaubst Du den Zahlen des RKI`? `Quatsch. Sind doch alle frisiert.` Endlich...

Die LINKE Hennig-Wellsow will `alte Zöpfe abschneiden`. Na dann ab zum Coiffeur. 

Für einige Maskenbildner unter den Lobby-Register-Verweigerern hat die Maske einen unbestreitbaren Nutzen. Sie bringen ihre Nüsslein ins Trockene.

Der Inzidenzwert 35 verhält sich wie ein virtuelles Teilchen in der Physik. Er ist noch gar nicht wirklich da dann ist er schon wieder verschwunden. 

Der halbe Parteivorsitzende der halben Volkspartei SPD, Walter-Borjans, erlitt in einem Interview mit dem ARD/ZDF-Morgenmagazin einen Anfall von Ehrlichkeit. Statt in den allgemeinen Tenor einzufallen, man müsse vorsichtig öffnen wegen der Sehnsucht des Volkes nach Freiheit sagte er man müsse öffnen damit endlich wieder gearbeitet wird. Also: Freiheit macht Arbeit.

Die Parteitag der Linken offenbart das Kernproblem soziale Gerechtigkeit zu einem mehrheitsfähigen Thema zu machen, wenn ein Großteil der Menschen dies lieber nicht möchte. Es gibt zwei Gründe die LINKE trotz ihrer ihrer zutreffenden Kapitalismuskritik nicht zu wählen: weil man ihnen nicht zutraut etwas zu ändern und weil man ihnen zutraut etwas zu ändern. 

Das ist nicht weiter verwunderlich. Über Jahre hinweg haben Werbekampagnen das Thema Selbstverwirklichung aufgegriffen und es auf gelebten Narzissmus reduziert, dem die Gesellschaft lediglich Spiegel des eigenen Status und Erfolges und andere Menschen (inklusive der eigenen Familie und Freunde) lediglich Publikum des eigenen Imponiergehabes und der eigenen Selbstzufriedenheit sind. Natürlich sind Unternehmen nicht an Formen der Selbstverwirklichung von Menschen interessiert, die als politische und soziale Aktivität  stattfindet. Nein, jeder soll gefälligst nur an sich denken. Eine Politik, die Solidarität als Entsagung, Verzicht, Kontaktvermeidung und soziale Distanz begreift forciert noch diese Fixierung des Subjektes auf sich selbst, nimmt den Menschen jedoch die Möglichkeit der sportlichen Selbstoptimierung und das Publikum ihrer Selbstdarstellung. Nicht die sozialen Mißstände werden die Menschen auf die Barrikaden werden, sondern der erzwungene Verzicht auf Hedonismus. Die individuellen Existenzängste werden zwar ihr übriges dazu tun, dass man um Lockerungen nicht herum kommt, doch diese Ängste werden nicht Impuls eines Politikwechsels sein, sondern wollen lediglich so rasch wie möglich gelindert werden. Auch im Leiden am lockdown verbleibt jeder in seiner eigenen Monade.

 

25.02.2021

Na dann lassen Sie uns mal spucken wie es weiter geht.

Vordergründig führt die Bereitstellung von Schnelltests für den Eigenbedarf zu mehr Freiheit. Faktisch wird sie unter dem Vorwand Freiheit zu schaffen Freizügigkeit weiter reglementieren, sobald auch der Besuch von Geschäften für den täglichen Bedarf an den Nachweis eines negativen Tests geknüpft ist, der personalisiert und digital erfasst ist. Bundestagsagabgeordnete fordern, dass für Schüler der tägliche Schnelltest so obligatorisch wird wie das Zähneputzen, dies gilt dann auch für die gesamte Gesellschaft. Der Tagesablauf wird noch mehr als ohnehin von Corona und Verhaltensregeln bestimmt, zudem erhöht der obligatorische Test das Gefühl der Verunsicherung - einerseits durch die eingeschränkte Verlässlichkeit der Tests selbst, andererseits durch den Zweifel an der korrekten Durchführung seitens der Mitmenschen. Die Schnelltests schaffen weder mehr Sicherheit, noch mehr Freiheit - dafür garantieren sie lückenlose Bewegungsprofile aller sich tägliche testenden Seuchenherde namens Mensch. Zweifelhaft ist auch, ob unter den Bedingungen von Schnelltests, Maskenpflicht und Abstand die Reanimierung der Innenstädte erfolgt. Der Vorsitzende des Deutschen Städtebundes befürchtet, wir werden unsere Ortskerne nicht wiedererkennen. Sieht man sich viele Ortskerne so an kann man nur sagen: Hoffentlich behält er recht. 

Eine hochbegabte Freundin beklagte sich, dass es bei der Partnerwahl mal wieder dumm gelaufen sei. Konfrontiert mit ihren vielfältigen Fähigkeiten und ihrem Ehrgeiz suchten Partner beiderlei Geschlechts umgehend das Weite - oft unter der fadenscheinigen Entschuldigung soziale Distanz sei derzeit das Gebot der Stunde der Exekutive. Ein Freund erklärte ihr das mit den Worten: Niemand liebt die Klassenbeste. An diesen metonymischen Verweis auf die Schulzeit muss man denken, wenn man den Zorn erlebt, den Karl Lauterbach gelegentlich auf sich zieht, den am häufigsten missverstandenen Optimisten der Talkshows. Permanent kämpft Klein-Karlchen um die Aufmerksamkeit des Publikums und ist verschnupft, wenn die von ihm verkündeten Unvermeidlichkeiten nicht damit honoriert werden, dass die Aufmerksamkeit in Zuneigung umschlägt. Gestern zu Gast bei dem Neu-Schweden Markus Lanz ziehen ihn die anderen Gäste vehement des Schürens von Ängsten nur weil er angesichts der alternativlosen dritten Welle ein weiteres Durchhalten des lockdowns als unabdingbar erachtete. Wie sehr Karlchen Ablehnung mittlerweile gewohnt ist verrät die Monotonie seiner Stimmlage und Lautstärke selbst bei heftigsten Anwürfen, die ihrerseits den Vorwurf von Gefühlsarmut und fehlender Empathie provoziert. Lauterbach klingt immer gleich, egal zu welchem Thema er sich äußert und dies wird als Indiz mangelnder Anteilnahme ausgelegt. Dabei legt er selbst Wert auf die Betonung er wolle nicht Hoffnung nehmen sondern Hoffnung spenden: wenn man die dritte Welle diszipliniert überstehe sei doch dank Impfung und Testen Besserung in Sicht, haucht er schwach gegen die Gischt der Empörung seitens der anderen Gäste entgegen. Man möchte ihn, gekleidet in Lederhosen mit Hosenträgern und Kniestrümpfen, gerne auf den Schoß nehmen und ihm erklären: Karlchen, ich weiß Du bist kein Klugscheißer, Du hast wirklich immer recht, aber damit gewinnst Du weder einen Beliebtheitswettbewerb noch wählt man Dich in die Fußballmannschaft der Schule. Nicht mal zum Klassensprecher wird es reichen. Nun fallen Fehleinschätzungen - man erinnere sich an Lauterbachs Lobpreisung des lockdown light als schulbuchmäßig(!) - umso mehr ins Gewicht, je öfter man mit der Selbstgewissheit päpstlicher Unfehlbarkeit verkündet was mit absoluter Sicherheit geschehen wird. Dies allein reicht nicht hin, das Maß der Wut zu erklären, die dem Verkünder der schlechten Nachrichten entgegenschlägt, so als sei er nicht der Verkünder der schlechten Nachricht, sondern der Urheber der Misere. Was man ihm wohl besonders verübelt ist allerdings nicht die schlechte Nachricht, sondern dass er die destruktive Mächtigkeit der Endlosigkeit natürlicher Zahlen unterschätzt. Man müsse doch nur die dritte Welle überstehen, dann bestünde Hoffnung auf Lockerungen. Wie sagte gestern Journalist Gabor Steingart bei Maischberger? Wir leben alle derzeit in Kafkas Welt. Auf den Türhüter folgt der nächste Ladenhüter in Form eines schlecht beleumundeten Impfstoffes. Niemand muss Mathematiker sein und sich mit Cantor-Mengen auskennen um zu der Vermutung zu gelangen, dass der dritten britischen Welle die vierte südafrikanische Welle und die fünfte kalifornische Welle folgt und dass der Grenzwert im Unendlichen liegt - zumal mit zunehmender Testintensität auch der Grenzwert 35 sich in den Nebeln der Unerreichbarkeit verflüchtigt. Da die Bevölkerung es leid ist, immer wieder Charly Brown zu sein, dem Lucy den Football wegzieht reagiert sie in Ermangelung einer Gratifikation für Kraftanstrengungen, die ausschließlich darin bestehen, Kraft gegen sich selbst zu richten, mit fatalen Strategien. Um es mit Baudrillard auszudrücken erlebt das Subjekt einen `schleichenden sozialen Bedeutungsverlust mit immer weniger Möglichkeiten der Integration des Narzissmus`, der sich schließlich nicht mehr mit Selbstkasteiung begnügt und lieber Risiken für sich und andere billigt, als sich fortlaufend aufs Neue mit leeren Versprechungen auf ein besseres Jenseits vertrösten zu lassen, die nicht eingelöst werden. `In einer modernen kapitalistischen Gesellschaft Subjekt zu sein, bedeutet in einem Double-Bind zu leben, da der Narzissmus gleichzeitig tabuisiert und allerorten getriggert wird.`(Lars Distehorst, `Fatale Strategien`, in: Kritik des Postfaktischen, S. 199, E-book 2019). Wenn unablässig zum Beispiel für Fernreisen geworben wird, gleichzeitig jedoch die Einlösung der Versprechungen auf die Segnungen des Wohlstandes nicht nur in ungewisse Fernen rückt sondern insgesamt Entsagung und Verzicht gefordert wird, kommt es nach einer Zeit der Schockstarre und der Hoffnung auf Besserung durch Regression zu einer kollektiven, narzisstischen Revolte. Karl Lauterbach ist zu dürr, um den Bruch des errichteten Staudamms entgegenzuwirken. Politiker wie Sebastian Kurz sind längst zu der Einsicht gelangt, es sei trotz prekärer infektiologischer Lage besser Schleusen zu öffnen, als einen Bruch des Damms zu riskieren. Der bestünde darin, dass schließlich auch die wirkungsvollen Schutzmaßnahmen komplett ignoriert werden, die insgesamt durch die uneingelösten Versprechen auf Besserung diskreditiert sind.

Auch Erfolge bei der Impfkampagne werden die Bereitschaft zu Selbstisolation und Verzicht weiter reduzieren. Sinken die Sterberaten insbesondere bei den sogenannten vulnerablen Gruppen, werden die Menschen immer weniger bereit sein, sich den Verboten des Ausnahmezustands zu beugen.

Zu argumentieren es handele sich bei der Aufhebung von Freiheitsbeschränkungen für Geimpfte nicht um Privilegien, sondern die verfassungsmäßig gebotene Wiederherstellung von Grundrechten verkennt, dass im Ausnahmezustand grade die selektive Wiederherstellung von Freiheitsrechten ganz unzweifelhaft Privilegien schafft. Zudem trifft nicht einmal zu, dass von Geimpften keine Gefahr mehr ausgeht - wenn von 95% Geimpften 5% immer noch infektiös sein können, dann geht von den Geimpften, die wieder alle Freiheiten genießen und dies unter dem Eindruck geschützt zu sein auch tun werden eine größere Gefahr für die noch nicht Geimpften aus, als von den Nichtgeimpften für die Geimpften. Das Argument von den Geimpften gehe keine Gefahr aus, deswegen seien Ihnen ihre Freiheitsrechte wieder zugestehen ist fadenscheinig und lediglich Bestandteil des Impfmarketing. 

Dirk Brockmann ist bei Maischberger angenehm unbeeindruckt von Bildern dichtgedrängter Menschenmengen an Flusspromenaden. Derartige Bilde seien ebenso suggestiv ausschnittartig wie die Bilder schlittenfahrender Familien vor einigen Wochen. Aus epidemiologischer Sicht seien solche punktuellen Szenerien nicht relevant - es komme weniger darauf an, an welchen Orten sich wie viele Menschen aufhalten und infizieren, sondern wie stark Orte des infektionsgeschehens unabhängig vom lokalen Ausmaß mit anderen Orten vernetzt sind. 2 infizierte Menschen, die zwischen 20 Orten hin- und her pendeln sind gefährlicher als 20 Infizierte, die unter sich bleiben. Das alles hindert die Stadt Düsseldorf nicht daran, das Stehenbleiben und Sich Setzen in der Altstadt und am Rheinufer zu untersagen. 

Finnland geht ab dem 06. März in einen neuen lockdown. Die überwiegende Zahl der Finnen wird das kaum merken.

Finanzminister Olaf Scholz wird dafür kritisiert, er bahne den Weg zu einer europäischen Schuldenunion, in der die Nationalstaaten keine Kontrolle darüber haben, ob die Mittel zur Bekämpfung der Corona-Krise auch wirklich gemäß Zweckbestimmung eingesetzt werden. Das sei keineswegs zu dulden. Das erinnert an die Haltung guter Bürger, die Obdachlosen kein Geld geben, weil die es ohnehin nur versaufen. Ganz ehrlich? Wenn es Ihnen dadurch besser geht - Prost ohne Mahlzeit. 

 

24.02.2021

Dass sich in Feuchtigkeitscreme ausgerechnet eine Substanz namens `Homosalat` befindet belegt, dass vegane Chemiker zu Homophobie neigen.

Wer etwas vollmundig mit Mundschutz verspricht produziert Geblubber. Man möchte Jens Spahn die Verwendung schalldichter Masken empfehlen. Das ZDF-Magazin `Frontal` präsentierte gestern einen Spahnometer, der die Frequenz seiner ungehaltenen Versprechen vor dem Hintergrund der Inzidenzwerte abbildete. 

Pandemiker Kekule bemüht sich bei Lanz - zwischen allerlei Verweisen darauf in jedem Beratergremium Vorsitzender gewesen zu sein, schon im Pleistozän gewusst zu haben wie man Pandemien wirkungsvoll bekämpft und die Dinosaurier vorm Aussterben hätte retten können hätte man nur auf ihn gehört - zu erklären, wieso die mangelnde Verlässlichkeit von Schnelltests eine gute Sache ist. Den Ausführungen Lothar de Mezieres verdanken wir das Wissen, dass ein `Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe` existiert, das bereits 2007 im Rahmen einer `länderübergreifenden Krisenmanagementübung` (LÜKEX) den Pandemiefall durchspielte. Den Namen dieses Amtes, der exakt so klingt, als wäre die aktuelle Krise genau die, zu deren Management es geschaffen wurde, hatte man bis eben noch nie gehört. Es bedarf des Auftritts eines politischen Fossils und seinem postministerialen Geltungsdrang um das Emaille-Schild mit dem Bonner Schriftzug aus der Versenkung zu holen. Während aktive Politiker sich durch Versprechungen und wortreiches Zurückrudern auszeichnen, bestechen Ex-Politiker durch Interviews, in denen sie im Konjunktiv II darstellen, ihr Scheitern habe daran gelegen, dass man nicht erkannt habe, wie richtig sie mit ihren Warnungen und Vorschlägen schon anno dutzemal lagen. Ansonsten ist für Markus Lanz Israel das gelobte Land. 

Wer könnte leben ohne den Trost der Bäume? fragte einst Günter Eich. Da fallen einem diverse Personenkreise ein: Holzhändler, Goldsucher, Viehzüchter, Soja-, Weizen und Avocado-Bauern, Bau- und Immobiliengesellschaftern etc. Der Waldzustandsbericht der Bundesregierung dokumentiert, dass die Frage sich ohnehin bald nicht mehr stellt. Bis zu 90% des Baumbestandes (je nach Baumart) sind irreparabel geschädigt. Einige Lockdowns später spazieren die Menschenmassen durch Mond- und Kraterlandschaften, die übersät sind von Hülsen verhungerter Borkenkäfer. Die Dystopie aus `Silent Running` wird Realität - nur ohne interstellare Rettungskapseln für Vegetation und ohne pokerspielende Roboter. Eine trostlose Zukunft: die Ära des Kahlen Asten. 

Frappierend zahm verlief heute im Deutschen Bundestag die Befragung von Gesundheitsminister Spahn. Selbst die AfD blieb so höflich als habe man sich fraktionsübergreifend verständig, Jens Spahn die Wiederherstellung seiner Souveränität nicht allzu sehr zu erschweren. Umgekehrt stand die sichere und bis ins Detail sehr gut vorbereitete Performance Jens Spahns, inklusive seine differenzierten Antworten auf eindimensionale Fragen, im krassen Gegensatz zu den zugleich nichtssagenden und vielversprechenden Phrasen bei an die breite Öffentlichkeit gerichteten Auftritten, die einem so vorkommen als höre man jemandem zu, der vergeblich darum ringt die richtige Sprache für die Anrede eines zweijährigen Kindes zu finden - die derzeit leider übliche Art der Ansprache, die Komplexität reduziert, dadurch sachlich ungenau und widersprüchlich formuliert und so den Eindruck von Inkompetenz und Intransparenz beim Souverän hinterlässt, der zudem die penetrante Zwangsregression auf den Status eines KITA-Besuchers widerwärtig findet. Die Neigung der Regierung, in der Krise den Entzug von Freiheiten zu legitimieren, indem man der Bevölkerung den Erwachsenenstatus durch misslungene Babysprache abspricht, ist unangemessen genug - krass wird es, wenn der Gesundheitsminister auf die Anfrage der Linken, warum man zwecks Beschleunigung und Erweiterung der Produktion von Impfstoffen keine Zwangslizenzen vergebe antwortet, er habe die Erfahrung gemacht, dass man bessere Ergebnisse erzielt wenn man auf Kooperation statt auf Zwang setze. Ein Satz, der von der schwedischen Regierung stammen könnte, wäre er auf die Bevölkerung und nicht auf die Pharmakonzerne gemünzt. Denn bei der eigenen Bevölkerung wird auf repressive Maßnahmen, statt auf Dialog und Kooperation gesetzt, da man ihr Bevölkerung die charakterliche Reife nicht zutraut, die man bei humanitären Unternehmen wie Pfizer voraussetzt. 

  

23.02.2021

Gorbatschow wird 90. Man wünscht sich Perestroika und Glasnost in Europa. 

Wie ist das denn nun mit dem Verhältnis von Modellierungen des zu erwartenden Infektionsgeschehens und der tatsächlichen Entwicklungen? Um das herauszufinden muss man Pioniere an die Front schicken, in diesem Fall Schüler, Lehrer, Kleinkinder und Betreuer. Als `Lockerung` zu bezeichnen, dass Schüler wieder auf herkömmliche Art und Weise ihrer Schulpflicht nachkommen sollen ist etwa so als befreie man Sklaven von Fußfesseln, damit sie sich frei auf einem Minenfeld bewegen. 

Die exponentiell wachsende Heerschar der Leser beginnt lästige Fragen zu stellen: warum immer weniger Bezug genommen wird auf die mediale Aufarbeitung der Pandemie und ihrer sozialen Begleiterscheinungen in den Medien? An einer Wechselwirkung der eigenen und der Autoren von Kolumnen. Thomas Fischer? Schweigt. Samira al Quassil? Stumm. Sibylle Berg? Schmollt sibyllinisch. Niedergeschlagen von dem Umstand, dass Meinungsfreiheit nicht gleichbedeutend ist mit Einfluss, es sei denn man verfügt über die Algorithmen und Kampagnenfähigkeit globaler Konzerne, ziehen sich die Kolumnisten zurück. Getrieben von der Sehnsucht nach Freiheiten, die weder gewährt noch eingeschränkt werden, begeben sie sich auf subversive Urlaubsreisen. Dem lockdown begegnen sie mit ihrem persönlichen (B)Logout. 

Es folgt am 03. März der nächste Gipfel der Intransparenz. So dürftig, widersprüchlich und begründungsarm die lockdown-Politik daher kam so dürftig, widersprüchlich und begründungsarm wird die Verlock-Up-Politik daher kommen. Der gestern bei Frank Plasberg gastierende Präsident des Deutschen Reiseverbands, Norbert Fiebig, wird weiter darauf warten müssen eine plausible Antwort auf die Frage zu erhalten, warum Flugreisen trotz vorher zu absolvierendem Test, virenfilternden Klimaanlagen an Bord und Verpflichtung zum Tragen von FFP2-Masken, deren Einhaltung an Bord überprüft wird, bei gefühlter Strafandrohung missbilligt werden, während man testfrei und ohne leistungsfähige Lüftungsanlagen, sowie Kontrolle der Einhaltung der Maskenpflicht die Erwerbsabhängigen und Schüler Tag für Tag in Bussen und Bahnen durch die Walachei gondeln läßt. Für viele Reisende würde ein Urlaubsantritt eine deutliche Reduzierung des Infektionsrisikos bedeuten, wenn sie zum Beispiel nach Thailand, Kuba (!) oder China reisen. Aber man möchte natürlich nicht ausgerechnet durch Lockerungen im Touristikbereich Anreize senken sich impfen zu lassen und gefälligst zwischen Wohnung und Arbeitsplatz zu pendeln, bis einem der Segen des Impfpasses - der neuen Greencard für den Aufenthalt jenseits der deutschen Grenzen - zuteil wird. Bis zum 03. März wird man sich überlegen wie man nach monatelanger Fixierung auf Inzidenzwerte trotz deren Anstieg Abmilderungen von Kontaktbeschränkungen begründet, ja durch Schul- und Kitaöffnungen sogar Kontaktförderung betreibt. Wenn es gut läuft wird man sich auf sinkende Todesraten bei steigender Inzidenz stützen können, etwa nach dem Motto: einen Flugzeugabsturz pro Tag ist uns der Präsenzunterricht in den Schulen wert.    

 

22.02.2021

Man sollte Kardinal Wölki das Pandemie-Management überlassen. Der würde Corona einfach vertuschen. Berichte über Kindesmissbrauch würden geschwärzt wie Verträge der EU mit Impfstoffherstellern.

Am Sonntag platzen die Monaden und die Menschen saufen Limonaden an den Ufern künstlicher Seen. Inline-Skater, Radfahrer und Wanderer zwängen sich mit verbissenem und angewiderten Gesichtsausdruck durch kontaktfreudige Nadelöhre zwischen Süßwasserspeichern und Verkehrsadern. Die ungeduldige Kakophonie der Fahrradklingeln, noch übertönt vom Sturmtruppengetöse der Motorradkolonnen, muckt auf gegen die Stille des wolkenlosen Himmels. Genug ist genug, endlich muss wieder Lärm her. Die Menschen stürzen sich auf das sonnige Wochenende wie Aasgeier auf einen Kadaver oder Bürgermeister auf übrig gebliebene Impfdosen. Ein letzter Tag der Freiheit bevor der R-Wert wieder steigt, die Mauern sich wieder schließen und die Schelte der Regierung für das unvernünftige Verhalten an diesem Wochenende auf einen herabprasselt. Die Menschen verbringen ihn auf Waldwegen ohne Wald, die durch Felder von Verwüstung und Kahlschlag führen und auf den Promenaden am Rand von Stauseen mit bedenklich niedrigem Wasserstand. 

Diskussionen über Stufenpläne, während die Infektionszahlen steigen. Das Wunschdecken, Stufen führten immer nur bergab trifft auf den stillschweigenden politischen Pragmatismus Öffnungen zu erlauben, sobald unerreichbare Inzidenzahlen erreicht werden. 

 

21.02.2021

Jeder lebt in seiner Blase. Igitt.

Auch wenn die Dritte Welle einen urinduftigen Einsamkeitstsunami auslöst ist zu hoffen, dass sie besser früher als später die soziale Ödnis der Ausweichmanöver auf Bürgersteigen und Verrenkungen auf Waldwegen überrollt. Besser jetzt als Warten auf den nächsten Schließmechanismus, der uns in überhitzte Wohnungen sperrt, die von interferierenden Hitze- und Infektionswellen überrollt werden.

 

20.02.2021

`Ist hier etwa Weibsvolk unter den Steinigern?` Eine corona-konforme Huldigung an den Monty-Python Klassiker `Das Leben des Brian` gelang zwei Frauen in Florida: "Als Seniorinnen verkleidet wollten sich zwei jüngere Frauen im US-Bundesstaat Florida Corona-Impfungen erschleichen. Am Mittwoch seien die beiden Frauen im Impfzentrum aufgefallen, die sich mit Hauben, Handschuhen und Brillen als Omis verkleidet hätten und ihre zweiten Impfdosen bekommen wollten. `Ich weiß nicht, wie sie das erste Mal entwischt sind.` sagte der Gesundheitsbeamte Raul Pino." Diese Story wird Drehbuchautoren nicht entgehen. Man freut sich schon auf die Umsetzung dieses Schelmenstreichs als Episode von `Orange is the new Black`. 

Nicht dass einem die `Bild` leid tun muss, wenn ein Shitstorm auf sie herabregnet. Die Vehemenz, mit der die BILD-Zeitung für ihre Veröffentlichung über die Studie des Nanowissenschaftlers Prof. Dr. Roland Wiesendanger angeprangert wird, erinnert an die Überreaktion eines Immunsystems, die durch Bekämpfung eines Erregers die Krankheit verschlimmert, gegen die sie kämpft und erreicht stellenweise die Qualität von hate-speech. Worum geht es in der Studie, die unter http://doi.org/10.13140/RG.2.2.31754.80323 veröffentlicht ist? Wiesendangers Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der SARS-CoV-2-Erreger nicht natürlichen Ursprungs ist, sondern Produkt aus der praktischen `gain-of-function`-Forschung in einem Labor in Wuhan hervorging. Die `gain-of-function`-Forschung ist ein Zweig der Killologie, deren Ziel es ist, Krankheitserreger für Menschen ansteckender, gefährlicher und tödlicher zu machen. Motivation für Wiesinger, der sich über die Reaktionen auf die Veröffentlichung der Studie im Klaren war, ist nach seinen Worten eine öffentliche Debatte über Gefahren und ethische Aspekte dieser Forschung zu einer effektiven ABC-Kriegsführung. Wiesinger, seines Zeichens Leopoldina-Mitglied und ein für den Nobelpreis in Physik gehandelter Wissenschaftler, hat für die Veröffentlichung Rückendeckung der Universität Hamburg, die die Ergebnisse seiner Studie auf ihrer website veröffentlicht, womit sie ihrerseits ins Fadenkreuz der Kritik gerät. Die sachlichen Kritiken am Design der Studie, ihrem Zustandekommen und ihren Schlussfolgerungen haben Gewicht. Sie sind unter anderem zusammengefasst auf amp.welt.de (`Die ungewöhnlichen Wuhan-Thesen aus Hamburg`, 19.02.2021). Wiesendanger selbst äußert sich in einem Interview auf ntv (`Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen`) ausführlich zu Kritik und Motiven. Die Intensität, mit der Wiesinger und die BILD für die Publikmachung angegangen wird, ist durch methodische Mängel und zweifelhafte Schlussfolgerungen allein nicht zu erklären, vielmehr sind sie Ausdruck einer mehr oder minder unverhohlenen Angst vor der `Gelben Gefahr`. Nur einmal angenommen Wiesendangers Annahmen erwiesen sich nicht als unzutreffend oder - was im Endeffekt auf das selbe hinausliefe - seine These finde Gehör, dann stünde die Welt, deren Wirtschaftsmotor derzeit von China angetrieben wird, vor dem heiklen Problem des Umgangs mit einer wirtschaftlichen und militärischen Weltmacht, die eine Pandemie angezettelt hat. Dieses Problem darf einfach nicht bestehen und schon gar nicht heraufbeschworen werden, abzulehnen und zu bekämpfen ist Wiesingers Studie daher unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Im Lärm um diese skandalöse Studie gerät der eigentliche Skandal in den Hintergrund: dass überhaupt daran geforscht wird, Erreger noch tödlicher für Menschen zu machen. Wie man wohl die Tödlichkeit testet?

Zwei mit Corona infizierte Hauskatzen müssen in Quarantäne. Eine Hundehütte böte sich an.

Kontaktvermeidung und soziale Distanz sind keine Ausgeburten der Pandemiebekämpfung. Tatsächlich fördern bargeldloses Bezahlen, das Auflösen von Filialen, die durch Online-Plattformen, Chat und Call-Center ersetzt werden und der Aufstieg des Online-Handels die Reduzierung von physischen Kontakten und den Anteil an aerosolgeschwängerter Kommunikation. Das panoptische Prinzip als Fundament staatlicher Kontrolle hat durch soziale Netzwerke und überhaupt durch elektronische Netzwerke längst fundamentalen globalen Charakter über Staatsgrenzen hinaus. Selbst der ambulante Mensch ist durch die Erfassung von Bewegungsprofilen jederzeit stationär, sein Verhalten ist erfasst und wird durch Algorithmen beeinflusst. Was klassisches Ziel der Eindämmung von Infektionen und Krankheit ist - die Vermeidung ungewisser Verteilung wie Foucault es in `Die Geburt der Klinik` ausführt steht von jeher Modell für die Kontrolle über Menschen und die Unterbindung der Verbreitung von virulentem Gedankengut. Von daher stehen die Strategien der Pandemiekontrolle in einer Tradition, deren globale Verbreitung über nationale Grenzen hinweg mit der Globalisierung von Lieferketten und Datenströmen schon vor Corona eine atemberaubende Beschleunigung erfuhr. Dass sich ohne Scheu vor Wertewidersprüchen auch demokratische Systeme zu Exzessen der Beschränkungen geistiger und physischer Bewegungsfreiheit hin reissen lassen, folgt also lediglich einem Trend, dessen dramatische Fortsetzung die Gesellschaften weltweit erleben - offenbar wirkt die panoptische Verführung übergreifend in Organisationen, die Menschen zu Massen versammeln. In weltweit agierenden Konzernen ebenso wie in Staaten unabhängig vom politischen System. Auch Freiheitsbeschränkungen in freiheitlichen Gesellschaften sind nichts Neues. Freiheiten, die einem gewährt werden unterliegen permanent Umdefinierungen nicht nur in Form von staatlichen Reglementierungen, sondern auch gewollten Reduzierungen und Modifikationen unserer Möglichkeiten und auszutauschen, zu informieren oder Leistungen in Anspruch zu nehmen. Jede Privatisierung von ehedem staatlichen Einrichtungen reduziert die Möglichkeiten des Souveräns mit der ihm vorgeblich dienenden Staatsmacht zu kommunizieren und Einfluss auszuüben. Es wäre im Übrigen eine blanke Illusion würde man meinen, dass zwar globale Lieferketten und digitale Netzwerke exakt technisch gestaltet und durchgeplant werden, ein globale Steuerung von Verhaltensweisen, Verhaltensmustern, Kommunikationswegen und Kommunikationsgewohnheiten sei jedoch weder gewollt noch überhaupt machbar. Das selbe gilt für gewährte Freiheiten, die maßgeblich davon abhängen, welche Möglichkeiten den Menschen eingeräumt werden sie auszuüben. So besteht die eigentliche Stoßrichtung der Globalisierung nicht in der Beschleunigung von Waren- und Datenströmen, sondern in der Schaffung einer möglichst kontaktlosen Welt, in der Kommunikation und soziale Aktivität von der physischen Begegnung (und schlimmer: von der Versammlung von Menschen zu einer Bewegung) entkoppelt werden. Jeder Mensch soll zu einer Insel werden - das wäre dann auch das Optimum der sozialen Distanz und Kontaktvermeidung. Die Ziele der No-Covid-Strategie ist strukturell verwandt mit dem Modell einer globalen Gesellschaft, in der Kontaktvermeidung und physische Vereinzelung erstrebenswert sind. Eine kontaktlose Welt wäre auch eine Welt mit reduzierter Mobilität und - da Einzelhandel und Kneipen zu subversiven Orten des Superspreadings von Viren und Verschwörungstheorien gebrandmarkt werden - zu Grünflächen transformierten Innenstädten. So avanciert der lockdown mit seinen Bewegungs- und Kontaktbeschränkungen zur Strategie der Bewältigung der Klimakrise. In einer Welt, in der Pandemie und lockdowns eine Fiktion wären, würde man zur Reduzierung der Folgen des Klimawandels möglicher Weise früher oder später zu ganz ähnlichen Mittel greifen (zugeben, all das schreibe ich nur, weil ich mich heute maßlos darüber aufregte, dass in Ermangelung von Postfilialen Auskünfte nur noch online einzuholen sind - es versteht sich, dass die Hotlinenummer dauerhaft besetzt ist). 

 

 

19.02.2021

Der Vorsitzende des Ethikrats, Peter Dabrock, wird in einem Distanzinterview bei phoenix gefragt, was er von den Äußerungen seines Ethikkollegen Gerald Hüther hält, der sinngemäß sagte man solle wegen einer Krankheit, an der vorwiegend senile Moribunde sterben nicht einen solchen Aufwand betreiben. Darauf antwortete Peter Dabrock: da ist wohl eine Batterie ausgefallen. Großartige und passende Antwort, auch wenn er sich damit auf seine Kopfhörer bezog und die Frage überhaupt nicht mitbekommen hatte. 

Was die Impfstoffe angeht wird deren Sicherheit dick und fett unterstrichen. Wird etwas überbetont erzeugt das S(k)epsis und weckt Erinnerungen an andere Beteuerungen dieser Art: die Kernkraft ist sicher. Die Rente ist sicher. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen. Und mit der Impfung ist keine globale Volkszählung verbunden. 

Was bleibt einem als ehemaliger Politkarrierist im Alter? Ein gerüttelt Maß an grinsender Selbstgefälligkeit. So gestern demonstriert von Heiner Geißler bei Markus Lanz. Pardon...Jürgen Trittin. Auch noch da: die sich notorisch bevormundet fühlende Thea Dorn. Im Gespräch mit ihr outet sich Markus Lanz - das haut mich um - als Fan der schwedischen Strategie. Die Apotheose der Freiheit ausgerechnet bei Markus Lanz.   

Wirtschaftsminister Peter Hannen-Altmeyer hat einen hohen Grad an Perfektion darin entwickelt konstruktive Vorschläge stoisch zu ignorieren und Kritik auszublenden, die ein Spiegelbild des Stoizismus ist, mit der Regierungssprecher bei der Bundespressekonferenz auf Fragen der Journalisten vernunftwidrig schweigen. Peter Madsen, dänisches Dynamit in Amt und Ehren als Bürgermeister von Rostock, hat bei Maybrit Illner Gelegenheit diese Fähigkeit Altmeyers ausgiebig zu bestaunen. Der Anarchist und Rockstar unter den kommunalen Kreuzrittern gegen COVID-19 erläutert launig, wie es in Rostock gelingt die Infektionszahlen niedrig zu halten - mit einfachen Mitteln des Direktmarketing. Im Zentrum der Rostocker Strategie stehen Tests und eine digitale Nachverfolgung von Kontakten im öffentlichen Raum (im Einzelhandel, in Schulen, an Stätten sportlicher und kultureller Aktivität). So entsteht zum einen ein Screening des lokalen Infektionsgeschehens und eine Clusterung, bei der sich unter anderem ergibt, dass die Erzählung vom Tourismus als Infektionstreiber sich zumindest für Rostock als Fiktion erweist. Das selbe gilt für Sport- und Kulturstätten, aus Madsens sich wichtige Gesundheitsfaktoren in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation in der man suggeriert, Gesundheit sei ausschließlich die Vermeidung von Infektion. Bevor der Einwand geltend gemacht wird ein solches Screening lasse sich aus Datenschutzgründen nicht bundesweit durchführen erläutert Madsen wie einfach es geht wenn man schlicht ein Opt-In von den Menschen einholt wie es jedes Telemarketing-Unternehmen auch tut. Die direkte Ansprache der Bürger bei gleichzeitiger Hervorhebung der Freiwilligkeit erhöht die Bereitschaft zum (Mit)machen. Sie aktiviert und ermuntert, gibt den Menschen das Gefühl in Eigenregie und unter Beibehaltung von Souveränität entscheiden und handeln zu können. In der Arbeitswissenschaft würde man von erfülltem Kohärenzsinn und einem ausgewogenen demand-controll-Verhältnis sprechen, Dinge, die im Verordnungswahn einer postdemokratischen Gesellschaft im Ausnahmezustand verloren zu gehen drohen. Peter Altmeyer hört sich das alles gutmütig grinsend an im Wissen, dass kein Vorschlag vernünftig sein kann, der nicht aus der christ- und sozialdemokratischen Heilslehre stammt, die in alttestamentarischem Furor Katastrophen heraufbeschwört und Erlösungen verspricht. Nach der Talkshow blättert er ein wenig in Sören Kierkegaards `Furcht und Zittern`, und amüsiert sich in den Schlaf, feixend und grinsend wie eine Ratte bei der Lektüre der `Pest` von Camus.

So charmant, reizend und humorvoll Peter Madsen auch daherkommt - sein Blick über den Tellerrand reicht jedenfalls bei Illner nicht weit genug über die deutsch-dänische Grenze hinaus. Man müsse sich in Nachbarstädten umsehen welche Maßnahmen sie mit welchen Erfolgen und Misserfolgen ergreifen, um sich einen Überblick über Risiken und Wirkungen zu verschaffen. Wie wärs mit einem Blick nach Havanna? Oder Seoul? Das fordert später bei Markus Lanz dankenswerter Weise der Journalist Wolfram Weimer - um die Folgen eines globalen Ereignisses auch lokal abzumildern genügt  es nicht, wenn der Blick nur von Tegernsee bis Flensburg reicht.      

Verabschiedung der Journalisten bei der PK von Jens Spahn und Lothar Wieler (mit den üblichen schwammigen Antworten Jens Spahns und dem ebenso standardisierten streng erhobenen Zäpfchens von Lothar Wieler): wir sehen uns Wieler.

Bei der heutigen Regierungspressekonferenz war erneut das traurige Schauspiel zu sehen, wie man Pressefreiheit ins Leere laufen lässt. Auf die Nachfrage eines Pressevertreters zur Bewertung des vom Gesundheitsministerium angegebenen Betrages für den Biontech-Impfstoff wir diesem beschieden: da müssen sie sich an Brüssel wenden. Der Journalist hakt nach: das seien aber doch Zahlen, die das Gesundheitsministerium veröffentlich habe. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums: ich habe dazu nichts zu sagen. Die Pressefreiheit kann man wirkungsvoll konterkarieren, indem man von der Macht Gebrauch macht einfach nicht zu antworten. Die Freiheit Fragen zu stellen ist wenig wert, wenn es keine Verpflichtung zur Antwort gibt.   

Marsmännchen Joe Biden bei der Sicherheitskonferenz in München eine Rede voller Pathos und Ambitionen. Immerhin hatte er es eilig das diplomatische Feld der Verwüstung aufzuräumen, dass die Trumpisten hinterließen. Gut dass der Mann schon so alt ist. Wem wenig Zeit bleibt der drückt auf die Tube. Jetzt n Multilatte Macchiato. 

 

18.02.2021

Die Lage bleibt weiterhin angespahnt. Von Pressekonferenz zu Interview werden die Haare des Gesundheitsministers immer lichter, so als als wisse er schon jetzt, dass die Frisiersalons bald wieder dauerhaft schließen. 

Bei Maischberger ist Sachsens Osterhase Michael Kretschmer zu Gast. Erwartungsgemäß zieht man ihm nicht den exekutiven Zahn. Statt die Frage zu stellen wie er dazu kommt ein Reiseverbot und damit eine weitere per Gesetz oder Verordnung bestimmte Freiheitsbeschränkung in Aussicht zu stellen wird lediglich gefragt, wie er zu seiner Einschätzung der Entwicklung der epidemiologischen Lage kommt. Die Moderatorin und ihre Gäste nicken stillschweigend einen Automatismus ab, der ohne Umwege über parlamentarische Debatten und Bürgerbeteiligung den Entzug von Grundrechten an die epidemiologische Lage koppelt, beziehungsweise (was noch fragwürdiger ist) an deren Interpretation durch die Regierung. Nicht das Verbot wird hinterfragt, sondern lediglich die Einschätzung der pandemischen Situation. Nur zur Erinnerung: es besteht kein Reiseverbot, es wird lediglich von Reisen abgeraten. Zwar gilt es als nicht empfehlenswert zu reisen und Urlaub mag derzeit so verpönt sein wie Thomas Müllers soloselbständiger Heimflug im Astronautenanzug, aber noch ist es erlaubt, die gesellschaftliche Ächtung zu ignorieren, seine Koffer zu packen und zum Beispiel nach Schweden zu fliegen, sich im Duty-free-shop mit Zigaretten zu versorgen und den Abend in bierseliger Runde in einem Stockholmer Cafe` zu verbringen. Besorgniserregend an Kretschmers wohl auch als gesellschaftlichen Reaktionstest intendiertem Vorpreschen ist nicht seine Einschätzung der epidemiologischen Lage, sondern die kritiklos hingenommene Ausbreitung der exekutiven Kampfzone. Die öffentliche Empörung entzündet sich nicht an dem angekündigten Verbot, sondern lediglich an seiner als verfrüht und anmaßend empfundenen Prognose auf die Entwicklung der Inzidenz.

Gegen Kretschmanns Osterei nimmt sich Armin Laschets Auftritt vor Verbänden der Wirtschaft aus wie eine harmlose Büttenrede. Dass man, wie er sagt, nicht das gesamte Leben an Inzidenzen ausrichten könne, bestreitet auch Kretschmer nicht. Kann er auch schlecht, da er trotz seiner düsteren Prophezeiung in seinem Bundesland Schulen und Kitas wieder öffnet und den Virusvarianten jede Menge Spielraum lässt, um die Inzidenz wieder in den dreistelligen Bereich zu hieven. 

Auch Hansi Flicks auf Karl Lauterbach gemünztes Bashing der `sogenannten Experten` wird in der Runde skandalisiert. Man beeilt sich festzustellen, dass Karl Lauterbach (im Gegensatz zu Hansi Flick) selbstverständlich ein Experte sei. Es wird Hansi Flick kaum darum gegangen sein, Karl Lauterbachs Kompetenz als Gesundheitsökonom im Frage zu stellen. Was ihn nervt (und da wird er keine Ausnahme sein) ist die allgegenwärtige Inszenierung Karl Lauterbachs als Reinkarnation Leonardo da Vincis auf den ADHS-Bühnen der Medien, die als Universalgelehrter zu jedem Thema - natürlich auch zum Thema Fußball - etwas Belehrendes beisteuert. Dafür macht Flick nicht Karl Lauterbach verantwortlich. `So genannt` wird er von denjenigen, die ihm bereitwillig zu beliebigen Themen das Mikro unter die Nase halten oder ihm einen Gästestuhl unter den Hintern schieben. Was man Flick vorwirft ist Häresie und Ketzerei gegen den Gott der Unken.  

Bei aller Missbilligung der vornehmenden Zurückhaltung Sandra Maischbergers was den kritischen Umgang mit Machtmenschen betrifft, die sie aufgrund einer gewissen Faszination für Charisma wohlwollend zu behandeln neigt (...weswegen schon Schmidt Schnauze als Gast unbehelligt blauen Dunst verbreiten durfte...) - auf der Metaebene kann man die Dramaturgie in der Abfolge der Gesprächspartner (erst ein Repräsentant einer zunehmend restriktiv agierenden Staatsmacht, anschließend Weltpräsident ohne Mandat Bill Gates) als implizite Skepsis an der Rollenverteilung von Staat und privatem Kapital verstehen. Kritiker von Freihandelsabkommen kritisieren von jeher, dass dem Staat als Steigbügelhalter des Kapitalismus in diesen Abkommen vor allem die Funktion zukommt, mit Hilfe repressiver Maßnahmen das freie Handeln von Industrie und Kapital zu gewährleisten. Die derzeitige globale Situation kann dafür durchaus als exemplarisch gelten. Die Durchhalteparolen der Regierung, die Freiheitsbeschränkungen die gelten, aber auch das geradezu provokante Stümpern von Regierungsorganisationen im Krisenmanagement spielen der Industrie und Autokraten in die Hände, die - zum Segen der Volksgesundheit - rasch und unbeeinträchtigt ihren Geschäften nachgehen können, wenn die Bevölkerung stillhält und die Parlamente sich dem Zeitdruck beugen, der schnelle Entscheidungen verlangt, die durch demokratische Prozesse nur unnötig verzögert werden. Der nette Bill Gates macht vor, wie der Kapitalismus die Welt retten kann: durch Mildtätigkeit in Form von Stiftungen. Durch Impfstoffe die von den Tischen der Kapitalisten fallen. So sehr es zu wünschen ist, dass dank der Segnung des humanitären Engagements von Multimilliardärinnen irgendwann 2022 auch der große, arme Rest der Welt an der Nadel hängen darf - es dem Ethos reicher Privatpersonen und Unternehmen zu überlassen, die Welt nach eigenem Gutdünken mit überlebensnotwendigen Gütern zu versorgen, bestätigt und verfestigt die sozialen und ökonomischen Ungleichheiten, die durch die Konzentration von Kapital und Macht in privaten Händen produziert und verstetigt wird. Dieses `Modell` unterscheidet sich nicht grundlegend von der Strategie von Kartellen in Lateinamerika, durch mildtätige Gaben ihre abhängige Kundschaft in Slums und Favelas bei der Stange zu halten. 

Bei Markus Lanz beklagt Carsten Linnemann, die Gewöhnung der Menschen an Online-Dienste werde über die Pandemie hinaus den Einzelhandel schwächen und die Attraktivität der Innenstädte werde verschwinden.  Wer nun aber gedacht hat, Schlauberger Linnemann setze an zu einer tiefschürfenden, foucaultschen Analyse des Zusammenhangs zwischen staatlichem Abscheu vor der unübersichtlichen Zerstreuung der Virenschleudern namens Mensch in den Labyrinthen von Boutiquen und Cafes (oder gar Kneipen), der durch Transformation der stay-at-home Politik zur dominierenden Form sozialer Organisation begegnet werden soll, der willkommenen Konzentration von Menschen an Arbeitsplätzen und Wohnort und dem Interesse der Industrie an der Berechenbarkeit des Verhaltens und der Vorlieben ihrer Kunden und einer Optimierung ihrer Manipulationsalgorithmen, der wurde enttäuscht. Linnemann will das Problem der verödeten Innenstädten durch Senkung der Parkplatzgebühren lösen. Aber mal ehrlich: etwas anderes hat man von Carsten Linnemann auch nicht erwartet. 

Zu einer Richtigstellung in der heutigen WAZ sieht sich Philosoph Albert Newen veranlasst: `Wir haben natürlich ein grundgesetzlich geschütztes Recht auf Freiheit inklusive Versammlungsfreiheit, aber jetzt liegt ein Fall vor, in dem man diese Freiheit mit guten Gründen einschränken kann. Dies geschieht wohlweislich immer nur zeitlich begrenzt.` Welche zeitliche Begrenzung meint er? Längst scheint es so zu sein wie Arbeitsverträgen: nach dreimaliger Befristung wird entfristet. 

      

17.02.2021

Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Leider nein. Es bleibt unfreiwillig lustig.

Die österreichische Journalistin Corinna Milborn, von Markus Lanz zur Situation an den deutsch-österreichischen Schlagbäumen befragt, konstatiert: Der Stau hält sich in Grenzen. Klar. Ist ja Sinn der Sache.

Grotesk wie eine besonders farcierte Folge von `Black Mirror` kommt die staunende Bewunderung der Gäste bei Markus Lanz über die erfolgreiche Pandemie-Strategie des Böblinger Landrats Roland Bernhard daher. Seine geniale Idee: er bietet in Böblingen Schnelltests kostenlos an. Nein! Sämtlichen marktwirtschaftlich gestählten, empathiebefreiten und gegen Existenzangst immunen Talkgästen fällt die Kinnlade herunter. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Inmitten der kapitalistische Verwertungslogik! Einstein ist nichts gegen das Böblinger Superhirn.  

Die Superhirne in den Ministerien eilen von Gipfel zu Gipfel, während die Seuche in den Niederungen tobt. Grund genug sich über das ekelerregende Miasma zu erheben, das im lockdown umso strenger aus den sozialen Abgründen ausdünstet. 

Die Schnelltests kommen. Europas Bevölkerung gurgelt, spuckt, streicht ab und klingt wie ein gigantischer verstopfter Abfluss.

Die Infektionszahlen stagnieren. Grade noch rechtzeitig bevor der kritische Wert 50 erreicht wird hat man vorsichtshalber den Schwellenwert auf 35 gesenkt - Prophylaxe gegen allzu heftige Öffnungsorgien. 

Forscher arbeiten an Impfstoffen, die man inhalieren kann. Damit setzt der Impfstoff lokal genau dort an wo das Virus angreift. Ein guter Einfall. Als Verschwörungsschwurbeler von Welt behaupte ich allerdings dass es sich bei diesem Ansatz um einen cleveren Marketing-Trick der Tabak-Industrie handelt. Sie wittert die Chance den Absatz für Vaporizer kräftig anzukurbeln. Mittlerweile ist der virale Effekt der Botschaft, dass Raucher weniger anfällig für Corona-Infektionen seien, verpufft. Die Kreativdirektoren müssen sich also dringend etwas Neues einfallen lassen um dem tendenziell steigenden Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung etwas entgegenzusetzen.  

Markus Blume, seines Weichens Generalsekretär der CSU, liefert beim politischen Aschermittwoch der CSU den nächsten Brüller: er bezeichnet die Grünen als Verbotspartei. Man kann ja grade im Söderland besichtigen, wie entschlossen sich die Regierung dem Freiheitskampf verpflichtet fühlt.

Eilfertig versuchen Wir-Ologen und Politiker die Wogen um den Impfstoff Astra Zeneca zu glätten und betonen dessen hohe Wirksamkeit. Unbestritten  ist seine offenbar erhebliche Nebenwirksamkeit (`Geimpfte klagen über starke Nebenwirkungen´, WAZ von Heute). Nun ja...es wird ja nur die Wirksamkeit des Impfstoffes betont und nicht behauptet, die Wirkung sei heilsam. 

Das Saarland will Werbung für Produkte verbieten, die nicht lebensnotwendig sind. Das erzeugt Neugier: bieten Dating-Plattformen lebensnotwendige Produkte an? Darf noch für Bier geworben werden? Für Automobile? Oder gar für Reisen? Wird ein Unterschied gemacht zwischen lebensnotwendig und systemrelevant? Man darf jedenfalls gespannt sein was von Regierung wegen für lebensnotwendig bestimmt wird. 

Wie auch immer Markus Söder darauf kommt ohne seine Corona-Plattegie hätte es 1000 Tote mehr in Bayern gegeben. Jedenfalls entblödet er sich nicht an dieser Zahl den Erfolg seiner Corona-Politik festzumachen. Für einen Erfolg könnte er sich rühmen wenn er auch nur eine 10-fach höhere Todesrate als Kuba oder Südkorea erreicht hätte. Sich zu loben nur weil das Desaster noch schlimmer hätte sein können ist ein beispielloser Zynismus. 

 

16.02.2021

Kurzsichtigkeit bringt Musik in mein Leben. Überall sind Mozartwagen unterwegs. 

Na sowas. Minijobs erhöhen das Armutsrisiko heißt es im Wirtschaftsmagazin WISO. Eine Binsenweisheit die obendrein die Lage beschönigt. Minijobs sind Armut.

Man mag ja die Empörung über Urlaubsdekrete in Coronazeiten für das Gejaule verwöhnter Wohlstandsschnösel halten, so wie Thomas Kolendowicz in seinem Leserbrief in der WAZ von heute: `Dann jammert jemand wegen nicht möglichem Urlaub zu Ostern. Und viele jammern mit. Ich nicht! Wir können uns im Gegensatz zu Terroranschlägen vor Corona schützen. Wir müssen uns nur zusammenreißen und Abstand halten.` Grade in Zeiten des sozialen Abstands möchte ich dem Verfasser nicht zu nahe treten. Die Frage sei aber erlaubt, wieso es nicht möglich sein soll auch im Urlaub Abstand zu halten. Grundsätzlich ist der Status Urlaub ebenso wenig mit Distanzlosigkeit gleichzusetzen wie Mobilität mit Händeschütteln. Gleichgesetzt wird Urlaub mit Disziplinlosigkeit und physischer Begegnung. Selbst wenn dies so wäre: Disziplinlos verhalten kann man sich ebenso in der eigenen Stadt, und sich zum kollektiven Kuscheln in den eigenen vier Wänden verabreden. Urlaub zu machen per se als unsoziales Verhalten zu diskreditieren ist wie in anderen Lebensbereichen auch einfacher als Freizeitangebote und Tourismus so zu gestalten, dass Infektionsrisiken reduziert werden.  

Goethe war für die Impfpflicht. Fuck You Goethe.

Einige Tausende unter den Myriaden von Lesern, die diesem Blog stündlich folgen, wird sich möglicher Weise an die Rolle erinnern, die Kuba zu Beginn der Pandemie in Italien spielte. Kuba entsandte unter anderem nach Italien medizinisches Personal und versorgte an COVID-19 Erkrankte mit dem Medikament INFrec des kubanischen Unternehmens BioCubaFarma. Auch Kritiker des politischen Systems auf Kuba geben gelegentlich zähneknirschend zu verstehen, dass sie das kubanische Gesundheitssystem für hoch entwickelt und effizient erachten, betonen aber im selben Atemzug ganz im Geiste des üblichen politischen Lagerdenkens, dass die Diktatur eben Mittel zur Durchsetzung von Maßnahmen der Pandemiebekämpfung einsetzen kann, die den Werten einer freiheitlichen Gesellschaft nicht entsprechen. Kuba verzeichnet in scharferm Kontrast zu anderen karibischen und lateinamerikanischen Ländern eine geringe COVID-19 Sterberate, gemäß den Seiten des auswärtigen Amtes Deutschland kommen auf 11,7 Millionen Einwohner 255 an oder mit COVID-19 Verstorbene. Das entspricht einer Sterberate von 0,00002179. Zum Vergleich: in Deutschland starben bis heute bei einer Einwohnerzahl von 83,02 Millionen (Stand 2019) 65604 Menschen an oder mit COVID-19. Das entspricht einer Sterberate von 0,00079022. Selbst wenn bei Kuba nicht eine Null mehr hinter dem Komma stünde, wären in Deutschland wäre in Deutschland die Sterberate knapp 4 mal so hoch wie in Kuba - mit der Null weniger liegt sie 40 mal so hoch. Drastisch gesagt: in Deutschland starben pro Tag phasenweise 4 mal so viele Menschen an COVID-19 wie auf Kuba in der gesamten Pandemie. Was unternimmt der kubanische Klassenfeind, das repressive Regime, die karibische Diktatur um die Bevölkerung durch Unterdrückung zu schützen? Das meiste kommt einem bekannt vor: lockdowns, Masken tragen in der Öffentlichkeit, Schließung von Geschäften und kulturellen Einrichtungen. Vor allem aber: Prävention, in der reaktionären Pandemiebekämpfung der freiheitlichen Gesellschaftern ein ziemliches Fremdwort: `Wie hat Kuba, das unter dem Wirtschaftsboykott der US-Regierung leidet und zu den ärmeren Ländern der Region gehört, das geschafft? `Unsere Aufgabe ist es, die Infektionsketten nachzuverfolgen.` erklärt die Familienärztin Solange Cruz per Telefon. Cruz, die eine Praxis in Havannas Altstadt hat, zieht täglich von Haus zu Haus, um nach Verdachtsfällen zu fragen. So machen es in Kuba derzeit Tausende Ärzte und Medizinstudenten. Man warte nicht darauf, bis ein neuer Fall auftauche, sondern suche ihn. Es sei die Prävention, die den Unterschied ergebe, ist Cruz überzeugt.`(Phillip Lichterbeck, Marcel Kunstmann, `Kuba bekämpft das Virus mit Nähe`, Tagesspiegel.de, 19.06.2020). Damit mag Kuba Erfolg haben, zugegeben, es ist ein Armutszeugnis der wohlhabenden Gesellschaften sich kein besseres Gesundheitssystem leisten und ja, wir haben mehr Tote. Das sei eben der Preis unserer Freiheit. Ausgangssperren, Grenzschließungen, Urlaubsverbote, Kontaktbeschränkungen, Berufs- und Besuchsverbote, Maskenpflicht...von welcher Freiheit ist die Rede und welche der in Kuba getroffenen Maßnahmen würden den Rahmen der bei uns gültigen Freiheitsbeschränkungen sprengen? Derzeit leben wir weder in einer freien Gesellschaft, noch wird erfolgreich die Pandemie eingedämmt und die Bevölkerung geschützt. Stattdessen verkaufen die gewählten Volksvertreter ihre Inkompetenz und Überforderung als Resultat in einer freiheitlichen Gesellschaft gebotenen Abwägungsprozesse. Statt losgelöst von bornierten ideologischen Bedenken das Erfolgsrezept Kubas in Erwägung zu ziehen wird es noch nicht einmal verworfen, sondern gar nicht in Betracht gezogen weil es nicht Produkt eines demokratischen Systems ist. Würde das kubanische Rezept gegen Corona die Welt retten dürfte man es aus Gründen demokratischer Correctness nicht verwenden - selbst wenn wäre die Welt untergegangen, bevor das Rezept die Qualitätsprüfungen der hiesigen Behörden durchlaufen hätte. 

 

15.02.2021

Geballte politischen Inzidenz bei Anne Will mit Christian Lindner, Olaf Scholz, Anna-Lena Baerboeck und Markus Söder. Um es mit dem Fazit aus `Burn after Reading` zusammenzufassen: Was lernen wir daraus? Nichts. Die einstufige Änderung des Schwellenwertes 50 auf 35 wird als Erfüllung des Versprechens auf einen Stufenplan verkauft, das Öffnen der Frisiersalons und das virtuelle Öffnen des Einzelhandels bei Erreichen eines stabilen Inzidenzwertes unter 35 (bundesweit? landesweit? Gemeindeweit? Wie lange heißt `stabil?) als klare Perspektive, das Öffnen von Kitas und Schulen als Strategie, so als sei eine Maßnahme schon Strategie, ein eventuell vielleicht Irgendwann eine Perspektive und eine Stufe bereits eine Treppe. Anna-Lena Baerboeck zitiert die Simpsons: die Kinder, denkt der hier niemand an die Kinder? selbst wenn es um Grenzschließungen geht. Ölige Gebrauchswagenverkäufer bieten einen Opel ohne Motor als Rennwagen an, Moderatorin und Opposition wissen, dass sie und das Publikum an der Nase herumgeführt werden und bleiben so friedlich, wie es sich am Kaminfeuer gehört. Aus dem Hintergrund prophezeit Angela Merkel, die längst nicht mehr Kanzlerin sondern Orakel von Erkai ist, das wird nicht gut enden.

Die klaustrophobische Stimmung, die bei Überqueren leerer Plätze gelegentlich in Agoraphobie umschlägt, wird geschürt indem man die Vermeidung sozialer Kontakte zum obersten Gebot erklärt. Das entspricht dem generellen Vorgehen, den Fokus auf die Vermeidung von Infektionen zu legen statt auf die Ermöglichung eines gesellschaftlichen Lebens der Pandemie. Dabei ist die Reduzierung sozialer Kontakte nicht erforderlich - Abstand zu halten ist erforderlich, nicht die Reduzierung sozialer Kontakte. Statt also deren Vermeidung zu fordern wäre es geboten, die sozialen Kontakte so zu gestalten, dass die Wahrung des Abstandes gewährleistet ist. Eine ermöglichende, statt verbietende, eine Hoffnung statt Alarm verbreitende Kommunikation würde nicht die Kontaktvermeidung anordnen, sondern vermitteln unter welchen Bedingungen soziale Kontakte bei reduziertem Risiko stattfinden können. Von nichts - außer der Herdenimmunität, einem Impftermin und einem Sommerurlaub sind wir weiter entfernt.

Zur Ermöglichung sozialer Kontakte gehören auch Selbsttests. Dass die sich durchsetzen werden daran besteht kein Zweifel - dafür werden die Kontaktbörsen sorgen. Zum Repertoire der verantwortungsvollen Swinger werden demnächst nicht nur das Set Kondome in unterschiedlichen Farben, Geschmacksrichtungen und mit unterschiedlicher Noppengröße gehören, sondern auch ein Etui von aromatisierten Schnelltests, die in den Supermärkten an der Kasse zu erwerben sind, wo man sie in den Displays direkt neben Zigaretten, Gleitcreme und Schwangerschaftstests findet. Es wird zu folgenschweren Verwechslungen kommen. Schwangere begeben sich In Quarantäne weil sich für infiziert halten, Infizierte freuen sich zu Unrecht über Nachwuchs.

Auf dem `Platz des Versprechens an Europa`(...Impfstoff?...), den es in unserer kontaktbeschränkten Innenstadt tatsächlich gibt geriet ich in ein Getümmel Sprüche klopfender Aluhutträger. Ich dachte ich sei in eine Querdenker-Demo geraten, dann fiel mir ein: es ist Rosenmontag. 

Auch wenn `seine Vergleiche hinken wie Goebbels` ist Jan Fleischhauers heutige Kolumne im Fokus wegen ihres nahezu staatsfeindlichen Furors zur Lektüre empfehlen (`Jan Fleischbeschauer, `Das Vertrauen erodiert: Nach Corona erwartet Deutschland die nächste schwere Krise`, Focus online, 15.02.2021). Eine kleine Textprobe soll Appetit auf seine staatsverächtliche Philipikka wecken: `Je mehr der einzelne Bürger auf staatlichen Schutz angewiesen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das nächste Jahresende nicht lebend erreicht. Das ist keine polemische Zuspitzung, das ist die Beschreibung der Lage. Das Mortalitätsrisiko in Relation zur Abhängigkeit von staatlicher Fürsorge lässt sich sogar ziemlich präzise fassen. Man muss nur die täglichen Sterbetafeln aus den Altenheimen zur Hand nehmen.` (...) `Die Regierenden ziehen aus dem eigenen Unvermögen den Schluss, dass man ihnen jetzt erst rechts gehorchen müsse. Kein Wort der Einsicht oder Entschuldigung. Nur Durchhalteparolen sowie neie Anweisungen und Zumutungen. Grade weil der Staat versagt hat, soll der Bürger auf ihn bauen.` Es wäre wohl zu viel von Jan Fleischhauer zu erwarten, seine Leser zu Ungehorsam und Widerstand aufzufordern. Seine Empfehlung bleibt dem Mißtrauen gegen den Staat mit mehr Vertrauen in die Marktwirtschaft zu begegnen und clever zu investieren - dass jedoch hilft den von ihm beklagten Opfer des Staatsversagens nicht, die nicht nur wegen des Staatsversagens begehrte Intensivbetten und Appartements durch ihr Ableben freigaben, sonderm auch weil der Staat das Gesundheitswesen privatisierte oder zu reinern Kostenstellen herabwürdigte, die nach marktwirtschaftlichen Prinzipien desorganisiert wurden. 

 

14.02.2021

Kahle Bäume bewachen ein leerstehendes Bürogebäude. Baumpatrouille. 

Jetzt zu verkünden, der Osterurlaub falle aus wie sich dies der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer heraus nimmt geht ein wenig über die von Frau Merkel verwendete Formulierung hinaus man müsse doch nur noch ein Bisschen durchhalten. Schon jetzt (...und überhaupt)...ein faktisches Reiseverbot über Ostern anzuordnen ist eine in ihrer Reich- und Tragweite selbst im Rahmen eines Ausnahmezustands zutiefst beunruhigende Proklamation. Die Furcht vor dem langen Arm der Exekutive übersteigt allmählich die Furcht vor dem Virus, das man damit zu bekämpfen behauptet. Angesichts der Grenzkontrollen, die derzeit obligatorisch sind könnte man sagen, die Staatsmacht teste, aber nicht auf Corona, sondern ihre atemberaubend erweiterten Grenzen aus.  

 

13.02.2021

Das Mantra der Selbstabsolution, das in Regierungskreisen bis zum Sanktnimmerimpfungstag wiederholt wird, sobald Regierungshandeln und -Nichthandeln hinterfragt, kritisiert, konstatiert wird lautet: nicht wir sind verantwortlich, sondern das Virus. So weit bekannt ist kandidierte COVID-19 weder bei Bundestags- noch Landtagswahlen. Das Virus traf auch nicht die Entscheidung Senioren lebendig zu begraben und Ausgangssperren zu verhängen. Es schloss weder Schulen, noch Kitas und ordnete keinen lockdown an. Es erteilte keine Besuchs- und Berufsverbote, ruinierte keine Einzelhändler und Künstler, verödete nicht die Innenstädte und erhöhte Selbstmordraten, es förderte nicht Suchtprobleme und Depression. Diese Entscheidungen trafen die Hunde der Exekutive, nicht das Virus. Die billigste Art und Weise in Krisen Verantwortung von sich zu weisen und gleichzeitig Macht zu behaupten ist das eigene Stümpern der Hinterhältigkeit des Problems anzulasten. 

Krisen treiben mitunter seltsame journalistische Blüten. Sahra Wagenknecht veröffentlicht ihre Ratgeberkolumne für Kapitalisten (`Weitergedacht - die Wagenknecht-Kolumne`) bei Fokus-Online, die nicht im Verdacht steht die aktuelle digitale Plattform der Neomarxisten zu sein. Nun präsentiert sich Sarah Wagenknecht schon seit einiger Zeit als Stellvertreterin des chinesischen Politmarketings, das der Weltöffentlichkeit die Überlegenheit des kommunistischen Einparteiensystems durch wirtschaftlichen Erfolg und aktuell auch durch effektiveres Krisenmanagement  vor Augen führt. Trotz der etwas aufdringlichen Weise, den Kommunismus als den besseren Kapitalismus zu überhöhen (wer versteht schon mehr vom Kapitalismus als die Marxisten) lohnt sich die Lektüre ihrer aktuellen Kolumne: `Merkel hat weder Ideen noch Strategie: ein Plädoyer für eine klügere Corona-Politik`, da sie präzise auf den Punkt bringt, was viele ohnehin ahnen und beanstanden: das sich im Regierungsbunker die Meinung verfestigt hat, `dass man mit dem Mantra Kontakte reduzieren und mit dem Starren auf die Inzidenzzahlen so gut gefahren ist, dass man damit spielend auch die nächsten Monate überstehen kann`, und das obwohl gemessen an der Sterberate `der lockdown in Deutschland schlechter funktioniert habe als der Weg, den andere Länder eingeschlagen haben.` Die Lektüre der prägnanten Darstellung der Versäumnisse, Bequemlichkeiten, Verblendung und Täuschungen der Direkt-Toren auf der politischen Galerie (in Anlehnung an Kafkas Parabel `Auf der Galerie`), denen Frau Wagenknecht ihr `Da es aber nicht so ist` entgegenblasiert empfiehlt sich noch aus einem weiteren Grund - der Text führt einem exemplarisch vor Augen wie leicht schlagkräftige und sachlich berechtigte Argumente gegen das Vorgehen (und die Vergehen) der politischen Galeristen als Waffen gegen die parlamentarische Demokratie eingesetzt werden können, wenn deren ausführenden Organe sich über die Werte hinwegsetzen, die sie eigentlich repräsentieren sollen. Sahra Wagenknecht urteilt: `Den Friseuren sei die Sonderregelung von Herzen gegönnt. Sie zeigt allerdings exemplarisch, mit welcher Willkür Angela Merkel und Co. derzeit Grundrechte aufheben oder auch gewähren als handele es sich um politische Gnadenakte. Wohl dem, der Gnade findet.` Dieser Satz könnte deckungsgleich auch von Alice Weidel stammen. Man wird sehen müssen, wie massiv bei Verstetigung des Ausnahmezustandes der Souverän seine Souveränität nachhaltig einbüßt - und an wen er sie verliert.  

Was kann schlimmer sein als politischer Dilettantismus? Wenn es sich nicht um politischen Dilettantismus handelt, sondern um Strategie. Dass man sich bei der Beurteilung des Erfolgs der Corona-Politik mit bemerkenswerter Kaltschnäuzigkeit an der Entwicklung der Inzidenz, statt an der Sterberate orientiert ist gemessen an der Zielsetzung, eine Belastung des Gesundheitssystems zu vermeiden nur logisch. Jeder zusätzliche COVID-Tote bedeutet ein Intensivbett, das frei wird (dann schon lieber annehmen, dahinter stecke kein strategisches Kalkül). 

 

12.02.2021

Kaum gesprochen wird über die eigentlichen Opfer der Stay-at-home-Politik: die Katzen. Die Zahl der Angriffe von Stubentigern auf ihre pelzlosen Dosenöffner nimmt so exponentiell zu wie die Verbreitung der Virus-Mutationen. Der Grund für das psychotische Verhalten der Katzen ist die permanente Präsenz ihrer menschlichen Mitbewohner in der von den Katzen als ihr Revier betrachteten Wohnung (Pierre Longeray, `Lockdown: Manche Katzen haben keinen Bock mehr auf ihre Besitzer`, vice.com, 02.02.2021).

Gestern bei Panorama in einem Beitrag über `Tote nach Impfung` wurde der Pathologe Dettmayer mit den Worten vorgestellt: `Seit mehreren Jahrzehnten obduziert er Leichen.` Aha. Was sollte er wohl sonst obduzieren? Fallobst? 

Die Tagesthemen bringen einem Beitrag über junge Menschen aus Europa, die sich nach Stockholm abgesetzt haben um endlich wieder normal zu leben. Damit ja nicht der Verdacht aufkommt, man könne dies zur Nachahmung empfehlen durchzieht den Beitrag ein despektierlicher Ton, der demjenigen der Beiträge über Querdenker entspricht. Das schwedische Modell wird als `hochumstritten` bezeichnet, im derzeitigen Jargon der Journalisten ein Synonym für lichtsinnig und gefährlich. Verwiesen wird auf die hohe Todeszahl in Schweden. Ein Blick auf die Statistiken zeigt, dass die Zahl der COVID-Toten gemessen an der Gesamtbevölkerung trotz höherer Inzidenz nicht höher ist als in Deutschland. Es bleibt dabei: der schwedische Weg darf keinen Erfolg haben. Corona-Bekämpfung ohne lockdown (stattdessen mit milden restriktiven Maßnahmen) ist ein Tabu. 

Verschwörungsmystiker aufgemerkt: im ZDF/ARD-MoMa spricht der Moderator von `Intendanzwert` statt von `Inzidenzwert`. Das war kein Versprecher, sondern ein versteckter Hinweis. 

Keine Furcht vor großen Aufgaben muss man haben, wenn man deren Schwierigkeiten klein- und die eigenen Misserfolge zu Erfolgen großredet. Den Vogel schießt Markus Söder bei Namensvetter Markus Lanz ab. In Deutschland gelingt es seit Beginn der Pandemie nicht, die zu schützen zu deren Schutz die repressiven Maßnahmen ergriffen worden. Und wie sieht das Franz-Josef Strauss? Deutschland stehe besser da als andere Länder und ohne das konsequente Handeln der Regierung seien tausende von Menschen `mehr` gestorben (...falls er das nicht quantitativ, sondern qualitativ meinen sollte: wie stirbt man mehr als zu sterben? Lebt man dann wieder nach dem Motto minus mal minus gleich plus?). Es genügt also, dass man unter den Schlechten nicht der Schlechteste ist um sich selbst zu loben, und ein Totalversagen ist ein Erfolg, wenn es noch schlimmer hätte kommen können. Markus Söder benutzt gerne den Begriff `benchmark`. So wie er es versteht, ist der benchmark und damit die Schwelle zur Exzellenz der niedrigste Wert oberhalb des Tiefstwertes. Selbst durchzufallen ist noch ein gutes Gelingen wenn andere noch tiefer fallen. Da spricht kein Überflieger, sondern nur ein Abgehobener.

Mit dieser Schnöseligkeit ist er natürlich nicht allein. In einer Phönix-Runde lauschte ich einem EU-Parlamentarier, der allen Ernstes behauptete, die steigende Impfbereitschaft sei auf das Vertrauen zurückzuführen, dass die EU durch die Prüfung der Impfstoffe seitens der EMA geschaffen habe. Was ist nochmal die EMA? (Wer meinen gesamten Blog gelesen hat weiß das...und den kennt doch nun wirklich jeder LOL...). 

 

11.02.2021

Haste keinen Friseur dem Du das erzählen kannst? Leider nein. 

Ohne haarspalterisch sein zu wollen: Das mit Abstand wichtigste und bei genauem Hinsehen einzige greifbare Resultat der gestrigen MPK ist die Öffnung der Friseure ab 01. März. Schlecht frisierte Politiker, die sämtlich die Tinktur von Miraculix aus dem Asterix-Band `Asterix, der Gallier` zu sich genommen haben, präsentieren ihre Comedy-Show `Locke down`. Nicht so sehr hygienische oder ästhetische Gründe waren ausschlaggebend für diesen - es ist früh und ich hatte noch keinen Kaffee, daher die in sich widersprüchliche Formulierung - umwerfenden Meilenstein in der Geschichte des Pandemiemurkses, sondern in dem obigen abgedroschenen Gassenhauer anklingende soziale Gründe. Friseurbetriebe - so erläutert es  Anna Mayr bei Maischberger - seien für viele ältere Menschen das einzige Umfeld, in dem sie noch soziale Kontakte hätten. Das ist traurig, aber nichts gegen mein Schicksal - seit Jahrzehnten zieht der Verfasser oben blank...ich sehe mich bettelnd und winselnd vor dem Schaufenster von Friseursalons herumlungern an denen ein Plakat mit traurigen Glatzköpfen hängt auf dem geschrieben steht: Kojaks müssen leider draußen bleiben.

Dennoch frohlocke ich bei der Aussicht auf offene Haarstudios, mir läuft das Wasser im Munde zusammen und ich reibe mir die Hände. Das liegt nicht daran, dass ich mich auf den Dialog mit Barbieren freue, sondern daran, dass etliche Barbiere im Pinselumdrehen zu Betreibern von Bierbaren avancieren. Irgendein Haarsadeur wird mich schon einlassen und mir Pils und Korn servieren, bis sich die Barbiere in Barbies verwandeln. Ein raffinierter, von schlecht frisierten Haarspitzenpolitikern verkündeter Beschluss, der einer verdeckten Wiedereröffnung der Gastronomie gleichkommt.   

Ansonsten nichts Relevantes. Die Senkung des Richtwertes 50 auf 35 entspricht der zu erwartenden Erhöhung des R-Wertes durch die Mutanten - dem 30%ig höheren Infektionsrisiko entspricht die Senkung des Schwellenwertes um etwa 30%. Der Schwellenwert ist so wachsweich wie der Dotter eines 5-Minuten-Eis. Ab einem stabilen Inzidenzwert von 35 können Einzelhandel und Museen unter strengen Auflagen geöffnet werden. `Kann wieder geöffnet werden` heißt nicht `wird wieder geöffnet`. Ob bis zur nächsten MPK am 03. März dieser Inzidenzwert erreicht wird ist ebenso unsicher, wie es unsicher ist ob es bei diesem Richtwert (der eben nur eine Variable ist) bleibt. Dass man sich drei Wochen Zeit für die nächsten Beschlüsse lässt ist ein Glühwürmchen Logik des Nebels, in dem das Corona-Kabinett herumstochert. Der Bioinformatiker Rolf Apweiler hat berechnet, dass in zwei bis drei Wochen ein Kipppunkt erreicht wird, ab der die beschleunigte Ausbreitung der Mutationen bei Beibehaltung der derzeitigen Maßnahmen die fallende Kurve der Infektionszahlen kompensiert. Dementsprechend haben alle Aussagen aus der MPK die Konsistenz von Wackelpudding und ihre Halbwertszeit ist niedrig. Um im Dotterbild zu bleiben: Angela Merkel eierte auf die Nachfrage herum was denn in diesem Zusammenhang stabil bedeute. Auf die Frage hin, wie man bei Öffnung des Einzelhandels bei verschiedenen Inzidenzwerten in den Bundesländern Grenzverkehr vermeiden wolle entsprachen die vagen Antworten einem kollektiven Achselzucken. Was man öffnet sind vor allem Interpretationsspielräume. Man mag das als Zeichen von Unsicherheit mit dem Effekt von Verunsicherung deuten, man kann es auch als klammheimliches Umschwenken auf den schwedischen Weg deuten. Die Öffnung der Auslegungsspielräume lässt Platz für Eigenverantwortung, man geniert sich jedoch zuzugeben, dass nicht die Restriktion Ursache sinkender Inzidenz sind (wie Markus Söder es auslegt, der die Fallzahlen als Erfolg der von der Regierung formulierten Verbote preist) , sondern das eigenverantwortliche Umsetzen der Maßnahmen durch die Bevölkerung. Dazu müsste man der MPK allerdings strategische Weitsicht unterstellen, was schwer fällt. Insgesamt fragt man sich mehr und mehr, wozu das Corona-Kabinett tagt, dessen Beschlüsse uninspiriert, nicht zielführend und von fortgesetzter Mut- und Ratlosigkeit sind.

In der folgenden Talkshow-Orgie bei ARD, ZDF und Phoenix spiegelte sich diese Auffassung durchaus wieder. Je offenkundiger einerseits die Defizite der Exekutive bei der Findung und Umsetzung von Maßnahmen der Eindämmung der Pandemie jenseits von Schließungen und Verboten werden und und andererseits deutlich wird, dass die Bevölkerung (abgesehen von uneinsichtigen Arbeitgebern) längst Schutzmaßnahmen auch ohne Verbot verinnerlicht hat, desto intensiver wird das Kopfschütteln über das Fehlen von Schnelltests, Selbsttests, funktionierende APPs, Lüftungssysteme, Methoden der Abstandssicherung in Betrieben und im öffentlichen Raum, vom Impfdesaster ganz zu schweigen. Es ist kaum noch zu übersehen, dass der zu Beginn des Jahres 2020 unter akutem Handlungsdruck und bei unklarer Datenlage eilends improvisierte Churchill-Warroom namens Corona-Kabinett sich im Gegensatz zum Virus und zur Erkenntnislage nicht weiterentwickelt hast und den Erfordernissen der pandemischen und sozioökonomischen Lage nicht mehr entspricht, im, Gegenteil. Das krampfhafte Festhalten an der zu Beginn der Krise notwendigen Handlungsvollmacht der Exekutive erweist sich als Hemmschuh. Das liegt auch daran, dass die Machtmenschen des politischen Alltags sich zunehmend als Scheinriesen entpuppen, die sich als rhetorisch und intellektuell hausbacken entpuppen und zudem ihre Überforderung mit den Herausforderungen der Komplexität der realen Welt außerhalb der bequemen und wohlgeordneten Komfortzone ihres Regierungsapparates nicht mehr verbergen können. Die MPK ist das Fossil der Pandemie, entsprechend der Rückständigkeit der Regierung bei der Digitalisierung. Hubertus Meyer-Burckhardt drückt sich höflich aus, wenn er den MinisterpräsidentInnen mangelnde Phantasie bescheinigt: so kann man Inkompetenz konstatieren ohne unfreundlich zu wirken. Tatsächlich jedoch bedarf es zur Umsetzung nichtrestriktiver Maßnahmen (wie oben skizziert) nicht etwa Phantasie, sondern Organisationsvermögen, Sachverstand und die Bereitschaft und vor allem Fähigkeit und die Bereitschaft sich gigantischen praktischen, nicht intellektuellen Herausforderungen zu stellen. In der gestrigen Phoenixrunde bringt es der Spiegeljournalist Markus Feldenkirchen auf den Punkt: die erstaunlichen, eklatanten Versäumnisse bei der Umsetzung von nichtrestriktiven Maßnahmen der Pandemieeindämmung lassen sich nur mit Angst vor der Größe der Aufgabe erklären. Lockdown und Verbote sind einfach - daher das Festklammern an der putinhaften, uneingeschränkten Macht der Exekutive. Die Bevölkerung zu beteiligen, mit einzubeziehen, Motivation zu stärken, statt Gehorsam zu zu erzwingen ist deutlich schwieriger und anspruchsvoller, als von oben herab anzuordnen. Es sind Bürgermeister und Landräte, die der Bundesregierung vormachen, wie man konkrete praktische Aufgaben - Schutz der vulnerablen Gruppen, Organisation von Schutzmaßnahmen und -materialien - im Dialog mit der Bevölkerung anpackt und löst. Je offenkundiger die mangelnde Eignung der MPK als Krisenmanager und der lockdowns als einziges Steuerungsinstrumentes wird, desto dringlicher und lauter wird die Frage nach der Notwendigkeit der Einschränkung von Freiheitsrechten, die sich als fadenscheiniger Ersatz für durchaus vorhandene, aber anstrengende Strategien der Pandemiebekämpfung erweisen. Allerdings: es geht bei dieser Frage nicht nur um Freiheitseinschränkungen als Indiz für dilettantisches Regierungshandeln, das Festhalten an Freiheitsbeschränkungen offenbart vielmehr ein ohnehin in der DNA von Staaten festgeschriebenes Menschenbild, aus dem die Staaten seit Thomas Hobbes die Legitimation ihrer Existenz ableiten. Svenja Flaßpöhler empört sich bei Markus Lanz darüber, der Staat agiere nach dem Motto von Calvin und Hobbes: `Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf`, demzufolge müsse man Menschen voneinander fernhalten gemäß dem von Michel Foucault in `Die Geburt der Klinik` beschriebenen Selbstweck des Staates als repressiver Apparat gegen die ungewisse, diffuse Verteilung von Menschen, Absichten und Gedanken. In diesem Staatsverständnis ist der Mensch selbst das Virus, dass es einzudämmen gilt und genau das kommt besonders bei der Eindämmung von Pandemien und Seuchen zur Geltung. In der Pandemie wird der Mensch umgedeutet zur Bedrohung und Gefahr, die es einzudämmen gilt -  erweist sich allerdings Repression als unzureichende Methode der Infektionsvermeidung, dann steht das Staatsverständnis selbst zur Disposition. Genau deshalb ist es beinahe niedlich, wenn Svenja Flaßpöhler derzeitiges Regierungshandeln als gefährlichen Auswuchs staatlicher Macht sieht: tatsächlich zeigt sich in der Pandemie der Staat als das was er strukturell ist. Er ist nicht primär Garant von Freiheiten sondern baut auf der behaupteten Notwendigkeit der Beschränkung menschlicher Freiheiten auf. Je offensichtlich er dabei versagt, auf dem Weg der Repression Gefahren von der Bevölkerung abzuwenden, desto mehr stellt er seine Notwendigkeit in Frage - das ist der Grund für den Hang von Regierungen sich gegen alle Fakten für Erfolge bei der Pandemiebekämpfung abzufeiern, die auf das Ergreifen repressiver Maßnahmen zurückzuführen seien. Trotz einer in Bezug auf die Einwohnerzahl im Vergleich zu anderen Ländern exorbitant hohen Zahl an COVID-Toten behauptet daher Ralph Brinkhaus ungeniert, auch bei der Zahl der Toten stehe Deutschland im internationalen Vergleich gut da. Da offenbart sich eine geistige Bunkermentalität, die sich konsequent gegen die Außenwelt abschottet, in der die Menschen leben, die allesamt Gefährder sind. 

Frau Flaßpöhler ereifert sich gerne, und Peter Tschentscher macht es ihr leicht. Einerseits beschreibt er das Vorgehen der MPK als ein Navigieren im Nebel bei unklarer Datenlage und gibt damit zu, keinerlei Durchblick zu haben (das erklärt die Intransparenz der Corona-Kommunikation), andererseits ist er hundertprozentig der Überzeugung, der eingeschlagene Kurs stimme und das derzeitige Infektionsgeschehen sei Effekt der `Strategie` der Bundesregierung. Wie es dem staatstragenden Algorithmus der Talkshow entspricht, wird die Frage von Frau Flaßpöhler, wie man es denn wagen könne auf unklarer Datenlage derart gravierende Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger vorzunehmen und gravierende ökonomische, soziale und letale Folgen in Kauf zu nehmen schlicht übergangen. Die Öffentlich-Rechtlichen haben längs akzeptiert und begrüßt, dass aus der Stunde der Alternative die Ära die Epoche der Alternative wird - und Macht (auch delegierte) ist die Möglichkeit auf das bessere Argument zu verzichten.   

Als ich gestern zu Bett ging summte ich vor mich hin: `Alle Menschen werden müder`. Und prüder...

Kontingenz schafft Zusammenhänge. Auf der Frontseite die WAZ die Schlagzeile: `NRW-Schulen öffnen ab 22. Februar`. Auf der selben Seite das Zitat: `Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre die Welt?`. Der R-Wert jedenfalls liegt in Schulen bei 2,2, während er in den nach wie vor geschlossenen Museen und Konzertsääle bei 0,6 liegt (Zielwert ist 0,7). 

 

10.02.2021

Der Umgang mit dem Virus erinnert an die Ausgangssituation von `Solaris` (Stanislaw Lem)  und `Picknick am Wegesrand`(Gebrüder Strugatzki). Die Begegnung mit außerirdischen Daseinsformen lässt sich ihren Ausprägungen und Konsequenzen weder kommunikativ abbilden noch sozial, psychologisch und kulturell ohne Schaden verarbeiten. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Markus Söder, der genau weiß was das Virus will oder den Epidemiologen Prof. Timo Ulrichs, der bei Markus Lanz über COVID-19 redet wie über eine nette Bekanntschaft, die er bei einem Blind Date kennengelernt hat: Das Virus und wir lernen uns grade besser kennen und treten jetzt in eine neue Phase unserer Beziehung.

Im MoMa wird in Bezug auf den Einzelhandel die bange Frage gestellt: Droht eine Insolvenzwelle? Aber nein. Zwar werden etliche Läden zum Fraß des Pleitegeiers, aber das ist doch keine Drohung. Die Leute sollen gefälligst digital einkaufen und sich möglichst rasch an eine Zukunft gewöhnen, in der Innenstädte zu Grünflächen werden, Kaufparks zu Landschaftsparks und Hotelketten zu Bienenhotels.

Die Begrenztheit der Möglichkeiten und Perspektive verstärken das Unbehagen an der Begrenztheit des eigenen Lebens. In Ermangelung von Mobilität fühlt man sich den eigenen Topfpflanzen näher als den Mitmenschen. 

Ursula von der Leyen hat die Typberatung und die Redenschreiber gewechselt. Sie hat sich tiefe Augenringe schminken lassen um besorgt und ernsthaft zu klingen und ihre heutige Rede im Europa-Parlament war beinahe sachlich und frei von Pathos. Inhaltlich bietet die Rede nichts Neues: Das Vorgehen der EU in Sachen Impfung war richtig, die Erwartungen zu optimistisch, die Umsetzung nicht fehlerfrei. Eingestanden wird nur, was nicht mehr zu leugnen ist, darin ähnelt die EU-Kommission der Katholischen Kirche. 

Grober und halsbrecherischer Unfug: die Koppelung von Bewegungsfreiheit an den Impfstatus noch bevor geklärt ist, ob Geimpften keine Überträger mehr sind. Das würde dazu führen geimpften, aber infizierten Personen Reisefreiheit zu gewähren, die man ungeimpften, aber auch nicht infizierten Personen verwehrt. Das ist eine Verungimpfung der Ungeglimpften. 

Die Debatte, in der sich Frau von der Leyen für das Herumfuhrwerken in Sachen Impfstrategie der EU-Kommission rechtfertigen soll findet weitgehend in Abwesenheit von UvL statt. In der Debatte fallen zwei Punkte besonders auf: auch in Reihen der ParteikollegInnen von Frau von der Leyen verteidigt niemand Frau von der Leyen, im Gegenteil. Die Kritik an den dilettantischen Vertragsverhandlungen, der sich Frau von der Leyen nicht persönlich stellt, zieht sich queerbeet durch alle Fraktionen, sozusagen losgelöst von Fraktionszwängen. Der zweite Punkt, der auffällt ist, der zunehmende partei- und länderübergreifende Druck, Impfstoffe zu Gemeingut zu erklären und die Pharmaindustrie zur Produktion und Distribution von Impfstoffen für die gesamte Welt zu zwingen. Da die Abgeordneten nur eine Minute Zeit für ihre Äußerungen haben, fassen sie sich kurz, pointiert und scharf. Den Abgeordneten wie z.B. Ivan Vilibor Bilic dämmert auch, dass es der Europäischen Kommission bei der Frage des Impfstoffes nur sekundär um die Gesundheit der Bürger geht, sondern darum, dass die Bevölkerung überhaupt geimpft ist ganz gleich als wie wirkungsvoll der jeweilige Impfstoff sich erweist: Hauptsache genügend Menschen ist es im Rahmen des Hausrechts der Unternehmen der Privatwirtschaft wieder erlaubt zu reisen und zu shoppen.   

Neulich im Wirtschaftsministerium: `Du, hast Du den Altmeyer gesehen?` `Der sucht grade Produktionsstätten.` 

Mit der Qualitätsprüfung neuer Impfstoffe könnte man die Weltdopingagentur WADA beauftragen. Die kennt sich doch aus mit den Effekten von Spritzen. Peter Altmeyer würde aus ähnlichen Gründen in Russland fündig werden - dass die in Sachen Wirksamkeit von Impfstoffen vorne mit dabei sind ist in Anbetracht der Erfahrungen Russlands mit der Entwicklung und Produktion von Sera nicht arg verblüffend. 

 

09.02.2021

Während Abwechslung die Illusion erzeugt, die Zeit vergehe und nicht man selbst stellt man im Shutdown fest dass es umgekehrt ist. Nichts bewegt sich während man vergeht und an Dinge dingt, die man das letzte Mal tun wird. Der letzte Kuss. Der letzte Kaffee. Das letzte Mal Langlauf auf verschneiten Friedhöfen. Das letzte Mal Aufwachen in der eigenen Wohnung. Ein letztes Mal Lanz. 

In diesen unsicheren Zeiten ist ein sicher: bei der morgigen MPK werden die Ergebnisse einer Stanford-Studie zum Nutzen von Lockdowns nicht berücksichtigt. Die Studie von John A. Ionnadis und Jay Battacharya ist nicht die erste die zu dem Schluss kommt, das Nutzen und Schaden von lockdowns in einem krassen Missverhältnis stehen. Dieser Auffassung folgte schon vor dieser Pandemie die WHO, die lockdowns als unwissenschaftlich und schädlich ablehnte. Die Stanford-Studie bestätigt diese Auffassung: `In der eben veröffentlichten und bereits begutachteten Studie vergleichen die Autoren Auswirkungen und Wirksamkeit von Maßnahmen mit unterschiedlichem Grad der Strenge. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die restriktiven Maßnahmen epidemiologisch sinnlos sind, aber enormen Schaden anrichten.`(tkp.at, 11.01 .2021, `Stanford Studie mit Top Medizin-Wissenschaftler Ionnadis zeigt keinen Nutzen von lockdowns`, 11. Januar 2021. Der Artikel in dem Blog von Peter F. Mayer bezieht sich auf folgende Studie: `Assessing mandatory stay-at-home business closure effects on the spread of COVID-19, European Journal of Clinical Investigation, 05. 01. 2021). Das Interessante an dieser Studie ist, dass sie nicht die Wirkung von Maßnahmen der Epidemiebekämpfung an sich untersucht, sondern die Wirksamkeit von stark restriktiven nicht-pharmazeutischen Interventionen (wie z.B. Ausgangssperren und Betriebsschließungen) und gering restriktiven NPIs vergleicht. Gegenübergestellt werden das Fallwachstum von 10 Ländern (England, Frankreich, Deutschland, Iran, Italien, Niederlande, Spanien, Südkorea, Schweden und die USA), Zwei dieser Länder (Südkorea und Schweden) haben keine obligatorischen Stay-at-home-Regelungen und Betriebsschließungen vorgenommen. Das aufschlussreiche Ergebnis: in keinem Land ist ein klarer, positiver Effekt von stark restriktiven Interventionen festzustellen - dafür handeln sich die Länder, die weltweit auf obligatorische Restriktionen setzen, immense Schäden ein: `Hunger, Suchtentwicklungen, häusliche Gewalt, verringerte psychische Gesundheit, zunehmende Fälle von Selbstmorden, sowie eine Vielzahl wirtschaftlicher Folgen mit gesundheitlichen Auswirkungen.` Wenn dem so ist, dann ließ sich im Frühjahr 2020 die überwiegende Mehrheit der Regierungen dieser Welt in einer Art exekutivem Herdentrieb von der Repressionswelle mitreißen, die wie das Virus selbst in China ihren Ursprung hatte. Dieser exekutive Reflex ist in mehrerer Hinsicht problematisch bis verhängnisvoll. In freiheitlichen Gesellschaften führen die fortgesetzte Restriktion und die ihr folgenden Schäden auf Dauer dazu, dass die Bevölkerung die destruktiven Wirkungen der Restriktion für negative Wirkungen der konstruktiven Maßnahmen - Kontaktbeschränkungen, Masken, Hygienemaßnahmen - hält. Grade die autoritäre Durchsetzung der Maßnahmen zerstört dauerhaft die Akzeptanz der im Sinne der Pandemiebekämpfung sinnvollen Maßnahmen und belastet zudem das Vertrauen in die Demokratie, da sie nicht als demokratisch, sondern autoritär erlebt wird; so wie die Wirkung der Restriktion verwechselt wird mit der Wirkung der Maßnahmen werden die negativen Folgen autoritärer Maßnahmen in der Demokratie verwechselt mit negativen Folgen der Demokratie an sich.  Nicht nur das: es verdichten sich Hinweise darauf, dass die stay-at-home-Anordnungen die Ausbreitung des Virus durch die Intensivierung der Kontakte im häuslichen Umfeld beschleunigen (was grade in Anbetracht mutierender Viren katastrophal ist). Darüber hinaus führt die Schließung von Betrieben, Schulen, kulturellen Stätten und Stätten für sportliche Aktivitäten dazu, dass man nichts über die Wirksamkeit von        erfährt. Deren Wirksamkeit könnte man nur evaluieren, wenn Gelegenheit besteht sie anzuwenden - möglicher Weise verbaut man also grade durch die lockdowns Wege zur Umsetzung einer No-COVID-Strategie durch zweckmäßige Hygienekonzepten in den Stätten öffentlicher Begegnung. Überspitzt gesagt: wenn die Fallzahlen in den Ländern mit restriktiven Maßnahmen zurückgehen, dann gehen sie nicht wegen der Restriktionen, sondern trotz der Restriktionen zurück, weil die Bevölkerung sich mehrheitlich so gut sie es kann schützt. Gleichwohl wird keine Regierung, die auf lockdowns und Restriktionen setzt, jemals zugeben, dass ihr gesamter eingeschlagener Kurs ein verhängnisvoller Irrweg ist, der keinen Nutzen hat aber dafür immense Schäden anrichtet - ein Irrweg, der auch ein sprachlicher Irrweg ist. Wenn von Schärfungen und Lockerungen von Maßnahmen ist redet man tatsächlich über die Schärfung und Lockerung von Restriktionen, denn nur die lassen sich schärfen und lockern. Maßnahmen indes kann man nur durchführen oder nicht durchführen. Für die Erwähnung der Stanford-Studie lohnte es sich, gestern bei Frank Plasberg nicht abgeschaltet zu haben.

Zu erwarten ist, dass auch weiterhin die Notwendigkeit und Alternativlosigkeit der zweifelhaften und in ihren Wirkungen katastrophalen restriktiven Methoden der Pandemieeindämmung betont werden. Bleibt nur zu hoffen, dass das Herdenverhalten sich zu Herdenvernunft da entwickelt, wo die Regierungen unbelehrbar an ihrem fatalen Kurs festhalten. Auch eine No-Covid-Strategie ließe sich nur dann realisieren, wenn man die unangenehmen Begleiterscheinungen sinnvoller Maßnahmen dadurch abmildert, dass man Hygienekonzepten überhaupt eine Chance lässt zu wirken und auf leicht restriktive Maßnahmen setzt, die Reaktanz in der Bevölkerung auf niedrigem Niveau halten. 

Mal sehen welche Ausnahmen man im Flugverkehr für Familien mit Kindern macht, die nicht geimpft sind. Demnächst beim Ticketverkauf am Schalter: `Zwei Geimpfte, ein Kind.`

Man fragt sich, warum schwer Behinderte, die nicht über 65 sind und nicht in Pflegeeinrichtungen untergebracht sind nicht priorisiert sind? Die sind epidemiologisch unbedenklich, sie sind ja nicht mobil und ihre sozialen Kontakte halten sich in Grenzen...

Was die zukünftige Vertragstreue der Pharmaunternehmen betrifft sehe ich schwarz (in der heutigen Debatte im Europa-Parlament präsentiert Marion Aubry von der europäischen Linken eine typische Seite aus den veröffentlichen Verträgen mit Pfizer: sämtliche Zeilen sind schwarz gestrichen). Den Minderheiten im Europäischen Parlament bleibt vorbehalten Kritik insbesondere daran zu üben, dass die Pharmaindustrie mit Prämien gelockt wird statt sie zur Herausgabe von Lizenzen zu zwingen, während den europäischen Bürgern Freiheitsrechte entzogen und der ökonomische Boden unter den Füßen weg gezogen wird. Das hält Frau von der Leyen locker aus. Diese Positionen werden zwar völlig zu Recht bezogen, schaffen aber keine politischen Mehrheiten.

 

 

08.02.2021

Wie extrem der `Flockdown` ist  verdeutlicht ein Versprecher von Ingo Zamperoni in den Tagesthemen von gestern: Selbst Raumfahrzeuge kamen nicht voran. 

Auf einen zarten, jahreszeitbedingten Wintereinbruch reagiert die hypersensiblen Seismographen (Wetterfrösche) und Navigationssysteme für das Volksempfinden (NachrichtensprecherInnen) mit Warnungen, die bestens geeignet sind, die derzeitige generelle Alarmstimmung zu verstärken. In den Medien wird die totale Immobilmachung vorangetrieben: Bleiben Sie zu Hause (wenn Sie dürfen und Ihr Arbeitgeber nicht auf Präsenz besteht)! lautet die Bitte mit Ausrufezeichen. Seien Sie auf Stromausfälle gefasst. Seien Sie auf der Hut vor Schneebruch. Meiden Sie die Straßen und Bürgersteige. Die MPK schickt Stoßseufzer der Erleichterung gen Himmel. Das Wetter sorgt für die Verschärfung des lockdowns, die zu beschließen man sich nicht trauen möchte. 

Das ausgeprägte Fingerspitzengefühl der Redakteure von ARD/ZDF demonstrierte heute das Morgenmagazin: von den Verschütteten in Folge eines Gletscherabbruchs im Himalaya leitet Frau von Waldenfels mit den Worten `Wir alle kennen Kaschmir` zu einem Beitrag über, der sich mit Pudel(!)mützen aus Hundehaaren befasst.

Ich habe Zeit und Muße genug meine weitere Karriereplanung zu modifizieren. Also: um so rasch wie möglich an Impfstoff zu gelangen, sollte ich als Bürgermeister kandidieren. Dann kann ich schneller in den Süden fliegen. Um die Kampagne zu finanzieren werde ich Versicherungsvertreter für die AXA und verdiene mich dumm und dämlich mit dem Verkauf von Versicherungen gegen Impfschäden. Klappt das nicht werde ich Skilehrer, Solosegler oder Schwalbennestsammler.

Bei Anne Will war gestern der Journalist Georg Mascolo zu Gast. Dies sei deswegen erwähnt, weil seine Redebeiträge sich wohltuend von den ausgelutschten Sprachhülsen der anderen Gäste abhebt. Der Lockdown sei keine Strategie, sondern Eingeständnis des Scheiterns einer Strategie oder gar Ausdruck der Abwesenheit einer solchen. Das ist der Grund, warum der lockdown nun alternativlos ist und sowohl die berechtigten Klagen Sarah Wagenknechts (fehlende Schnelltests, einseitige Fixierung auf den Inzidenzwert und so weiter) als auch die Empfehlungen der Psychologin Cornelia Bartsch (die Bevölkerung durch Beteiligung `mitnehmen`, indem man zum Beispiel Wettbewerbe um den niedrigsten Inzidenzwert forciert, deren Gewinner mit Prämien und Preisen belohn werden) wirkungslos verklingen. Obwohl es angesichts der Sterberate in Deutschland keinen Anlass mehr gibt, naserümpfend auf Länder mit Langzeitstrategie wie Schweden herabzublicken verkaufen z.B. Jens Spahn und Ralph Brinkhaus die Null-Strategie-Strategie der Regierung immer noch als Erfolgsmodell: die sinkenden Infektionszahlen werden als Beweis für den durchschlagenden Erfolg der Krisenpolitik gedeutet. Sinkende Zustimmungsraten zur Coronapolitik bei gleichzeitig sinkenden Infektionszahlen sprechen eher dafür, dass die Bevölkerung sich unabhängig von der Entscheidung der Politiker so verhält, dass die Infektionszahlen sinken. Man vertraut der Politik weniger und handelt von sich aus vernünftig - gar kein so schlechtes Zeichen, denn es spricht für gesellschaftliches Selbstvertrauen entgegen der absolutistischen Strafen-und-Überwachen Politik der MPK und der Regierung, für die `im Großen und Ganzen nichts schief läuft`. 

Der Unsinn der über die Köpfe der Menschen hinweg geredet wird fällt auf: Ein nicht einheitliches Handeln der Politik ist den Menschen schwer zu erklären. Das Gegenteil ist der Fall: das Dogma der Orientierung am Inzidenzwert zu betonen, und gleichzeitig trotz unterschiedlicher Inzidenzwerte die gleichen Maßnahmen zu verhängen - das ist schwer zu erklären.   

 

07.02.2021

Es ist Sonntag in der kleinen Stadt (an Sonntagen ist jede Stadt ein winziges Spielzeugdorf) und der Verfasser langweilt sich. Um sich von der Langeweile abzulenken beteiligt er sich an der Luxusdebatte über `Impfprivilegien`. Christian Stöcker bezeichnet in einer Spiegel-Kolumne vom 07.02.2021 Impfverweigerer als `asoziale Solidaritätsverweigerer`: falls noch nicht erwähnt sei darauf hingewiesen, dass das Wort `asozial` aus dem verbalen Waffenarsenal der Nazis stammt, wenn schon eine Bezeichnung gerechtfertigt wäre dann `unsozial`, was semantisch korrekt und politisch erträglich wäre. Da man von einem SPIEGEL-Kolumnist erwartet, dass ihm die historischen Implikationen des Begriffs `asozial` geläufig sind fällt es schwer ihm zu unterstellen er habe nicht gewusst, was er da schreibt. Lässt man - in dubio pro Kolumnist - den verbalen Fehlgriff außer Acht, und Fünfe grade, kann man sich dem Grund der problematischen Klassifizierung zuwenden, wären da nicht weitere verbaler Entgleisungen. Schon der Sammelbegriff `Impfverweigerer` ist sachlich falsch und höchst problematisch. Sachlich falsch ist er, weil er Personen, die Impfspritze und Todesspritze gleichsetzen in einen Topf wirft mit der ungleich größeren Menge von Menschen, die weder Impfgegner, noch Impfverweigerer sind, aber sich vor Neben- und Langzeitwirkungen der heißen Nadeln fürchten. Diese als asozial und unsolidarisch zu bezeichnen diskreditiert ausgerechnet zahlreiche Menschen im Pflügebereich und in der medizinischen Versorgung, deren Tätigkeit zumindest prinzipiell als alles andere als unsozial gelten muss. Dass grade in diesem Bereich Menschen zögern sich gegen COVID19 impfen zu lassen ist leicht zu erklären: sie wollen bei relativ geringem eigenen Erkrankungsrisiko (und Einkommen) und ohne zu wissen, ob die Impfung sie auch infektionssteril macht nicht obendrein zu allen anderen Belastungen noch migränegeplagte Versuchskaninchen für die gesamte Gesellschaft sein; das hat eher etwas mit mangelnder Solidarität der Gesellschaft ihnen gegenüber zu tun als umgekehrt. Leider muss man annehmen, dass der Begriff `Impfverweigerer` bewusst wegen seiner Assoziation zum Begriff `Kriegsdienstverweigerer` benutzt wird, der Menschen die sich weder töten lassen noch töten wollen verunglimpft. Wer sich nicht impfen lässt verweigert den Dienst an der Nadel und handelt unkameradschaftlich - denn das ist mit unsolidarisch gemeint, das Ausscheren aus der Front. All diesen publizistischen shitstorm produziert der Autor um klar zu machen, dass man Personen, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen, durchaus von Staats Wegen und privatwirtschaftlich sowieso Rechte vorenthalten kann, die man Geimpften wieder einräumt, denn: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz sehe vor, `dass "Benachteiligungen aus Gründen der Rasse, oder wegen der ethischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen" seien`. Die Nichtgeimpften, deren Status Stöcker mit dem der `Impfverweigerer` gleichsetzt seien erkennbar nicht durch dieses Gesetz geschützt. Damit möchte Stöcker gerne Recht haben, ob es jedoch tatsächlich so ist, dass die Inanspruchnahme eines Grundrechtes aus dem Grundgesetz (körperliche Unversehrtheit) Benachteiligungen auslösen darf ist auch juristisch strittig (ebenso, um das auch zu erwähnen, ob entgangene Vorteile juristisch mit Nachteilen gleichzusetzen sind). Stöckers Kolumne `Die Reichen dürfen schon längst mehr` begibt sich auf ein populistisches Terrain, um Ungleichbehandlungen von Geimpften und Nichtgeimpften zu legitimieren und Impfbereitschaft zu erzwingen. Auch wenn er im Verlaufe des Textes einräumt, es mache dabei einen Unterschied ob der Geimpfte auch infektionssteril ist oder nicht, hat er die semantischen Weichen für die Gleichstellung von Ungeimpften mit unsozialen Impfverweigerern, die der Volksgesundheit schaden, gleich zu Beginn des Textes gestellt. Dass er das Bestehen von Fluggesellschaften auf einen Impfpass als Voraussetzung der Beförderung zu einer Blaupause für die pandemische und postpandemische Zukunft erklärt - beinahe schon geschenkt. Auch dass er später Ungeimpfte, denen man den Zutritt zu Bars verwehrt gleichsetzt mit pöbelnden Betrunkenen - nur eine weitere Entgleisung in einem reaktionären Konvolut. Dass er die derzeitige Praktikabilität einer Ungleichbehandlung von Geimpften und Ungeimpften in Frage stellt (`Alle müssen Abstand halten, aber ich nicht, hier ist mein Impfpass? Stellen Sie sich das mal praktisch vor.`) ist hingegen ein Lichtblick in einem ansonsten dunkeldeutschen Pamphlet. Diese punktuelle Helligkeit kann man nutzen, um auch den Flug- und Reisegesellschaften die Frage zu stellen wie praktikabel eine Umsetzung der Impfpflicht für Reisende ist. Impfstoffe für Kinder soll es nicht vor 2022 geben: sollen bis dahin Familien ihre Kinder bei der geimpften Oma lassen, wenn sie gen Süden fliegen (während der Hund mitdarf?). Dagegen werden sich nach ein wenig Nachdenken auch die touristischen Zielgebiete wehren.   

Was haben wir doch für ein Glück. Da kommt eine Pandemie und sie ist nicht nur weniger tödlich als die Pest, sondern entlastet auch noch die Rentenkasse, ohne die jungen, arbeitsfähigen Menschen dahinzuraffen. Es hätte auch anders kommen können, wenn die im Jahr 2017 ausgebrochene  Pestepidemie in Madagaskar nicht auf einer Insel, sondern in einer Großstadt mit zahlreichen Flughäfen und Bahnhöfen ausgebrochen wäre. Obwohl man die Pest mit Antibiotika behandeln kann, wenn sie rechtzeitig erkannt wird, starben auf Madagaskar 10% der an ihr Erkrankten.

Anders als noch zu Hochzeiten der Pest und sogar der spanischen Grippe leben wir in einer Zeit des regen internationalen Flugverkehrs und der internationalen Lieferketten, des Massentourismus, des globalen Tierhandels, der für Arbeitskräfte und Urlauber offenen Grenzen. Man hat es mit der ersten nennenswerten Pandemie im Zeitalter der Globalisierung zu tun. Das beschleunigt die Verbreitung von Viren, erhöht die Mutationsrate und forciert den Welterfolg ihrer Fortsetzungsgeschichte. Die Verflechtung der Ökonomien, das Netzwerk der Transportwege, das die Knotenpunkten des Transits verknüpft verwandelt die Welt in einen globalen Schengenraum für Viren. Zwar ermöglicht diese Vernetzung auch den Austausch von Wissen und damit die beschleunigte Entwicklung von Medikamenten und Vakzinen, es steht jedoch zu befürchten, dass sich der Wettlauf zwischen Forschung und Pandemien zu einem zwischen Hase und Igel entwickelt, den die Menschen verlieren. 

Zeiten der Seuchen sind Epochenwenden, in denen sich die Verschiebung der politischen und gesellschaftlichen Tektonik im Eiltempo vollzieht. So soll zum Beispiel der Schwarze Tod der Ursprung der Immigration und Multikulturalität in Europa gewesen sein, da der Mangel an Arbeits- und Lehrkräften dies forderte und höhere Löhne einen Anreiz zur Migration schufen. Nicht erstaunlich also dass die unter dem Motto Jetzt erst rechts! auftretende flügellahme AfD dazu neigt, SARS-COV2 zu ignorieren oder zu verharmlosen. Erkennt man die Ernsthaftigkeit der Bedrohung an müsste man sich in das Übel eines zunehmenden Internationalismus fügen, was aus völkischer Sicht schlimmer wäre als die Pest, Joe Biden und Homosexualität zusammen. 

 

06.02.2021

Sich ausgeliefert zu sein erhöht die Anstrengungen sich selbst etwas vorzumachen, denn: `Durch die COVID19-Pandemie wurden zwar die gesellschaftlichen Anlässe seltener, aber das eigene Spiegelbild bleibt bestehen.`(Lutz Kleinschmidt, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-plastische Chirurgie). Die Pandemie erweist sich folgerichtig als Finanzspritze für die Schönheitschirurgie. Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Verbesserung des Aussehens.

Krokodilstränen vergoss gestern der Moderator des Heute-Journals bei einem Bericht über den Bürgerkrieg im Jemen. Dort ereignet sich seit vielen Jahren ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. `Kollateralschäden` dieses Krieges, der bereits 250.000 Tote forderte, sind Kinder, die aufgrund der Lebensmittelknappheit verhungern. Es mag unfair sein, dem Moderator Heuchelei vorzuwerfen, doch es ist allemal Heuchelei, wenn im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen zugleich über die gelinde gesagt zweifelhafte Rolle Saudi-Arabiens im Jemen berichtet wird, gleichzeitig jedoch Werbespots für NEOM, das Lieblingsprojekt des saudi-arabischen Kronprinzen, geschaltet werden. Die Imagepflege Saudi-Arabiens lässt sich das saudische Königshaus sicher einiges kosten was sich bestimmt auch auf die Gehaltsstruktur bei ARD und ZDF auswirkt. Indem wir GEZ abführen müssen werden wir per Gesetz zu Kollaborateuren der saudi-arabischen `Modernisierer`, die sich als Retter der Zukunft aufspielen dürfen: Der öffentlich-rechtliche Bildungs- und Informationsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen Medien wird erfüllt, indem sie sich als Werbeplattform für ein Regime verdingen, das Hunger, Tod und Not über seine Nachbarn bringt. Gleichwohl...kann ja nicht schaden, sich mal den Börsenkurs von NEOM anzusehen...

 

05.02.2021

Es bleibt einem auch nichts erspahnt. Kaum gewöhnte man sich an den magischen Inzidenzwert 50, dessen Erreichen die Himmelspforte in Gestalt von Form von Kneipentüren öffnet, da fordern Epidemiologen - begleitet vom Kopfnicken Markus Söders - diesen Schwellenwert deutlich auf 10 zu senken. Die Himmelspforte entrückt in zeitliche weite Ferne, so dass sie sich perspektivisch zu einem Impfnadelöhr verengt. Nun steht Professor Dirk Brockmann - gestern zu Gast bei Markus Lanz - eher nicht im Verdacht, Corona als Anlass zu nehmen seine Prominenz exponentiell zu steigern. Im ARD/ZDF-Morgenmagazin weist er heute zu Recht darauf hin, dass der Schwellenwert 50 von den Wissenschaftlern nie als der Wert definiert wurde, ab dem Lockerungen vorgenommen werden können, sondern als umgekehrt als Wert, ab dem unbedingt Maßnahmen der Eindämmung vorzunehmen sind. Brockmann ist eher der ruhige, sachliche und beharrliche Typ, was dazu führen mag, dass in der Kakophonie der Cassandras, Pandemie-Sternchen, profilierungssüchtigen Experten und Öffnungslobbyisten seine Stimme gelegentlich untergeht - wenn man jedoch erst einmal das ohnehin schon zu Routine erstarrte Gefühl der Desillusionierung abgeschüttelt hat bemerkt man: der Mann will Hoffnung spenden. Nachdem im Sommer sämtliche Anstrengungen unterblieben die Atempause niedriger Inzidenz zu nutzen, um die ohnehin erforderliche pandemiegerechte Umgestaltung der Infrastruktur und der Foren sozialer Agglomeration anzugehen (Schnelltests, FFP2-Masken, Klimaanlagen, verbesserte APPs, verstärktes homeoffice etc.) bleibt nun nur, möglichst rasch den sommerlichen Zustand epidemischer Flaute durch Anwendung mittelalterlicher Hausmittel erneut zu erreichen. Dann, so Brinckmann, kann man gefahrlos öffnen, da Infektionsherde nachvollziehbar und rechtzeitig eindämmbar wären. Das ist immerhin eine Perspektive, die klarer ist, als die auf den Sankt Nimmerleinstag verschobene Erlösung durch die Impfung, deren Organisation zunehmend Assoziationen mit dem Berliner Flughafen weckt. Der Pferdefuß: Inzidenz und R-Wert sinken flach linear, Mutationen breiten sich hingegen exponentiell aus. In Ermangelung sowohl einer pandemiegerechten Ausgestaltung des öffentlichen und beruflichen Raumes bliebe dann nur ein harter lockdown. Der exponentiellen Ausbreitung der Mutanten (Hulk-Viren) eine exponentielle Eindämmung entgegenzusetzen wäre nicht nur logisch, er bietet auch im Gegensatz zu den Impfstoffen eine klare, vergleichsweise kurzfristige Perspektive, deren Akzeptanz in der Bevölkerung vermutlich hoch wäre. Um einen solchen Kurswechsel zu vollziehen müsste man sich schleunigst nicht nur von dem Irrglauben verabschieden, Impfen sei die einzige Strategie der zur Überwindung der Pandemie, sondern auch von dem Irrglauben Impfung sei überhaupt eine Strategie - Impfen ist ein Instrument, das Bestandteil einer Strategie sein sollte statt sie zu ersetzen. 

In Kenia wird Pflegepersonal, das nach überstandener COVID19-Erkrankung nicht zur Arbeit erscheint gekündigt. In Deutschland nicht? 

Jens Spahn wird bei der Bundespressekonferenz gefragt: `Sie haben gesagt, wir werden uns alle viel verzeihen müssen. Glauben Sie, dass die Verwandten der Toten, die an COVID19 aufgrund des fehlenden Impfstoffes gestorben sind, verzeihen können?` Jens Spahn ist sichtbar irritiert, als käme es ihm gar nicht in den Sinn, er könne zur Verantwortung gezogen werden können für das, was er zu verantworten hat, denn: Schuld sei das Virus. Nein, an Fehlern und Versäumnissen bei der Bekämpfung des Virus ist eben nicht das Virus schuld. Jens Spahn schiebt die Verantwortung für Behandlungsfehler und ihre Konsequenzen auf die zu behandelnde Krankheit. Das ist verantwortungslos, ein Arzt der so argumentieren würde gehört von Patienten ferngehalten und hat seinen Beruf verfehlt, ebenso wie ein Mechaniker, der eine Bremse nicht repariert und die Schuld für den Unfall auf die kaputte Bremse schiebt. 

Fern am Horizont dieses erwartungsgemäß verfickten Jahres sehe ich einen Weihnachtsbaum. Statt mit Kerzen ist er mit Spritzen geschmückt. Auf seiner Spitze thront eine Weihnachtsengel mit dem Antlitz von Heiner Lauterbauch. Statt Weihnachtskugeln hängen Schnelltests von seinen Zweigen herab. Im Adventskalender verbergen sich hinter den Türchen Virologenprofile aus Schokolade, und für den vierten Advent das Gesicht Robert Habecks. Statt Geschenkpaketen liegen Päckchen voller Masken unter dem Baum, als größtes Geschenk türmt sich vor dem Baum ein Beatmungsgerät auf. 

Fortschritte erweisen sich als trügerisch. Es folgt die Pandemie in der Pandemie in der Pandemie. Ein Zero-Contact-Frühling, verbracht in einer von Monat zu Monat verlängerten Quarantäne, angekündigt mit den Worten man müsse noch ein wenig durchhalten. 

Wenn schon dann jetzt. Nachdem alle anderen Wege der Eindämmung nicht beschritten wurden, ist jetzt das Zeitfenster offen um das Land, besser noch die Welt stillzulegen. In Schweden muss man das hoffentlich nicht anordnen. Es wird empfohlen und gemacht, aus Einsicht, voller Stolz auf selbstbestimmtes Handeln. Hoffe ich. 

Keine Frage. Ich fühle mich ausgegrenzt vom eigenen Leben. Gemaßregelt von Machern, Experten, Wissenschaftlern, die interessanten und bedeutungsvollen und unglaublichen wichtigen Tätigkeiten nachgehen, und voller Sendungsbewusstsein von Talkshow zu Pressekonferenz eilen, während der Rest der Bevölkerung seine Arbeit erledigen soll (wenn er denn welche hat) und die AHA-Regeln befolgt. Dass es mir schlecht geht, dass ich mutlos bin, zur Passivität verurteilt fühle, jede Zuversicht verliere und keine Netflix-Serie mich mehr vom Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit ablenkt, dass ich hier zu bleiben habe während ich lieber woanders wäre wo ich nicht hin kann - dieses belanglose Paket Kummer vermittelt mir ein Gefühl für den Kummer und die Angst der Milliarden Menschen, denen es deutlich miserabler geht. Umso erbärmlicher erscheint mir die deutsche Debatte um Privilegien (ich scheue mich nicht es so zu nennen) der Geimpften. 

 

04.02.2021

Haarscheren von Lesern werden enttäuscht sein, denn heute wird sich der Verfasser das Schreiben klemmen. Alles was zur derzeitigen pandemischen Lage kritisch gesagt werden kann, alles was zu unternehmen ist, um die Infektionszahlen zu senken erläutert unterhaltsam und prägnant der parteilose dänische Rostocker Bürgermeister Claus Ruhe (!) Madsen bei Markus Lanz. Die derzeitige zugleich halbherzige und autoritäre Corona-Politik charakterisiert er wie folgt: man hat den Eindruck man wolle nicht das Virus bekämpfen, sondern den Menschen. Ich hätte nicht gedacht, je die Empfehlung auszusprechen, sich ausgerechnet eine Ausgabe von `Markus Lanz` zu Gemüte zu führen (zu sehen in der ZDF-Mediathek), doch Erfolgsrezept und kritischer Vortrag des ehemaligen Möbelpackers sind es wert, zähneknirschend eben dies zu tun. Madsens Auftritt lässt außer seinen Fragen an die deutschen Krisenverwalter keine Fragen offen bis auf eine: wie schafft er es seinen mächtigen Bart vor den FFP2-Taliban zu schützen, die den Bart ans Messer liefern wollen? 

Seiner Linie treu bleibt der Moderator, der um den Preis der Wahrheit Katastrophenszenarios heraufbeschwört, die über Deutschland hereinbrechen, wenn wir nicht alleine auf dem Klo sitzend Maske tragen. Brasilien! 200.000 COVID19-Tote! Ganz schlimm. Das könnte auch Deutschland drohen wenn man nicht aufpasst. Dass sich in Brasilien eine Tragödie zuträgt, ist nicht zu bestreiten, die dortigen Todeszahlen allerdings heranzuziehen um dem deutschen Publikum Furcht und Zittern einzuimpfen würdigt die COVID-Opfer herab zu Instrumenten eines manipulativen Journalismus. Deutschland hat bisher keineswegs besser aufgepasst. In Brasilien kommen derzeit auf 372 Millionen Einwohner ca. 200000 COVID-Tote, im Aufpasserland Deutschland kommen auf 83 Millionen Einwohner derzeit 58000 Tote. Jeder der Division mächtige Mensch kann leicht feststellen, welches Land in diesem Vergleich schlechter abschneidet.  

Die ebenso leidige wie unvermeidliche Debatte über die Rückgabe von Freiheitsrechten an Akupunktierte wird unterfüttert und überlagert von der Scheinheiligkeit der Befürworter. Je eher Geimpfte wieder auswärtig konsumieren können, desto besser für diverse Wirtschaftszweige. Bislang ist noch ein Nebenschauplatz, inwiefern der Impfstatus auch ein Kriterium der Verpflichtung wird: findige Arbeitgeber werden rasch auf die Idee kommen, den Impfstatus mit der Verpflichtung auf Präsenz am Arbeitsplatz zu verknüpfen. Homeoffice a.D.

Scheinheilig ist ebenfalls die Argumentation es gehe nicht um Privilegien für Geimpfte, sondern um die Rückgabe der verfassungsgemäßen Freiheitsrechte. Es ist ja grade die Rückgabe der Freiheitsrechte, die gegenüber der Gruppe der Nichtgeimpften ein Privileg ist. Werden Bevölkerungsteilen aufgrund ihres Impfstatus Rechte vorenthalten, die anderen wieder eingeräumt werden so ist dies diskriminierend - das gilt auch dann, wenn die Betreffenden schon die Möglichkeit geimpft zu werden haben, diese aber nicht in Anspruch nehmen. Auch dann darf die Inanspruchnahme eines Grundrechtes (körperliche Unversehrtheit) nicht Motiv des Entzugs von Grundrechten sein. Dafür sanktioniert zu werden, dass man ein Recht geltend macht steht auch einer Demokratie im Ausnahmezustand nicht zu, die Betonung des Hausrechtes von Unternehmen in diesem Zusammenhang ist ein durchsichtiges Manöver, um erwünschte Diskriminierung auch ohne politische Beschlüsse zu fördern.  

Insgesamt ist die Fragestellung selbst fragwürdig: zu fragen ist nicht nach den Rechten für Geimpfte, zu fragen ist nach den Rechten für die Nichtgeimpften. Es sollte gar nicht strittig sein, den Geimpften wenn sie denn selbst nicht infektiös ist Freiheitsrechte einzuräumen, strittig ist, ob sie anderen Bevölkerungskreisen vorenthalten werden dürfen zumal es diesen ja möglich ist sich und andere vor Infektion zu schützen. Auf der Pressekonferenz des Ethikrates heute erteilt der Ethikrat der Ungleichbehandlung von Geimpften und Nichtgeimpften eine erfreulich klare Absage, wenn auch mit dem Verweis darauf, die Vertragsfreiheit privater Unternehmen könne zu derartigen Ungleichbehandlungen führen. Kernargument ist, der Nichtgeimpfte könne ja solange er noch nicht die Möglichkeit einer Impfung ergreifen kann nichts dafür, nicht geimpft zu sein. Die Bemerkung eines Journalisten man könne dieses Argument umkehren und konstatieren der Geimpfte könne ja auch nichts dafür, dass andere noch nicht geimpft werden konnten zeigt, wie verdreht die Debatte geführt wird. Während über Monate hinweg gemeinsame Kraftanstrengungen zur Eindämmung der Pandemie eingefordert wurden drängt es jetzt zur möglichst raschen Aufhebung des Solidarprinzips (das in diesem Zusammenhang bedeutet es solle gefälligst keiner privat aus der Reihe tanzen). Nicht die Wiederherstellung der Freiheitsrechte für einige gehört ins Zentrum der Betrachtung, sondern die Aufhebung der Freiheitsbeschränkungen für die gesamte Gesellschaft - die Geimpften sind nicht schuld daran, das andere noch nicht geimpft sind, sie haben sich jedoch der Kontinuität des Gemeinschaftsprinzips unterzuordnen, wenn der Staat beschließt, es sei nicht geboten die Gesellschaft zu differenzieren in Personenkreise, denen ohne deren Eigenverschulden Freiheitsrechte entzogen werden und Personenkreise, denen ohne eigenes Dazutun diese Freiheitsrechte wieder eingeräumt werden. Dies nämlich wäre das exakte Gegenteil der heraufbeschworenen Solidargemeinschaft, eine zumal bei sinkendem Risiko schwerer Erkrankungen nicht zu rechtfertigende, von Staats wegen vorgenommene soziale Triage. 

Was die Privatwirtschaft angeht: viele Unternehmen haben sich nicht zu Unrecht darüber beklagt, trotz funktionierender Hygienekonzepte schließen zu müssen. Wenn sie jetzt einen Unterschied machen wollen zwischen dem Zutritt für Geimpfte und Nichtgeimpfte führen sie sich selbst ad absurdum. Beiden Gruppen wäre zumutbar, sich weiter an die Hygienekonzepte zu halten, die schon zuvor galten, zumal das Erkrankungsrisiko aufgrund fortschreitender Impfung sich noch weiter reduziert. Insgesamt gehört nicht unterschieden in `Du darfst` und `Du darfst nicht`. Geboten ist es zu definieren, unter welchen Voraussetzungen beide Gruppen - Geimpfte und Nichtgeimpfte - wieder Freiheiten in Anspruch nehmen und Veranstaltungen besuchen können. Grade bei Fluggesellschaften ist es auf Anhieb schleierhaft, was sie sich vom Vorliegen eines Impfpasses versprechen: die Geimpften sind durch die Nichtgeimpften nicht bedroht, die Nichtgeimpften von den Nichtgeimpften noch weniger als zuvor, da zwischen Ihnen Geimpfte als `Puffer` fungieren. Es geht den Fluggesellschaften allerdings um die Reduzierung von Aufwand und um das Wohlwollen der Zielorte. Geimpfte werden im Zielland nicht das Gesundheitssystem belasten und Intensivbetten besetzen. 

 

03.02.2021

Man möchte derzeit überall sein. Nur nicht im Hier und Jetzt. Schon gar nicht im portugiesischen Hier und Jetzt (jetzt ein Bier wär nicht schlecht).

Aus Infotainment wird Impfotainment. Mit der heißen Impfnadel gestrickte Reportagen halten die Alarmstimmung hoch. Die Berichterstattung erinnert an eine russische Puppe: Im einzigen Thema (Corona) verbirgt sich ein einziges Thema (Corona). Ein wenig wie ein nicht enden wollender Wahlabend. Umfrageergebnisse, Prognosen und Charts wechseln sich ab mit der Fußballbundesliga und Biathlon. 

Der Ärger der Exekutivstapler verlagert über die mangelnde Räson der Bürger verlagert sich. Nun empört man sich über die mangelnde sittliche Reife gewinnorientierter Pharmaunternehmen und die Ungeduld der SeniorInnen. Schließlich versprach man vollmundig Licht am Ende der Impfstraßen, nicht das Licht von Nahtoderlebnissen.  

Während der Schutz der Menschen vor schweren Erkrankungen der Angelpunkt ist, an dem sich die Impfkampagne aufhängt, besteht der eigentliche Nutzen in der Entlastung des Gesundheitssystems. Zwar ist der Zorn des `Münchener Merkur´ gerecht, der moniert: `Dass nun ausgerechnet die zentralen Figuren im Corona-Drama, das Klinik- und Pflegepersonal, den weniger wirksamen Impfstoff von AstraZeneca bekommen, ist aus deren Sicht ein weiterer Beweis mangelnder Wertschätzung`, doch auch eine 60% Wirksamkeit bedeutet eine deutliche Reduzierung des Bedarfs an Intensivbetten und Personal in den Krankenhäusern. In Israel lässt sich derzeit gut beobachten, dass die hohe Impfquote in einer trotz trotz hoher Inzidenz rapide sinkenden Sterberate resultiert. Vor dem Hintergrund dieser wünschenswerten Korrelation von Impfquote und Entlastung des Gesundheitssystems kann man nicht nur den Pflegekräften sondern allen Bürgern abverlangen, sich auch dann piksen zu lassen, wenn sie keine Wahl zwischen einen Impfstoff höherer Wirksamkeit und einem Impfstoff niedriger Wirksamkeit haben - so jedenfalls die Auffassung der Kanzlerin, die für diejenigen, die sich nicht impfen lassen in Aussicht stellt vielleicht weiterhin auf diverse Freiheitsrechte verzichten zu müssen.

Gespannt sein darf man, ob das Hausrecht zum Beispiel von Fluggesellschaften so weit geht, dass sie auch Kunden ihre Leistungen verweigern dürfen, die das Pech haben mit einem weniger wirksamen Vakzin geimpft worden zu sein. 

Herr Habeck von den Grünen Laternen verzettelte sich gestern bei Markus Glanz. Nicht nur seine Twitter-Abstinenz, sondern auch sein soziologischer Vortrag zur schädlichen Wirkung sozialer Medien hätten Millionen Wähler verprellt, hätte außer mir um diese Uhrzeit jemand zugesehen und zugehört. Wenn er trotz seines eitlen Hangs den großen Durchblicker herauszukehren ein nicht ganz aussichtsloser Kanzlerkandidat sein könnte, liegt das an seinem vergleichsweise unzensierten Minenspiel, sowie an seiner hedonistischen Aura. Seine Kinnlade fällt herunter, als Karl Lauterbach vorrechnet, man müsse um ein erneutes exponentielles Wachstum in Folge der Virusmutationen zu vermeiden, Inzidenz und R-Wert noch deutlich weiter senken, Das beleidigt seine Lebenslust und ist ihm erkennbar widerlich. Damit lässt es sich besser infizieren (pardon: identifizieren) als mit dem nüchtern vorgetragenen Herzschmerz Angela Merkels, dessen Zurschaustellung eine unangenehme politische Aufgabe ist, die sie pflichtschuldigst wie die Queen einen Boris Johnson-Empfang erledigt und abhakt. Angela Merkels Interessen sind Weltpolitik, Wissenschaft und Kartoffelsuppe - dies mögen lediglich die Interessen der Kunstfigur Merkel sein, hinter der sie verschwindet wie Elizabeth hinter dem Mythos der Queen, diese anspruchslose Nüchternheit kommt beim Adressaten als Unverständnis für dessen Nöte herüber. Robert Habeck versteht es besser, über eingeschränkte Freiheitsrechte und die Zumutung von Homeoffice und Kinderbetreuung ebenso betrübt zu wirken wie sein Publikum.  

Ein weiteres Thema der Runde: Blasen. Internetblasen. Herr Lauterbach wurde gelobt dafür, das seine (Sprech)blase am ergiebigsten sei.

Wo bleibt der Impfstoff?  Den hortet laut Anmoderation eines Beitrags in den Tagesthemen zum Thema Impfstoff die Journalistin Patricia Wiedemeyer: `Der Impfstoff ist knapp. Patricia Wiedemeyer hat mehr.` Leider rückt die ARD die Nummer der Bestellhotline von Frau Wiedemeyer nicht raus.

Familienministerin Giffey berichtet, dass 63% der Menschen unter 30 derzeit unter Einsamkeit und Isolation leiden. Wie unerwartet. Für die Älteren ist das kein nennenswertes Problem. Denn - so weiß Frau Giffey unter Rückgriff auf die tiefschürfende Analyse eines Forschungsinstitutes, die mutmaßlich etwa so viel gekostet hat wie der von der EU bestellte Impfstoff - bei denen sind es nur(!) 53%. Wie gut dass ich zur letzteren Gruppe gehöre, sonst ginge es mir noch 10% schlechter.

 

 

02.02.2021

Zeigt den Inzidenzen ihre Grenzen.

Das Morgenmagazin will auch mal schöne Nachrichten bringen. Aber in Zeiten der PANDemie ausgerechnet ein Beitrag über PANDas? Verschwörungsafficionados aufgepasst: die Annährung der Volksrepublik China an den Westen bezeichnet man als Panda-Diplomatie. Während fieberhaft nach dem Zwischenwirt gesucht wird, der dem Virus als Trampolin für den Sprung von der Fledermaus auf den Menschen diente, verrät schon der Name den viralen Überbringer des chinesischen Präsents an den Westen: es war der PANDa. Das Virus intensiviert auf dem Wege der Seidenstraße der Impfstoffe ein in dessen Absorption mündendes Anschmiegen Chinas, dessen Geschenke in Form von Impfstoffen und Medikamenten daherkommen. Das Virus ist lediglich Vehikel der chinesischen Außenpolitik.   

Opel wollte dieses Jahr eigentlich ein Elektroauto auf den Markt bringen. Den Astra Seneca. Auf dringendes Anraten der Marketing-Abteilung wird die Markteinführung auf unbestimmte Zeit verschoben.

Recht passabel schlägt sich die Marke Zero COVID, die sich am Erfolg von Cola Zero orientiert. 

Bei Vorschlägen zur Realisierung einer global gerechten Verteilung von Impfstoffen ohne Bevorzugung reicher Länder - z.B. einem Verbot des nationalen Handels von Impfstoffen über durch die von der WHO und der UNO vorgenommene Kontingentierung hinaus (...was für eine romantische Idee...) - zieren sich die wohlhabenden Industrienationen. Bei `Hart aber Fair` kann man besichtigen wieso das (abgesehen von trivialen Kapitalinteressen) so ist. Die Sendung zum Thema `Scheitert Deutschland am Impfen?` bläst kräftig ins nationalistische Horn: was machen Israel (verseucht durch religiöse Fundamentalisten, die sich der Rasur verweigern), Großbritannien (Europas Corona-Schmuddelkind) und die USA (mehr COVID-Tote als Opfer im Zweiten Weltkrieg) besser? Richtig. Sie zahlen mehr, pfeifen auf den Datenschutz, auf Sicherheitsstandards und Multilateralismus. Die deutsche Regierung wird dafür kritisiert, dass sie sich am Buhlen um Impfstoffe nicht hinreichend und nicht ruppig genug beteiligt hat. Wozu hat man schließlich den Wohlstand wenn er sich nicht lohnt? Dass der Bieterstreit um Impfstoffe dazu führt dass ein Großteil der Weltbevölkerung bis zur nächsten Jahrtausendwende auf eine Impfung warten muss - globaler Kollateralschaden (...wie der Klimawandel, Armut und Flüchtlingselend). Ein Fliegenschiss in der Geschichte des Wettbewerbs

Mit jedem öffentlich inszenierten Nadelstich in schlaffe Haut sinkt meine Impfbereitschaft. Ich warte - durch altersrassistisch Werbung programmiert auf Jugendwahn - auf straffere Arme in den Medien. 

Eine Sammlung falscher oder irreführender Aussagen von Politikern dürfte eine Terrabyte Speicherkapazität erfordern und ein exponentielles Wachstum ist mehr als wahrscheinlich. Ein Beispiel für eine Falschaussage, mit der ein Schwarzer Peter verschoben wird liefert Grömpaz Markus Söder: Die Stiko habe die Verimpfung des Astra Zeneca für über 65jährige verboten. Hat sie mitnichten. Sie hat lediglich keine Empfehlung dafür ausgesprochen. Man hätte - auch vor dem Hintergrund der Empfehlungen der EMA, die keinen Anlass für die Annahme sah, der Impfstoff sei bei älteren Menschen signifikant weniger wirksam - das Ausbleiben der Empfehlung nicht zwingend als ein Abraten interpretieren müssen. 

 

01.02.2021

Im Jahr 2 nach Wuhan avanciere ich zu  Freund des Waldsterbens. Wanderlust an einem sonnigen Tag. So viel Licht und blauer Himmel.

Apropos Wald: Die Erfolge von Finnland bei der Eindämmung der Pandemie: (`7-Tage Inzidenz: 44,7, ... 114 Menschen starben bislang je einer Million Einwohner. In Deutschland starben sechsmal so viele Menschen`, WAZ von heute) sind schon für sich bemerkenswert. Das glücklichste Land der Welt mit zugleich der höchsten Selbstmordrate wird durch die lockdowns noch glücklicher: `23 Prozent der Finnen gab an, dass lockdown und Einsamkeit ihr Leben verbessert hätten` (WAZ von heute). Vor dem lockdown rückten sich die Finnen einfach viel zu nah auf die Pelle. Zu viel Gedränge in den Wäldern, Saunen und an den hochsommerlichen Stränden.

Immerhin: Spiegel online brachte am 31.01.2021 einen Beitrag über das "schwedische Glück": `Doch es gibt auch in Zeiten von Covid-19 ein ganz anderes Bild von Schweden. Darin stehen weder die hohen Ansteckungsraten noch die vielen Todesopfer im Mittelpunkt, auch nicht der Vergleich mit den Nachbarn in Finnland und Norwegen, die erheblich weniger unter der Pandemie zu leiden haben. Zu sehen ist stattdessen ein Land, in dem die Verantwortlichen die Rechte der Bürger achten und sich von Rückschlägen nicht in ihrem Kurs beirren lassen.`(Dietmar Pieper, `Unser schwedisches Glück`, SPON, 31.01.2021). Zunächst einmal ist man schon dankbar, wenn überhaupt Ansätze zur Strategiebewältigung, die weniger auf Freiheitsbeschränkungen als auf Eigenverantwortung der Bevölkerung setzen publizistisch nicht tot geschwiegen werden. Zum zweiten ist man dankbar dafür, wenn deren Erwähnung nicht gleich durch deren Verurteilung gebetsmühlenartig durch deren Verurteilung und die Betonung von deren Scheitern begleitet ist, sondern sogar auf die hohe Zustimmung in der Bevölkerung für die stärkere Betonung der Freiheitsrechte hingewiesen wird. Schweden kommt bei seiner Abwägung zwischen Gefahren und Risiken seiner Strategie und dem Wert der Freiheitsrechte zu dem Resultat, dass mittel bis langfristig grade der weitgehende Verzicht auf staatliche Reglementierung sozialer, individueller und ökonomischer Freiheiten die ökonomischen, gesundheitlichen und psychologische Schäden in Grenzen hält. Doch selbst wenn man bei dieser Abwägung zu anderen Resultaten gelangt und auf die höhere Sterblichkeitsrate in Schweden verweist sollte man sich die aktuelle Entwicklung genau ansehen. T-Online.de veröffentlichte am 27.01.2021 auf Basis der Johns-Hopkins-Universität Charts zur Entwicklung von Inzidenzen, Infektionszahlen und Sterberaten in Europa. (Sandra Sperling, Nicolas Lindken, `So drastisch verändert sich die Lage in Schweden`). Aus ihnen geht hervor, dass die Sterblichkeitsrate pro 1 Million Einwohner in Deutschland und Schweden derzeit identisch ist (9 pro 1 Million), deutlich niedriger als in Ländern mit hartem lockdown, Tendenz sinkend. Die Frage drängt sich eigentlich auf, welchen Gegenwert die Bevölkerung in Deutschland (und in härter von Pandemie und Einschränkung betroffenen Ländern) bei vergleichbarer pandemischer Lage für die massiven Beschränkungen von Freiheitsrechten hat? 

Sieht man sich das strategische Vorgehen in Deutschland an, so zeichnet es sich vor allem durch eine erschreckende Hausbackenheit aus, die dann noch als alternativlos deklariert wird. Ein gutes Beispiel dafür sind die Dreistufenpläne zu Lockerungen, die derzeit von den Länderchefs Daniel Günter und Stephan Weill ins Spiel gebracht werden. Abgesehen davon, dass jeder Unterprimaner dazu in der Lage gewesen wäre, diese sogenannten Pläne auf dem Niveau eine Stundenplans für Grundschüler zu Papier zu bringen (...nichts gegen Einfachheit...) schreiben diese einzig an Inzidenzwerte geknüpften Skizzen als sogenannte Strategie exakt das fest, was unbedingt vermieden werden sollte - ein ständiges Jojo zwischen Lockdown und Öffnung, über dessen desaströse Schädlichkeit für soziales, ökonomisches und kulturelles Leben man sich doch einig ist. Im Umgang mit der Vertragsbrüchigkeit der Pharmaunternehmen darf Herr Fuest bei Anne Will dann noch empfehlen auf marktwirtschaftliche Prinzipien zu setzen und die Pharmaunternehmen mit höheren Prämien zu belohnen, ein Schlag ins Gesicht für alle diejenigen, die unter den ökonomischen und sozialen Restriktionen zu leiden haben, ihre Betriebe schließen müssen, bankrott gehen oder morgens aus Nachtasylen aufs Trottoir gekippt werden. Der Parteichef der größten Volkspartei erklärt launig, es könne angesichts der mit den mutierten Viren verbundenen Unsicherheiten gar keinen langfristigen, strategischen Ansatz geben und erklärt somit die Strategielosigkeit zur Strategie. Mischwesen aus Kabarettist und Mediziner von Eckard von Hirschhausen erklären dem Publikum, Krankheit sei die Alternative zur Impfung ganz im Sinne der Impfung als Königsweg aus der Pandemie - dabei wird die Impfung auf absehbare Zeit nichts an den Inzidenzen ändern, und zumindest bis dahin ist Vorsicht durchaus eine Alternative zu Impfung und Krankheit. Markus Söder ersetzt das Wort `Maske` in `mehr Maske bringt mehr Freiheit` durch das Wort `Impfung`, Markus Lanz empfiehlt die Maske als das Instrument gegen den Klimawandel, statt nach Schweden sieht man sehn- und lockdownsüchtig nach Perth, wo ein Infektionsfall zum lockdown einer Millionenstadt führt. 90jährige bittet man per automatischer, telefonischer Ansage um Geduld und verurteilt sie als Verursacher überlasteter Leitungen. Hartmut Rothing schreibt zu diesem politischen Pandemieplemplem in einem Leserbrief in der heutigen WAZ die (in Anführungszeichen) Strategie unserer (in Anführungszeichen) Spitzenpolitiker als dilettantisch: `Ich unterstelle, dass sie es nicht besser können. Schlimmer wäre es, wenn sie es nicht besser wollten. Halte das Volk dumm und informiert.` Das Nichtwollen wäre eine logische Folge aus dem Nichtkönnen, das Für-dumm-Verimpfen das Kaschieren eigener Inkompetenz.  

Weiß der Verfasser es besser? Wohl kaum. In Ermangelung eines offensichtlichen Königspfades zur Wiedereröffnung von Kneipen geht es jedoch um das Abwägen und Bewerten, nicht ausschließlich um Wissen. Außerdem: um zu beurteilen, dass es keine überzeugende Strategie ist zu behaupten es gebe keine Strategie - zumal Langfriststrategie durchaus anderenorts praktiziert werden - muss man weder gebildet, noch klug, noch älter als 3 Jahre sein. 

Zurückhaltung. Demut. Geduld. Folgsamkeit. Kritik. Aufbegehren. Besserwisserei. All das wird nichts bewirken, weder schaden, noch nutzen. Sollte man vernünftige Vorschläge unterbreiten können werden sie in der Unmenge an vernünftigen und unvernünftigen Vorschläge untergehen, die kursieren. Deine Stimme zählt (zu den Ungehörten). Die Politik wird die selbe bleiben, unabhängig davon ob und wie man sich zu Wort meldet. Warum dennoch?

Warum sendet man Botschaften an Außerirdische? Weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemanden erreichen ungleich Null ist. Für den Fall, dass jemand mit Einfluss auf die Idee kommt, bei der Findung von gesundheitsversprechenden Strategie auf BIG DATA und KI zurückzugreifen, um das weltweite Meer an Besserwissereien im Internet nach Verwertbarem zu durchsuchen - etwa so wie das CIA in `Die 7 Tage des Kondor` vorgeht - kann es nicht schaden sich zu äußern in der größenwahnsinnigen Hoffnung, man werde überwacht und wider Erwarten für voll genommen. 

Es ist Februar. Die Bundesregierung verbreitet die frohe Botschaft man beginne jetzt mit der Auszahlung der Dezemberhilfen an Firmen. Da fällt einem nichts mehr zu ein.

Je tiefgreifender der unbefristete Eingriff von Regierungen in das Verhalten und die ökonomische Situation der Menschen erfolgt, desto deutlicher wird ihnen vor Augen geführt, dass der Staat über die Verteilung von Lebensrisiken entscheidet, darüber entscheidet was in Kauf zu nehmen ist, um Freiheit zurück zu erlangen (das Risiko von Nebenwirkungen und Spätfolgen der Impfung gegen Bewegungsfreiheit) und die Gewichtung zwischen Freiheitsrechten, ökonomischen Interessen und Infektionsschutz ohne unsere Beteiligung bestimmt. Uns wird auch vor Augen geführt, dass der Einfluss der Geschäftsinteressen von Konzernen Vorrang vor dem Interesse von Milliarden Menschen hat einer potenziell tödlichen Gefahr zu entgehen. Wie erleben das als fortgesetzten Kontrollverlust und Fremdbestimmung, das unser hartnäckiges Festhalten an der Illusion unserer Selbstbestimmtheit und Freiheit bröckeln lässt. Der Abenteuerurlaub lockdown im letzten Frühjahr ist eine weit entrückte Erinnerung. Jetzt flüchten wir uns entweder in "Besinnungslose Betriebsamkeit" (Stefan Grünewald vom Rheingold-Institut) oder maskieren durch die Zurschaustellung von hygienischem Wohlverhalten unsere Kontaktorgien in Pausenräumen (erinnert sich jemand an die repräsentativen Umfragen, in denen eine überwiegende Zahl der Befragten angaben dass sie nie die BILD kaufen?). Währenddessen wächst in armen Ländern ein Bewusstsein für die Macht, die aus Krankheit entsteht: mutierte Viren migrieren rascher und ungehinderter über Ländergrenzen als jeder Flüchtlingsstrom. 

Stänkern macht frei, wenn es pointiert und zugespitzt dargeboten wird. Gutes Rezept gegen Frust: Sleaford Muds auf die Ohren. 

Amüsant: bei titel thesen temperamente ein Beitrag über einen Tattoo-Künstler, der sich vor dem Impfen drückt Er habe Angst vor Nadeln. 

 

 

31.01.2021

Privilegierte empfinden keine Pandemiemüdigkeit, sondern Pandemielangeweile. Ein aller ökonomischen Sorgen barer Bekannter - Nationalität: Trinker - bekämpft die jeden Tag aufs Neue wiederkehrende brandaktuelle Ödnis der Zahlen, Kurven- und Balkendiagramme, Statistiken, Meinungsumfragen zu Lockdowns und Lock-erungen, der Hochstapelei der Särge und der Inflation der Intensivpatienten indem er sich den Alkohol entzieht. Er hofft auf Entzugserscheinungen, die seinen Alltag interessant machen, jetzt, da es Abwechslungsreichtum nur noch in den Mediatheken gibt. Er beklagt sich darüber, dass sie ausbleiben. Er fühle sich so gesund wie seit Jahren nicht mehr und wisse nicht wozu?

Kurz verfalle ich einem derzeit häufig zu beobachtenden Reflex, auf Leidensgeschichten wütend zu reagieren. Stell Dich nicht so an. Dir gehts doch gut. Schau Dir mal an wie es anderen geht. Was soll ich denn sagen. Und beschwer ich mich etwa? Gibt man diesem Impuls nach bringt es Menschen zum Schweigen. Sie schämen sich für ihre Leidensgeschichte. Scham ist eine ideale Basis um Menschen Zumutungen abzuverlangen. Mit Angst macht man Politik, mit Scham bringt man Kritik zu Verstummen.  

Von wegen kein Mensch ist eine Insel - jeder Mensch ist eine Insel in Zeiten des sozialen Abstands. Ein Segen für Telekommunikationsunternehmen, Online-Lieferdienste, soziale Netzwerke, Softwareschmieden, Hersteller von Heimtrainingsgeräten, Vibratoren und Kliniken für künstliche Befruchtung. Ein Mensch - ein Robinson. 

Viel Zeit verpassten Gelegenheiten nachzutrauern. Zum Beispiel der Zukunft. Bedauern darüber all die Filme zu verpassen, die nah meinem Tod gedreht werden. Der Neid über die Erfolgsgeschichten von Menschen, die jünger sind als man selbst. Früher nahm man sie achselzuckend zur Kenntnis. Meine Zeit kommt noch, wenn Regisseure, Olympioniken und Nobelpreisträger längst mit einem Bein im Grab stehen. 

 

30.01.2021

"War mir nicht sicher ob ich zurückgelassen, alleingelassen, einfach nur gelassen wurde oder selbst entschied zurück zu bleiben, hier zu bleiben, mich der Rückkehr zu verweigern. Vertieft in die Lektüre eines tausendseitigen Wälzers entging mir, dass der "Cielo Nero" sich aufhellte und die Mückenpest am Horizont verschwand, eine Schwarze Wolke die sich aufmachte zu anderen, verkommenen Ufern. `COVID 23` zog mich in seinen Bann, während um mich herum die Welt versank. Die Moskitos zogen weiter, hinterließen eine narkoleptisches Vakuum. Während Geschäfte, Restaurants und Bars in Ermangelung von Betreibern geschlossen blieben platzten Hospitäler aus allen Nähten. Dem allgemeinen Juckreiz folgte der große Schlaf. Menschen, die aufatmeten, weil der Himmel sich endlich aufhellte und man vor die Tür gehen konnte ohne umschwärmt zu werden, fielen am Ende gesellig verbrachter Abende am Strand in einen tiefen Schlummer, aus dem sie nicht erwachten. Unterbesetzte Kliniken versorgten notdürftig die Dahindämmernden, gegen den ohrenbetäubenden Lärm der skurriler Weise unisono herzhaft schnarchenden Patienten schützten sich die wenigen verbliebenen Pfleger und Ärzte mit Ohrenstöpseln. Ohrenzeugen berichteten, dass in den Krankenhäusern eine Geräuschkulisse herrschte wie in einem gigantischen Schweinestall. All das bekam ich nur an den Seitenrändern des Seuchenepos mit, in dem ich versunken war wie Atlantis in der Tiefsee. Die Geschichte einer Pandemie in der ein jahrelanger Weltkrieg um Impfstoffe entbrennt, erzählt aus der Sicht eines Heranwachsenden, der sich ein Leben ohne Schutzanzüge und Ausgangssperren erträumt, mit offenen Spielplätzen und Ferien am Meer, fliegenden Klassenzimmern und Schneeballschlachten auf Schulhöfen. Der Waise nimmt Reißaus aus dem Quarantänehotel seiner Jugend und macht sich auf gen Süden, unterwegs auf Alpenpässen mit gefälschten Impfpass, auf der Suche nach der verlorenen Welt, von der ihm seine Eltern erzählten, als ihnen noch nicht die Luftnot die Sprache verschlug. Die Landschaften, die er sich erträumte glichen so sehr der Umgebung meines Traumhauses, dass es mir nicht in den Sinn kam es zu verlassen auch als das längst wieder ohne Gasmaske und Skianzug ohne Bedenken möglich war. Mit einem Gefühl der Trauer habe ich das Buch nach dem letzten Satz zugeklappt: `Ich schloss die Augen für immer in dem Augenblick in dem ich aus meinem Alptraum erwachte.` Was verschlug mich hierhin? Sicher nicht die Aussicht auf das Leben in einer Geisterstadt inmitten einer Idylle, die zwar unbeeindruckt von der Heimsuchung geblieben war, die über die Bewohner kam, deren trügerische Makellosigkeit jedoch beeinträchtig war durch dieses rhythmische Grunzen, das einem leise aber beständig und unausweichlich in die Ohrmuscheln drang, sobald man ein Fenster öffnete. Ich will nicht undankbar sein, bin es aber trotzdem für diese Hinterlassenschaft des Mannes, dem ich hier hin gefolgt war. Zwar hatte er nicht zu viel versprochen, was die Schönheit dieses Fleckchens Erde betrifft, aber die Ästhetik der Umgebung kompensierte nicht die Zerrüttung unsere Beziehung. Erst recht hatte ich nicht meine Zelte abgebrochen um mein weiteres Dasein komplett auf mich gestellt an der Peripherie eines einheimisch verstummten Kaffs zu verbringen, in dem man nicht mal mehr einen einen Cappuccino bestellen konnte. Nun gut, ist wohl nicht seine Schuld, wenn selbst die Katzen die ich füttere mich mürrisch anblicken wie Kassiererinnen, bei denen ich mit Hunderteuro-Scheinen bezahle, dennoch laste ich ihm die hiesigen postapokalyptischen Eintrübungen meines Daseins an als typische Effekte des Kleingedrucksten in seinen großspurigen Versprechen, zu deren Größenwahn die Umstände seines Ablebens passen, von denen ich durch eine Push-Nachricht erfuhr: in der Silvesternacht beendete eine vorzeitig detonierende Kugelbombe abrupt die Parabel seines Lügenlaufs."     

Armin Laschet ist ein richtiger Mutmacher. Die Impfkampagne in NRW sei gut angelaufen. Die von Todesangst getriebenen Betagten seien selbst schuld daran, wenn die Leitungen am ersten Tag überlastet sind. Was rufen die auch alle sofort an? Sei doch logisch wenn dann immer besetzt ist. Also bitte liebe senilen SeniorInnen. Etwas mehr Geduld in den Todesfallen der Pflegeheime. Und wenn sie noch dazu kommen ihre Stimme abzugeben, bevor sie selbiges mit dem Löffel tun überlegen Sie sich gut ihre Wahl. `Die Partei` wäre meine unverbindliche Empfehlung. 

Heimliche Erleichterung des deutschen Krisenmanagements beim Anblick der COVID-Horrorshow aus Portugal. Furcht und Zittern angesichts monströser Inzidenzahlen und Bilder kompensieren sinkende Zustimmungsraten. Das hier ist anders als der bunte Ball der Stoffmasken im letzten Frühjahr. Längst übernehmen Beklemmung und Angst die Regie ganz unabhängig davon welche Maßnahmen Coronakabinette und -spätlesen verfügen. Erst jetzt kommt das Ausmaß der Katastrophe wirklich bei den Menschen und es dämmert ihnen, dass die Auswirkungen nicht vorübergehender Natur sind. 

 

29.01.2021

Viel Spaß hatte der Verfasser gestern mit der erstaunten und empörten Mimik Maybrit Illners. Da lädt sie sich Konfliktpotenzial vom Feinsten in die Sendung - Peter Altmeyer, Daniel Cohn-Bendit und Christian Lindner - und dann verweigern sich die Gäste nicht nur ihrer Rolle als Streithähne, sondern erteilen Lobesarien auf die Impfprimusse Großbritannien, USA und Israel eine Absage. Sie stimmen nicht in den Tenor ein, Deutschland hätte wie die Genannten gefälligst den Schutz seiner nationalen Volksgesundheit in den Vordergrund stellen müssen. Sie befürworten die Vergabe von Zwangslizenzen und somit eine vorübergehende Aufhebung des Patentschutzes, damit die Weltbevölkerung mit Impfstoff versorgt werden kann. Sie befürworten - falls die Pharmaunternehmen blockieren - das Ausrufen eines globalen Notstands, mit dem die Umstellung der Produktionsstätten von Chemiekonzernen auf die Produktion von Impfstoffen erzwungen werden kann. Sie fordern die massive Stärkung der WHO, die Erweiterung des COVAX-Programmes und weigern sich einmütig, die Pandemie durch eine nationale Brille zu betrachten. Maybrit Illner ist baff, was ihr an Worten fehlt macht sie durch Grimassen wett, der Verfasser reibt sich so lange verwundert die Augen, bis er Tränen der Rührung vergießt. Es dünkt den Verfasser, dass die drei Gäste es gar nicht ernst meinen, sondern sich vor der Sendung abgesprochen haben um mit der Erwartungshaltung der Moderatorin Schabernack zu treiben. 

 

28.01.2021

Da beschweren sich die MoMa-Moderatoren bei ARD/ZDF darüber, dass die Gesundheitsämter am Wochenende nicht arbeiten. Unverschämtheit. Wo doch das ZDF/ARD-Morgenmagazin an jedem Wochentag zu sehen ist. 

Der Moderator der Sendung `Börse vor acht` weiß genau was es zur Lösung der Impf-Krise bedarf: `da muss jetzt undemokratisch geholfen werden.` Zwar wollte er wohl `unbürokratisch` sagen, aber der Versprecher trifft viel besser den Zeitgeist. 

Ein typischer mehrheitsfähiger Satz bei Markus Lanz: `Was für alle gilt ist gerecht.` Damit ist alles gerecht-fertigt. Das perfekte Motto für ein Einparteiensystem.

Mehr Impfstoff hätte man auf nationaler Ebene bestellen sollen. Auf Vorrat. Bleibt etwas übrig schenkt man es den ärmeren Ländern. Die Corona-Variante der Brotkrumen, die vom Tisch des Kapitalismus fallen.

Das Highlight bei Frau Illner war der Corona-Hahnenkampf von Karl Lauterbach und Henrik Streeck. Das hatte etwas vom ersten gemeinsamen Auftritt von Robert de Niro und Al Pacino in Michael Manns Film `Heat`. Der Infight zwischen Epidemiurg und Virologe entwickelte stark komödiantische Züge. Der Schlagabtausch mit Studien, von den Experten hervorgezaubert aus den entlegensten Winkeln der internationalen Forschungsgemeinschaft, schaukelte sich hoch bis zum absurden Klimax dieses Duells der Giganten: dem Disput darüber ob eher Kinder ihre Eltern infizieren oder umgekehrt. Wie man hört klären die Studien, die hierzu aus Juno in Alaska und von einer russischen Forschungsstation auf Spitzbergen vorliegen auch die Frage ob zuerst das Ei oder die Henne war. 

Sage noch einer, die Corona-Maßnahmen schränken unsere Bewegungsfreiheit ein. Wie uns die Medien zeigen gibt´s es doch so viele Möglichkeiten sich auszutoben, in Gesellschaft zu sein und etwas zu erleben. Weltumseglung ist der neue Trendsport. Abwechslungsreich, sozialer Abstand ist garantiert und das Hobby ist für jeden erschwinglich. Auch Arktisexpeditionen oder Winterbesteigungen von Andengipfeln sollte sich jeder leisten können. Gegen soziale Isolation, einen Mangel an feedback und Anerkennung hilft Talkshow-Hopping. Aber auch für diejenigen, die entweder zu ängstlich für Atlantik-Überquerungen im Kanu sind oder denen der Professoren- oder Ministertitel vorm Namen fehlt gibt es jede Menge Grund zum Optimismus und positiven Denken. Schließlich kann man auch ohne Arbeit und soziale Kontakte so viele schöne Dinge tun, um seinen Tag zu bereichern: `Selbst wenn man jetzt keine oder weniger Arbeit har, kann man Dinge angehen, die sonst liegenbleiben: bestimmte Haushaltstätigkeiten oder die Steuererklärung.`(Notfall-Psychologe Florian Stoeck heute auf Tagesschau.de). Da geht´s doch jedem depressiv Gestimmten gleich besser. Überhaupt: sinnstiftend ist ja nicht der Inhalt und Gehalt des eigenen Tuns, sondern dem Tag eine Struktur zu verleihen. Das kennt man aus Gefängnissen und aus der Pflege: Laubsägenarbeiten und Tütenkleben garantieren an jedem noch so tristen Tag ein tiefes, sinnstiftendes Gefühl der Befriedigung und des stillen Glücks.

Es gäbe ja viel zu tun gäbe man nicht vor, dass man für die Kontaktnachverfolgung entlang eines Gesprächsleitfadens eine medizinische Ausbildung benötigt es sei denn man trägt eine Bundeswehruniform. 

Ob die Bevölkerung von den Radprofis gelernt hat? Gratismasken sollen unabhängig vom Alter an alle Risikopatienten ausgeben werden, unter anderem an Asthma-Kranke. Es steht zu erwarten, dass die Zahl der Asthmakranken sprunghaft ansteigt. Meine Heimatstadt ist pfiffig und hat schon jetzt überdurchschnittlich viele Asthma-Kranke.

Die  Zufriedenheit mit den Corona-Maßnahmen (aus Sicht des Verfasser nicht das selbe wie die Zustimmung zu den Corona-Maßnahmen, denn wie bei einer Wurzelbehandlung fällt die Einsicht in die Notwendigkeit nicht unbedingt mit einem Gefühl der Zufriedenheit zusammen) sinkt. Dies auf das Impfchaos und auf die eine gewisse Pandemiemüdigkeit zurückzuführen ist zwar naheliegend. Naheliegend ist aber auch, dass man es leid ist sich permanent den Schnabel am Thema Impfen wetzen zu müssen, weil dieses Thema alle anderen überlagert. Die permanente Berichterstattung über Impfen, Masken und AHA-Regeln kommt einer geistigen Mangelernährung gleich etwa so als bekäme man jeden Tag ungesüßte Hafergrütze vorgesetzt. Man befürchtet mentalen Skorbut und intellektuelle Lepra. 

Wie wichtig Multimilliardären die derzeitigen irdischen Probleme sind zeigen exemplarisch Elon Musk und Jeff Bezos, die sich um Umlaufbahnen ihrer Satelliten im Weltraum streiten.  

Auf dem Weg zum Supermarkt kommt mir ein Mann entgegen, der seine Maske abnimmt um herzhaft zu husten. Beim kräftigen Abhusten nervt so eine Maske ja auch. Im Supermarkt verzweifele ich an einer Plastiktüte, in der ich Obst verstauen möchte, das ich abwiegen will. Während ich ansonsten durch Pusten die Adhäsion der Folien der Plastiktüte überwinde, nestele ich nun mit stumpfen Fingern ungeschickt an der Tütenkante herum um sie zu öffnen. Ich darf ja die Maske nicht abnehmen. Ein Verkäuferin mit langen spitzen Fingern geht mir zur Hand. Ich bedanke und trolle mich, niedergeschlagen und beschämt als sei ich ein Pflegefall. 

Im Bundestag wendet sich eine Mehrheit des Parlamentes gegen die Stärkung des Parlamentes. Das dritte Infektionsschutzgesetz, das die Bevölkerung vor sich selbst schützen soll, kehrt die Reihenfolge von Entscheidung und Debatte um und reduziert das Parlament zum Kommentator von Beschlüssen, die über das Parlament hinweg getroffen werden. Dafür gibt es eine Mehrheit im Parlament, woran auch der verzweifelte Schulterschluss der Linken mit der FDP nichts ändert.

 

27.01.2021

Verschwörungsheinis aufgemerkt: Heute jährt sich der Startschuss der großen Greta-Thunberg-Bill-Gates-Verschwörung zum ersten Mal. Beim Weltwirtschaftsforum vor einem Jahr deckte die Klimaextremistin ihre Absicht auf. Ich will, dass ihr Angst habt, ich will, dass ihr in Panik geratet. Dieses Ziel ist erreicht. Der mit der chinesischen Regierung und der Gates-Stiftung ausbaldowerte Masterplan zur weltweiten Reduzierung von Mobilität durch globale Angststarre funktioniert. Die im Impfstoff enthaltenen Nanokameras sorgen dafür, dass demnächst Ort und Zeit jedes Individuums jederzeit und überall bekannt sind. Flugreisen bleiben mit starken Einschränkungen erlaubt, aber Adressen und Aufenthaltsorte von Passagieren, die aus touristischen Gründen verreisen, werden im Internet veröffentlicht. Urlauber, die sich außerhalb eines 5 km-Radius um ihren Wohnort bewegen, werden geächtet. Öffentlich-verächtliche Medien werden dazu verpflichtet, Werbekampagnen für eine bessere Mundhygiene zu schalten. Trauernde werden dazu angehalten für jeden verstorbenen Verwandten einen Baum zu pflanzen. Die Welt verwandelt sich gegen den Widerstand von Freiheitskämpfern wie Bolsonaro in einen Friedwald.

Das Jahr der Hygieneregeln und Gesichtsbedeckung, der Ausweichmanöver und nackten Bäuche in Intensivbetten hat im Handumdrehen beim Händewaschen misstrauische Gesellschaften hervorgebracht. Wir misstrauen dem Gegenüber, denn auch wenn es unschuldig ist bleibt es gefährlich. Wir misstrauen ihm weil es uns gegenüber tritt. Wir kündigen präventiv Freundschaften, weil jede Nähe den Keim des Infektionsrisikos in sich trägt. Derart präpariert für Wachsamkeit fordern wir Überwachung. Demokratie wird vom Garant der Freiheitsrechte zum Instrument ihrer Aufhebung.

All das gilt für den Privatbereich. Von Sanktionen ausgenommen bleiben Unternehmen, die zu mächtig sind um sie einzuhegen. Dr. Tankred Stöbe, Mitglied des Vorstandes von `Ärzte ohne Grenzen`, beschwert sich bei Markus Lanz darüber, dass Pharmakonzerne die Resultate der von der Gesellschaft geförderten und finanzierten Forschung kommerziell verwerten und an die Meistbietenden verhökern, statt durch Verzicht auf Patentrechte die möglichst rasche Versorgung der Weltbevölkerung mit Impfstoffen sicherzustellen. Der Journalist Martin Knobbe weist darauf hin, dass ohne den Anreiz gigantischer Profite der Wettbewerb der Pharmaunternehmen nicht so rasche Ergebnisse gezeitigt hätte. Die Vermeidung einer humanitären Katastrophe an sich ist kein Anreiz, das gigantische Geschäft, das mit der Pandemie verbunden ist schon. Dass Unternehmen, die in einer globalen Krise vor allem Reibach wittern keinerlei Bereitschaft zeigen ihr Produkt mit aller Welt zu teilen, kann ernsthaft niemanden verblüffen, ebenso wenig wie der Umstand, dass sie ihre Verwertungsrechte als Erpressungspotenzial nutzen. Dementsprechend hat Stöbes Empörung darüber, dass auch die Pharmaindustrie Kosten sozialisiert und Gewinne privatisiert, geradezu etwas Putziges. 

Es wäre ein Träumchen, wäre eine Politische Weltgemeinschaft dazu imstande, analog zur Tobin-Tax Gewinne zu versteuern, die ausschließlich durch humanitäre Krisen bedingt sind. Stattdessen sehen sich die Nationalstaaten dazu gezwungen bei der großen Versteigerung lebensrettender Impfstoffe mitzubieten. Der Impfstoff ist kein öffentliches Gut, er wird auf einem Basar an den Meistbietenden versteigert. Wie sicher sich die Pharmaunternehmen der Unantastbarkeit ihrer Monopolstellung sein können sieht man am Vertragsbruch von AstraZeneca: AstraZeneca begründet die Verzögerung der Lieferung von Impfstoffen an die EU lapidar damit, die EU habe eben spät bestellt. Was hat der vertraglich festgelegte Bestelltermin mit der Einhaltung vom Unternehmen zugesagter Liefermengen und Liefertermine zu tun? Nichts. Hätte der Bestelltermin Auswirkungen auf auf Lieferfristen gehabt, hätte das Unternehmen eben die vertraglich festgelegten Zusicherungen nicht geben dürfen. Macht aber nichts - mehr als Empörung wird die EU als Drohkulisse nicht zu bieten haben, und AstraZeneca weiß das.  

Das Recht auf Homeoffice hat niemand. Allenfalls das Recht auf Heimarbeit. Zum Homeoffice fehlt das Office und die entsprechende Ausstattung des Arbeitsplatzes. Aber natürlich klingt Homeoffice viel besser und moderner.

Eine Werbung verspricht: Push-Mitteilungen für Nachrichten die sie wirklich interessieren. Es ist also so weit, dass man damit werben darf schon alles über mich zu wissen bevor ich es weiß. 

Der Hampel-Mann der AfD macht bei der Aktuellen Stunde im Bundestag zu den Maßnahmen in der Pandemie seinem Namen alle Ehre. Seine Kritik daran, dass insbesondere ältere Menschen vor Ansteckung seit nun einem Jahr unzureichend geschützt sind ist unabhängig von seiner politischen Rechtslastigkeit richtig. Daraufhin rechtfertigt eine SPD-Abgeordnete die gesamten Corona-Maßnahmen der Bundesregierung mit der hohen Zustimmung der Bevölkerung - als wäre jede Maßnahme geeignet und jedes Unterlassen in Ordnung, weil eine Mehrheit der Bevölkerung ihnen zustimmen. In diesem Fall - wenn man denn die Zustimmung in der Bevölkerung auch als Zustimmung zur Vernachlässigung des Schutzes besonders Schutzbedürftiger versteht - beschleicht einen bei diesem Abnicken durch die Bevölkerung eher das Gruseln. Es steht für die Gleichgültigkeit vieler gegenüber den Schicksalen der besonders Bedrohten und eignet sich hervorragend als Argument gegen zu viel direkte Demokratie. Doch man muss es gar nicht derart zynisch sehen: die hohe Zustimmung in der Bevölkerung ist tatsächlich ein Ausdruck von Ungeduld und letzter Hoffnung: dass der Alptraum doch endlich vorbei sein soll. 

Die sinkenden Infektionszahlen sollen ein Anlass zur Hoffnung sein. Dazu gibt es keinen Grund. Die Infektionszahlen sinken langsam und linear. Dem gegenüber steht die Bedrohung eines exponenziellen Anstieg der Infektionen durch mutierte Viren. Man klammert sich in Erwartung eines Orkans an Strohhalme. 

 

26.01.2021

Veränderte Prioritäten fördern die Verschiebung von Perspektiven. Im Pandemischen Panorama treten unter anderem Forschungsgebiete in den Vordergrund, die man vor Corona für die Erfindung von Kabarettistinnen halten hätte. Dazu gehört die Promenadologie, die Wissenschaft vom Spaziergang, die sich zwar mittelbar auch mit Pomade, Prominenten und Promenadenmischungen beschäftigt, primär jedoch die Vorzüge derjenigen Freizeitgestaltung hervorhebt, auf die sich die Bevölkerung gefälligst in nächster Zeit beschränken soll. Irritiert registrieren Hundehalter die wachsende Zahl von Fußgängern, die ihnen auf ihren üblichen Laufwegen ohne Leine entgegenkommen. Spazierengehen liegt auch deswegen im Trend, weil es verknüpft wird mit dem Mythos vom Land der Dichter und Denker. Beim Schlendern durch Wälder und Auen umweht die Deutschen nicht nur der Wind, es umgibt ihn die Aura von großen Wandergeistern wie Goethe und Kant. Die Promenadologie bestätigt die förderliche Wirkung des Spazierengehens auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns: besonders förderlich für das Denkvermögen sei es, sich zu verirren. Angesichts der aktuellen Situation stimmt einen dieser Zusammenhang von Orientierungslosigkeit und Intelligenz gedämpft optimistisch.

Wenn demnächst an der Kasse im Supermarkt Schwangerschaftstests und Corona-Tests nebeneinander im Regal liegen, wird es zu zahlreichen Verwechslungen kommen. Oh Gott...ich bin schwanger. Verdammt...ich habe Corona.

Der Brexit funktioniert: da erklärt doch tatsächlich AstraZeneca der EU, man können wegen Schwierigkeiten in der Produktion nicht die vereinbarte Menge Impfdosen an die EU liefern, versorgt jedoch gleichzeitig von Deutschland aus Großbritannien weiter mit der vereinbarten Menge. Die Briten zahlen wohl besser. Es wird - auch für andere Konzerne - interessant sein zu sehen, ob die EU den Vertragsbruch tatsächlich wirkungsvoll sanktionierten kann oder ob die Pharmaunternehmen sich in Anbetracht ihrer hervorgehobenen Stellung erlauben können, gegen bestehende Vereinbarungen zu verstoßen. 

Man könnte die Zusage Deutschlands 2% des Bundeshaushalts für die Verteidigung aufzuwenden einfach einhalten: stocken wir die Bundeswehr personell auf und setzen die Soldaten massiv zur Kontaktverfolgung ein.

Gehen die Tumulte in den Niederlanden wirklich nur auf das Konto von Hooligans und rechtsradikalen Randalierern? Oder ist einfach das Vertrauen in die Regierung zerruttet? 

 

25.01.2021

Die Nachricht des Tages: Hundesalons bleiben geöffnet. Ansonsten im Westen nichts Neues. Die gestrige Anne-Will-Sendung war eine Wiederholung der Maybrit-Illner-Sendung von letzter Woche.

Phoenix und Arte. Mediatheken als Museen für ausgestorbene Arten und Orte, zu denen wir nicht reisen können...in meiner Verzweiflung über einen Mangel an menschlicher Nähe erwerbe ich Kondome und rede mir selbst ein, ich hätte für sie Verwendung. 

Millionen Leser fragen sich und mich warum ich heute so wenig schreibe. Ich musste mich einfach mal ein wenig entspahnen. 

 

24.01.2021

Der Papier-Tiger unter den Verfassungsrechtlern und diverse Politiker fordern, die Beschränkung von Freiheitsrechten für Geimpfte aufzuheben, sobald feststeht, dass sie infektionsneutral sind, also auch niemanden mehr anstecken können. Individuelle Freiheitsrechte von Personen einzuschränken, die keine Gefahr mehr für andere darstellen sei unrechtmäßig. Das mag man so sehen - man fragt sich nur, warum diese Stimmen sich grade jetzt so lautstark erheben, vor allem aber, warum sie nur Bezug auf die Geimpften laut werden, nicht aber in Bezug auf diejenigen, die eine SARS-Cov2- Infektion überstanden haben. Da stellt sich doch rasch der Verdacht ein, die Widerherstellung verfassungsmäßiger Rechte sei ein vorgeschobenes Argument und es gehe tatsächlich um die Erhöhung der Impfbereitschaft und um wirtschaftliche Interessen. Zur Erinnerung: als im Frühjahr 2020 das Thema Aufhebung von Freiheitsbeschränkungen für natürlich Immunisierte aufkam war der Aufschrei der Empörung darüber groß, dass die Unvorsichtigen auch noch mit `Privilegien` belohnt werden sollen. Anscheinend hatte damals niemand ernsthafte Bedenken dagegen, grade die Immunisierten in die Solidargemeinschaft der Entrechteten einzureihen. 

 

23.01.2021

Eine gute Freundin fährt mit mir ins Graugrüne. Ihre Fingerspitzen trommeln sacht auf das Lenkrad, etwas beschäftigt sie. Sie legt den Kopf schief und fragt: `Glaubst Du den Infektionszahlen?` stellt sie meine Loyalität auf die Probe. Ihre Weise der Selbstrechtfertigung für die gelegentliche Ignoranz der angeordneten Kontaktbeschränkungen besteht darin, den offiziellen Verlautbarungen nicht zu vertrauen. Für diese pseudoskeptische Haltung sucht sie Verbündete. Ich stelle die Gegenfrage: `Was meinst Du denn? Liegen die Zahlen in Wirklichkeit höher oder niedriger?" Mit einem strahlenden Lächeln entgegnet Sie: Natürlich niedriger.` Ich fühle mich etwas unbehaglich, kurbele das Seitenfenster auf. Beiläufig bemerkt sie: `Wir holen noch eben eine Freundin ab die mitkommt.` Nie habe ich Überraschungen mehr gehasst als in diesen mutierten Zeiten.  

Je alarmierender die Meldungen sind, desto stärker wird der Drang ihnen nicht zu glauben - was leider den Effekt einer umgekehrten self fullfilling prophecy hat, die durch die Leugnung exakt das heraufbeschwört was sie leugnet. 

Das neue Kapitel der Geschichte dieser Pandemie beginnt mit einem erneuten Vertrauensbruch. Grade erst begannen wir zu verinnerlichen, dass der Lohn unserer Bemühungen fällig wird, wenn der Parameter Ìnzidenz` unter 50 sinkt - dann steigt die große Ü50-Party, auf der alle geimpft werden und alles ist wieder gut. Nichts dergleichen. In drostischen Worten wird vor Lockerungen gewarnt. Grade wenn die Inzidenz sinkt und die Impfrate steigt müssen wir besonders aufpassen und bloß nicht locker lassen. Es entsteht der Eindruck, dass jede positive Botschaft, die vermittelt dass unsere Gehorsamkeit fruchtet unvermeidlich ein noch größeres `Ja, aber...` nach sich zieht. Verfestigt sich dieser Eindruck - das dürften auch Experten und Entscheider wissen - kippt die breite Zustimmung ins Gegenteil. Das Plädoyer für die `ZeroCovid-Strategie` ist auch inspiriert durch diese Befürchtung. Damit dieser gesellschaftliche Kipppunkt nicht erreicht wird, muss das Virus aus der Gesellschaft verschwinden. Anderenfalls ist die Copacabana bald überall. Folgen den Entbehrungen der Gesellschaften keine Erleichterungen, sondern noch größere Entbehrungen, verfolgen sie fatale Strategien und beschleunigen die Durchseuchung. Was sich an den Stränden von Rio anspielt ist nicht etwa gedankenloser Leichtsinn, sondern eine logische Konsequenz. Werden sämtliche Bemühungen um Eindämmung als vergeblich erlebt bleibt nur noch, die katastrophale Entwicklung zu forcieren, damit man sie schneller hinter sich hat. Die desaströse Politik Bolsonaros beschleunigt zwar diesen Vorgang, ist aber nicht seine Ursache. Auch der Sturm auf die Skipisten ist nicht einfach nur Ausdruck von Ignoranz, sondern Resultat einer Einschätzung, die vorwegnahm, was uns bevorsteht: eine Zeit der Einschränkungen, deren Ende nicht absehbar ist. Also besser jetzt noch einmal Freiheiten genießen, die man möglicher Weise langfristig nicht mehr hat. 

Wie sich einigermaßen souverän bewegen im Spannungsfeld zwischen Verharmlosung und dem herrschenden Klima der Angst und Beklemmung? Zwischen Reglementierung und kindischem Trotz? Ein Glückskeks gab Auskunft: `Nur weil etwas erlaubt ist, ist es noch nicht richtig. Nur weil etwas verboten ist, ist es noch nicht falsch.` 

Bei allem Verständnis für die schlimme Situation von Kindern und Jugendlichen komme ich nicht umhin, sie manchmal zu beneiden, wenn ich mich an meine eigene Jugend und Kindheit erinnere. Damals erlebte ich Zeit als Raum, in dem ich mich frei bewegen konnte, wandelte durch Wandlungen ohne Vergänglichkeit. Jetzt erlebe ich Zeit als fortschreitende Verengung des Raumes, die mich schließlich ersticken und zerquetschen wird. Umso bedrückender erlebe ich Tage, die das Gefühl der Beengung durch Einschränkung der Bewegungsfreiheit verstärken. Das Wort Zeit leitetet sich ab vom lateinischen Wort `cidere`(töten). Zeit ist das, was tötet. Voller Sehnsucht denke ich zurück an frühe Jahre, in denen ich Zeit nicht als das erlebte, was sie ist. 

 

22.01.2021

Ganz ehrlich? Die Debatte die zum Beispiel bei Maybrit Illner darüber geführt wird warum Deutschland derzeit über weniger Impfstoff verfügt als andere Länder geht mir nicht nur am Arsch vorbei, sie ist schändlich. Was skandalisiert wird ist nicht, dass der verzögerte Impfstart Leben kostet, sondern dass es deutsche Leben sind. Die bei Frau Illner gastierende Medizinethikerin Christiane Woopen erhebt zaghaft das Stimmchen im Chor der Kritiker am deutschen Versagen im Wettbewerb um die rascheste Impfung, indem sie darauf hinweist eine Pandemie sei nur dann in den Griff zu bekommen, wenn der Impfstoff allen Ländern zur Verfügung stehe, anderenfalls führen die ungebremsten Infektionen zu Mutationen, die sich dann auch in den wohlhabenden Ländern wieder ausbreiten. Diese Äußerung ist ein krasser Misston im Kanon der Kritik, Deutschland habe im Vergleich zu den Vorbildern in Sachen Pandemiebekämpfung USA und Großbritannien zu wenig auf nationales Eigeninteresse gesetzt. Entsprechend wurde Frau Woopens Hinweis von der Moderatorin ähnlich brüsk übergangen wie der größte Teil der Weltbevölkerung bei der Verteilung von Impfstoffen.

In einem Panaroma-Beitrag von gestern wurde die Frage gestellt: Wem gehört der Impfstoff? Die einfache Antwort: der Industrie. Die entschließt sich für den Verkauf an die Meistbietenden. Folgerichtig haben sich die wohlhabendsten Länder mehr Impfstoffe gesichert als sie benötigen, während praktisch die gesamte afrikanische Bevölkerung leer ausgeht und hoffen muss, dass ein paar überschüssige Impfdosen nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums bei ihr ankommt. Der vollmundigen Feststellung Angela Merkels, es handele sich bei dem Impfstoff `um ein globales öffentliches Gut` verkehrt die Wirklichkeit wie so viele frohe Botschaften aus dem politischen Lager ins Gegenteil. Das Ungleichgewicht bei der Verteilung von Impfstoffen ließe sich beheben, wenn Entwicklerfirmen ihr Wissen teilen würden und Patentrechte vorübergehend ausgesetzt werden. Dies fordern unter anderem die WHO, die UN-Menschenrechtskommission und Amnesty International - ohne Erfolg. Bislang hat noch keine Firma Rechte freigegeben. Daran wird sich auch kaum etwas ändern, solang Regierungen wie die Deutsche die selbe Position vertreten wie die Pharmaindustrie, die auf den Schutz des geistigen Eigentums besteht: die geistigen Eigentumsrechte böten `einen wichtigen Anreiz für die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen durch private Unternehmen.`(Bundesjustizministerium auf Anfrage des NDR). Damit ist alles gesagt über die tatsächlichen Prioritäten: die Rettung von Leben, die erfolgreiche Bekämpfung einer Seuche und ihrer Folgen, die Linderung von Leiden sind kein Anreiz. Eher ist das Gegenteil der Fall. Der Besitz am geistigen Eigentum sichert den Pharmaunternehmen nicht nur die Rechte an der Erteilung von Lizenzen, sie entscheiden auch an wen sie welche Mengen zu welchem Preis verkaufen. Je höher der Leidensruck, desto höher der Preis und die Gewinne - könnte sich jeder den Impfstoff leisten wäre dies nur schlecht für das Geschäft. Nun ist es nichts Neues, dass die Pharmaindustrie Profitinteressen über die Rettung von Leben und die Linderung von Leiden stellt. Man erinnert sich noch gut an die Klagen der Pharmaindustrie gegen Verletzungen ihres geistigen Eigentums durch die Produktion preiswerter Generica im Zusammenhang mit HIV. Geradezu herzerwärmend (vor Wut) ist die Offenheit, mit der die Politik sich zum Fürsprecher der Pharmaindustrie erklärt und unbekümmert mit zweierlei Maß misst  - während man wenig Probleme damit hat der Bevölkerung alle möglichen Zwänge aufzuerlegen, muss man für die Produzenten lebenserhaltender Güter `Anreize` schaffen, die man bloß nicht durch staatliche Eingriffe reduzieren darf. Schon gar nicht darf man Unternehmen dazu zwingen, weltweit Leben zu retten und Leiden zu lindern, obwohl staatliche Organisationen genau dazu bereit und in der Lage sein sollten. Selbst wenn man das Argument akzeptiert, es sei das gute Recht von Unternehmen mit ihrem `geistigen Eigentum` zu tun und zu lassen was sie wollen, ist es fragwürdig überhaupt von einem `geistigen Eigentum` der Pharmaunternehmen zu reden, was genau genommen auch niemand tut - denn geschützt wird nicht das geistige Eigentum, sondern die Besitzrechte daran. Die schöpferische Leistung und die Forschung, die der Produktion von pharmazeutischen Produkten vorangeht wird an Universitäten und Instituten erbracht, die von der Gemeinschaft finanziert werden und/oder von Unternehmen, deren Forschung und Entwicklung mit Hilfe öffentlicher Gelder vorangetrieben wird. Die geistige Leistung wird nicht von der Pharmaindustrie erbracht, doch sie ist es, die sich die Verwertungsrechte an den Produkten sichert, die auf Basis der öffentlich finanzierten oder mindestens unterstützten Forschungs- und Entwicklungsleistung entstehen. Staaten, die tatsächlich am Gemeinwohl der Bevölkerungen interessiert wären täten gut daran, die Pharmaindustrie eindringlich daran zu erinnern, dass ihren wirtschaftlichen Erfolgen gesellschaftliche Anstrengungen voran gingen, die sich gefälligst im Schutz der Weltgemeinschaft aller Menschen niederzuschlagen haben. Aber: wie bereits des Öfteren erwähnt ist grade in der Bevölkerung wohlhabender Länder das Thema sozialer Ungleichheit mit all ihren verheerenden Konsequenzen kein mehrheitsfähiges Thema. Solange dies so bleibt werden auf Egoismus getrimmte Wettbewerbsgesellschaften mehrheitlich nichts Verwerfliches daran finden, wenn die Schutzinteressen der Wohlhabenden aufgrund deren höherer Kaufkraft vorrangig bedient werden.

Markus Lanz, wie üblich umgeben von exzellenten Autoren, Politikern und Wissenschaftlern, wie es sich für eine exzellenten Stammtisch mit einem exzellenten Moderator gehört, ist erkennbar fasziniert von der Schriftstellerin Vanessa Vu, die sich enttäuscht darüber äußert, dass Deutschland im Gegensatz zu anderen demokratisch regierten Ländern nicht durch rigorosere Einschränkungen und Eingriffe in Grundrechte das Infektionsgeschehen auf Null bringt. Man müsse das Virus als eine Art Staatsfeind sehen, dessen Bekämpfung alles andere unterzuordnen sei. Vor lauter Einverständnis und Sympathie entwickelt der Moderator einen Buckel. Man ist sich einig: In Krisenzeiten (und wann wären die nicht?) ist Demokratie keinen Pfifferling wert, wenn sie nicht autoritär auftritt.

Stefan Weill wehrt sich gegen den Vorwurf, man habe bei Restriktionen um die Wirtschaft einen weiten Bogen gemacht. Schließlich habe man Einzelhandel, Kulturbetriebe und Gaststätten geschlossen. So kann man es ausdrücken und elegant darüber hinweggehen, dass man um die Industrie einen Bogen schlug, der so groß ist wie der Erdkreis. 

In Münster ist die Welt in alter Ordnung: Inzidenz deutlich unter 50. Aber da hat die Käfighaltung von Menschen ja auch eine lange Tradition.

MoMa-Moderatorin Anna Plancken schlägt Markus Lewe, dem Oberbürgermeister von Münster, vor, jetzt alle Zufahrtstrassen zu Münster dicht zu machen, nur noch negativ getestete Menschen rein zu lassen und dann alle Geschäfte wieder zu öffnen. Der fasst sich gefühlt an den Kopf - diszipliniert wie er sich an die AHA-Regeln hält unterlässt er es - und entgegnet, jau, bauen wir doch wieder Stadtmauern. Anna Plancken ist sichtlich perplex, dass Lewe seine Stadt nicht in das Neuseeland NRWs verwandelt. Warum um alles in der Welt sollte er das tun, wenn offenbar der freie Zugang zur Stadt Münster nicht daran gehindert hat die Inzidenz unter 50 zu drücken? 

Wiglaf Droste, pardon, Christin Drosten hat `schlimme Befürchtungen` für diesen Sommer. Er befürchtet bis zu 100.000 Neuinfektionen pro Tag in der warmen Jahreszeit in Deutschland. Denn: `Sobald ein großer Teil der Alten sowie der Risikogruppe durchgeimpft ist, wird ein riesiger, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden`. (Hannes Niemeyer, `Virologe Drosten hat schlimmste Befürchtungen`, merkur.de, 22.02.2021). Das Menetekel: Spanien, in dem nach Beendigung des lockdowns die Fallzahlen im Sommer rapide stiegen. Dier Therapie: wie im Frühjahr in Deutschland unter günstigeren Bedingungen den R-Wert unterhalb einer kritischen Schwelle zu halten. In Anbetracht der Gefahr durch mutierte Viren hält er die `Zero-Covid-Strategie` für sinnvoll. Würde Karl Lauterbach dieses Schreckgespenst an die Wand malen würde man es als Lauterbacherei abtun- Drosten hat sich jedoch in letzter Zeit eher selten direkt an die Öffentlichkeit gewandt. Wenn er dennoch in geballter Ladung als Powerduo mit Professor Wieler bei der BPK auftritt, steht zu befürchten, dass seine Szenarien nicht der Grundlage entbehren. Dass ausgerechnet die Impfkampagne, der Heilige Gral und das Erlösungsversprechen des Corona-Kabinetts, die Krankheit verschärfen deren Heilung sie sein soll erhöht - und das weiß er - massiv den Druck auf die Politik, nicht nur die Corona-Maßnahmen auch bei sinkender Inzidenz und steigender Anzahl Geimpfter beizubehalten, sondern sie massiv zu verschärfen und zu verlängern. In diese Richtung bewegen sich auch Überlegungen der EU, die Hürden für touristische Reisen deutlich höher zu legen. So nachvollziehbar dieses Drängen auf ein Ende der Mini-Salami-lockdowns ist, so problematisch sind die Konsequenzen. Verständigt man sich auf die von Drosten skizzierte Linie wären sämtliche Märchen, die im Wochenintervall erzählt werden, um die Menschen bei der Stange zu halten - nur noch ein bisschen durchhalten, dann gewinnen wir ein Stück Normalität zurück - als Lügenmärchen entlarvt. Statt dessen müsste man einräumen, dass Beschränkungen weit über dass Frühjahr hinaus aufrechterhalten werden. Begründen müsste man dies nicht mit der Bekämpfung und Abwehr einer akuten Gefahrenlage, sondern mit Prophylaxe. Ob Das wäre ein Schritt hin zu Freiheitsbeschränkungen auf Basis von Prognosen und Befürchtungen. Das wirft nicht nur rechtliche Fragen auf. Es wirft auch die Frage auf, wie die Bevölkerung darauf reagiert wenn die riesige Seifenblase der Hoffnung platzt, die über den Firmenlogos der Pharmakonzerne schillernd aufgeht. Ob Durchhalteporalen von Politikern noch verfangen, wenn trotz Impfung und sinkender Infektionszahlen kein Ende in Sicht ist und das Licht am Ende des Tunnels sich als Blendwerk mitten im Tunnel erweist ist zweifelhaft.

 

21.01.2021

Selbst Markus Lanz dauert der Lockdown einfach zu lange. Nach einem Dreh in Schweden ist er berauscht von der harten Droge `Alte Normalität`, die in Schweden noch gelebt wird: Folgerichtig verzichtet er in der aktuellen Sendung erstmals seit der Jahrtausendwende auf die Anbetung der Maske und hat die Vorzeigephilosophin Svenja Flaßpöhler zu Gast, die Sympathien und Argumente für das Schwedische Modell der Pandemiebesänftigung äußern darf. Allerdings begründet sie das Schwedische Modell und seine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung mit einer anderen Werteabwägung in Schweden. Man habe dort die Entscheidung getroffen, Leben sei mehr als Überleben und für die Aufrechterhaltung des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens seien einige tote Rentner mehr im europäischen Vergleich hinnehmbar. In Deutschland drücke man sich vor einer solchen Entscheidung ohne dass man das Sterben in der Gruppe der Pflegebedürftigen verhindere. Letzteres trifft zu, aber ersteres nicht. Die Begründung für den weitestgehenden Verzicht auf Verordnungen zugunsten von Empfehlungen ist grade nicht, dass man Freiheitsrechte über den Schutz des Lebens stellt, sondern dass dauerhaft die Akzeptanz von Maßnahmen zur Pandemieeindämmung hoch bleibt, wenn man auf die Eigenverantwortung der Bürger setzt. Dies mag man für eine verfehlte Annahme halten, klar ist aber, das Frau Flaßpöhler Schweden ein Werteabwägung unterstellt, die keineswegs das Motiv des Schwedischen Modells ist. Wo Tegnell drauf steht ist eben nicht Boris Palmer drin. Fragt man sich, was Frau Flaßpöhler dazu bewegt Schweden mit Tübingen zu verwechseln wird man zunächst fündig bei ihrer persönlichen Empörung darüber, von der deutschen Exekutiven bevormundet zu werden wie ein kleines Kind, dem man Gehorsam mit Babysprache einflössen muss wie einen Aletebrei. Nun ja - ich wünsche mir zwar auch, dass die Vermittlung von Regeln etwa auf dem sprachlichen Niveau einer Parlamentsdebatte oder eines Medizin-Symposiums erfolgt, aber dafür gibts ja Phoenix. Bemerkenswert ist, dass Flaßpöhler das Motiv der Eigenverantwortung als Garant für den Schutz des Lebens unterschlägt und im Gegenteil der schwedischen Gesellschaft eine so nie vorgenommene, zynische Werteabschätzung andichtet. Offenbar traut sie der deutschen Gesellschaft diese Eigenverantwortung nicht zu. Also wirbt sie für das von ihr bevorzugte liberale Schwedische Modell, indem sie das Motiv der Eigenverantwortung einfach weglässt. Die kalkulierte Tatsachenverdrehung disqualifiziert sie.   

Markus Söder findet durchaus Gefallen an Sandra Maischbergers Vorschlag zur Schaffung von höherer Transparenz die MPKs live zu übertragen. Das böte ihm noch mehr Gelegenheit zur Selbstinszenierung - jedenfalls dann wenn es gelingt, die Redezeit von Volker Bouffier zu begrenzen. 

Ein Mitarbeiter eines Wettbüros staunt: `Ich weiß auch nicht, warum wir öffnen dürfen.` Warum ist doch klar. Die Wettbüros bieten Systemwetten an, daher sind sie systemrelevant.

 

20.01.2021

Werde wach um eine fensterlose Uhrzeit. Der Fernseher läuft. In der Sahara liegt Schnee.

In Norwegen starben bislang 23 Menschen (von 26000 Geimpften) unmittelbar nach einer COVID-Impfung. Zählen die dann in der offiziellen Statistik auch als COVID-Tote?

Diese Frage beschäftigt derzeit das Europäische Parlament. Offenbar bleibt für die den Parlamentarier aufgrund zahlreicher geschwärzter Stellen in den Verträgen der EU-Kommission mit den Herstellern von Impfstoffen im Dunkeln wer im Fall von Impfschäden haftet. Dabei ist die Haftung der Unternehmen ein Kernargument gewesen warum man in den Ländern der EU auf den früheren Impfungen auf Basis von Notfallverordnungen verzichtet und auf die Zulassung durch die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur) gewartet hatte. Für Unmut im Parlament sorgt auch, dass Deutschland zwar öffentlich betont, man habe zugunsten der europäischen Solidarität bei der Bestellung von Impfstoffen auf nationale Alleingänge verzichtet, aber im Widerspruch zu diesem Bekenntnis nun Impfstoffe für Deutschland nachbestellt. Man ist sich in der EU mal wieder einig: in Krisensituationen muss man aufgrund der Dringlichkeit ab und zu mal die Beteiligungsrechte der Parlamente umgehen und mehr als schimpfen und meckern wird das Parlament sowieso nicht. Kommt einem irgendwoher bekannt vor.

Jeder 700ste Brite ist bereits an COVID-19 gestorben. Möglicherweise sollte man das Brexit-Referendum wiederholen. 

Robin Alexander äußert sich bei Markus Lanz leicht enttäuscht. Statt weiter mittels Homeoffice-Verordnung in die unternehmerische Freiheit einzugreifen hätte er eher Spielraum im privaten Bereich gesehen. Markus Lanz nimmt den Ball gerne auf und bringt den ZeroCovid Gedanken ins Spiel, der dadurch zu realisieren wäre dass sich jeder 3 Wochen lang komplett wegschließt. Der Moderator scheint der Überzeugung zu sein, dass jeder vernünftige Deutsche ein Prepper mit eigenem ABC-Bunker ist oder sein sollte. Wo Robin Alexander noch Spielraum für weitere Beschränkungen privater Freiheiten sieht lässt er offen. Denkbar wäre, dass man den Kontakt zu sich selbst beschränkt. Das stellt Menschen mit multipler Persönlichkeit vor große Herausforderungen, aber genau dafür sind Regierungen ja da. Ralph Brinkhaus bringt es auf eine Formel, die auf jeden Bierdeckel passt: Führen heißt den Menschen etwas zuzumuten. Ralph Brinkhaus nickt bei Lanz immer dann mit dem Kopf, wenn man auf das Thema `konsequentere und härtere Maßnahmen` zu sprechen kommt. Er wartet immer noch darauf, dass die Zumutungen endlich beginnen. Kontaktbeschränkungen? Existenzängste? Kulturelles und soziales Leben im Wachkoma? Tausend tote SeniorInnen pro Tag? Alles Greisengeburtstag. Sieht auch Kassandra Lauterbach so, dessen `Das Ende ist nah`- Phantasien sich mit Verve auf das hochinfektiöse Potenzial der Virusmutationen stürzen.

Auf Präsenz zu bestehen wo Homeoffice möglich ist hat nichts mit `unternehmerischer Freiheit` zu schaffen, es sei denn fahrlässiges Handeln oder Unterlassen aus Kontrollwahn fällt unter diesen Freiheitsbegriff. Auch ohne Bedrohungslage hat die `Freiheit etwas zu unternehmen` inhaltlich nichts damit zu tun, Menschen Bedingungen aufzuerlegen unter denen sie leiden - so sollte es jedenfalls sein, doch nach wie vor interpretieren Arbeitgeber die `U.F.` als Freiheit alles tun und lassen zu dürfen was man will, inklusive die Beschäftigten nachdrücklich zur Teilnahme am Corona-Reigen im Büro zu bitten. 

Wenige machtvolle Menschen mit vielen sozialen Kontakten reden Kontaktbeschränkungen für viele das Wort. Zunehmend geht der Diskurs an mir vorbei. Große Ereignisse stehen bevor. Heute trage ich zum ersten Mal beim Einkaufen eine FFP2-Maske. In meinem Einkaufswagen landen Mozzarella und ein Rotwein vom Ätna. Das Land meiner Sehnsucht ist derzeit so unerreichbar wie der Inzidenzwert 50. 

Miss Northstream Schwesig möppert. Dass man Schulen und Kitas weiter schließt, es aber weitgehend den Arbeitgebern überlässt, ob ihre Belegschaft im Büro anzutanzen hat findet sie unerträglich. Das ändert nichts an der inneren Logik der Maßnahmen mit ihrer Priorität auf dem Schutz der Konjunktur, zudem will sich die MPK noch ein Handlungsfeld offen lassen für den Fall, dass auch dieser lockdown nicht die erhoffte Wirkung zeitigt. 

(De)maskierte Kaltschnäuzigkeit der Bundesregierung bei deren heutiger Bundespressekonferenz. Auf die wiederholte Frage ob man dabei bleibe, dass HartzIV-Empfänger und andere finanziell schwache Menschen sich die Kosten für OP- oder FFP2-Masken absparen sollen und ob dass nicht dazu führe, dass sie diese Masken so lange tragen, bis sie weder andere noch den Träger schützen antwortet man schmallippig dazu äußere man sich nicht - also ja. Man setzt wohl auch darauf, dass diese Sozialschmarotzer sich kaum noch aus der Wohnung trauen was dann wieder der Kontaktreduzierung dienlich ist. 

25 Millionen männliche Küken darf man jetzt nach dem Schlüpfen nicht mehr töten - vor dem Schlüpfen schon. Der ethische Unterschied ist marginal, der Nutzen für die Industrie, die den Inhalt der Eier zu Tierfutter und Kosmetika weiter verarbeitet, ist dagegen klar umrissen. 

Jens Spahn präsentiert die Lösung für das Problem mangelnder Zuwendung für die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Dafür gibt es demnächst APPs. Bekannter Maßen stehen vor allem Demenzkranke auf digitale Zuwendung. 

Wer weiß - wenn die Alten weiter so hurtig sterben sind wir vielleicht demnächst keine überalterte Gesellschaft mehr (das ist der Plan! raunt es aus einem Kochbuch Attila Hildmanns). 

Donald Trump ist nicht mehr Präsident der USA. Leider ist er immer noch Donald Trump. Trotzdem liest man die neue Formulierung `ehemaliger Präsident´ in der casa Trump mit einer gewissen Erleichterung. 

Die Antrittsrede Bidens war angenehm enttäuschend. Sie hatte die Dynamik eines Weihnachtgebetes und verzichtete auf politische Inhalte. Ein Sedativ für die aufgepeitschte Nation. 

Trumps `Ich bleib dann mal weg` war kein Affront. Sondern ein Akt der Barmherzigkeit.

Apropos: Ob es das gute Recht einer privat betriebenen Plattform ist, jemandem das Twittern zu untersagen sei dahin gestellt. Es muss nicht das gute Recht sein, es genügt das Recht. 

Und Lady Gaga kann doch singen.

Was die Verschärfung der Corona-Maßnahmen betrifft: Mutti hat überhaupt nicht gebohrt.

 

19.01.2021

Soll das tröstlich sein? Die Nachrichten entwarnen der Krankheitsverlauf bei Infektion mit den mutierten Viren sei nicht schwerer als beim Klassiker. Ein schwererer Verlauf als Sterben droht also nicht. 

Der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft wehrt sich gegen eine Homeoffice-Pflicht, denn: `Ein Homeoffice-Gebot (...) wäre ein schwerwiegender Eingriff in die betriebliche Autonomie` moniert deren Bundesgeschäftsführer Markus Jerger in der heutigen Ausgabe der WAZ.  So ist es. Während Eingriffe in die persönliche Autonomie derzeit neue Normalität sind, wären Eingriffe in die betriebliche Autonomie ein Skandal, selbst dann, wenn damit Gesundheit geschützt, die Verbreitung der Infektion vermieden und Leben gerettet wird. Es passt in dieses Selbstverständnis von Arbeitgebern, dass sie sich über den bürokratischen Aufwand beklagen die der Infektionsschutz für die Unternehmen bedeutet. Man kann doch wohl erwarten, dass die Erwerbstätigen sich für den Bürokratieabbau ein paar Viren einfangen. 

Die Blaupause unserer Zukunft: Urlaub im Sommer, lockdown im Winter und Impfung im Winter. Da das Bedrohungszenario um beliebig viele Mutationen endlos erweitert wird werden uns die Corona-Schutzmaßnahmen erhalten bleiben - bis die von saudischen Kronprinzen finanzierten sterilen Megastädte uns zwischen 8 Uhr Abends und 6 Uhr morgens das Ablegen der FFP2-Masken erlauben. Im übrigen wäre es ja ein Jammer würde man die pandemische Großlage nicht nutzen um für dramatische langfristige Krisen wie den Klimawandel nicht ausloten würde, wie lange man Bevölkerungen ohne gravierende soziale Unruhen regieren und disziplinieren kann. 

Um der Ödnis der immer gleichen Corona-Schlagwörter zu entfliehen, die aus der phoenix-Berichterstattung auf mich herabnieselt, entsorge ich Altglas. Der kürzeste Weg zum nächsten Altglascontainer, nachdem aufgrund der Beschwerden von Anwohnern der Standplatz in unmittelbarer Nähe zu meiner Wohnung von der Liste der Containerstandorte gestrichen wurde, führt durchs Rotlichtmilieu, das ich heute zum ersten Mal betrete. Von einigen obszönen Graffitis abgesehen (`Stop Leckdown`) fällt mir besonders der Name einer Spelunke auf: `Publo EscoBar`. Humor gedeiht an den seltsamsten Orten. Ich gehe schmunzelnd und unbemerkt meines Wegs vorbei an blinden Fenstern und zugemauerten Hauseingänge.

In einem `Monitor Spezial`-Beitrag zu den sozialen Unwuchten in Zeiten der EU-Werbespots für korrektes Händewaschen und des einsamen Sterbens in Pflegeheimen kommt die Oberbürgermeisterin von Köln zu Wort. Sie wird gefragt, warum ein im Rollstuhl sitzender, schwer vorerkrankter Obdachloser lediglich die Nacht im Quartier für Obdachlose verbringen darf, dann aber bei Frost und Wind wieder zurück auf die Straße muss. Sie antwortet: Wir verlassen ja auch nach dem Aufstehen unser Schlafzimmer. Diese Antwort sagt alles über den menschlichen Abgrund, der sich in der Differenz von systemrelevant und entbehrlich auftut. 

Merkwürdig genug: man konzediert bedauernd, dass die Mobilität der Menschen im Vergleich zum Generalproben-Lockdown im Frühjahr deutlich weniger abgenommen hat und führt es weitestgehend auf die Pandemiemüdigkeit der Menschen und ein Bisserl auf weniger Homeoffice zurück. Die gähnende Leere der Straßen, ein Segen für Pioniere der Tierwelt und für das menschliche Gehör, lag vor allem daran, dass aufgrund des Zusammenbruchs der Lieferketten und des Exports auch die derzeit brummenden Industriebetriebe geschlossen waren. Der erste Lockdown war echt, dieser ist nur gespielt - lediglich für Kultur, Gastronomie, Soloselbständige und insgesamt für den privaten Bereich ist er bitterer Ernst.

Wäre es kein Trauerspiel wäre es eine Komödie. In Büros, in denen an der Präsenzpflicht festgehalten wird sollen 10 Meter Mindestabstand gelten. Rein zufällig bestimmt die Arbeitsstättenverordnung dass 10 Quadratmeter Fläche pro Arbeitsplatz Pflicht sind. Man wird dass schon so deichseln, dass mit der Erfüllung dieser Anforderung auch die Abstandsregel gewahrt ist. Darauf zu wetten bringt bei Bet and Win 0 Euro Gewinn. 

 

18.01.2021

Im Tagesschau-Forum wird unter dem Titel `Ein Loch ist im Eimer` folgende berechtigte Frage gestellt: `Was ist wenn ich keine FFP2-Maske habe? Dann darf ich nicht losgehen und mir eine kaufen?` Nicht nur dieses gravierende logistische Problem hat das Corona-Kabinett zu lösen, auch die komplexe Einstein-Formel AHAL für die Corona-Regeln, an die man das Volk mühsam gewöhnt hat, muss umformuliert werden, da das zweite `A´ für `Alltagsmaske` zu ersetzen ist. AHFFP2L kann sich schließlich kein Mensch merken. 

Im MoMa stellt ein junger Altenpfleger die Initiative `ZeroCovid` vor. Er fordert ein europaweites Herunterfahren der Wirtschaft, hält das Primat der Ökonomie über den Schutz der Gesundheit für skandalös, fordert, dass die Milliardenbeträge zur Finanzierung der Corona-Maßnahmen nicht bei den Aktionären ankommen, sondern bei den wirklich Bedürftigen und will leerstehende Hotels zu Unterkünften für Wohnungslose und Flüchtlinge umfunktionieren. Der Moderator sieht ihn perplex und leicht angewidert an. Was hat sich die Redaktion dabei gedacht einen Aussätzigen ins Studio einzuladen?   

Eine Verpflichtung zum Tragen von FFP2-Masken ist nicht nur Eingeständnis der relativen Nutzlosigkeit von Alltagsmasken, sondern islamophobe Schikane. Denn sämtliche frommen Moslems müssen sich nun den Bart scheren, wenn sie einkaufen wollen (allerdings handelt es sich um eine wirkungslose Schikane, weil die Frommen ohnehin ihre Frauen zum Einkaufen schicken).  

63 Euro GEZ-Gebühren pro Monat um Werbung für NEOM serviert zu bekommen, ein vom Kronprinz Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, gegründetes konzipiertes Projekt zum Bau einer Megastadt. Ihr Bau ist Bestandteil der `Vision 2030`, das die Abhängigkeit Saudi-Arabiens vom Erdöl verringern soll - durch Weltführerschaft im Bereich Photovoltaik und durch den Ausbau des Touristikangebotes. Die Megastädte sollen ihren Energiebedarf ausschließlich aus Wind- und Sonnenkraft speisen. Das Projekt wird geleitet von Klaus Christian Kleinfeld, Ex-Vorstandsvorsitzender der Siemens AG. Allein die Realisierung des NEOM-Projektes soll etwa 500 Milliarden Dollar kosten. Klingelt etwas beim Namen Mohammed bin Salman? Richtig. Mal abgesehen vom entspannten Umgang der saudi-arabischen Führung mit Menschenrechten, der Todesstrafe und dem großen Sterben im Jemen wird bin Salman mit der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi in Verbindung gebracht. Aber was macht das alles schon - sicher zahlt bin Salman gut und man kann damit die Verzögerung der Erhöhung von Rundfunkbeiträgen leichter verschmerzen. Außerdem zahlt man doch gerne dafür, das im Rahmen des Öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags Werbung für die Milliardenprojekte eines wichtigen Wirtschaftspartners und Abnehmers von Artikeln zur nationalen Selbstverteidigung geschaltet wird, der im Jemen einen Stellvertreterkrieg mit bislan 250000 Toten führt.

 

17.01.2021

Immer wieder umwerfend ist die Großzügigkeit unserer Gesellschaft. Wohnungslose können sich kostenlos auf Corona testen lassen. Kostenloses Wohnen wäre hilfreicher. Leerstehende Hotels gibts im gesellschaftstypischen Überfluss. 

Allmählich verblassen die Erinnerungen an das das Leben, das seinen Gang nimmt in der wirklichen Welt, in der Pandemien eine mit abfälliger Handbewegung ignorierte und für Panikmache gehaltene Bedrohung sind. Diese Welt, in der weltumspannende Seuchen nur als böse Träume und Filmszenarien daherkommen verschwindet hinter dem geistigen Horizont. Schon bald ist sie nicht einmal mehr Erinnerung sondern nur noch eine Wunschvorstellung mit kleinen Makeln, die erst die Schönheit des Lebens ausmachen. 

 

16.01.2021

Dem Grunde nach ist die Corona-Pandemie, nun ja, ein Denkzettel, ein Schuss vor den Bug, eine letzte Warnung. Klimawandel und Seuchengefahr sind durch den Rückgang von Biodiversität und zunehmender Schnittmengen der Lebensräume von Tieren und Menschen untrennbar miteinander verbunden. Die Corona-Pandemie geht angesichts der vergleichsweise niedrigen Sterberate (bislang) gnädig mit uns um. Man stelle sich vor wir hätten es mit einer Sterblichkeitsrate wie bei der Pest zu tun. Es ist lediglich einem glücklichen Zufall zu verdanken das dem nicht so ist - die Welt sollte jedoch tunlichst die derzeitige Pandemie als Generalprobe für den Umgang mit weit schlimmeren Seuchen nutzen. Die Herausforderung besteht sowohl in der adäquaten Vorbereitung auf drastischere Pandemien, als auch darin Strategien zu deren Vermeidung zu entwickeln, die ohne effektiven Klimaschutz nicht oder nur eingeschränkt wirken. Dabei wird auch die Frage zu klären sein, wie in Zukunft der Infektionsschutz effektiv gestaltet werden kann, ohne dauerhaft Freiheiten in unerträglichem und unverantwortlichem Maße einzuschränken. Das ist kein einfaches Unterfangen, denn es `verbindet sich auf wundersame, aber aus der Draufsicht durchaus folgerichtige Weise die Panik über den Verlust von Lebenssicherheit mit der Angst vor der Seuche. Beide führen, je für sich, zur permanenten S(e)uche nach Grippen von "Schuldigen", nach Grenzen zwischen Innen und Außen, Selbst und Anders, Vertraut und Fremd. Die USA führen das Spiel ja wie auf einer Bühne vor`(Thomas Fischer, `Mutationen und wir`, SPON, 15.02.2021). Schon jetzt tuen sich Demokratien sichtbar schwer bei der Bewältigung dieser Aufgabe und ich glaube nicht, dass etwa Friedrich Merz oder Markus Söder befriedigende Antworten auf diese Grundsatzfrage geben werden (oder wollen). Regelt schon alles die Marktwirtschaft im Verein mit Sekundärtugenden der Bevölkerung. Grade der größte Bayer aller Zeiten gewinnt an Popularität weil er das von Thomas Fischer beschriebene Muster der Polarisierung bedient: Wir (die Vernünftigen) gegen die Anderen (die Corona-RAF).

Millionen Leser meiner mehr auf- als ausgezeichneten Selbstgespräche weisen mich darauf hin, dass in Schweden zwar die Sterberate derzeit geringer ist als in Deutschland, die Infektionszahlen jedoch noch deutlicher steigen. Schon gut. Wenn selbst Ministerpräsidenten ihre Irrtümer eingestehen dann schaffe ich das auch. 

Wie umgehen mit dieser unbefristeten Geduldsprobe? Nicht leugnen. Nicht widerstehen. Nicht resignieren. Nicht akzeptieren. Isolation nutzen um ungestört den eigenen Weg zu finden.

Drei Muskeltiere der CDU halten ihre Vorstellungsreden in schalltoten Räumen ohne Resonanz, verkrampft und salbungsvoll wie Laienprediger, die das Wort zum Sonntag vom Teleprompter ablesen. 

Ein Hauch von Merz vergeht. Armin Laschet ist CDU-Vorsitzender. Es hätte Schlimmeres gegeben und Besseres stellte sich nicht zur Wahl. 

 

15.01.2021

Karl noch Lauterbach beschwört, um jedweden geistigen und körperlichen Bewegungsdrang in Schockstarre einzufrieren, bei Maybrit Illner eine neue Pandemie herauf, verursarst durch die Virusinfektion B52 (oder so ähnlich). Dagegen helfen Selbstmord, Zwangsamputationen zur Vermeidung von Mobilität und die Reduzierung von Kontakten durch Streichung sämtlicher Talk-Shows. 

Verpflichtung zum Tragen von FFP2-Masken. Man wird - schon um Beschaffungs- und Entsorgungsaufwand zu begrenzen - mit ihnen umgehen wie mit Alltagsmasken. Mehrfachbenutzung wird nicht die Ausnahme, sondern die Regel werden. 

Vormittags geimpft, nachmittags tot ("Heimbewohnerinnen sterben nach Impfung", WAZ von heute). Insgesamt 10 SeniorInnen starben in kurzem Abstand nach der Impfung. Kollateralschäden der Segnung Vakzin, deklariert als zufällige

Überschneidung von Impftermin und Todeszeitpunkt. Kein Grund nervös zu werden - es sei denn man ist Insasse eines Alten- und Pflegeheims. 

Geduld wird von uns erwartet. Womit? Mit wem? Mit dem schleppenden Impfstart? Mit den Ministern, die Fehler machen müssen damit sie lernen können? Wäre es wirklich nur Geduld, um die man bittet, so wäre dem leicht nachzukommen. Die Bitte um Geduld suggeriert, es handele sich bei der Fortsetzung und Verschärfung der Corona-Maßnahmen um lästige Verzögerungen, die mit dem Warten auf einen verspäteten Zug vergleichbar sind, ärgerlich, aber nicht bedrohlich. Tatsächlich ist nicht Geduld gefordert, sondern stillschweigendes Erdulden. Es wird erwartet, dass man ruhig und wohlerzogen zusieht, wie einem die Existenzgrundlage wegbricht, während das exponentielle Wachstum der Infektionszahlen einigen Pandemiegewinnern ein exponentielles Wachstum des Profits beschert, der mit jeder weiteren Beschränkung von Mobilität noch zunimmt.  

Behaupte keiner, Deutschland orientiere sich nicht am schwedischen Modell, das an Einsicht appelliert und auf Freiwilligkeit setzt. Auf Freiwilligkeit und Einsicht setzt auch die Bundesregierung wie Stefan Seibert betont - allerdings gilt dies nicht für den privaten Bereich, sondern (Stichwort Homeoffice) für Unternehmen und Behörden, inklusive Ministerien. Herr Jung fragt mit Recht, was ein Arbeitnehmer unternehmen kann, wenn er im Homeoffice arbeiten könnte, der Arbeitgeber jedoch auf Präsenz besteht. Darauf gibt es keine Antwort, dabei könnte man sie sich denken: wir haben nicht vor, das hohe Gut des Direktionsrechtes anzutasten, Pandemie hin, Ansteckungsgefahr her.   

Evidenzbasierte Daten zu Wirkungen der lockdown-Maßnahmen gibt es nicht und kann es auch nicht in ausreichendem Maße geben. Es fehlen schlicht die geeigneten Vergleichsgruppen. Daher kann man sich bequem einrichten in dem Dogma: Ohne diese Maßnahmen wäre alles noch schlimmer gekommen. Das wiederholt man so eindringlich als bedeute dies, es sei bereits das Optimum, wenn der allerschlimmste Fall nicht eintritt und müsse sich um die konkrete Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen nicht scheren. Ist schon das bequem und kaltschnäuzig so grenzt die Aussage von Herrn Seibert, er halte das Festhalten am Erreichen des Inzidenzwertes 50 für `motivierend`. Das erinnert an die Wallboards in Call Centern: je größer die Warteschleife, desto aussichtsloser ist es, sie abarbeiten zu können und desto höher ist die Belastung. Auch diese Wallboards sollen der Motivation dienen und bewirken Resignation. Ziele vorzugeben, auf deren Erreichbarkeit die Menschen keinen Einfluss haben - unter anderem wenn Arbeitgeber auf Präsenzpflicht bestehen - führt zu innerer Kündigung beziehungsweise zur Ignoranz der Corona-Regeln. 

 

14.01.2021

`Man muss an verschiedenen Schraubstellen drehen` (Sebastian Schweinsteiger)

Dieser Kommentar von Bastian Schweinsteiger bezog sich auf das Mannschaftsgefüge des FC Bayern München, der gestern kielgeholt wurde, passt aber auch hervorragend zum Pandemie-Krisenmanagement. Auch da dreht man (außer am Rad) an verschiedenen Schraubstellen und wundert sich darüber, dass nichts passiert. 

Der viel versprechende Jens Spahn war gestern zu Gast bei Sandra Maischberger, deren Gäste angesichts seiner Patzer und Versprechen, die so leer sind wie Impfdosen ohne Serum, über seine hohe Beliebtheit staunen. Robin Alexander Verblüffung über Spahns Popularität grenzt an Bewunderung: der Mann verkauft die Impfkampagne mit der Chuzpe und Glaubwürdigkeit eines Gebrauchtwagenverkäufers und wird dafür gemocht. Kabarettist Urban Priol weist darauf hin, dass Jens Spahn mit seinem statement  `Wir werden uns alle viel zu verzeihen haben` vorab die gesamte Bevölkerung verantwortlich machte für seine eigenen Fehler. Beide betrachten das Phänomen Spahn zu einseitig. Die Popularität von Politikern, das weiß auch Jens Spahn, verhält sich nicht zwingend proportional zum Grad ihrer gelebten Wahrheitsliebe. In Krisen gilt umso mehr, dass der Überbringer schlechter Nachrichten eher nicht mit dem Gewinn eines Beliebtheitswettbewerbs zu rechnen hat. Viele Menschen glauben angesichts einer anhaltend trostlosen Realität lieber trügerischen, aber tröstlichen Versprechungen, als permanent in den völlig realen Abgrund zu starren, der sich vor ihnen auftut. Nicht die bittere Pille Wahrheit, sondern das Placebo Hoffnung fördert die Resilienz. Hoffnung zu spenden wird selbst dann honoriert, wenn allen klar ist, dass die Hoffnungen gelinde gesagt übertrieben sind. Das ist nicht nur der Grund für Jens Spahns Sommermärchen vom Impfen, sondern auch für den Konsens in der Großen Koalition, jeder Kritik am verniedlichend rumpelig (Hommage an den Begriff `Rumpelfußball` aus der Ära Jupp Derwall) genannten Impfstart unabhängig von deren Inhalt mit dem auswendig gelernten Gedicht vom Licht am Ende des Tunnels zu begegnen, das so beginnt: `Zunächst mal hätte doch Anfang des Jahres 2020 niemand gedacht, dass es jetzt schon einen Impfstoff gibt, der noch dazu, was uns stolz macht, aus Deutschland kommt`- als wäre dies erstens ein Verdienst des Corona-Kabinetts und zweitens die adäquate Antwort auf Kritik an fehlenden Luftfiltern in Schulen, sommerlicher Untätigkeit in Verwaltungen und fehlendem Impfstoff. Das funktioniert, zumal dann wenn man wie Jens Spahn das Kunstmundwerk beherrscht, Aussagen so vage und unkonkret zu formulieren, dass sie nicht eindeutig verlogen sind und zudem verschnürt mit Silberstreifen daherkommen. Bei Sandra Maischberger gibt Jens Spahn ein Beispiel dieser Kunst zum Besten: sein Versprechen, bis zum Sommer allen Deutschen ein Impfangebot zu machen ist per se schon kaum zu überbieten an Unschärfe. Davon abgesehen, dass es sich ja gar nicht um den Sommer 2021 handeln muss, sagt er weder, bis wann in diesem Sommer dies der Fall sein soll (September?), noch, worin dieses Angebot besteht. Es kann sich auch um das Angebot handeln, uns im Frühjahr 2030 zu impfen. Jens Spahn sagt mit Bedacht nichts über die Zeitspanne zwischen Angebot und Impftermin - auf Nachfragen von Sandra Maischberger räumt er durchaus diese Unschärfen ein, freilich ohne mea culpa a´la Ramelow und ohne allzu bohrendes Nachhaken der Moderatorin, die der optimistischen Botschaft des Mediums Spahn offenbar nicht zu viel an Wirkung nehmen möchte. Dies steht nicht zu befürchten. Jens Spahn weiß: die Inhalte sind weniger entscheidend für die Wirkung des eigenen Auftretens, als die Art der Präsentation. Egal, was Herr Spahn sagt: der Text liefert die Partitur für seine Stimme und Körpersprache, die stoisch Ruhe, Unaufgeregtheit und Unerschütterlichkeit vermittelt. Das wird durch hohe Zustimmungsraten honoriert, selbst wenn staatstragender Unfug von Münchhausenschem Format verzapft wird. Was nun den ikonischen Auftritt Spahns am Tag des kollektiven Verzeihens betrifft so mag Priol zwar richtig damit liegen, dass Jens Spahn Verantwortungen für Konsequenzen eigener Fehleinschätzungen auf das Kollektiv abwälzt, die Wirkung seiner orakelhaften Verkündung ist jedoch eine andere. Nicht nur geteiltes Leid ist Leid geteilt durch die Anzahl der Leidenden, sondern auch geteilte Schuld reduziert die Schuld jedes einzelnen und reduziert das Ausmaß seiner Verantwortung. So legitimierte und verharmloste Jens Spahn vorab Verstöße gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als verzeihliche Kavaliersdelikte. Auch dieser kollektive Ablass des Hohepriesters der Pandemiebekämpfung kam gut an, schuf er doch moralische Schlupflöcher für alle Adressaten, die für sich gelegentliche Ausnahmen von den Regeln beanspruchen, deren solidarisches Einhalten gebetsmühlenartig heraufbeschworen wird. 

Professor Wieler freut sich darüber, dass die Auslastung von Intensivbetten leicht zurückgeht. Dies sei ein gutes Zeichen. Angesichts steigender Todeszahlen - bezogen auf die Gesamtbevölkerung derzeit in Deutschland höher als in den USA -  von einem `guten Zeichen` zu sprechen ist bestenfalls unglücklich formuliert. Anscheinend werden durch das große Sterben schneller Betten frei, als sie durch nachrückende Patienten belegt werden. Sterben noch mehr Menschen noch schneller werden noch mehr Betten frei. Auch eine Strategie zur Entlastung des Gesundheitssystems. 

Wird der Bewegungsradius der Menschen weiter eingeschränkt, gibt es auf den Friedhöfen demnächst mehr Jogger und Radfahrer als Tote. 

Dass im Frühjahr die Mobilität der Bevölkerung in stärkerem Maß durch freiwillige Selbstbeschränkung sogar schon vor Inkrafttreten von Maßnahmen deutlich stärker abnahm als im derzeitigen lockdown hat einen einfachen Grund - die Motivation war höher und eine andere. Man war der Überzeugung, es handele sich bei der pandemischen Lage um eine einmalige Ausnahmesituation, die man durch eine einmalige Anstrengung endgültig überwinde. Als Belohnung winkte das blaue Band des Frühlings und der Sommerurlaub. In diesem Winter ist die Situation eine andere. Eine kurzfristige Entspannung der Lage durch eine gemeinsame Anstrengung ist nicht in Sicht, im Gegenteil wird der Bevölkerung von Verschärfung zu Verschärfung vermittelt, die bisherigen Anstrengungen seien unzureichend gewesen und müssten fortgesetzt und erhöht werden. Das motiviert nicht zu einer Einschränkung von Mobilität, sondern im Gegenteil. Da man davon ausgeht, dass die Bewegungsfreiheit noch weiter eingeschränkt wird, nimmt man sich die Freiheit zur Bewegung so lange es noch geht. 

Mallorca hat eine simple Methode gefunden, Infektionsrisiken zu reduzieren: Einfach mal die Klappe halten! (Ralph Schulze, `Klappe halten auf Mallorca`, WAZ von heute). 

 

13.01.2021

Corona verdreht selbst routinierten politischen Dampfplauderern den Kopf und die Zunge. Markus Söder verweist auf der gestrigen Pressekonferenz der Bayrischen Staatsregierung (unwidersprochen) auf das `70fach erhöhte (statt um 70% höhere) Infektionsrisiko durch den mutierten Virus`, Dietmar Bartsch von den Linken stellt klar, `Die Pandemie darf nicht länger dauern als erforderlich`. Verschwörungstheoretiker aufgepasst: inwiefern ist die Pandemie erforderlich? 

Impfpflicht für Beschäftigte in Pflegeeinrichtungen: von der Opposition im Bundestag als `absurd` bezeichnet. Von WAZ-Kommentatorin Birgitta Stauber heute so beurteilt: ´Sollte es nicht bald gelingen, die persönliche Verantwortung der Pflegekräfte zu stärken, darf die Impfpflicht für diese  Berufsgruppe nicht länger tabu sein: Nur wenn das Coronavirus dauerhaft aus den Alten- und Pflegeheimen herausgehalten werden kann, lässt sich schließlich die Pandemie in Schach halten. Ebenso wenig, wie die Forderung nach einer Impfpflicht absurd ist, trifft das Argument zu, die Impfung halte das Corona-Virus fern. Es ist mindestens unklar, ob die Impfung auch eine Infektionsneutralität der Geimpften garantiert - die Erfahrung mit anderen Impfstoffen spricht eher dagegen. Dennoch ist die Forderung nach einer Impfpflicht nicht absurd - die Impfung verhindert Erkrankung und somit Personalausfälle in den Pflegeeinrichtungen. Spannt man den Bogen weiter, so besteht die Notwendigkeit der zeitnahen Impfung der Bevölkerung darin Erkrankung zu vermeiden und damit Arbeitsfähigkeit zu sichern. Ein durchaus legitimer, wenn auch nicht hervorgehobener Grund.

Auch für die Konzentration auf Kontaktreduzierung im privaten Bereich gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe unabhängig von der Frage, wo sich die eigentlichen Infektionsquellen befinden. Familien und Wohnungen sind Sackgassen für das Infektionsgeschehen: mögen sich auch viele Menschen im ÖPNV und in den Betrieben infizieren, so enden doch bei konsequenter Käfighaltung der Bevölkerung in ihrer Freizeit die Infektionsketten in den Wohnungen. Im Idealfall einer privaten Selbstkasernierung verbreitet sich das Virus von da aus nicht weiter. Also: arbeiten und ab in die private Klosterzelle. 

Ist die Demokratie noch zu retten? Durch Bürgerräte? Volksentscheide? Frau Birthler ist auf der Presse nicht bang wegen der 10% Abweichler am politischen Rand. Dem eigentragen Verein für mehr Demokratie ist in dieser Zeit am wichtigsten der gesellschaftliche Konsens. Erstere scheint das amerikanische Warnsignal zu ignorieren, letztere scheint zu meinen, Demokratie funktioniere am besten wenn möglichst alle einer Meinung wären. Demokratie als Instrument zur Homogenisierung von Meinungen ist indes das Gegenteil von Demokratie. 

 

 

12.01.2021

Unter Pflegekräften im Heim skandierte man zum Jahreswechsel: Wir testen die Bewohna auf Corona.

Friedhöfe avancieren zu Nischen der sozialen Nähe. Feierbiester treffen sich an den Gräbern, wo Ordnungskräfte nicht die Totenruhe stören wollen. Gruppen von Marathonläufern umrunden plaudernd Gruften. Da muss eingeschritten werden frei nach dem munteren Satz von Walter Moers (`Das kleine Arschloch und der alte Sack`): So stellt sich doch ein Atheist die Unsterblichkeit vor. Lokalverbot auf dem Friedhof.

Markus Söder wird nicht müde, das Scheitern des schwedischen Sonderwegs zu betonen. Man sehe in Schweden wohin Freizügigkeit bei der Pandemie führe. Sie führt - zumindest nach aktuellen Stand - im Vergleich zu Deutschland zu einem abflachenden Wachstum der Zahl der an COVID-19 Verstorbenen. In Deutschland sind bis zum 10.12.2020 ca. 20000 Menschen an COVID-19 verstorben, bis heute sind es 41.799, die Zahl hat sich also im Zeitraum von einem Monat verdoppelt. In Schweden stieg die Zahl der Todesfälle im Zeitraum zwischen dem 20.12.2020 und heute von ca. 8000 auf 9433. Selbst wenn die Zeiträume nicht exakt übereinstimmen lässt sich leicht sehen, dass die Zahl der Fälle der an COVID-19 Verstorbenen in Deutschland vergleichsweise rapide steigt - so dramatisch dass die Fortsetzung des Trends in absehbarer Zeit dazu führt, dass Deutschland Schweden auch bei der Ratio der an COVID-19 Verstorbenen in Bezug auf die Gesamtbevölkerung überholt. Wenn also Schwedens Sonderweg scheitert, dann Deutschlands Normalweg erst recht. Selbst wenn jedoch die Sterbezahlen in Schweden und Deutschland bezogen auf die Gesamtbevölkerung ähnlich wären verböte sich blasierte Überheblichkeit. Deutschland nimmt Infektionsraten zugunsten ökonomischer Interessen in Kauf und schränkt Freiheitsrechte massiv ein. Schweden nimmt Infektionsraten zugunsten der Beibehaltung von Freiheitsrechten in Kauf und scheint damit eher besser als schlechter zu fahren. Dreimal darf man raten welches Vorgehen der Verfasser bevorzugt. 

In Deutschland ist den Arbeitgebern und ihrem Arbeitgeberpräsidenten Kampeter das Gefühl der Kontrolle über ihre Schäfchen im Präsenzbetrieb deutlich wichtiger als der Infektions- und Gesundheitsschutz. Kampeter versteigt sich im MoMa zu der Äußerung, eine Verpflichtung zum Homeoffice sei der Untergang der deutschen Wirtschaft. Es gebe im übrigen keinen Beleg für Arbeitsumfelder als Infektionstreiber - die gibt es auch nicht für Gastronomie und Konzerthallen, sehr wohl jedoch gibt es zahlreiche Belege für den Zusammenhang zwischen Infektionsgeschehen und Mobilität. Aufwändige Studien zu erstellen, die nachweisen, dass es in Großraumbüros zu deutlich mehr Kontakten kommt als in weitgehender sozialer Isolation wäre etwa so sinnvoll wie Studien, die belegen, dass Rauchen die Gesundheit mehr schädigt als Nichtrauchen. Dieses Beispiel sei nicht von ungefähr erwähnt: Kampeters Bestehen auf Belege von Annahmen die sinnvoller Weise nicht bestritten werden können erinnert an Klimaleugner, Coronaleugner, Trumpisten und an das Verhalten der Zigarettenindustrie, die so lange es möglich war die schädliche Wirkung ihrer Produkte gegen besseres Wissen bestritten hat. Während er seinerseits Behauptungen aufstellt, für die er keine Beweise hat (Weltuntergang durch Homeoffice-Pflicht) fordert er Beweise für kaum zu bestreitenden Annahmen, die seinen Interessen zuwiderlaufen. Die übliche Mauerstrategie von Lobbyisten, zu denen auch gehört die Relevanz von Modellen, Prognosen, wissenschaftlichen Studien und statistischen Erhebungen mit dem Argument, es handele sich nicht um hundertprozentige Beweise - wenn also mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass Großraumbüros das Infektionsrisiko erhöhen, wird das für Kampeter kein Grund sein, vom Bestehen auf den Präsenzbetrieb abzusehen. 

Ungezählt die Toten, die an COVID-19, aber nicht an der Infektion sterben: `Bei der Analyse der Übersterblichkeit ergibt sich folgendes Problem: Der allgemeine Anstieg der Todesfälle ist nicht allein mit den laborbestätigten Corona-Fällen zu erklären. In vielen Ländern steigen auch die Sterbefälle, die nicht in Verbindung mit SARS-Cov-2 stehen(...)Folgende Thesen gibt es: Angst. Die Maßnahmen haben dazu geführt, dass immer weniger gesundheitlich angeschlagene Personen zur Ärztin oder zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Sie sterben zu Hause etwa an Herzinfarkten(...)Isolation. Die Maßnahmen führen dazu, dass sich der gesundheitliche Zustand der Menschen derart verschlechtert, dass sie früher sterben.`(Quarks.de, `Wie viele Menschen sterben an Corona?`9.02.2021). Und das sind nur die Luxusprobleme in den wohlhabenden Ländern - man wir kaum jemals etwas über das Schicksal der Wanderarbeiter in Indien erfahren oder Gräber für all diejenigen schaufeln, die in Folge der Corona-Maßnahmen verhungern. Kräht aber insgesamt kein Hahn danach, denn erstens verbreiten Tote COVID-19 aufgrund eingeschränkter Mobilität und Kontaktarmut nicht weiter, zweitens machen sie Intensivbetten frei und drittens sind die Todeszahlen lediglich wichtig als Schreckensszenario für die Bevölkerung, die zu Disziplin und Impfbereitschaft erzogen werden soll. Alarmierend ist die Anzahl der Infizierten und Erkrankten, denn die fehlen in den Betrieben und stecken weitere Erwerbstätige an.  

Wie viele Corona-Toten nicht an der Infektion starben wird man wohl erst dann erfahren, wenn einsam in ihrer Wohnung verstorbene Menschen sich als Geruchsbelästigungen in der Nachbarschaft bemerkbar machen.

Die Gefahr durch Extremismus, derzeit auffallend oft thematisiert, da das Drängen zur Mitte die gesellschaftlichen Randerscheinungen verstärkt, ist real. Denn je ausgeprägter die Extreme in der Gesellschaft, desto ausgeprägter der Extremismus. Randgruppen verabschieden sich von der Demokratie, da dem Willen der Mehrheit ihre Anliegen in der Regel am Arsch vorbeigehen. Das birgt Konfliktpotential unabhängig davon, was von den Anliegen der Randgruppen zu halten ist. 

Nüchtern betrachtet ist das Leben derzeit nur besoffen zu ertragen. Dementsprechend sind die Glascontainer überfüllt.

 

11.01.2021

Es trifft nicht zu, dass die Sozialausgaben derzeit aus der Wertschöpfung der Wirtschaft finanziert wird. Sie werden derzeit aus Krediten finanziert. Der Arbeitsminister äußert sich nicht zum Thema Shutdown in der Wirtschaft, ebenso wenig wie Finanzminister Scholz, der im MoMa lieber die Alternativlosigkeit der Maßnahmen hervorhebt, Impfen als Strategie bezeichnet und dem Publikum erklärt, man müsse sich darauf einstellen, dass man nichts vorhersehen kann. Im Umkehrschluss: Unzuverlässigkeit wird zur Neuen Normalität, die nichts mit Inkompetenz zu tun hat, sondern am stacheligen Corona-Überraschungsei liegt. Ob es logisch konsistent ist angesichts unklarer Entwicklungen von Alternativlosigkeit der eigenen Strategien zu sprechen sei dahin gestellt, man muss auch nicht von der Unvorhersehbarkeit von Entwicklungen überzeugt sein. Wird weiter die Wertschöpfung durch Präsenzzwang in der Arbeitswelt über den Schutz von Leib und Leben gestellt, werden weder Infektionszahlen sinken, noch die Todeszahlen. Auch daran werden sich - falls es dazu kommt - soziale Unruhen nicht entladen, sondern an einer an Klassenzimmerstreitigkeiten erinnernden Debatte um die ungerechte Verteilung der Belastungen. Die Revolution beginnt mit dem Aufstand der Nagelstudios und Restaurants, angeführt von Tim Melzer. 

Wenn nun Heiko Maas von einem `Marshallplan für die Demokratie` fabuliert formuliert er damit im Grunde deren Kapitulation. Ein Marshallplan ist erforderlich, wenn ein Krieg verloren ist und Strukturen von Grund auf zerstört sind. Wenn es schon so weit ist mit den Demokratien, dann ist die Aussage von Heiko Maas von umwerfender Ehrlichkeit, da er aber gleichzeitig trotzig darauf beharrt, dass autokratische Systeme (gemeint ist China) nicht besser bei der Pandemiebekämpfung seien als die westlichen Demokratien (wie gelangt er auf dieses schmale Brett?) ist seine Äußerung eher als verunglücktes Heraufbeschwören deutsch-amerikanischer Freundschaft zu werten, die für das arme Deutschland alles wieder Heil macht. 

Hauptredner der Online-Jahrestagung des Deutschen Beamtenbundes ist Horst S...äh...ofer. Es ist ermüdend genug ihm zuzuhören, der schweinchenmagentafarbene Bildhintergrund, eine Hommage an die schlimmsten Müllseiten im Internet, ist so sehnervzerfetzend und pupillenverengend, dass man den Sender wechseln muss bevor man für immer geblendet bleibt. Taugt allerdings als Überleitung zur nächsten Liveübertragung mit einer Rede der Landwirtschaftsministerin.

Bei `Hart aber fair` mag niemand auf Sascha Lobos Einwand eingehen die Regeln für Kontakte in Kindergarten seien deutlich restriktiver als die für Großraumbüros; das sei nicht logisch. Oh doch. Ist es. Zumindest, wenn Großraumbüros nicht nur als Treiber von Infektionen, sondern auch von `Wertschöpfung` gelten - was man (Letzteres) mit Recht bezweifeln kann.

  

10.01.2021

Mit kindlicher Begeisterung schwärmt Norbert Röttgen bei der CDU-Skatrunde der Kanzlerkandidaten von den fantastischen Möglichkeiten, die KI beim Thema innere Sicherheit bietet. Es gebe schon Algorithmen für die Personenerkennung, die eine Identifikation selbst dann erlauben, wenn die Verdächtigen maskiert sind - in Zeiten der Maskenpflicht unbedingt erforderlich. Es gebe sogar software zur Analyse von Körpersprache, mit der man die Absichten der Person ermitteln kann bevor sie zur Tat schreitet. Man kann sie aus dem Verkehr ziehen bevor sie das Verbrechen begeht, dessen man sie verdächtigt. Besonders wichtig wenn es sich um Gefährder handelt. Klar muss man die Gesetzeslage noch geringfügig an die technische Entwicklung anpassen, das sollte jedoch in Zeiten des Ausnahmezustandes, in denen unsere Freiheit besonders bedroht ist kein Problem sein. Wem dieses Szenario bekannt vorkommt: unter dem Titel Minority Report wurde sie nach einer Story von Phillip K. Dick verfilmt.

Möglicher Weise sollte auch mein Weinhändler eine solche software einsetzen. Ich gehe an seinem Geschäft vorbei und winke ihm Distanz wahrend durch das Schaufenster zu. Er hält inne, aber grüßt nicht zurück. Offenbar erkennt er mich nicht. Irritiert gehe ich meines Weges. Ich kaufe beinahe jeden Tag bei ihm ein, wieso erkennt er mich nicht? Dann fällt bei mir der Groschen: er erkennt mich nicht weil ich keine Maske trage. 

Im Tagesschau.de-Forum berichtet ein Beiträger namens Dito: `Es gibt immer noch keine Einschränkungen für Unternehmen. Während man sich als Privatperson mit niemandem mehr treffen und bald nicht mehr aus dem Haus darf, machen alle Unternehmen munter weiter. Im März konnte ich wochenlang im Homeoffice arbeiten. Jetzt wo die Coronazahlen hochgehen muss ich zur Firma kommen. Im Berufsverkehr mit vollen Bussen und (Straßen)bahnen.` Dem Beiträger sei empfohlen sich bei der Debatte auf twitter unter #MachtBueros mitzumischen: `NutzerInnen und Nutzer erzählen etwa Geschichten aus ihrem Präsenzpflicht-Alltag. Oder von Ihren U-Bahn-Fahrten ins Büro - trotz der hohen Corona-Neuinfektionen.` Spiegel-Online, `Corona-Hotspot Büro`, 09.01.2021). Es ist zu hoffen, dass es nicht bei einer Twitter-Debatte bleibt: Präsenzpflicht in Kombination mit deren wohlwollender Duldung durch die Regierung ist vorsätzliche Gesundheitsgefährdung. Die drohende Überlastung des Gesundheitssystems als Menetekel an die Wand zu malen und gleichzeitig Infektionsherde zuzulassen - Logistikzentren sind eben nicht nur Superspreader für Pakete - ist vor allem gegenüber den Beschäftigten in lebensnotwendigen Berufen wie Pflege und Lebensmittelhandel ein Skandal. Dass erst jetzt einige Politiker bis hinein ins Corona-Kabinett das auch so sehen und benennen, spricht nicht so sehr für eine plötzlich gewachsene moralische Sensibilität, sondern zeigt die Angst vor dem Scheitern des Konzeptes Infektionen in den Bereichen Bildung und Arbeit in Kauf zu nehmen, deren Verbreitung man durch strikte Einschränkungen der persönlichen Freiheit zwar nicht unterbindet, aber so verlangsamt, dass man sich ohne Rezession in Industrie und Export und ohne Kollaps des Gesundheitssystems in den Frühling und in die Impfzentren rettet. Bei Inzidenzen von über 1000 wie in London bricht jedoch die Basis dieses Geschäftsmodells zusammen. Zu viele Infizierte und Kranke vertragen nämlich auch die von Einschränkungen ausgenommenen Unternehmen nicht - zudem soll zwar die Angst vor Infektion den Bewegungsdrang der Menschen lähmen, aber nicht so sehr, dass sie nicht mehr zur Arbeit geht und fährt, und zwar auch in den lebensnotwendigen Bereichen. Nimmt die Furcht vor Infektion überhand, legt die Schockstarre der Bevölkerung die gesamte Gesellschaft inklusive ihrer Teilsysteme Bildungswesen, Gesundheitswesen, Wirtschaft und - ja - auch den Politikbetrieb lahm. Dann ist bald auch die Bazooka von Olaf Scholz leer, denn die hohe Kreditwürdigkeit des deutschen Staates und die Scholzsche Großkotzigkeit (`Wir halten das sehr lange durch`) beruhen eben darauf, dass auch bei grassierender Pandemie Export, Industrie und Großhandel weiter brummen.     

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, wird bei Anne Will deutlich: zum Thema lockdown für die Wirtschaft stellt er fest, man könne nicht die Wertschöpfung beeinträchtigen, die letztlich die Corona-Maßnahmen finanziert. Klipp und klar: Einschränkungen der persönlichen Freiheit kosten weniger, ein lockdown der Wirtschaft ist zu teuer. Und Tote sind zumindest keine gravierenden Kostentreiber.   

Noch deutlicher wird der Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger: `Sie können doch nicht alle Betriebe schließen.` Forderungen nach einem lockdown der Wirtschaft bezeichnet er als `absurd`. Wohlgemerkt: er bestreitet überhaupt nicht die Infektionsrisiken in den Betrieben, hält aber die Wertschöpfung für wichtiger als die Lebensgefahr, für die er im übrigen die Arbeitnehmer und ihren Hang zum Klönen (statt zum Arbeiten) verantwortlich macht. Ansonsten fordert er zur Deckung der pandemiebedingten Kosten `die Deckelung der Sozialbeiträge auf 40% der Lohnsumme und die Anhebung des Renteneintrittsalters` ( Manager-Magazin.de, 10.01.2021).

Wie stelle ich mir die Zukunft vor? Die Verödung der Innenstädte wird vorangetrieben. In den Grünflächen und Parkanlagen gehen die Menschen Individualsportarten nach. Kneipen, Cafes, Boutiquen und Restaurants gibt es nicht mehr, Massenveranstaltungen sind untersagt, Masken im öffentlichen Raum bleiben aus Präventionsgründen Pflicht, eingekauft wird nur noch online, Kultur nur noch virtuell. Die Lebenserwartung steigt, die Lebensqualität sinkt. Ich leide unter dem umgekehrten Cotard-Syndrom. Ich bin ein Toter der glaubt er sei am Leben. 

 

09.01.2021De

Um zwischendurch mal etwas Aufbauendes zu sehen führe ich mir Lars von Triers Komödie `Melancholia´ zu Gemüte. Entgegen des Distanzgebotes nimmt sich ein bislang auf der dunklen Seite der Sonne verborgener Planet die Freiheit mit der Erde zu kollidieren. Bis kurz vor Toreschluss gehen Wissenschaftler davon aus, der pangenocidale Kelch gehe an der Menschheit vorüber, eine Prognose die sich als ebenso verfehlt erweist wie die Annahme, es gebe im Winter keine zweite Welle der Corona-Pandemie (im Film lässt sich Melancholia Zeit, rast zunächst knapp an der Erde vorbei, um sie anderentags mit voller Wucht zu treffen). Ginge es nach Markus Lanz wäre der katastrophale Zusammenprall zu verhindern gewesen, wenn alle Menschen Masken getragen hätten.

Der Dax befindet sich in einem Alltagshoch, die Börsen befinden sich im Höhenrausch, die deutsche Exportwirtschaft floriert vor allem Dank China, die deutsche Industrie freut sich über Wachstumsraten, die eher typisch für Boom- als für Krisenzeiten sind (vgl. hierzu Handelsblatt, 04.01.2021, `Deutsche Industrie mit stärkstem Wachstum seit drei Jahren`). Diese auf den ersten Blick absurd anmutende Baisse wird gerne zurückgeführt auf die zu erwartenden Segnungen des Impfstoffes. Das mag ein Grund sein - ebenso plausibel jedoch: Börsen und Konzerne nehmen erfreut zur Kenntnis, dass unabhängig von der Systemrelevanz Betriebsstätten im Gegensatz zum Frühjahr von den lockdown- Maßnahmen ausgenommen sind - abgesehen davon, dass (lächerlich genug) Betriebskantinen geschlossen werden und Arbeitgeber freundlich gebeten werden ihren Beschäftigten homeoffice zu ermöglichen. Darauf pfeifen jedoch viele Arbeitgeber (Vgl. WAZ von heute, `Weniger Beschäftigte im Homeoffice`) und auch Erwerbstätige. Die Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich fördern ganz im Gegensatz zum Mantra der sozialen Distanz den Präsentismus, denn das Büro wird der einzige Ort der für soziale Kontakte: `Vielen Angestellten im Homeoffice fehlen der Kontakt und die lockeren Gespräche mit den Kollegen.` Der Trend zum Kaffeeklatsch am Arbeitsplatz spiegelt sich innerhalb der 15km-Radien um den Wohnungsort in einer uneingeschränkten bis intensivierten Mobilität wieder - wie jeder weiß, der an einer Hauptverkehrsstraße wohnt und regelmäßig lüftet (Adieu Viren, Benvenuto Feinstaub). Kurzum: die Kontaktbeschränkungen im sozialen Bereich befördern die Sehnsucht nach Großraumbüros und Pausenräumen, die Unternehmen freuen sich, dass trotz der im Vergleich zum Frühjahr dramatischeren Entwicklung der Pandemie die betrieblichen Infektionsrisiken in Kauf genommen werden. Im Wettbewerb der Systeme müssen für die Wettbewerbsfähigkeit Opfer gebracht werden. Nun erheben sich sogar im öffentlich-rechtlichen Kanon immer mehr Stimmen, denen es angesichts mutierender Viren und eskalierender Sterberaten mulmig wird - dementsprechend beeilt sich das RKI festzustellen `dass Ausbrüche am Arbeitsplatz derzeit nicht der Haupttreiber der Pandemie sind` (Mirko Trilling von der Uniklinik Essen, WAZ von heute) und heben hervor: `die meisten bekannten Corona-Fälle würden derzeit in Alten- und Pflegeheimen auftreten.` Immerhin fallen in dieser fadenscheinigen Bestandsaufnahme zwei Begriffe auf: `derzeit` und `bekannte Fälle`. Irgendwie muss der Virus ja in die Alten- und Pflegeheime gelangen. Da im Gegensatz zu den Alten- und Pflegeheimen in den Betrieben nicht systematisch getestet wird und zudem viele Infizierte symptomfrei sind, oder mit leichten Symptomen zur Arbeit gehen ist von einer hohen Dunkelziffer in den Betrieben auszugehen. Angesichts der Bedrohung durch eine weit ansteckendere Virusvariante ist das Gefahrenpotenzial etwa in Großraumbüros erheblich - und so breitet sich nun angesichts der drohenden Überlastung des Gesundheitssystems, das sich schließlich nicht nur um die Lebensverlängerung der alten Säcke, sondern um die Widerherstellung der Arbeitsfähigkeit der Erwerbstätigen kümmern soll, unter Politikern und Kommentatoren wie ein Lauffeuer das Gerücht aus, es handele sich bei der Arbeitswelt eben nicht um eine sterile Umgebung, in der das Infektionsrisiko zu vernachlässigen ist. Bodo Ramelow fordert einen harten lockdown auch für die Wirtschaft, Kommentatorinnen wie Julie Kurz (Tagesthemen von gestern) kritisieren darüber hinaus die Verlogenheit und Heuchelei, den Menschen im Privatleben alle möglichen Beschränkungen aufzuerlegen und bei den Unternehmen höflichst darum nachzusuchen, den Mitarbeitern homeoffice-Arbeit zu ermöglichen. Dann solle man doch offen zugeben: `It´s the economy, stupids!` und dazu stehen, für die Gesundheit der Wirtschaft habe die Gesundheit der Menschen hintan zu stehen. Sogar den Machern der Öffentlich-Rechtlichen scheint auch angesichts der Folgen des notorischen Kadavergehorsams der Republikaner in den USA ihre eigene Regierungstreue langsam peinlich zu werden - auch sie beginnen es als ungerecht zu empfinden, ihre Kinder im homeschooling bespaßen und auf den Skiurlaub verzichten zu müssen, während die Unternehmen zum Normalbetrieb zurückkehren, obwohl Inzidenzen im Prozentbereich drohen (siehe London). 

In der Kandidatenrunde für den CDU-Vorsitz lobpreist Friedrich Merz die Pandemie als gelungene Klimapolitik der CDU. Man habe die Klimaziele in 2020 übererfüllt. Norbert Röttgen hebt hervor: `Ich bin kein Lager`. Was denn? Ein Pils? Wohl eher ein Alt. 

 

08.01.2021

Hurra! Nach nur 10 Monaten Pandemie greift man - in Person von Frau Bhyx - auch bei Markus Lanz das Thema Infektionsherd Arbeitsplatz auf. Es sei nicht nachzuvollziehen, wenn Schulen schließen müssen, Arbeitgeber jedoch lediglich gebeten werden, Homeoffice zu ermöglichen. Wer nicht auf Homeoffice umstellt, müsse dies begründen. Dem Moderator ist  das nicht geheuer (hat er Zweifel an der Systemrelevanz seiner Tätigkeit?) und er wechselt umgehend zum Thema Impfen.  

Man sollte die 15 km Grenze `invertieren`. Da sich 80% der Todsünde Mobilität im engen Radius um den eigenen Wohnraum ereignen und nur 20% außerhalb des 15km-Radius sollte man Mobilität nur außerhalb des 15 km-Radius gestatten. Weil man dahin ohne triftigen Grund (Arbeit) nicht gelangt ist die private Mobilität komplett unterbunden. 

Eine 15 km-Bannmeile muss man wohl demnächst um das Capitol und andere Wahrzeichen der US-amerikanischen Demokratie ziehen. Man hofft zwar darauf, die Regierung Biden finde einen Impfstoff gegen den Trumpismus, näher an der Wirklichkeit ist indes wie stets die Börse: der Wert der Aktie von Smith&Wesson ist in kürzester Zeit um 40% gestiegen.  

Das Erstaunen über 70 Millionen Wähler, die ihre Stimme einem randalierenden Rumpelstilzchen mit Finger am roten Knopf gaben, ist selbst erstaunlich. Man wählte Trump nicht trotz seiner Verharmlosung der Pandemie, seiner vorsätzlichen Schändung demokratischer Heiligtümer und seiner Bürgerkriegsrhetorik, sondern genau deswegen: da lockdowns vor allem die ohnehin schon ökonomisch Benachteiligten und Abgehängten treffen wählen sie einen Kandidaten, der autokratisch und ohne Rücksichtnahme auf Kinkerlitzchen wie Wahlergebnisse und andere demokratische Prozesse dafür sorgen soll, dass die Wirtschaft weiter geöffnet bleibt. Wer arm ist oder sich von Armut bedroht sieht, dem ist ein Job wichtiger als die Bekämpfung der Pandemie. Die Trump-Wählerschaft besteht wohl kaum aus 70 Millionen Extremisten und Nazi-Schamanen, sondern zu einem großen Teil aus Menschen mit gravierenden ökonomischen Ängsten, die befürchten von einer demokratischen Regierung (...im Doppelsinn...) schlechter gestellt zu werden. Sie trauen nur einem Autokraten zu ihre Interessen notfalls auch gegen Mehrheiten in der Gesellschaft durchzusetzen. Die Rechnung ist einfach: da Armut und soziale Gegensätze kein mehrheitsfähiges Thema sind hilft dem Prekariat ein lupenreiner Demokrat nicht weiter.  

 

07.01.2021

Tumulte im Capitol, ein Präsident als Milliardär, der Milizen aufpeitscht, ein Publikum das entsetzt und fasziniert dem Spektakel folgt: so verblüffend ist der reaktionäre flashmob nicht. Was ist von einem Land zu erwarten, in dem ein Polizist freigesprochen wird, weil die Schüsse, die er in den Rücken eines Verdächtigen abgefeuert hat, als Notwehr gewertet werden? 

Was die Deutschen an den Corona-Regeln am meisten interessiert ist nicht, wie sollte man sich verhalten sondern was darf ich und was darf ich nicht? (Fragen hierzu beantwortet der Rechtsexperte im Morgenmagazin). Brav!

Exzessiv treiben es auch die Börsenkurse. Spitzenwerte, Broker im Freudentaumel, rahmensprengende Kurssteigerungen bei den Kryptowährungen. Homeoffice, soziale Distanz, Kontaktvermeidung und Bitcoin - Marriage made in hell. Das Kursfeuerwerk als Ersatz für ein ausgefallenes Silvester. Die Börsenhausse allein mit der Aussicht auf Herdenimmunität zu erklären greift zu kurz. Ebenso wichtig ist die Aussicht auf den Regierungswechsel in den USA, der die Aufhebung von Protektionismus, Zöllen und Handelskriegen mit China verspricht. Dazu kommt die Erwartung, dass die enormen Geldmengen, die zur Pandemiebekämpfung mobilisiert werden, technische Innovationen forcieren und Lohnkosten durch Rationalisierung und die Erpressbarkeit der Erwerbstätigen sinken. Die Welt als Seuchenpfuhl und Bullenmarkt. 

 

06.01.2021

Corona-Traktat Paragraph B.1.1.7: Ein öder Tag. Als würde man 15 Kilometer lang im Kreis um den Wohnort laufen. Alle Nachrichten bewegen sich so sehr im Rahmen des Erwartbaren, dass man vor lauter Pandemiemüdigkeit taumelt. Während uns die altbekannten Restriktionen aus dem Frühjahr aufgetischt werden, deren Einhaltung kaum kontrolliert werden kann setzt man bei den Arbeitgebern auf das immer wieder bewährte Konzept der freiwilligen Selbstverpflichtung. 

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni fiel gestern die Kinnlade herunter, als doch tatsächlich der von ihm interviewte Epidemiologe Klaus Stöhr gegen die derzeit vorherrschende Meinung das Erreichen der Inzidenzwerte unter 50 oder gar 25 für absolut illusorisch hält selbst wenn ein noch härterer lockdown inklusive der Schließung aller nicht lebensnotwendigen Betriebsstätten vorgenommen wird. Lockdown forever. 

Wenn wir alle einfach 2 Wochen selbst im Schlaf und beim Pipimachen Maske tragen wäre alles gut. Wer wundert sich und echauffiert sich darüber, dass dies nicht angeordnet wird? Richtig. Er - Markus Lanz - ist wieder da. Abgesehen von einem Lesefehler meinerseits, der mich zum Kichern brachte (Peter Tschentscher regiert mit einem rotgrünen Salat) verdient nur der Vorschlag von Impfsommelier Prof. Peter Kremsner Erwähnung, verschiedene Impfstoffe zu mischen um vorhandene Kontingente besser auszuschöpfen. Biontech Cuvèe. Das ist doch mal ne Panschline. 

Das zaghafte Stimmchen der Opposition in Gestalt von Frau Göring-Eckart erhebt sich kurz in der WAZ: `Dass die harte Einschränkung privater Kontakte geregelt wird, aber die Kontakte am Arbeitsplatz nur mit einem kurzen Appell behandelt werden, ist völlig unverständlich.` Junge. Das saß. Genug des Sarkasmus. Das grüne Empörungsbäuerchen hart weder nachhaltige Wirkung, noch glaubt man das Unverständnis - die Prioritäten sind klar, wenn auch nicht explizit so genannt. Der Vorrang ökonomischer Erwägungen wird auch dadurch deutlich, dass Arbeit im Gegensatz zu Erholung ein triftiger Grund ist, Infektionsrisiken für sich und andere in Kauf zu nehmen. An der Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich der Wohlstand und damit wie zu Bismarcks Zeiten der soziale Frieden. Wie bei der Pandemiebekämpfung: Rezepte von Vorgestern für die Krankheiten von heute. 

Ausgerechnet einem Philosophen bleibt es vorbehalten realistisch zu sein: `Nach einem Jahr, in dem den Menschen viele Freiheiten genommen wurden, ist es selbstverständlich, dass sie Ventile suchen und ein menschenwürdiges Leben haben wollen. Mich hat der Ansturm im Sauerland nicht überrascht.`(Markus Gabriel, in: `Verständnis für Touristen`, WAZ von heute). Ob einem das gefällt oder nicht, das trifft zu, die Frage ist in welchem Umfang dies zutrifft und welche Ventile der Freiheitsdrang sich verschafft. Die massiv steigenden Absätze des Kondom-Herstellers Ritex sprechen entweder für die erotisierende Wirkung erzwungener Monogamie, oder dafür, dass es sich bei Skiern und Kufen nicht um die Gleitmittel handelt, deren Verwendung epidemiologisch bedenklich ist.   

`Polizei im Revier setzt Taser ein`(WAZ von heute). Demnächst auch in Schlafzimmern und auf Rückbänken von SUVs. 

Auf der Bundespressekonferenz wird der etwa 15-jährige Scheuermilchbart, der das Verkehrsministerium vertritt gefragt, ob ihm die Studien bekannt seien, die den senkenden Effekt von Tempolimits auf die Zahl der Verkehrstoten belegen. Sie sind ihm nicht bekannt. Wozu auch. Der Straßenverkehr im Autoland Deutschland ist ein hinlänglich bekanntes Beispiel dafür, in welchem Verhältnis der Schutz des Lebens zu ökonomischen und politischen Verhältnissen steht. Da man nicht die Gefahr sieht, dass durch Tote und Verletzte infolge von Raserei das Gesundheitssystem überlastet wird besteht hier kein Handlungsbedarf (hierzu Markus Lanz: Masken!). 

Ob der russische Impfstoff wohl an Hunden getestet wurde? 

 

05.01.2021

Meine Wissenschaftsgläubigkeit nahm unfassbare Ausmaße an, nachdem mir die WAZ von heute folgende Analyse des Verhaltens der Skiliftboys in Winterberg serviert bekam: `Sozialpsychologe erklärt: Entlastung reizvoller als Verzicht.` Das erschüttert mein bisheriges Bild der von Bescheidenheit und Askese geprägten menschlichen Natur. Gegen den Schock der Erkenntnis hilft nur ein Schluck Klosterfrau Melissengeist. 

Bei `phoenix - vor Ort` unterbreitet der Medizinstatistiker Gerd Antes den Vorschlag zur besseren Erfassung von Infektionsquellen auch die berufliche Tätigkeit der Getesteten zu erfassen. Unter keinen Umständen wird man diesen vernünftigen Vorschlag in die Tat umsetzen. Er könnte unerwünschte Erkenntnisse hervorbringen.  

Out of Rosenheim begibt sich der der Einzelhandel in der Revolte: unter #wirmachenauf organisieren sich Einzelhändler, die unabhängig von den politischen Beschlüssen und der Rechtslage am 11. Januar ihre Geschäfte wieder öffnen (wollen) (`Rosenheimer Einzelhändler will trotz Lockdown aufsperren`, br.de, 04.01.2021). Aufsperren statt Aussperren: man darf gespannt sein, ob es dazu wirklich kommt und welche Reaktionen der offene Rechtsbruch auslöst, dessen Initiatoren sich in ergreifender Naivität als `unpolitisch` bezeichnen. 

Zur Einordnung der Empörung über den leicht verzögerten Impfstart in Deutschland im Vergleich zu Bahrain und Island hilft eine von oxfam ermittelte Zahl, nach der etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung voraussichtlich erst 2022 geimpft werden können. Man klagt zwischen Kiel und Zugspitze wie üblich auf hohem Niveau.  

Ein wunderschöner Beitrag zur semantischen Ästhetik der Bürokratie liefert bei der Pressekonferenz des Deutschen Städte- und Gemeindebundes dessen Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg: um die Transformation von Städten hin zu einer klimatauglichen urbanen Umgebung zu bewerkstelligen hält er die Einführung einer Produktversandsteuer für angemessen, die Online-Lieferdienste zu entrichten hätten, da sie die kommunale Infrastruktur nutzen. Zudem möchte er auch für den kommunalen Bereich Regelungen entsprechend dem Investitionsbeschleunigungsgesetz, um - na was wohl - Investitionen in den Städten und Kommunen beschleunigen zu können. Der Hang zu sperrigen Wortungetümen sei Herrn Landsberg nachzusehen. Die Forderung die Corona-Krise als Chance zu begreifen sich in ähnlicher Entschiedenheit und Raschheit dem Thema Klimawandel zu widmen ist ja in Ordnung. Auch die Anregung Gebäude in den Städten demnächst so zu bauen, dass sie sich gegenseitig Schatten spenden wusste zu gefallen. Dass ich dies hervorhebe verdeutlicht, wie sehr ich inmitten der Wiederholung der immer gleichen Appelle und Themen nach Abwechslung und Originalität lechze. 

 

04.01.2021

Jens Spahn verteidigt sich gegen die am Sonntag in der `Welt´ von Frauke Zipp geäußerte Kritik, die Bundesregierung habe bei der Beschaffung des und Verteilung des Corona-Impfstoffes versagt mit den Worten `Es läuft genauso, wie es geplant war.`(WAZ von heute). Man darf ruhig versagen, Hauptsache das Versagen erfolgt nach Plan, der keinesfalls verändert werden darf. Wesentlich ist nicht der Erfolg eines Plans, sondern dass man ihn unabhängig von seiner Wirkung verfolgt. 

Norbert Röttgen beantwortet im WAZ-Interview von heute die Frage, ob Geimpfte mehr Freiheiten und Sonderrechte bekommen sollen wie folgt: `Die Einschränkung von Freiheit ist nicht der Normalzustand - und die Wiederherstellung grundrechtlicher Freiheit kein Privileg. Es ist genau andersherum: Die Einschränkung der Freiheit ist der Ausnahmezustand.` Tore auf für die Trennung der Gesellschaft in eine Gruppe, für die der Ausnahmezustand gilt und eine Gruppe, die wieder in den Genuss der im Grundgesetz festgeschriebenen Freiheiten gelangt. Eine weitere Janusbotschaft: Die Spaltung der Gesellschaft wird zwar oft beklagt, zugleich jedoch soll man sich an sie gewöhnen. Geht ja bei anderen sozialen Gegensätzen auch. 

Ich drücke der zum Abschuss freigegebenen Wölfin Gloria, ihrem Partner und ihren Welpen die Daumen.    

`Land im Fieber - die Folgen der Corona-Krise` (ZDF, 03. Januar 2021, 19:10) war eine überraschend differenzierte Reportage, die zum Beispiel darauf verzichtete, sämtliche Demonstranten gegen die Corona-Politik in einen Topf zu werfen. Das Problem bestehe darin, dass es den Oppositionsparteien nicht gelungen sei, die durchaus nachvollziehbaren Kritiken an den Maßnahmen selbst, sowie an der derzeitigen Praxis der Entscheidungsfindung aufzugreifen und ihnen im parlamentarischen Diskurs Wirkung zu verschaffen. Da die Opposition aus AfD, FDP und der Linken besteht, die unter keinen Umständen kooperieren oder auch nur Positionen beziehen werden, die eine der anderen Oppositionsparteien teilt, wird außer der AfD keine Oppositionspartei sich öffentlich auf die (rechte) Seite der Maßnahmenkritiker schlagen. Es bleibt daher eine Aufgabe der Maßnahmenkritiker die Dekantierung von Corona-Leugnern und vom rechten Rand vorzunehmen.  

Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, hat den beleidigten Gesichtsausdruck perfektioniert. Er will dem Virus seine Gemeinheit heimzahlen, Sachsen erst zu verschonen, dann umso heftiger heimzusuchen, indem er Ausgangssperren in Erwägung zieht. Dann bleiben dem armen Virus nur noch Sachsens Betriebe und der ÖPNV. Sollte reichen, damit die Inzidenz nicht zu rapide sinkt.

Auf Diskriminierung wegen des Impfstatus muss man bestimmt nicht lange warten. Heute wurde ich Zeuge, wie einem Mann mit Spuckschutz aus Plastik und einem Attest, das ihn von der Maskenpflicht befreit, der Zutritt zu einem veganen Supermarkt verweigert wurde. Es entsetzte mich nicht einmal mehr, im Gegenteil, alles andere hätte mich überrascht.

Für viel Wirbel sorgte und sorgt Jan Fleischhauers Focus-Kolumne `Merkels Impfstoff-Versagen: Die verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit.` Kern der Kritik ist, dass Deutschland beim Impfrennen im Vergleich z.B. zu Israel und den USA ins Hintertreffen geriet, weil man die Beschaffung des Impfstoffes und die und Versorgung der deutschen Bevölkerung mit dem Impfstoff an Brüssel delegierte. Ist es ohnehin schon skandalös, wenn Deutschland in einem beliebigen Wettbewerb irgendwo zwischen Kroatien und Chile rangiert (by the way: Kroatien ist Vizeweltmeister im Fußball, und war im Gegensatz zu Deutschland auch Olympiasieger im Handball) kommt noch erschwerend hinzu, dass aus Sicht des Kolumnisten die Verzögerung bei der Verimpfung einen längeren lockdown bedeuten und - oh, Gott! - weitere Menschenleben kosten könnte. Fleischhauer empört sich darüber, dass Deutschland nicht nationalistisch vorgegangen ist, denn hätte man auf nationalen Alleingang gesetzt, so hätte man dank deutscher Marktmacht mehr deutsche Leben retten können - so jedenfalls werden geneigte politische Kräfte Fleischhauers vielfach gelikete Kolumne auslegen. Selbst wenn man diese Kritik teilt: der Vorrang bestimmter politischer Interessen vor der unbedingten Rettung von Leben zieht sich als roter Faden durch die gesamte Pandemie. Lockdown light, Präsenzunterricht in Schulen, offene Kitas, volle Busse und Bahnen, die Verschonung weiter Teile der Wirtschaft von Schließungen - all das nahm zugunsten politischer Ziele höhere Infektionsraten und auch Todeszahlen in Kauf. Im Fall der Delegierung von Entscheidungen in Sachen Impfstrategie nach Brüssel gesellt sich der Wert der Europäischen Einheit diesem Kanon der Vorrangstellungen vor dem unbedingten Schutz der Gesundheit in der Bevölkerung hinzu. Wenn gleichwohl die Akzeptanz für die Corona-Strategie in der deutschen Bevölkerung hoch ist, kann es eigentlich kaum erstaunen, dass der `publizistische Aufschrei` wegen des vorgeblichen Versagens von Merkel und Spahn in dieser Sache weitgehend ausbleibt. Offenbar akzeptiert man weitgehend, dass der Verzicht auf nationale Alleingänge in Anbetracht der Krisen, die Europa noch zu bewältigen hat selbst um den Preis verzögerter Impfungen der richtige Weg war. Im übrigen sei noch folgender publizistische Stoßseufzer Fleischhauers zitiert, der stellvertretend für die Qualität seiner Kolumne stehen mag: `Der designierte amerikanische Präsident Joe Biden hat angekündigt, dass nach den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit 100 Millionen Amerikaner geimpft sein werden. Das ist eine Größenordnung, von der wir nicht einmal träumen können.` Es sei daran erinnert, dass auch amerikanische Präsidenten gelegentlich Entwicklungen vorwegnehmen, die sich erst noch an der Realität beweisen müssen, zumal dann, wenn sie noch gar nicht im Amt sind. Vor allem aber möchte man den genauen Inhalt der Träume derjenigen lieber nicht kennen, die von 100 Millionen geimpften Deutschen träumen. Bei derzeit etwas über 83 Millionen Einwohnern in Deutschland dürfte es schwierig sein, 100 Millionen Michels zu impfen. 

Was nun Joe Biden betrifft: Julian Assange wird vorläufig nicht an die USA ausgeliefert werden. Wenn auch ich einmal träumen darf: Begnadigung von Julian Assange. Selbst Obama allerdings hat dies nie in Erwägung gezogen, von Bushmann Joe Biden ist eine solche Geste erst recht nicht zu erwarten. Die Beispiele Assange und Snowden zeigen, dass auch in Demokratien Menschen bedroht sind, wenn sie aus Sicht der Machthaber mit ihrer Offendeckung von Machenschaften und ihrem Beharren auf Transparenz gegen von diesen Machthabern definierte nationale Interessen verstoßen. Dann kann es geschehen, dass auch nette und charmante Amtsinhaber sie mit Terroristen auf eine Stufe stellen.  

 

03.01.2021

Worin genau besteht die Systemrelevanz von amazon? Die Schließung der amazon-Logistikzentren wäre ein einfaches Mittel, um der Entstehung von Hotspots vorzubeugen, denn: `Das Virus fühlt sich wohl in Logistikzentren`(Volkan Agar, `Covid 19 bei amazon`, taz.de, 04.12.2020). Ernsthaft schaden würde ein amazon-lockdown höchstens den unversteuerten Profiten des Unternehmens. Es wäre allerdings möglich, dass der Verdruss der Konsumenten sich dann in sinkenden Umfragewerten niederschlägt. Der Entzug von Grundrechten ist das eine, aber dem Souverän das onlineshopping madig zu machen ist ein ganz anderes Kaliber.

Wenn es wirklich stimmt, dass sich alle 11 Minuten ein Single mit Parship verliebt braucht man sich über hohe Infektionszahlen nicht wundern. Dann gibt es da noch c-date, tinder etc....um es mit Rassismustante Gloria von Thurn und Taxis zu sagen: die Deutschen schnackseln halt gerne. Dem libidinös bedingten Unterlaufen der AHA-Regeln (inklusive deren frivolem Einbau in Rollenspiele) ist - da man selbstredend nicht die Werbung der Online-Verkehrsbetriebe untersagt und deren (Social) Contact Center schließt - nur durch strikte Ausgangssperren beizukommen. Es bedarf einer sexuellen Konterrevolution um der Pandemie beizuschlaf...pardon...beizucummen. Zwar führt es zu vermehrten Gewalttaten und ggf. zu einer höheren Auslastung von Intensivstationen, wenn man Partnern und Familien die Fluchtwege verbaut, aber wie wir alle wissen ist Gewalt gottlob nicht ansteckend (solange alles in der Familie bleibt).

Die ARD nutzt die `Tagesthemen` als gebührenfinanzierte Werbung für die eigenen Spielfilme. Moderatorin Pina Atilay geht vom Bashing der französischen Partyjugend und der Schlittenfahrer direkt über zu einer 10-minütigen Reklame für `Feinde` nach einem Buch von Ferdinand von Schirach, der als Interviewpartner zugeschaltet ist, brav die Politiker lobt, deren Maßnahmen für verhältnismäßig erklärt und mit der ganzen Wucht seiner juristischen Expertise zu einem gewaltigen Pleonasmus gelangt: Gerechtigkeit sei ein mehr oder weniger emotionales Gefühl. Gut, dass das mal geklärt wurde.   

Der Rundfunkstaatsvertrag verbietet Produktplatzierungen im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen, jedoch: "Das Darstellen von gewerblichen Waren oder deren Herstellern, von Dienstleistungen oder deren Anbietern außerhalb von Werbesendungen ist zulässig, wenn es aus überwiegend programmlich-dramaturgischen Gründen, insbesondere zur Darstellung der realen Umwelt erfolgt." (Ziff. 4, Nr. 1 Werbe RL, Fernsehen). Außerdem: "Produktplatzierung ist die gekennzeichnete Erwähnung oder Darstellung von Waren, Dienstleistungen, Namen, Marken, Tätigkeiten eines Herstellers von Waren oder eines Erbringers von Dienstleistungen in Sendungen gegen Entgelt oder eine ähnliche Gegenleistung mit dem Ziel der Absatzförderung Die kostenlose Bereitstellung von Waren oder Dienstleistungen ist Produktplatzierung, sofern die betreffende Ware oder Dienstleistung von bedeutendem Wert ist (§ 2, Abs. 2 Nr. 11 RStV)." Mit anderen Worten: wenn in `Feinde` von Bodo von Schirach, einer Produktwerbung für den Rechtsstaat, Klaus Maria Brandauer und andere rauchen wie die Ketzer, der Autor in Houellebecq-Pose beim Interview parzen darf wie sonst nur Helmut Schmidt bei Maischberger, darf sich eine gesamte Branche, die (in Zeiten einer grassierenden Lungenkrankheit und einer suchtfördernden Beschränkung auf den eigenen Wohnraum) vom Verkauf krebserregender Produkte lebt, über absatzfördernde Medienpräsenz freuen, für die sie - im Gegensatz zu den Gebührenzahlern - keinen Cent berappen muss. `Feinde` verknüpft Schleichwerbung für Tabak mit Volkserziehung. Die Geschichte vom Polizisten, der ein Geständnis unter Folter erzwingt, das aufgrund der illegalen Verhörmethoden nicht rechtsverwertbar ist verbreitert die rohe Botschaft: das Wichtigste ist, dass Rechtsstaat nicht beschädigt ist, auch dann wenn die Konsequenzen schwer auszuhalten sind. Die Ansage in Pandemiezeiten ist klar: Haltet euch an die Regeln, auch wenn es kaum zu ertragen ist.

Onlinedienste wie Smava und Verivox können sich darüber freuen, dass sie - gemäß den in §§ 15 und 44 RStV geregelten Ausnahmen - regelmäßig unter der Rubrik Finanzcheck im ARD/ZDF Morgenmagazin erwähnt werden, so wie Automobilkonzerne sich über die ausführliche Formel 1-Berichterstattung in der Rubrik Sport freuen dürfen. Ich rege mich derart über diese Doppelmoral auf, dass ich mir erstmal eine anstecke. Anstecken liegt ja im Trend.

 

02.01.2021

Endlich die Feiertage überstanden, den ganzen medialen Retromist, inklusive Schlagerparaden und Loriot, der ungewollte Kindheitserinnerungen hochspült. `Diese zur Schau gestellte Besinnlichkeit in Zeiten, in denen wir nichts anderes haben als Ruhe und Besinnlichkeit, weil es kaum noch Zerstreuung gibt: Weg damit.`(Birgitta Stauber, `Gedanken zum Jahreswechsel`, WAZ von heute). Ist das Sondermüll oder kloppt man das einfach in die Restmülltonne? 

Was spendet Trost in diesen Tagen der Abgeschiedenheit? Die Namen der Dörfer am unteren Bildrand beim Wetterbericht: Krümmel -1 Grad, leichte Pluswerte in Lieberose. Gemeinden in Tälern, tief unter den über alles erhabenen Schwüngen der Autobahnen, die alle am Meer enden.

Die Absurdität der Onlinewelt. Kurzinfo im Stadtspiegel. `Im Pflegeheim Flora Martina in Herne hat es einen Corona-Ausbruch gegeben.(...) Wie so eben bekannt wird: Traurig...8 Tote sind zu beklagen.` Unter diesem Artikel neben einem Herzchen der Vermerk: Gefällt 1 mal. 

 

01.01.2021, 00:01

Ein Glas Champagner im Regen. Vom Balkon aus die Aussicht auf menschenleere Straßen und Feuerwerk in sozialer Distanz, über den Dächern der Vororte, die an den Rand gedrängte Feierlaune bricht sich perimpfernalisch Bahn. Sektempfänge an den Kanten eines Kraters namens Innenstadt. Im Fernsehen begrüßen Schlagerstars der 70er Jahre das neue Jahr, als würden die hilflos dem TV-Programm ausgelieferten Alterseinsamen nicht lieber den Beatclub und Talentschuppen hören. 

Unter den Schlaghosenstars auch der junge Donald Trump, der sich nach zweimaligem Blinzeln als Howard Carpendale entpuppt. Runtergerissen. Na dann Gute Nacht. 

Fürs Neue Jahr habe ich mir vorgenommen viele Fehler zu begehen. Ich habe ohne zu zögern gleich damit angefangen, indem ich - um mir die Zeit bis zum Höhepunkt des Jahreswechsels für Singles vertreiben zu können, dem Neujahrsgeisterspringen in Garmisch - eines jener Produkte erwarb, die sich `millionenfach verkaufen, ohne dass es dem Käufer je gehört` (Zitat aus den Film `Mank` der Gebrüder Fincher), eine Filmdatei. Der zweite Fehler: es handelt sich um einen Film von Christopher Nolan namens Tenet. Erneut - wie in Interstellar - missbraucht Nolan das Vehikel Film, um sein Grundwissen der theoretischen Physik zu vermitteln. Dabei hat es ihm besonders die Umkehr des Zeitpfeils angetan, dem mit Abstand gewöhnlichsten und von daher wenig faszinierenden Prinzip des Mediums Film. Sätze wie `ein Positron ist ein sich umgekehrt in der Zeit bewegendes Elektron` dürfen dann Geheimdienstagenten von sich geben, deren Charakter genau so schematisch und eindimensional gestrickt ist, wie es diesem simplen Satz entspricht, der vielleicht antiintuitiv, aber mitnichten komplex oder schwierig ist und zudem ohne dramaturgische Notwendigkeit beiläufig dahin geplappert wird. Darum jedoch geht es dem Regisseur offenbar: einen aufwändigen Kinofilm in Überlänge zu produzieren, nur damit dieser eine Satz untergebracht werden kann, der für jede Folge von Big Bang Theory zu banal wäre. Dafür wird eine millionenschwere Maschinerie in Gang gesetzt, deren Ökobilanz im übrigen etwa so verheerend sein dürfte wie die einer Formel-1-Saison. Nolans Filme gleichen sündhaften teuren Sportwagen ohne Motor, die von einem Klapprad im Inneren angetrieben werden, dessen Fahrer sich für Lewis Hamilton und Albert Einstein zugleich hält. Die Karosserie und der Aufwand sind so beeindruckend, dass die Illusion von Geschwindigkeit entsteht, obwohl die Karre vorwärts wie rückwärts lediglich im Schritttempo voran kommt. Dann noch Titel des Filmes und Name des Bösewichts in diesem Bond-Verschnitt: Tenet und Rotas...ein Palindrom, das Netz enthält und das bekannteste Satzpalindrom, damit auch jeder den Aspekt der Umkehrbarkeit der Zeit im Film versteht. Ein Kinobesucher schrieb hierzu treffend: `Das war das erste mal, dass ich ein Kino früher verlassen habe. Kurz vor dem Aufbruch hab ich mir für mich eine Inversion gewünscht, eine Zeitreise zurück an die Kinokasse, als ich die Karten mit sogar einem Aufschlag für die Überlänge erworben hatte.` Als gäbe es in `Tenet` nicht bis hin zu den Drehorten Klischees genug fällt übrigens mit penetranter Häufigkeit der Begriff `lockdown`. Auch das Anspielungen, die sich auf das Verspieltsein begnügen, ansonsten jedoch keinen inhaltlichen Bezug zur aktuellen Lebenswirklichkeit der Rezipienten erkennen lassen. Dabei hätte grade unter den Bedingungen der Pandemie die Grundidee einer Manipulation der Vergangenheit ihre dramaturgischen Reize, die Nolan ignoriert zugunsten eines Action-Spektakels mit dem 007üblichen Russen als Schurken, das der Regisseur auf zweieinhalb Sunden inflationär zu einer digitalen Seifenblase aufbläht. Dem Publikum gefällt `Tenet` übrigens mehrheitlich so gut wie die Corona-Politik von Jens Spahn und Angela Merkel, die (um einen cineastischen Begriff im Nolanstyle sinnfrei unterzubringen) Schnitt-Menge ist beachtlich, das mag allerdings auch an einem Mangel an Alternativen liegen. In der Not ist es besser, Gefallen an dem zu finden, was man kriegt, das mag so manchen Umfragewert erklären. Ich lasse per Betätigung der Stopptaste die Zeit im Noland stillstehen und freue mich auf die Schieflieger - hoffentlich sehe ich nach meinem Fehlkauf nicht gleich vor lauter Ärger die Sprünge und den gesamten Wettbewerb rückwärts. gnunnapS edej menie emhän saD.