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Der Aufstieg von Atlantis

Adesso

"Es gibt nun mal Bereiche im Leben, da sind Tod und Überleben so nah beieinander, sind so eng miteinander verflochten, dass althergebrachte Konzepte wie Freiheit oder Willenskraft, schlecht oder gut, neu überdacht werden müssen. Es bedarf des Mutes sie nicht als absolut zu betrachten." (Fabio Cantelli, SanPo, Doku-Serie über das Drogentherapiezentrum San Patrignano) 

 

13.04.2021

Bei all den von Corona besonders hart betroffenen Gruppen herrscht Wehklagen und Jammern. Arbeitgeber befürchten den endgültigen Ruin durch eine Testpflicht, Ryan-Air-Piloten heuern als Lokführer bei Märklin an, Fahrstuhlhersteller fühlen sich diskriminiert. Aber wie geht es eigentlich dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner? Müssen wir uns sorgen um den Zustand des teuflischen Schwerenöters? Glaubt man Wissenschaftspublizist Michael Springer ist die Sorge dank lernfähiger, zu künstlicher Intelligenz befähigter software unbegründet, denn die Selbstlernalgorithmen entkoppeln den Markt komplett von jeder menschlichen Kontrolle und befreien den Menschen zugleich von jedweder juristischen Verantwortung für die verheerenden Wirkungen von Marktprozessen: `In simulierten Märkten lernten zwei bloß auf Profitmaximierung zielende Algorithmen ohne jedes menschliche Zutun, auf gegenseitige Konkurrenz zu verzichten und dadurch Extragewinne einzustreichen. Sogar über künstliche, extern inszenierte Krisen hinweg wurden sich die zwei Rivalen nach kurzem Preiskrieg rasch wieder handelseinig.` Derlei nennt man Marktabsprachen und ist als menschliches Treiben illegal, indes: `Der Täter ist der Algorithmus; und für ihn gibt es, solange ihm kein bewusstes Wollen zugestanden wird, auch kein Strafrecht.` (Michael Springer, `Springers Einwürfe - Algorithmen als Unternehmer`, Spektrum der Wissenschaft, 4/21, S. 33). Exakt so stellen sich Militärs die Kriegsführung der Zukunft vor: Algorithmen treffen die Entscheidungen und entledigen die Generalbrennstäbe nicht nur lästiger Entscheidungen, sondern auch jeder Verantwortung für die Opfer. Man muss sich also nicht nur um den Kapitalismus keine Sorgen machen, sondern auch nicht um den Militarismus. Um den Tag mal mit guten Nachrichten zu beginnen.       

Die Diskussion um die korrekte Bezeichnung für die an- und abschwellenden Bockshorngesänge des Virus scheint entschieden, da ein Lockdown eben semantisch besser zur Welle passt, als zu dem der Sache wohl besser gerecht werdenden Begriffsfeld Flächenbrand und Brandherd - lockdown klingt nach Schotten dicht, Damm errichtet und alles ist bestens, auch wenn man sich fragen darf, wie denn das Bild der `Notbremse` zum Bild der `Welle` passt. In Anbetracht des Krankheitssymptoms der Entzündung, das seine semantische Entsprechung in den vielzitierten `hotspots` findet, bietet sich eigentlich an von einer `firewall` zu sprechen statt von einem `Wellenbrecher`, aber vielleicht spiegelt sich hier ja auf hohem Niveau der quantenmechanische Zeitgeist. Was in der Quantenmechanik nicht entschieden ist - ob die Wellenfunktion lediglich eine statistische Beschreibung oder ein realer physikalischer Sachverhalt ist (und ob dieser Unterschied überhaupt besteht) - ist in der terminologischen Debatte entschieden. Corona ist entsprechend der Welle-Teilchen-Dualität sowohl eine Welle mit einer Wahrscheinlichkeitsamplitude (ausgedrückt durch den R-Wert), als auch ein konkret örtlich und zeitlich definierter manifester Zustand, sobald durch Messung (PCR-Test) die Wellenfunktion zur konkreten Infektion kollabiert so wie der Patient auf der Intensivstation. Ein gewisses Unbehagen bleibt, ob denn nicht statt dem Brechen von Wellen das Löschen von Brandherden und die Vermeidung von Feuersbrunsten erforderlich sei, aber wie bei vielen anderen Fragen, die eine Kakophonie von Antworten produzieren gilt auch bei dieser Frage: die einen sagen so, die anderen so, und was den Wert von Prognosen und Modellen betrifft gilt das von Söder zitierte Kaiser-Motto: Schauen wir mal, dann sehen wir schon. Dieses Motto bündelt gleich mehrere bei der Pandemiebekämpfung wesentliche Erfolgsrezepte. Erstens:  Abwarten und Weißbier trinken. Zweitens: Aus Schaden wird man klug (vorausgesetzt man überlebt ihn), also muss der Schaden erst einmal entstehen, bevor einem das Licht dahingehend aufgeht, wie man ihn hätte vermeiden können. Drittens: Eile mit Weile.

Gemäß der Eile mit Weile hat es Zeit mit der Auflösung der Söder-Laschet-Dualität. Darauf kann man getrost lange warten, denn - so Roxy Hoegener bei facebook - `wenn das die Lösung ist, dann hätte ich gern das Problem wieder.` Bis es so weit ist: Lüften, lüften, lüften und an Feinstaub und Abgasen ersticken. 

 

12.04.2021

Dereinst wird der Mars von Menschen erschlossen und als nächster Planet ruiniert. Historiker unter den in 200000 Jahren die Erde beherrschenden Oktopussen werden dies als `Terrarismus` bezeichnen. Sie werden untergegangene Megacities bevölkern, Relikte der im Wortsinne untergegangenen menschlichen Kultur. Auf den Gipfeln des Himalaya, tausende von Metern unter der Meeresoberfläche, thronen Kalmare, die mit ihren 8 Tentakeln und Hirnen gleichzeitig nautische Epen schreiben, ozeanische Sinfonien komponieren und Branen zu einer Vielzahl von Universen entfalten. Was um alles in der Welt war in dem Lupinenkaffee? 

Heute zum Jahrestag des ersten Weltraumausflüglers Juri Gagarin werden verdiente Überflieger mit SputnikV geimpft. 

Strauß hat alles geahnt: `Helmut Covid niemals Kanzler werden`. Wem unter den zahllosen Lesern dieses Journals es entgangen ist: der Verfasser begegnet der gähnenden Belanglosigkeit der Berichterstattung über konservative Kanzlidaten mit Blödsinn und Dada, dada ihm nichts Besseres dazu einfällt (gestern keine Ausgabe von Anne Will - eine hübsche Art und Weise zu demonstrieren, wie wichtig ihr dieses Thema ist). 

Der Aerosolforscher Gerhard Scheuch fordert: `Open Air statt lockdown`. Die Infektionsgefahr bestehe vor allen Dingen in geschlossenen Räumen. Dementsprechend absurd und infektionsfreundlich ist es, wenn - wie Klaus Post in seinem Leserbrief in der WAZ von heute anmerkt - `wir dann mit den Beschränkungen genau dorthin`(i.e. in das private Umfeld)  getrieben werden.` Dementsprechend kritisch ist die mit dem Begriff `Ausgangssperre` verbundene Suggestion zu bewerten, der Rückzug in die Innenräumer sei ein probates Mittel des Schutzes. Dasselbe gilt für die Maskenpflicht im öffentlichen Raum, die suggeriert die Hauptansteckungsgefahr gehe vom Aufenthalt an der frischen Luft aus. Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus: Schutzmaßnahmen inklusive `Masken tragen` sollten sich auf geschlossene Räume konzentrieren und Anreize sich im Freien aufzuhalten erhöht werden. Die hartnäckige Weigerung Luftfilteranlagen flächendeckend im Arbeitsumfeld, in Schulen und Kitas einzusetzen und sie für private Räume zu empfehlen ist ebenso grob fahrlässig, wie der wachsweiche Umgang mit dem Thema Testen in Betrieben. Nach einem Jahr Pandemie folgt man immer noch dem Reflex, eine Bunkermentalität als zentrales Mittel zur Pandemieeindämmung zu forcieren, so als wäre bei einer Kernschmelze der Rückzug ins Innere eines Reaktors der richtige Weg aus der Katastrophe, oder bei einem Tsunami der Rückzug in den Keller. Dieser Reflex ist so stark, dass er die Wirkungsmacht wissenschaftlicher Empfehlungen überdeckt, selbst dann, wenn die Zusammenhänge auch ohne wissenschaftlichen Hintergrund plausibel sind. `Lockdown` klingt einfach sicherer als `Open Air`: In Krisen schlägt Agoraphobie Vernunft. Sie ist strukturell, schlägt sich nieder in den lockdown-Maßnahmen und korrespondiert mit dem Misstrauen der Regierung vor ihrer Bevölkerung ebenso wie mit dem übertriebenen Vertrauen in den verantwortungsvollen Umgang der Unternehmen mit dem Gesundheitsschutz, so als stünden Kontrolle und Überwachung im Dienste des Schutzes der Beschäftigten. Wohl kaum, wie die Reaktionen der Arbeitgeberverbände auf das Thema `Testpflicht` zeigen, die ohnehin von Hubertus Heil schon auf ein längst nicht hinreichendes 1 x pro Woche eingedampft wurde.

Frau Buyx vom Deutschen Ethikrat relativiert bei `phoenix: Nachgefragt` ihre Position zum Thema `Freiheiten für Geimpfte`. Es sei durchaus in Ordnung, wenn man durch Rückgabe bestimmter Freiheitsrechte an Geimpfte Anreize schaffe, solange Ungeimpfte nicht von basalen Dienstleistungen ausgeschlossen werden. Das sei ja kein Impfzwang. Wunder der Differenzierung: Impfdruck ist kein Impfzwang, schließlich kann sich jeder freiwillig für einen unbequemen Alltag entscheiden, der sich nicht piksen lässt.

 

11.04.2021

Pendele hin und her zwischen der Übertragung des AfD-Parteitags und der Horrorserie `Them`, also zwischen Horror und Horror, zwischen Rassismus als Parteiprogramm und Rassismus als Fernsehprogramm. Zwei Kehrseiten einer Medaille. 

Ein herausragender erzählerischer Kniff bei `Them` besteht darin, strukturellen generationenübergreifenden Rassismus als magisch und metaphysisch aufgeladenes Feld zu inszenieren, das den konkreten Alltagsrassismus zeit- und raumgreifend transzendiert. Spannend und bestürzend. 

Inmitten einer Pandemie votiert die AfD für den Dexit und damit für die Zerstörung der EU. Worte fallen wie `Die EU muss sterben, damit Deutschland leben kann.` Da wird einem Angst und bange. Nationalismus, liberales Waffenrecht, Ressentiments als Rezept gegen globale Krisen und Bedrohungen. Die arische Kleingartenfamilie als zwingende Normalität. Jörg Meuthen hält die Grünen für sozialistisch und illustriert ihre Gefährlichkeit durch ein Habeck-Zitat: der finde Vaterlandsliebe zum Kotzen. Selten war sich der Verfasser mit Robert Habeck derart einig. 

Um das Zitat zu erweitern: Normalität ist zum Kotzen. Statt etwa Homosexualität für `normal` zu erklären und damit dem Begriff der `Normalität` einen eben normativen Wert beizumessen: jeder Mensch ist anders - und das ist gut so. Wo Normalität (mit !) drauf steht ist Diskriminierung drin. Nicht nur, aber insbesondere bei der AfD und anderen rechten Randerscheinungen. 

Unter all den grassierenden Seuchen ist die Pandemie nur eine. Sie verschlimmert die Folgen von Ausbeutung, Xenophobie, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Korruption, religiösem Wahn, Nationalismus, Umweltverschmutzung und so weiter...je mehr Murks beim Umgang mit Corona gemacht wird, desto mehr drohen Seuchen zur Heilslehre zu werden.  

"Bei einem Aperol-Spritz auf der Terrasse meiner Wohnung verfolge ich eine Abstimmung im italienischen Parlament. Eine knappe Mehrheit spricht sich für den `IXIT` und das Verlassen des Schengen-Raumes aus. Meine Laune ist blendend. Grenzschließungen werden mich wirkungsvoll daran hindern, mein wunderbares Exil jemals wieder zu verlassen. Ich werde sterben mit Blick auf das Meer."

"Die heiteren Nachrichten reißen nicht ab: Rätselhafter Run auf Grippeimpfungen. In den Hausarztpraxen finden vermehrt Dialoge wie der Folgende statt: `Herr Incandenzo, sie wollen sich dieses Mal schon zum sechsten Mal impfen lassen` `na ich ich will halt auf Nummer sicher gehen.` Die Lösung: auf dem Markt kursieren Raubkopien des Impfstoffes `Covidzin`, die mit Heroin gestreckt sind. Schützen nicht, machen aber Spaß. Ich amüsiere mich auf dem hervorgehobenen Posten meiner Dachterrasse mit einem Boulevardmagazin und einem pfirsichfarbenen Welt-, nein, Sonnenuntergang. Eins nach dem anderen."

 

10.04.2021

Wann hast Du das letzte Mal Musik gehört, weil Du sie hören wolltest? Einen Buchladen betreten? Mit einem einzigen Pinzettengriff von Daumen und Zeigefinger an einer dafür vorgesehenen Lasche erfolgreich und ohne Fluchen eine Plastikfolie von einer Packung mit Salbei-Käse entfernt? Das Äquivalenz-Prinzip besagt, dass Gravitation und Beschleunigung dasselbe sind, dass man sie nicht als dasselbe erfährt sondern im Gegenteil einen  himmelweiten Unterschied vermutet liegt am Kontext. Blind, taub und unwissend in Bezug auf die Umgebung wisse man nicht, ob man auf dem Boden der Tatsachen bleibt weil die Masse der Erde auf einen wirkt oder ob man sich in einer Rakete befindet die beschleunigt. Gelangt man erst einmal zu der Einsicht das Kontext wie die Zeit eine hartnäckige Illusion ist verschwinden Unterschiede ebenso wie deren Bedeutung. Gefangenschaft und Rückzug. Seuchen und Diskriminierung. Schweigen und Mumifizierung. Plastikverpackung und soziale Distanz. Du scheiterst daran Folien aufzureißen und denkst: war das nicht Dein Leben? Dieses unablässige, unergiebige Bemühen die Membrane zu entfernen, die Dich von anderen, schlimmer noch, von den Beziehungen zu anderen trennt? Du sehnst Dich nicht danach, dass endlich diese Membran platzt und das Otriven gegen die verstopfte Nase hilft, denn das wäre  Don Quichotterie, nein, Du entwirfst Welten in denen es allen so geht wie Dir, damit Du Gerechtigkeit erfährst: `Welt ohne Kontakt`. Das soll von Dir sein. 2 Uhr morgens. Nirgends brennt Licht. Jetzt kannst Du es aufschlagen ohne zu zittern, denn diese Zeit ist Niemandszeit, gehört keiner Welt an, also gehörst Du weder dazu, noch nicht dazu. Dein Verdacht bestätigt sich: das Ganze geht übel aus, aber immerhin für alle. Das letzte Kapitel heißt `Us and Them`. Der Protagonist Zeilinger ist nachts auf den Beinen, beziehungsweise auf den Pobacken, denn er zieht sich auf der Couch eine Serie rein, die `Them` heißt. Von einem Regisseur, der zuvor einen Horrorfilm gedreht hat, der `Us` heißt. Um dem Ausmaß von Rassendiskriminierung und der Heftigkeit der Traumatisierung gerecht zu werden bleibt nur das Genre Horror. Der Beginn allen Horrors ist nicht der Körper wie Cronenberg meinte, sondern der Weiße. Das Motto `Us and Them` nimmt Bezug auf einen Pink Floyd-Song von `Dark Side of the Moon`, dem bezeichnender Weise `Any Colour You want` folgt, lange nicht gehört. Der Protagonist verfolgt das Geschehen mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung. Jetzt, da weltweit ein permanentes Klima der Bedrohung und Ausgrenzung herrscht, das alle betrifft, besteht die Hoffnung auf einen sozialen Klimawandel. Auf einmal verstehen alle Menschen was es heißt, sich permanent von anderen Menschen bedroht zu fühlen und das über Generationen. Aber die Hoffnung ist trügerisch. Wieder werden Unterschiede gemacht. Ghettos für Nichtgeimpfte. Lebenslange Quarantäne für Träger von impfresistenten Mutanten. Reservate für Migranten und Großfamilien. Zum Schluss ein Zitat aus `Burn after Reading`. Und was lernen wir jetzt aus dem Scheiß? Nichts. Das empfindest Du als zutiefst beruhigend. Diese unabänderliche Konstanz der Sinnfreiheit, in der Meinungsfreiheit und die Leugnung von Fakten deckungsgleich sind. 

 

09.04.2021

Werde wach mit dem Slogan SARS macht mobil bei Arbeit Sport und Spiel...das Joch der frühen Geburt. Man erinnert sich an Slogans von Werbespots, körnige Farbfilmchen aus dem prädigitalen Zeitalter, festgehalten auf Filmbändern, die junge Filmemacher für Rückblenden in die ferne juvenile Vergangenheit ihrer Protagonisten verwenden. Man erinnert sich an Zeiten, in denen für Rückblenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen verwendet wurden, sogar an Zeiten mit nur drei Fernsehprogrammen, in denen Schwarz-Weiß-Fernseher noch die Norm waren. Das Altern, das einem so weit weg zu sein schien wie Alpha Centauri. Erwäge kurz den Morgenkaffee durch Chardonnay zu ersetzen (...und tue es...).

Fröhlich verkündet ein Freund er sei heute beim Arzt gewesen und der habe ihn spontan geimpft. Man sollte sich uneingeschränkt für ihn freuen, stattdessen beschleicht einen ein Gefühl, auf dessen Bezeichnung baldige erstmalige Erwähnung in Talk-Formaten man wetten kann: Impfneid. 

Die Wette hättest Du krachend vergeigt. Der Begriff kursiert schon längst. Du hinkst der Zeit hinterher, selbst Deine Neuigkeiten sind längs Retro. Dennoch: wenn demnächst in Flugzeugen und Zügen getrennte Abteile für Geimpfte und PCR-Getestete eingerichtet werden erinnerst Du Dich noch an die Apartheit von Rauchern und Nichtrauchern. Du ersetzt das Wort `Impfneid` durch `Impfapartheid`, kannst Dich nicht entscheiden, ob es erstmals bei einer Querdenker-Demo in Halle skandiert wird oder beim Parteitag der AfD.  

Insgesamt eine desolate psychische Verfassung bei äußerlicher Unversehrtheit. Rückfälle in alte Verhaltensmuster. Wäre man doch in allem so entschlossen wie im Öffnung von Weinflaschen. Zunehmende Tendenz zu Selbstgesprächen. Man hört sich sagen: `man sollte mal eine Serie drehen, in deren Mittelpunkt ein unbegabter Soziopath steht.` Währenddessen faselt Tobias Hans etwas von `Stabilem Infektionsgeschehen`.  Ein `stabiles Infektionsgeschehen` in einer exponentiellen Entwicklung kann es ebenso wenig geben wie `bedingt aussagekräftige Zahlen`(Heute-Journal). Bedingt aussagekräftig bedeutet schlicht: überhaupt nicht aussagekräftig. Die nimmermüde Melanie Brinkmann wirkt bei Illner müde und erschöpft. Karl Lauterbach bei Lanz farblos wie das ihm verimpfte Serum. An der hartnäckigen Leugnung der Fakten und ihrer Dramatik zerschellen Vernunft und Logik: es bleibt dabei, dass Lockdownentschärfer wie Tobias Hans und Michael Müller auftreten wie John Cleese im Dead Parrot-Sketch, in dem ein Zoohändler sich weigert anzuerkennen, dass er seinem Kunden einen toten Papagei verkauft hat. Alle Bemühungen richten sich darauf darzustellen, wieso Öffnungen mitten in einem exponentiell wachsenden Infektionsgeschehen das richtige Rezept sind und die endlose Suche nach milderen Mitteln einer entschlossenen Eindämmung der Pandemie unter Vermeidung von Schwerkranken und Toten vorzuziehen sei - im heutigen ZDF/ARD-MoMa setzt Müller noch einen drauf und zieht die Infektionszahlen zu Ostern als Indiz für ein stagnierendes Infektionsgeschehen heran. Will man Wunschdenken verbrämen äußert man Skepsis an den Modellierungen (Müller: `wir haben keine Inzidenzen von 300` - Die Epidemiologie: `Die haben wir auch erst für Mai prognostiziert`). Ansonsten korrespondiert der Wissenschaftsskeptizismus bei denjenigen die verbreiten, man könne SARS-CoV2 wegtesten mit der erzkatholischen Erlösungsrhetorik der Christdemokraten: das Ende (der Pandemie) ist nah, und siehe, Erlösung verspricht die Lösung in Dosen. 

Von einem interessanten Konzept der Verrechnung von Lebenszeit gegen Geld weiß die heutige Schlagzeile der BILD zu künden: Arme sollen mehr Rente bekommen, weil sie kürzer leben (und zwar aufgrund der mit Armut verbundenen Gesundheitsgefahren und Lebensgewohnheiten). Man könnte auch darüber nachdenken, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Armut wirkungsvoll bekämpft wird, aber das wäre zu viel des Guten in Gesellschaften, die mit der Angst vor Armut Erwerbstätige gefügig halten. 

Keine MPK am kommenden Montag. Der Verfasser erwägt eine Nachtwanderung von Montag auf Dienstag. 

Dass demnächst die Länder qua Infektionsschutzgesetz dazu gezwungen sein sollen (erst) bei Überschreiten der Inzidenz von 100 die `Notbremse´ zu ziehen genügt wohl kaum um `Unheil abzuwenden`, wenn nichts unternommen wird um die Inzidenz deutlich unter die 100 zu drücken - wenn man schon das Bild der Notbremse strapaziert, dann wäre die Entsprechung zu einer Vollbremsung die Null-COVID-Strategie. Den Richtwert `100` mit dem Begriff `Notbremse` zu assoziieren, das ist als rase man mit 130 km/h Geschwindigkeit auf eine Mauer zu und einige sich zur Vermeidung der Kollision auf ein Tempolimit 100. Erbärmlich, fahrlässig, einfältig, zynisch, stumpf, dumm.  

Herr Reitschuster stellt bei der Bundespressekonferenz die Frage auf welche wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit von lockdowns sich die Bundesregierung bei deren Anordnung stütze? Natürlich erhält er auf diese Frage keine Antwort - dem Verfasser aber Anlass dazu noch einmal an jene Studie zu erinnern (vgl. `Das Jahr des Ochsen`) die keinen signifikanten Unterschied bei der Entwicklung von Fallzahlen in Ländern mit restriktiven nichtpharmazeutischen Interventionen und Ländern mit milden np-Inventionen festgestellt hat. Diese Studie befasst sich ausdrücklich nicht mit der Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen, social distancing, Masken, Testen etc, sondern lediglich mit der Wirksamkeit der unterschiedlichen Weisen Maßnahmen umzusetzen - primär per Anordnung oder per primär per Handlungsempfehlungen. Auf wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen zu warten, wenn man weiß, dass es um die Eindämmung ansteckender Krankheiten geht Zeitverschwendung - etwa so als lasse man tödliche Krankheiten zu damit man beweisen kann, dass sie tödlich sind oder als vermeide man Maßnahmen um zu beweisen, dass man sie hätte durchführen müssen. 

 

08.04.2021

3600 Milliarden Dollar Verlust bei Lohnabhängigen in 2021 weltweit entsprechen etwa dem Wachstum des Vermögens der Milliardäre dieser Welt im selben Zeitraum.  Wohl mehr als ein makabrer Zufall. Diese Umverteilung bedeutet nicht einfach eine Ausdifferenzierung in noch ärmere Schlucker und noch stinkendere Reiche - Geldzuwachs in diesem Umfang ist vor allem Machzuwachs, Verluste in diesem Umfang bedeuten noch mehr Hunger, Krankheit und Tod. Soweit nichts Neues, bemerkenswert ist lediglich die Tendenz, die wachsende Zahl existenziell Bedrohter und die wachsende Macht der leitenden Reichen der Pandemie in die Schuhe zu schieben statt diesen gähnenden Abgrund an Ungerechtigkeit als das zu bezeichnen was er ist - der typische Mechanismus eines von Krisen und Katastrophen auf Kosten vieler profitierendem Kapitalismus. So zu tun, als sei die Pandemie Ursache dieser Kluft ist etwa so als behaupte man, das Wetter sei schuld am Klimawandel.

Auf dem heißen Stuhl bei Lanz Norbert Walter Borlanz. Der lässt die Provokationen des Moderators über sich ergehen wie der Bundespräsident eine Impfung - sticht n bisschen und ist schnell vorbei. Den Rest der Sendung darf Herr Nida-Rüdelin ununterbrochen reden, der das Publikum über die Irrationalität seiner Risikoeinschätzungen aufklärt - man solle das Ausmaß der Ängste, die man hat, anpassen an die statistisch messbare Gefahr. Insofern sei die Angst vor Impfschäden gemessen an Risiken, die wir bedenkenlos eingehen wenn wir zum Beispiel Risikosportarten betreiben, unbegründet. Argumentiert man so, müsste man Befürworter der Kernenergie sein - statistisch betrachtet sind die Lebensrisiken durch die Nutzung von Kernenergie sicher gering. Doch die Angst gründet sich nun mal nicht auf Wahrscheinlichkeiten, sondern auf das Ausmaß der Konsequenzen, die mit dem Eintreten eines des Unwahrscheinlichen verbunden sind. Die Angst vor Hirnvenenthrombosen in Folge der Impfung ist wohl begründet: umso mehr als die Möglichkeit des Ausweichens auf andere Impfstoffe besteht. Im übrigen ist auch im gesellschaftspolitischen Rahmen Wahrscheinlichkeit nicht der Maßstab für Prävention und Gefahrenschutz, sondern das Ausmaß der Folgen im Falle des Falles - das ist der Grund für die Empfehlung, Astra Zeneca nur an Menschen über 60 zu verimpfen.  

 

07.04.2021

Man wird wach, ist ausgeschlafen und fragt sich - wozu?

For Coffee and cigarettes. Um einen weiteren Tag zu feiern, an dem das Zwischenmenschliche zum Synonym der Distanz zwischen Galaxien wird, überbrückt durch Zoom und Teams. So wie Sprache einst die Telepathie als Technik der Integration von Innigkeit und Verständigung ablöste, löst die Telekommunikation Sprache als Technik der Integration von Nähe und Verständigung ab. Das Vergessen kultureller Techniken und Aktivitäten schafft Raum für das Erlernen und Anwenden von Techniken virtueller und rudimentärer intergalaktischer Reisen, die sich auf das Versenden von Signalen reduzieren, während sich die Befangenheit im Umgang mit physischer Nähe zu Mitmenschen zu Gefangenschaft in der Einzelzelle der eigenen vier Wände verdichtet - und schon dieses Potenzial ist ein Privileg (wie das - auch mangels Publikum - sanktionsfreie Schreiben). 

Je übermächtiger die thematische Monokultur ist, je ohnmächtiger man sich als Einzelner fühlt, desto bedeutsamer werden eigene Befindlichkeiten als das was einem bleibt. Eine gesunde Dosis Selbstmitleid ist in Zeiten sozialer Distanz und allgemeiner Beklemmung unabhängig von der Dramatik der eigenen ökonomischen und psychologischen Not angemessen. Nicht nur aus legitimem Eigennutz, sondern weil Selbstmitleid auch eine Voraussetzung von Empathie sein kann (nicht nur Symptom von Egozentrik). Selbstmitleid ist in Zeiten der Einsamkeit rehabilitiert.

Zwar ist es auch Aufgabe der Politik Hoffnung zu verbreiten, aber nicht falsche oder übertriebene Hoffnung - das ist Aufgabe der Kirche. Die gestrige Ausgabe von Markus Lanz, dessen neues Lieblingswort `Wahnsinn` ihn zum Wolfgang Petry unter den Talk-Mastern adelt, war verfolgenswert wegen des schopenhauerhaft desillusionierenden Auftritts der Virologin Helga Rübsamen-Schaeff. Während unisono das Mär von der Überwindung der Pandemie durch Impfen verbreitet wird stellte sie die unangenehme Frage ab wann denn nach Meinung der Erzähler dieses Märchens vom gelobten Land der Herdenimmunität (ein Begriff der verdächtig nach Schäfern und Hirten riecht) die Pandemie für überwunden erklärt werden könne. Schon diese Frage formulierte sie als rhetorische, die lediglich als Einleitung ihrer nüchternen Zerstörung des Trugbildes von einem `Endsieg über Corona` fungierte. Die Debatte über die Freiheiten für Geimpfte hält sie schon deshalb für verfrüht weil ungeachtet des Grünen Lichtes seitens des RKI die Impfung zwar vor schweren Krankheitsverläufen durch die Infektion mit einigen bekannten Virus-Varianten schütze, aber keineswegs hundertprozentigen Schutz vor der Infektion und deren Weitergabe biete. Angesichts der schieren Masse der Geimpften bedeute eine Rückgabe aller Freiheiten für die Geimpften auch dann eine massive Weitergabe von Infektionen, wenn durch die Impfung die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe sinkt. Dementsprechend sei es auch an den vor schweren Krankheitsverläufen Geschützten weiterhin durch Einhaltung von Vorsichtsmaßnahmen andere vor Infektion zu schützen. Dazu kommt, dass die Impfung nicht den Schutz vor Virusvarianten und damit einer erneuten Erkrankung gewährleistet. Obendrein sei unklar, wie lange die Impfung vor einer weiteren Erkrankung schütze. Kurz zusammengefasst: nicht wann die Pandemie überwunden sei, sondern ob sie überhaupt in absehbarer Zeit zu überwinden sei sei die Frage die im Raum steht - selbst wenn einem Land die erfolgreiche Umsetzung einer `Zero Covid-Strategie` gelinge - was dann? Schottet es sich dann gegen alle Länder ab, in denen das Virus noch grassiert? Sie muss es gar nicht explizit ausführen - und angesichts der anscheinend wesentlich wichtigeren Frage ob Laschet oder Söder als Kanzlerkandidat gekrönt wird kommt sie auch gar nicht dazu - denn die Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Das Versprechen man werde durch Impfen die Pandemie überwinden ist mindestens übertrieben. Stattdessen müsse man sich der Frage stellen, wie man genau umgekehrt in Zukunft damit umgehe, dass die Gefahr durch Corona akut bleibe, oder wie Herr Streeck es formulierte: wie leben wir in Zukunft mit der Pandemie? Davor diese Frage zu stellen, geschweige denn davor (ernüchternde) Antworten auf diese zu geben scheut die Politik zurück, die entweder in Aussicht stellt nach dem nächsten lockdown sei alles besser oder gar feiertagsbedingten Meldeverzug nutzt, um eiligst Öffnungen das Wort zu reden; mal ganz abgesehen davon, dass nach einhelliger Meinung von Virologen und Epidemiologen der willkürliche Richtwert `unter 100` für Öffnungen viel zu hoch ist, wenn man denn wirklich die Infektionszahlen langfristig (sagen wir: bis zum Herbst...) senken will.   

Während Frau Rübsamen-Schaeff die Situation präzise und klar skizzierte, übte sich Markus Söder gestern in rhetorischem Tiefflug. Auf die Frage, ob die bisherige Corona-Strategie falsch war antwortet er (als sei das eine Antwort): `Wir haben eine Strategie.` Auf die Frage, wie er Armin Laschets `Krückenlockdown` verstehe antwortet er: `Ich glaube schon, was er meint.` Letztere Formulierung zeigt wie fest Markus Söder auf dem Boden der Tatsachen steht. Sie hat das Zeug zu einem Klassiker des `Politsprechs`, der den Vergleich mit Edmund Stoibers Bahnhofsrede nicht zu scheuen braucht.

Amnesty International gelangt aufgrund einer Studie zu der bahnbrechenden Erkenntnis, die Pandemie `verschärfe soziale Probleme`. Wahnsinn! Wahnsinn ist schon die Formulierung `soziale Probleme`, die an Euphemismus grenzt. Wenn Hunger, Elend und Krankheit sich unter den Armen und Mittellosen begünstigt durch die Pandemie rascher weiter verbreiten, Rassen- und Geschlechterdiskriminierung fröhliche Urstände feiern und gleichzeitig Börsenkurse und Aktienindizes in die schwindelerregende Höhen steigen, dann verbietet sich der verharmlosende Begriff des `sozialen Problems`, der impliziert es handele sich nur um ein zu behebendes Fehlerchen im System, das man behandeln könne wie einen Fußpilz und der zudem so klingt, als seien die von gravierenden und lebensgefährlichen Benachteiligungen Betroffenen das Problem. `Schreiendes Unrecht` wäre ein annährend korrekter Begriff - und Corona ist nicht die Ursache dieses schreienden und doch im Doppelsinn unerhörten Unrechts. Wofür die Impfung und nach Ansicht Joe Bidens eine weltweite Unternehmensbesteuerung sorgen soll - das ist das politische Wunschdenken der `inkompetenten Dullis`(Rezzo) - ist, dass dieses Unrecht nicht beseitigt, sondern wieder auf ein leises moralisches Hintergrundrauschen reduziert wird. Dass Konzerne durchaus Respekt vor Unruhen haben, die einer Verschärfung der sozialen und ökonomischen Gegensätze folgen zeigt das Beispiel Jeff Bezos, der sich gegenüber den Steuerplänen Bidens aufgeschlossen zeigt. Natürlich, denn der Return on Invest wäre der Schutz der vulnerablen Großkonzerne. Die werden die Steuern durch Senkung der Personalkosten zurückholen - billige Arbeitskräfte werden dank pandemiebedingter Jobverluste mehr als ausreichend zur Verfügung stehen. 

Dann noch das: die Freiwilligeninitiative der Bundeswehr, durch finanzielle Anreize soll mehr Nachwuchs in die Truppe gelockt werden. Ein Schlag ins Gesicht der `Helden des Alltags`, die nicht mit einer Besserstellung zu rechnen haben. Leben zu retten bleibt weiterhin eine stiefmütterlich behandelte Nebentätigkeit im Vergleich zum Dienst am Vaterland. Dazu passt der Jahresbericht von Amnesty International, der insgesamt wenig Überraschendes außer dem entsetzlichen Ausmaß der Verstoße gegen Menschenrechte bietet: dazu gehört, dass in 42 von 149 Staaten Kräften im Gesundheitswesen keine Schutzvorrichtungen gegen Infektionen zur Verfügung gestellt wurden und sie unter staatlichen Repressalien zu leiden hatten. Alle 50 Sekunden starb weltweit 2021 eine Pflegekraft an COVID-19. 

Markus Söders Sehnsucht nach einem schönen, zünftigen Aufenthalt im Biergarten, am besten bei Fönwetter und frühsommerlichen Temperaturen war bei der heutigen Pressekonferenz der bayrischen Landesregierung förmlich mit Händen zu greifen. Das Thema Wiedereinsetzung von Freiheitsrechten für Geimpfte lag ihm sichtbar am Herzen und beiläufig verknüpfte er dieses Thema mit der Überlegung, dass man wenn man auch weiterhin die Funktionsfähigkeit des bayrischen Landtags sichern wolle, darüber nachdenken müsse ob nicht ein paar liegen gebliebene Impfstoffe für die Immunisierung der Politiker erübrigt werden sollten. Prost Markus und viel Vergnügen mit all den anderen, die so überzeugt von ihrer Systemrelevanz und der ihrer Familienmitglieder sind, dass sie sich aus lauter Altruismus und Selbstlosigkeit über die Regeln hinwegsetzen, die sie für den Rest der Bevölkerung angeordnet haben. 

 

06.04.2021

Ich kann keine Wälder mehr sehen. Träume schon nachts von der Mengenlehre der Wegzeichen. Buchstaben im Kreis, Dreiecke und Rechtecke an Bäumen und Laternenpfählen. Wanderinzidenzen. Auf der Toilette denkt man voller Ingrimm: Macht Buchen zu Scheißhauspapier. Mit letzter Kraft schlurft man in die Küche, schlürft Kaffee. Die Aufschrift auf einem Päckchen mit dem aromatischen, koffeinhaltigen Inhalt verspricht: `Langzeittröster`. Der Wunsch ist Vater der Leseschwäche. `Langzeitröster` steht da. Das erheitert. Das Wetter hebt die Laune, es droht keine Wanderung. Dankbar für die lautlose Abwechslung des Schneegestöbers - weißes Rauschen auf dem Bildschirm der Realität - lösche ich die Komoot-App von meinem iphone.

Im Internet kursieren Kamasutra-Positionen, die den Koitus ohne Aerosolaustausch erlauben. Das führt zu erhöhtem Patientenaufkommen bei den Osteopathen. Schwer haben es auch Selbstmordattentäter. Lohnt sich grade nicht mangels Menschenmasse (ein Schelm wer an die Querdenker-Demos denkt, aber da würden die Attentäter nur der Polizei die Arbeit abnehmen indem sie die Versammlung sprengen).

Armin Laschet fordert einen `Brückenlockdown`- soll wohl heißen, dass demnächst die Kölner Rheinbrücke gesperrt wird. Im Morgenmagazin betont er: `Wir haben in NRW 450000 Menschen geimpft. Das ist in allen anderen Bundesländern auch passiert.` Wow. Dann hätte das Saarland jetzt eine Impfquote von 50%. Sensationell. Armin Laschets Kurswechsel entsprechen der Flatterhaftigkeit und Fahrigkeit seiner Gesten. Der Mann will Fähnchen in den Wind hängen und bekommt nicht mal mit woher der Wind weht. `Wir haben viel gelernt` behauptet er. Davon ist nichts zu merken. 

 

05.04.2021

Ostern. Fest der Hoffnung, des Sieges des Lebens über den Tod. Da handelt es sich schon um subtilen Spott oder schlichte Gedanken- und Geschmacklosigkeit, wenn die ARD mitten in der `Zweiten Welle` einen Tatort mit dem Titel `Die ewige Welle` ausstrahlt, der zudem vor Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit nur so trieft und mit einem trostlosen und schäbigen Tod des Hauptdarstellers endet.

Der Papst beklagt sich. Trotz zunehmender Armut und sozialer Gegensätze in der Pandemie gebe es mehr militärische Konflikte. Trotz? Wegen. Einen logischen Grund als Paradoxie zu begreifen - das kann wohl nur einem Unfehlbaren gelingen.

Immer wieder bitter und fatal, wenn die falschen Leute mit unheilvollen Absichten Zutreffendes von sich geben. Wenn Alice Weidel Spahns Ankündigung, Geimpften Freiheitsrechte zurück zu geben als `Impfpflicht durch die Hintertür` bezeichnet so liegt sie damit nicht verkehrt. Der Gesundheitsminister trieft vor Sorge, dass sich nicht genügend Menschen impfen lassen, da kommt die Einschätzung des RKI grade Recht, Geimpfte seien wahrscheinlich deutlich weniger infektiös, wenn sie trotz Impfung infiziert seien. Verfassungsrechtler flankieren: die individuellen Grundrechte seien wieder herzustellen wenn von den Geimpften nachweislich keine Gefahr mehr ausgehe. Ob es genügt, wenn von den Geimpften wahrscheinlich weniger Gefahr ausgehe, um deren Freiheitsrechte wieder in Kraft zu setzen und ebenso ob es zur Vorenthaltung von Freiheitsrechten genügt, wenn von gesunden Menschen vielleicht eine Infektionsgefahr ausgehen könnte bleibt zumindest fraglich. Selbst jedoch, wenn man das Verfassungsrecht über das Gerechtigkeitsprinzip stellt, bleibt noch die Frage zu klären, ob man den Nichtgeimpften weiterhin Freiheitsrechte versagen darf, die man einer anderen Personengruppe wieder einräumt, wenn die Zuordnung zu der Gruppe der `Nichtgeimpften` durch staatliche Willkür (`Priorisierung`) erfolgt. Abgesehen von moralischen und von Rechtsfragen passt die Ankündigung Jens Spahns zum religiösen Lametta der Osterfeiertage. Der Zeitpunkt der Selbstüberhöhung des Gesundheitsministers zur Erlöserfigur - siehe, ihr Geimpften seid auserwählt zu befreien die Außengastronomie von ihrer Qual und die Kirchenschiffe von ihrer hallenden Leere - ist wohl kaum zufällig gewählt. Kommunikativ ist es wenig geschickt, die Botschaft der Hoffnung und Wiederauferstehung des kulturellen und sozialen Lebens nur an wenige zu richten. Das brüskiert die große Mehrheit derjenigen, die noch nicht geimpft werden können und vertröstet sie auf ein Jenseits hinter dem Horizont des Sommerurlaubs. Vor allem jedoch ist es scheinheilig, von Freiheit zu reden, aber eine Verpflichtung zu meinen und mit Freiheitsentzug zu drohen - zumal dann, wenn man überhaupt nicht die Möglichkeit hat, sich dieser Drohung zu entziehen. Dass es in anderen Staaten nicht besser zugeht hindert den Verfasser nicht daran, diese Doppelzüngigkeit widerlich zu finden. Fehlende Überzeugungskraft durch Zwang zu ersetzen zeugt von feudaler Bequemlichkeit und miesem Charakter. Es mag niederschmetternd sein, wenn man ausgerechnet einer von Alice Weidel getätigten Aussage zustimmen muss, aber nur weil es korrekt ist wenn sie behauptet, 1 und 1 sei 2 heißt das nicht, dass ihre politischen Positionen vertretbar sind: selbst ein Tyrann kann eins und eins zusammenzählen, das macht ihn nicht zu einem Philanthropen. 

 

04.04.2021

Das Fahrrad hat einen Platten. Außerdem ist das Licht kaputt und der Rahmen verzogen. Der Fahrradladen erklärte, dass man aufgrund des derzeit hohen Andrangs an Kundenanfragen mit einer Wartezeit von 3 Monaten zu rechnen hat, wenn man das Rad zur Reparatur gibt. Nicht zu fassen. Man ist vielleicht eher geimpft als das Fahrrad repariert. Missmutig und schlauchlos geschlaucht schiebt man das Rad heimwärts. Diese Lappalie erschüttert einen zutiefst, da in der ins Rutschen geratenen Welt jeder winzige Schubser genügt um ein labiles Gleichgewicht zu stören. Selbstverständlich verrät die dramatische Überbewertung einer derartigen Lappalie gemessen an der Wucht der Bedrohungen und dem Dröhnen der weltweiten Schicksalsschläge eine gewisse Maßlosigkeit des beleidigten Gemüts, aber das ist ja grade der Kern der Bedrückung. Die alltäglichen anekdotenhaften Leiden, gegen die wir durch Seufzen, Selbstmitleid und Jammern in unseren peergroups, am Tresen unserer Stammkneipe, im Fitnesscenter, im Büro gewappnet waren, werden durch das Vergrößerungsglas der Isolation und Verunsicherung gleichzeitig grotesk überhöht und versinken in Bedeutungslosigkeit gegenüber der monumentalen Dominanz der pandemischen Gesamtsituation, dem globalen Ernst der Lage. So reihen sich denn winzige Zumutungen, kleine Anekdoten des Leidens aneinander zu Leidensgeschichten, die einen bedrücken und einen noch nicht mal selbst interessieren. Die eigene Leidensgeschichte ödet einen an wie das Fernsehprogramm zu Ostern.

Und dann platzen einem auch noch die Frühstückseier, obwohl man Löcher in die Schale gepikst hat. Verdammt. Was ist denn bloß los mit der Welt?

Ostern. Auf dieser virtuellen Wiese sind 10 virtuelle Eier versteckt. Viel Spaß bei der Suche. Ostern. Ein Fest, dass die Menschen daran erinnern soll, dass es mehr gibt als Tod und Düsternis. Stimmt, es gibt auch Einsamkeit, Verzweiflung, Armut, Elend, Ungerechtigkeit und so weiter. Also das was man Leben nennt. Meine Güte. Was für eine depressive Stimmung nur wegen ein paar geplatzten Eiern. 

"`Fukushima - nahm damit alles seinen Anfang?` Wer bist Du während der Werktage? Ein Algorithmus jedenfalls entschied, dass Dich dieser Verschwörungsmurks interessiert, der in Deinem Handy-Display aufpoppt wie die niedliche Entsprechung des Ausbruchs von Seuchen und Vulkanen. Wie die Bibel - in gewisser Weise selbst eine davon - gründet sich jede Verschwörungserzählung auf eine Genesis, einen Urspalt der sich auftut. Die Ultraviolettkatastrophe, die der Volksmund `Endless Summer` nennt: menschengemacht? Sicher, aber doch nicht durch ein havariertes Kernkraftwerk. Jahrhundertelanger Raubbau, bis Süßwasser kostbarer als Gold wird und der Börsenkurs von Salinenkonzernen, die das Meer entsalzen, ins Unermessliche steigt. Erst hieß es: Kipppunkt in hundert Jahren, dann in 10 Jahren, dann war der Eisbär ausgestorben. Du hast Dich informiert was Woche für Woche so los ist in dieser Welt, die angeblich Deine ist. Kein Anlass die Wohnung zu verlassen. Egal wo man sich befindet. Die Welt ist komplett zerstrahlt und die Menschen sind es auch. Anscheinend hast Du Dir Ostereier besorgt oder besorgen lassen. Du pellst eins, gemächlich im Luis Cyphre-Stil. Die Eier müssen ewig gekocht haben. Der Dotter ist grün wie das Gesicht eines Seekranken. `Das` klärt Dich jemand auf, der plötzlich bei Dir vor der Tür steht und behauptet, ein Freund von Dir zu sein, `liegt an der Strahlung. Deswegen sind dieses Jahr die Eier selbst innen bunt. Hast Du n Kaffee?` Du wärst jetzt lieber mit Deiner Freundin zusammen. Dabei hast Du gar keine." 

 

03.04.2021

Gelegentlich wird gefragt wen die Pandemie am schlimmsten trifft: die Kinder, denen sie die Jugend raubt, die Alten, denen sie den Lebensabend verfinstern...dabei ist die Antwort einfach. In der Pandemie sind die am schlimmsten dran, die auch vorher am schlimmsten dran waren. Selbst ein Bollwerk der freien Marktwirtschaft und des sozial unverträglichen Neoliberalismus wie der Internationale Währungsform fordert Umverteilung und höhere Steuern für Reiche, um `den Teufelskreis der Ungleichheit` zu durchbrechen. Anderenfalls drohen `soziale Unruhen`. (David Amaglobeli, Vitor Gaspar, Paolo Mauro, `Giving Everyone a Fair Shot, IMFBlog, 1. April 2021). Kein Aprilscherz - offenbar sieht der IMF Bismarcks Werk der Einhegung von potenziell revolutionären Klassen als dermaßen gefährdet an, dass er den Staaten den kubanischen Weg der massiven Investitionen ins Bildungs- und Gesundheitswesen empfiehlt. 

Wohin Privatisierung und Rationalisierung im Gesundheitswesen geführt haben zeigt folgende Äußerung des Intensivpflegers Ralf Berning: `Er sei lange Soldat gewesen und ginge lieber wieder nach Afghanistan, als noch einmal so etwas Schlimmes zu erleben wie während der zweiten Corona-Welle im Herbst.` (Joko&Klaas, Sondersendung über den Pflegenotstand, Pro7). Überlastet, unterbezahlt, abgeklatscht und vergessen - das sind die Bedingungen unter denen die Helden des Alltags arbeiten. Konsequenz ist, dass jeder Dritte in der Pflege erwägt seinen Job zu wechseln (die tödliche Arbeit und Gefahr im Krieg ist - pervers genug -  alle Malle besser bezahlt, als die Lebensgefahr in der Klinik).  Es wird auch nicht mehr lange dauern, dann werden die Pflegekräfte folgende Aussage des Pflegers Jorde überdenken: `Wir können nicht sagen: Morgen machen wir mal die Klinik zu oder morgen ist die Intensivstation mal zu, und wir gehen auf die Straße.` Warum eigentlich nicht? Weil: `Dann sterben Menschen`. Genau dieser Umstand ist das Druckmittel, das einem Streik des Pflegepersonals Brisanz und Wirkung verleihen würde.  

 

02.04.2021

"Schon gehört?", zwinkerte ein iberischer Freund, "das Baskenland heißt jetzt Maskenland."  Ihn erinnere der allgegenwärtige Anblick der durch Masken schimpansifizierten Unterkiefer an den `Planeten der (Maul)Affen". Den Verfasser erinnern all die Maskierten im Profil an Homer Simpson, was aufs Gleiche hinausläuft. Wie auch immer man zum Fossil der kontroversen Corona-Debatten steht - der Maskenpflicht -, kaum zu bestreiten ist, dass die Maskenpflicht im offenen Gelände (in Parks, Grünanlagen und Fußgängerzonen) ein auf links gezogenes Verständnis des Infektionsschutzes offenbart. Erforderlich sind Schutzmaßnahmen dort, wo sich in geschlossenen Räumen Aerosolwolken bilden und Menschen über einen längeren Zeitraum eng zusammensitzen - also in Schulen, Kitas, Büros und im ÖPNV. Grotesker Unfug sind Verpflichtungen zum Tragen von Masken beim Joggen und Radfahren oder Anordnungen wie am Dortmunder Phoenixsee, an dem Spazierengehen nur im Uhrzeigersinn erlaubt ist, damit weniger Menschen sich begegnen. Albernheit zur Perfektion erheben die Städte Witten und Bochum, wenn für den Rundweg um den Kemnader See im Bochumer Teil eine Maskenpflicht gilt und im Wittener Teil nicht (was wohl für die Longboarder auf dem offenen Gewässer gilt?). Die Maskenpflicht auf offenes Gelände auszudehnen lässt sich nur psychologisch erklären - sie sorgt dafür, dass der Alarmzustand allgegenwärtig ist und jederzeit den anderen Menschen, denen man begegnet, als Krankheitsherd markiert. Umgekehrt führt die Transformation des öffentlichen Raums zur Gefahrenzone dazu, dass die Menschen in ihren privaten Räumen umso lustvoller das Joch der Hygienemaßnahmen ablegen werden - auch bei der Präsenzarbeit werden sie sich ganz wie zu Hause fühlen.

Einen Ausschnitt aus `Planet der Schlaffen` lieferte gestern das Ensemble der Gäste bei Markus Lanz (Wolfgang Kubicki, Michael Kretschmer, Virolockdownin Melanie Brinkmann und Journalistin Anja Maier). Die Virologin Melanie Brinkmann startete einen erneuten, verzweifelten Versuch mit Sachargumenten Publikum und anwesende Regierungsverantwortliche von der offensichtlichen Erforderlichkeit eines sofortigen bundesweiten lockdowns zu überzeugen.  Ihr Fazit: `Ich kann es nicht verstehen. Wir machen den selben Fehler immer wieder. Im Januar ist klar, da kommt die Variante. Es wurde nicht reagiert. Man hätte die Ausbreitung verhindern können. Haben wir nicht, statt dessen öffnen wir. (...) Wir haben kein einheitliches Ziel formuliert. Wir kassieren viele tote Menschen, zusätzlich sind wir im Dauerlockdown, vernichten Existenzen. Wir haben von allen Wegen den Schlechtesten gewählt. Wir fahren eine Durchseuchungsstrategie obwohl wir Impfstoffe haben.` Im Laufe der Sendung stellt sie zudem fest, dass der Moderator überflüssig ist und unterbindet Zwischenreden von Herrn Kubicki erfolgreicher und rigoroser als ein Bundestagspräsident. Mit alledem liegt Melanie Brinkmann nicht verkehrt, Michael Kretschmer verdeutlicht jedoch warum kein gutes Sachargument jemals zum Tragen kommen wird: man solle nicht permanent zurückblicken auf Fehler der Vergangenheit sondern sich darauf konzentrieren, in der Zukunft das Richtige zu tun. Ein Fall für Modellierer: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Entscheider die schon zuvor sehenden Auges die immer gleichen Fehler gemacht haben (getreu dem Motto: man muss nur oft genug immer das Gleiche probieren damit irgendwann etwas anderes dabei herauskommt) aus ihren Fehler lernen und sie korrigieren? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Versprechen, die mit hoher Zuverlässigkeit gebrochen wurden nun eingehalten werden? Berechtigter Kritik bis hin zur berechtigten Fassungslosigkeit wird begegnet mit Strapaziergängen: unvermeidlich wird das Klischee von der `Kirche im Dorf` hervorgekramt, das schon deswegen unpassend ist weil das Infektionsgeschehen sich vorwiegend in den Ballungszentren abspielt; die Kirche im Dorf zu lassen fordert als Bild geradezu die Verdrängung von Missbrauch und die Ignoranz des Ausmaßes der Gefahr zugunsten der Vorstellung man müsse sich nur besinnen auf die reaktionäre Idylle einer gottes-. und autoritätshörigen Dorfgemeinschaft - dann sei alles gut. Kritik (auch berechtigte) wird generell als verfehlt erachtet, sie sei rückwärtsgewandt und man müsse in die Zukunft sehen, in der dann ausgerechnet diejenigen die Karren aus dem Dreck ziehen werden, die ihn wiederholt sehenden Auges hineingefahren haben. Das ist so, als mache man nicht nur den Bock zum Gärtner und erwarte blühende Landschaften, sondern erwarte von Borkenkäfern eine erfolgreiche Wiederaufforstung des Deutschen Waldes. Frau Brinkmann versteht längst, dass ihre Philippika lediglich zum Unterhaltungswert beiträgt und dass die Themen Arbeitswelt und Schulen als Infektionsherde nicht zum Tragen kommen. Wieder einmal wird vorausgesetzt, es liege am privaten Verhalten der Menschen, wenn Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Frau Brinkmann lässt betreten schweigend die Politclownerie im zweiten Teil der Sendung über sich ergeben, die das Thema Corona zum Holzschnittrahmen des Wahlkampfkasperletheaters reduziert. Für den Moderator ist eine Fehde oder politische Intrige auf lange Sicht - schließlich hat er Woche für Woche an drei Tagen nächtlich für Quote zu sorgen - interessanter als eine Virologin, die Recht hat. Sie dient als Farbtupfer, als bunter Schmetterling im Einheitsbrei der Stammgäste, aber ihre Argumente? Also bitte, nur weil die zutreffen ist das noch nicht spannend. Ohnehin ist für den Moderator die Lösung ganz einfach: bundeseinheitliches autoritäres Vorgehen inklusive Hausdurchseuchungen. Die Demokratie ist einfach zu laschet.

Immerhin scheint - glaubt man Umfragen - in der Bevölkerung Vernunft zu walten. Die Zahl der Befürworter härterer Maßnahmen wächst, grade weil Menschen sich eine Öffnung des sozialen und kulturellen Lebens herbeisehnen (bis auf diejenigen, die sich gemäß den Tiefeninterviews des Psychologen Stephan Grünwald gemütlich im lockdown eingerichtet haben und in der Trutzburg ihrer privaten grünen Entschleunigung und Geräuscharmut genießen. Dieser tiefenentspannten, freundlichen Spezies begegnet man bei Spaziergängen durch teure Wohnungen am Waldrand, wo fröhlich Stiefmütterchen, Gemüsebeete, Pferde und Nachmittagsplausch gepflegt werden).    

"Hinterlassen wurde mir ein neues Leben. Vorläufig. Man weiß noch nicht um neue Katastrophen. Inflation. Währungsreform. Plünderung. Oder ein Einschlag, der so heftig ist, dass es zu diesen Folgen gar nicht mehr kommt. Erinnert mich an den Mann, der auf dem Weg zur Familiengruft verstarb. Der nicht einmal sein eigenes Grab erreicht, geschweige denn es sich selbst schaufeln kann oder auch nur mit einem Bein darin steht. Was nun mit den Folgen meiner zweiten Geburt hinein in dieses scheue Leben, das sich im Schreckentempo von seinem alles überwältigenden Juckreiz erholt? Gar nichts. Die Landschaft und die Katzen genügen mir. Der am schönsten gelegene Supermarkt der Welt. Der muffige und modrige Geruch in den Grotten. Der Anblick der Brenta im Meer, die sich als Zackendiagramm zukünftiger Krisen im Dunst abzeichnet. Mir genügt vollkommen alles was ausbleibt. Ich genieße das Privileg der Ambitionslosigkeit und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass dies schon die Ewigkeit sei. Nichts würde ich vermissen. Würden einen nicht das Gefrierschrankklima und die vom Himmel fallenden schockgefrorenen Vögel beunruhigen. Worte gefrieren einem vor dem Mund zu Masken und niemand glaubt mehr das Gerede von einer einmaligen Anomalie die bald vorbei ist. Langsam befürchten wir, dass das was die Plage beendete bedauerlicher Weise nicht nur die Plage beendet, dass unser Aufatmen ein letzter Atemzug sein könnte, bevor unsere Lungenbläschen platzen wie von gefrorenem Wasser gesprengte Glasflaschen."

 

01.04.2021

Armin Laschet hat einen brillanten Plan für die Pandemiebewältigung (siehe Datum). 

Fagradalsfjall ist der Auftakt. Überall auf der Erde brechen Vulkane mit unaussprechlichen Namen aus. Zungenbrecher feiern ihren Durchbruch, das Unsägliche verwandelt sich in Lava. Magma kaum glauben. Die Seismographen und Vulkanologen verschweigen den größeren Zusammenhang. Die vulkanische Aktivität ist eine Ouvertüre, der brodelnde Auftakt zur Wiederkehr einer untergegangenen Welt, auf der Clubs, Bars und Strände knüppelvoll sind und das isländische Feenministerium regiert.

Die Corona-Situation habe sich vor Ostern verschärft berichtet Jens Riewa. Das sind keine Fakenews, eine Dramatisierung der Lage ist es schon. Tatsächlich stagnieren Inzidenz und R-Wert, das hebt man aus didaktischen Gründen nicht hervor. Ansonsten äußert sich das Fernweh der Nachrichtenredaktionen in neidischen Reportagen über Großbritanniens Impferfolge mit AstraZeneca. Hinter der ungeduldigen Forderung in Deutschland weniger bürokratisch bei der Impfung vorzugehen steckt die mehr oder minder unverhohlene Forderung zugunsten der Schnelligkeit Risiken für Leib und Leben zuzulassen. Kann man ja machen, dann soll man das jedoch offen sagen und debattieren. 

Wolfgang Schäuble hat als Bundestagspräsident wenig zu sagen. Umso ergiebiger bricht der pyroklastische Redestrom aus seinem Drachenrachen, wenn man ihn interviewt. Bei Lanz demonstriert Schäuble wie man den Moderator durch extreme Kontrolle der eigenen Körpersprache und Mimik abtropfen lässt. Die Geduld mit der Herr Schäuble auf Markus Lanz herablächelt ist angenehm herablassend, er antwortet dem Moderator langsam und bedächtig, als habe er es mit einem begriffsstutzigen Kind zu tun, das er davon abhalten will, den Finger in eine Steckdose zu stecken. Armin Laschet und auch die neue Semivorsitzende der Linken Susanne Hennig-Wessling sollten dringend an ihrer Körpersprache arbeiten. Laschets erratische Hand- und Armbewegungen erinnern an die parkinsonschen Zuckungen Hitlers, Hennig-Wessling steckt in Großaufnahme kurz zwei Finger in die Nasenlöcher und greift viel zu häufig zum Wasserglas, die Nervosität ist unverkennbar und verrät Unsicherheit in Bezug auf die Positionen, die sie vertritt. Markus Lanz hat die Witterung aufgenommen und entsetzt sich über die geplante Besteuerung von Millionären, als träfe diese ungeheuerliche Forderung die Mehrheit der Bevölkerung. Dabei hat Hennig-Wessling wie Lanz sagen würde `einen Punkt` wenn sie vorschlägt, man sollte statt um den Wohlstand der Millionäre besorgt zu sein sich lieber darüber empören, dass es die sozial und ökonomisch Schwächsten sind, die vor allem Corona und die Folgen ausbaden. Der Auftritt Hennig-Wessling macht deutlich, warum soziale Gerechtigkeit kein mehrheitsfähiges Thema ist - es liegt nicht am Thema, sondern an den Positionen der Parteien, die dieses Thema für sich beanspruchen. Die Koppelung des Themas soziale Gerechtigkeit an Minderheitenpositionen (Austritt aus der Nato, Vermögensabgabe) verhindert, dass das Thema zur Geltung kommt. Es gerät zum Randthema, weil es im Minenfeld radikaler Positionen verortet wird.